Kurzdefinition
Das Prekariat bezeichnet soziale Gruppen, deren Lebens- und Arbeitsverhältnisse durch Unsicherheit, instabile Beschäftigung und geringe soziale Absicherung geprägt sind.
Ausführliche Erklärung
Der Begriff Prekariat wird in der Sozialwissenschaft verwendet, um soziale Gruppen zu beschreiben, deren Lebenslagen durch ökonomische Unsicherheit und instabile Arbeitsverhältnisse geprägt sind. Typische Merkmale sind befristete Beschäftigung, niedrige Einkommen, unregelmäßige Erwerbsbiografien, unsichere Wohnverhältnisse und eine begrenzte soziale Absicherung.
Der Begriff leitet sich vom lateinischen precarius ab, was so viel wie „unsicher“ oder „widerruflich“ bedeutet. In modernen Gesellschaften wird damit auf die zunehmende Verbreitung unsicherer Arbeits- und Lebensbedingungen verwiesen.
Prekariat und Arbeitsmarkt
Mit der Transformation der Arbeitswelt seit den 1980er Jahren – etwa durch Globalisierung, Digitalisierung und die Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen – haben atypische Beschäftigungsformen an Bedeutung gewonnen. Dazu gehören beispielsweise Leiharbeit, befristete Beschäftigung, Plattformarbeit oder schlecht abgesicherte Dienstleistungsjobs.
In der sozialwissenschaftlichen Diskussion wird das Prekariat daher häufig als Ausdruck eines Prozesses der Prekarisierung verstanden, bei dem stabile Erwerbs- und Lebensverhältnisse zunehmend durch unsichere und instabile Arbeitsformen ersetzt werden.
Prekariat und Klassenstruktur
Einige Autoren verstehen das Prekariat als neue soziale Klasse innerhalb moderner kapitalistischer Gesellschaften. Besonders der Ökonom Guy Standing argumentiert, dass sich mit dem Prekariat eine eigenständige soziale Gruppe herausgebildet habe, deren Mitglieder durch unsichere Beschäftigung, fehlende soziale Rechte und begrenzte Zukunftsperspektiven geprägt sind.
Andere sozialwissenschaftliche Ansätze sehen das Prekariat dagegen weniger als neue Klasse, sondern als Teil der bestehenden Klassenstruktur – etwa als Segment der Arbeiterklasse oder als Ausdruck wachsender sozialer Ungleichheit im Kapitalismus.
Prekariat, soziale Unsicherheit und Kontrolle
In der kritischen Sozial- und Kriminalsoziologie wird darauf hingewiesen, dass prekäre Lebenslagen häufig mit sozialen Risiken verbunden sind – etwa Arbeitslosigkeit, Armut oder sozialer Exklusion. Einige Autoren argumentieren, dass sich parallel zu diesen Entwicklungen auch Formen sozialer Kontrolle und strafstaatlicher Intervention verändern.
So beschreibt Loïc Wacquant etwa einen Zusammenhang zwischen wachsender sozialer Unsicherheit und der Ausweitung strafstaatlicher Kontrolle über marginalisierte Bevölkerungsgruppen.
Theoriebezug
Der Begriff des Prekariats wird vor allem in der Arbeits- und Ungleichheitssoziologie sowie in der politischen Ökonomie verwendet. Wichtige Beiträge stammen u. a. von Guy Standing sowie aus der kritischen Sozial- und Kriminalsoziologie, etwa bei Loïc Wacquant und Alessandro De Giorgi, die Prekarität mit Veränderungen von Sozialstaat, Arbeitsmarkt und Strafpolitik in Verbindung bringen.