Kurzdefinition
Differenzielle Assoziation bezeichnet eine kriminalsoziologische Lerntheorie, nach der kriminelles Verhalten durch soziale Interaktionen erlernt wird.
Ausführliche Erklärung
Die Theorie der differentiellen Assoziation geht davon aus, dass kriminelles Verhalten kein Ergebnis biologischer Veranlagung oder individueller Pathologie ist, sondern im Rahmen sozialer Beziehungen erlernt wird. Menschen eignen sich demnach Definitionen, Einstellungen, Motive und Techniken an, die entweder gesetzeskonformes oder gesetzeswidriges Verhalten begünstigen.
Zentral ist dabei das Verhältnis von kriminalitätsfördernden zu kriminalitätshemmendenDefinitionen, denen eine Person im sozialen Umfeld ausgesetzt ist. Überwiegen erstere, steigt die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns. Der Lernprozess vollzieht sich vor allem in primären Gruppen wie Familie, Freundeskreis oder Peer Groups und folgt denselben Mechanismen wie anderes soziales Lernen.
Die Theorie umfasst mehrere Kernannahmen, darunter:
-
Kriminalität wird erlernt, nicht vererbt.
-
Lernen erfolgt in Interaktion mit anderen Personen.
-
Erlernt werden sowohl Techniken als auch Rechtfertigungen.
-
Kriminalität entsteht durch ein Übergewicht günstiger Definitionen gegenüber ungünstigen.
Die differentielle Assoziation erklärt damit sowohl Alltagskriminalität als auch organisierte und ökonomische Delinquenz. Sie richtet sich ausdrücklich gegen individualisierende und biologisierende Erklärungen der Kriminalität und verschiebt den Fokus auf soziale Kontexte, Gruppenstrukturen und Kommunikationsprozesse.
Theoriebezug
Die Theorie wurde maßgeblich von Edwin Hardin Sutherland entwickelt und erstmals systematisch in seinem Werk Criminology formuliert. Sie gilt als Grundpfeiler der Lerntheorien der Kriminalität und beeinflusste zahlreiche Weiterentwicklungen, etwa durch Donald R. Cressey. Gleichzeitig bildet sie eine wichtige Brücke zu späteren interaktionistischen und konstruktivistischen Ansätzen, insbesondere zum Labeling Approach.
Verwandte Begriffe
Weiterführende Beiträge
Lernen/ Subkultur
Lern- und subkulturtheoretische Kriminalitätstheorien Kernidee der Lerntheorien: Kriminalität wird – ebenso wie normkonformes Verhalten – durch soziale Interaktion erlernt. Menschen übernehmen dabei nicht nur Techniken des Normbruchs, sondern auch Einstellungen, Motive und Rechtfertigungen. Lern- und subkulturtheoretische Kriminalitätstheorien erklären Kriminalität als…
Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland)
Mit der Theorie der differentiellen Assoziation entwickelte Edwin H. Sutherland eine der einflussreichsten kriminalsoziologischen Lerntheorien des 20. Jahrhunderts. Ihre zentrale Annahme lautet: Kriminalität ist kein angeborenes Merkmal, sondern ein sozial erlerntes Verhalten. Die sogenannte Differential Association Theory gilt heute als Grundlage…
Der Begriff im Film
GoodFellas (1990)
SpielfilmGoodFellas zeigt Henry Hills schrittweise Integration in ein kriminelles soziales Umfeld, in dem er Techniken, Wertvorstellungen und Rechtfertigungen kriminellen Handelns erlernt. Der Film veranschaulicht damit besonders deutlich Sutherlands Annahme, dass kriminelles Verhalten in sozialen Beziehungen erlernt wird.