Kurzdefinition
Drift bezeichnet den prozesshaften Wechsel zwischen normkonformem und abweichendem Verhalten, ohne dass Individuen dauerhaft deviant oder normtreu sind.
Ausführliche Erklärung
Das Drift-Konzept wurde von David Matza entwickelt und richtet sich gegen deterministische Kriminalitätstheorien. Es beschreibt Devianz als zeitlich begrenzte, situative Praxis, bei der Individuen zwischen gesellschaftlicher Anpassung und Normabweichung „driften“.
Nach Matza sind insbesondere Jugendliche nicht dauerhaft kriminell, sondern bewegen sich in Grauzonen sozialer Kontrolle. Neutralisierungstechniken ermöglichen diese Driftbewegung, indem sie moralische Bindungen temporär lockern, ohne sie vollständig aufzugeben. Devianz erscheint so als Teil normaler Sozialisation und nicht als Ausdruck einer stabilen devianten Identität.
Drift unterstreicht die Bedeutung von Kontexten, Peergroups und Handlungsspielräumen und lenkt zugleich den Blick auf die Frage, welche Folgen gesellschaftliche Kontrollreaktionen auf zunächst vorübergehende Formen von Devianz haben können.
Theoriebezug
Das Konzept des Drift ist zentral mit David Matzas Theorie von Delinquency and Drift verbunden. Matza wendet sich gegen Kriminalitätstheorien, die delinquentes Verhalten weitgehend durch soziale Strukturen, subkulturelle Normen oder andere determinierende Faktoren erklären. Jugendliche erscheinen bei ihm nicht als dauerhaft an eine delinquente Lebensweise gebunden, sondern als grundsätzlich handlungsfähige Akteure, die sich zeitweise zwischen Konformität und Devianz bewegen.
Eine wichtige Voraussetzung dieser Drift bilden die gemeinsam mit Gresham M. Sykes entwickelten Techniken der Neutralisierung. Matza und Sykes gehen davon aus, dass delinquente Jugendliche die grundlegenden Normen der Mehrheitsgesellschaft nicht notwendig ablehnen. Durch Rechtfertigungen wie die Ablehnung eigener Verantwortung, die Verneinung eines entstandenen Schadens oder die Berufung auf übergeordnete Loyalitäten können moralische Bindungen jedoch vorübergehend neutralisiert werden. Dadurch entsteht ein Handlungsspielraum, innerhalb dessen Devianz möglich wird, ohne dass dauerhaft ein eigenständiges deviantes Normensystem übernommen werden muss.
Damit weist das Drift-Konzept zugleich Bezüge zu interaktionistischen Devianztheorien auf. Devianz wird nicht als stabile Eigenschaft einer Person verstanden, sondern als situativ und sozial eingebetteter Prozess. Eine Nähe besteht deshalb auch zum Labeling Approach, der die gesellschaftlichen Reaktionen auf abweichendes Verhalten und deren mögliche Folgen für Identität und weitere Devianz untersucht. Während Matza vor allem erklärt, wie Akteure zwischen Konformität und Devianz wechseln können, richtet der Labeling Approach den Blick stärker darauf, wie gesellschaftliche Zuschreibungen solche zunächst vorübergehenden Abweichungen verfestigen können.
Auch zur Kritischen Kriminologie bestehen Anschlussmöglichkeiten. Die Vorstellung einer lediglich vorübergehenden Devianz lenkt die Aufmerksamkeit auf mögliche Folgen formeller Kontrollreaktionen: Werden situative Normverletzungen mit dauerhaften Zuschreibungen beantwortet, können Prozesse sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung entstehen, die über die ursprüngliche Devianz hinausreichen.
Verwandte Begriffe
Weiterführende Beiträge
Delinquency and Drift (Matza)
David Matzas Werk Delinquency and Drift (1964) gehört zu den einflussreichsten Beiträgen der Kriminologie zur Erklärung jugendlicher Delinquenz. Matza wendet sich darin sowohl gegen die positive Kriminologie – etwa Lombrosos anthropologische Kriminalitätstheorie – als auch gegen die in den 1950er…
Neutralisierungsthese (Sykes und Matza)
Die Neutralisierungsthese bzw. die Theorie der Techniken der Neutralisierung geht auf Gresham M. Sykes und David Matza zurück. Sie beschreibt, wie Täter ihr eigenes abweichendes Verhalten durch moralische Rechtfertigungen relativieren oder entschuldigen. Solche Neutralisierungstechniken ermöglichen es, gegen gesellschaftliche Normen zu…
Der Begriff im Film
Kids (1995)
SpielfilmKids zeigt Jugendliche, die zwischen alltäglichen sozialen Erwartungen und delinquenten Aktivitäten wechseln, ohne dauerhaft einer eindeutig abweichenden Identität verpflichtet zu sein. Der Film veranschaulicht damit Matzas Vorstellung des „Driftens“ zwischen Konformität und Devianz.