Film- / Serienprofil
- Originaltitel:
- Der Totmacher
- Deutscher Titel:
- Der Totmacher
- Erscheinungsjahr:
- 1995
- Land:
- Deutschland
- Regie / Creator / Showrunner:
- Romuald Karmakar
- Medium:
- Spielfilm
- Laufzeit / Umfang:
- 110 Minuten
Externe Informationen
Kriminologische Relevanz
Der Totmacher (1995) rekonstruiert die psychiatrische Untersuchung des deutschen Serienmörders Fritz Haarmann im Jahr 1924. Im Mittelpunkt steht nicht die Darstellung seiner Verbrechen, sondern die Frage, wie sich seine Persönlichkeit, seine psychische Verfassung und seine strafrechtliche Verantwortlichkeit beurteilen lassen. Der Film basiert auf den historischen Gesprächsprotokollen des Psychiaters Ernst Schultze und eröffnet damit einen ungewöhnlichen Zugang zur Geschichte der forensischen Psychiatrie.
Forensische Psychiatrie und Schuldfähigkeit
Der Psychiater Ernst Schultze (Jürgen Hentsch) soll beurteilen, ob Fritz Haarmann (Götz George) für seine Taten strafrechtlich verantwortlich gemacht werden kann. Seine Fragen betreffen Haarmanns Biografie, seine Beziehungen zu anderen Menschen, seine sexuellen Vorstellungen und die Umstände der Morde.
Damit veranschaulicht der Film eine grundlegende Aufgabe der forensischen Psychiatrie: die Untersuchung psychischer Auffälligkeiten im Hinblick auf rechtlich relevante Fragestellungen. Im Zentrum steht die Schuldfähigkeit, also die Frage, ob eine Person das Unrecht ihres Handelns erkennen und entsprechend dieser Einsicht handeln konnte.
Besonders deutlich wird dabei die Schwierigkeit, zwischen psychiatrischer Beschreibung und rechtlicher Bewertung zu unterscheiden. Auffälliges, verstörendes oder gesellschaftlich unverständliches Verhalten bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Person strafrechtlich schuldunfähig ist.
Die Konstruktion des Täterbildes
Kriminologisch interessant ist außerdem die Art und Weise, wie im Gespräch zwischen Gutachter und Beschuldigtem Wissen über den Täter entsteht. Schultzes Fragen strukturieren Haarmanns Erzählungen und lenken die Aufmerksamkeit auf bestimmte biografische Ereignisse, Verhaltensweisen und mögliche Tatmotive.
Der Film macht damit sichtbar, dass eine psychiatrische Begutachtung keine unmittelbare Offenlegung einer objektiv zugänglichen Täterpersönlichkeit ist. Vielmehr entsteht das Bild des Täters innerhalb einer institutionell geprägten Untersuchungssituation, in der Aussagen interpretiert, eingeordnet und auf ihre rechtliche Bedeutung hin geprüft werden.
Diese Perspektive eröffnet auch eine Verbindung zur soziologischen Beschäftigung mit der Herstellung und Zuschreibung von Devianz. Zugleich muss berücksichtigt werden, dass der Film trotz seiner historischen Textgrundlage eine künstlerisch gestaltete Rekonstruktion darstellt.
Dokumentarische Rekonstruktion statt Sensationsdarstellung
Regisseur Romuald Karmakar verzichtet weitgehend auf die für Serienmörderfilme typischen Inszenierungsmittel. Es gibt keine nachgestellten Mordszenen, keine spektakulären Ermittlungssequenzen und keine dramatisierende Filmmusik. Die Handlung konzentriert sich auf einen Raum, die Gespräche und die Reaktionen der Beteiligten.
Gerade diese Reduktion macht den Film für die sozialwissenschaftliche Lehre interessant. Die Zuschauer werden nicht zu Zeugen der Verbrechen, sondern beobachten, wie eine staatlich beauftragte Untersuchung versucht, das Verhalten eines Täters zu erklären und rechtlich einzuordnen.
Der Totmacher eignet sich deshalb besonders zur Diskussion über forensische Psychiatrie, Schuldfähigkeit, die Grenzen psychiatrischer Erkenntnis und die gesellschaftliche Konstruktion von Täterbildern.
Bildnachweise: Thumbnail: Talonola, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons
Im Wissensnetz
- illustriert: Forensische Psychiatrie Glossarbegriff
- illustriert: Schuldfähigkeit Glossarbegriff
- illustriert: Serienmord Glossarbegriff
- stellt dar: Fritz Haarmann Person




