Kurzdefinition
Primäre Devianz bezeichnet gelegentliche oder geringfügige Normverletzungen, die von der betroffenen Person nicht als Teil ihrer Identität verstanden werden und keine dauerhafte soziale Etikettierung nach sich ziehen.
Ausführliche Erklärung
Der Begriff der primären Devianz wurde von dem amerikanischen Soziologen Edwin M. Lemert im Rahmen des Labeling Approach geprägt. Er bezeichnet Handlungen, die gegen gesellschaftliche Normen verstoßen, ohne dass daraus eine stabile abweichende Identität entsteht.
Primäre Devianz ist weit verbreitet und gehört zum normalen sozialen Leben. Viele Menschen begehen im Laufe ihres Lebens kleinere Regelverstöße – etwa Schwarzfahren, Ladendiebstähle im Jugendalter, Sachbeschädigungen, Drogenkonsum oder andere Formen geringfügiger Devianz –, ohne sich selbst als „Kriminelle“ zu verstehen oder von ihrer Umwelt dauerhaft als solche wahrgenommen zu werden.
Entscheidend ist, dass die Handlung zunächst keine grundlegenden Folgen für die soziale Identität der betroffenen Person hat. Erst wenn soziale Kontrollinstanzen wie Polizei, Schule, Familie, Medien oder Justiz auf die Normverletzung reagieren und die Person wiederholt als „abweichend“ definieren, kann ein Prozess der Etikettierung in Gang gesetzt werden.
Aus Sicht des Labeling Approach liegt die eigentliche Bedeutung primärer Devianz daher nicht in der Handlung selbst, sondern in den möglichen gesellschaftlichen Reaktionen auf diese Handlung. Wird die Normverletzung öffentlich thematisiert und die Person stigmatisiert, kann daraus sekundäre Devianz entstehen.
Theoriebezug
Primäre Devianz ist ein zentrales Konzept des Labeling Approach und der Etikettierungstheorie. Der Begriff wurde von Edwin M. Lemert eingeführt und bildet gemeinsam mit der sekundären Devianz die Grundlage für die Analyse von Stigmatisierungs– und Kriminalisierungsprozessen.
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Labelling – primäre und sekundäre Devianz (Lemert)
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Labelling-Ansatz (Überblick)
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