• Zur Hauptnavigation springen
  • Zum Inhalt springen
  • Zur Seitenspalte springen
  • Zur Fußzeile springen

SozTheo

Sozialwissenschaftliche Theorien

  • Soziologie
    • Soziologische Theorien
    • Allgemeine Soziologie
    • Stadtsoziologie
    • Soziologie der Gewalt
    • Polizeigeschichte
    • Seminar: Polizei & Pop
    • Schlüsselwerke der Soziologie
  • Kriminologie
    • Schlüsselwerke der Kriminologie
  • Kriminalitätstheorien
    • Theorienfinder
    • Personenregister
    • Anomie-/ Druck-Theorien
    • Biologische Kriminalitätstheorien
    • Herrschafts- und gesellschaftskritische Kriminalitätstheorien
    • Karriere/ Entwicklung/ Lebenslauf
    • Kontrolle
    • Kultur/ Emotion/ Situation
    • Lernen/ Subkultur
    • Rational Choice
    • Sanktionierung
    • Soziale Desorganisation
  • Dossiers
    • Auditive Kriminologie
    • Cannabis: Artikelserie
    • Mode, Körper und Devianz
  • Forschung
    • Qualitätskriterien für wissenschaftliches Arbeiten
    • Inhaltsanalyse
    • Standardisierte Befragungen
    • Wie führe ich Experteninterviews?
  • Tipps fürs Studium
    • Wie erstelle ich eine Hausarbeit/ Bachelorarbeit/ Masterarbeit?
    • Checkliste für Erstellung/ Abgabe wissenschaftlicher Arbeiten
    • Wie schreibe ich eine (sehr) gute Arbeit?
    • Systematische Literaturrecherche
    • Bachelorarbeit Thema finden
    • Wie erstelle ich ein Exposé?
    • Wie zitiere ich richtig im APA-Stil?
  • Glossar
Sie befinden sich hier: Home / Kriminologie / Instanzenforschung/ Kritische Kriminologie

Instanzenforschung/ Kritische Kriminologie

22. Dezember 2017 | zuletzt aktualisiert am 9. März 2026 von Christian Wickert

Kritische KriminologieTheoretischer Ansatz der Kriminologie, der Kriminalität als Ausdruck sozialer Ungleichheit und Machtverhältnisse interpretiert.

Die Kritische Kriminologie bezeichnet eine Richtung der Kriminologie, die Kriminalität im Zusammenhang mit Macht, sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Kontrolle untersucht. Im Unterschied zu traditionellen, ätiologischen Ansätzen richtet sie den Blick weniger auf individuelle Täterursachen als auf Prozesse der KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden., institutionelle Selektionsmechanismen und die ungleiche Verteilung von Aufmerksamkeit, Kontrolle und Strafe.

Die Kritische KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. (auch: Radikale Kriminologie oder engl. New Criminology) ist eine in den 1960er Jahren entstandene Richtung der Kriminologie, die KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. im Zusammenhang mit Macht, sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Kontrolle untersucht und sich damit bewusst von einer traditionellen, ätiologischen Kriminologie abgrenzt.

Inhaltsverzeichnis

Toggle
  • Die Ursprünge der Kritischen Kriminologie
    • Symbolischer Interaktionismus und Kritik am ätiologischen Paradigma
    • Ätiologisches Paradigma vs. interaktionistische Devianzperspektive
  • Instanzenforschung und Kritische Kriminologie
    • Organisationale Logiken der Strafverfolgung
    • Instanzenforschung und Sanktionenforschung
  • Traditionelle vs. Kritische Kriminologie
  • Kriminalität als gesellschaftliches Produkt: Anschluss an Durkheim
  • Warum wir eine Kritische Kriminologie brauchen
    • Selektive Wahrnehmung sozialer Schäden
    • Erforschung und Kontrolle der Kriminalität der Mächtigen
  • Zentrale Vertreterinnen und Vertreter der Kritischen Kriminologie
  • Kritische Kriminologie heute
  • Kritik und heutige Einordnung der Kritischen Kriminologie
  • Weiterführende Informationen

Die Ursprünge der Kritischen Kriminologie

Die im ausgehenden 18. Jahrhundert entstandene Kriminologie war zunächst von der klassischen Schule geprägt, die Verbrechen vor allem als rationales Handeln verstand und auf Strafrechtspolitik, AbschreckungAbschreckung ist ein kriminalpolitisches Konzept, das darauf abzielt, potenzielle Straftäter durch die Androhung von Strafe davon abzuhalten, kriminelle Handlungen zu begehen. und Verhältnismäßigkeit fokussierte. Im 19. Jahrhundert verschob sich die Perspektive mit der positivistischen Kriminologie zunehmend auf die Suche nach individuellen Ursachen von Kriminalität – etwa biologische oder psychologische Eigenschaften von Tätern.

Besonders deutlich wird diese positivistische Perspektive bei der anthropogenetischen Kriminalitätstheorie von Cesare Lombroso, nach der ein Verbrecher biologisch determiniert ist. Aber auch andere – zeitgenössische – Theorien gehen von grundsätzlichen Unterschieden zwischen Menschen, die VerbrechenEin Verbrechen ist eine besonders schwerwiegende Form rechtswidrigen Handelns, die im Strafrecht mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr bedroht ist – zugleich ist es ein sozial und historisch wandelbares Konstrukt. begehen, und Menschen, die keine Verbrechen begehen, aus.

Ein wichtiger theoretischer Übergang zur Kritischen Kriminologie findet sich beim US-amerikanischen Soziologen David Matza, der sich in seinem Werk „Delinquency and Drift“ (1964) gegen die Auffassung wendet, kriminelle Jugendliche würden zwangsläufig in einer dauerhaften Abweichung von der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. verharren. Stattdessen beschreibt er sie als Akteure in einem Zustand des „Drifts“ zwischen konventionellen Werten und kriminellem Verhalten. Gemeinsam mit seinem Kollegen Gresham Sykes argumentiert Matza, dass abweichende Jugendliche bestimmte Techniken der Neutralisierung (1958) nutzen, um ihre abweichenden Handlungen zu rationalisieren und mit ihren eigenen moralischen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Diese Neutralisierungstechniken ermöglichen es den Jugendlichen, trotz abweichenden Verhaltens ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten und eine gewisse Kontinuität zwischen konventionellen und abweichenden NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. herzustellen.

Der Chicagoer Soziologe Howard S. Becker legte 1963 mit seiner Studie zu „Außenseitern“ (Outsiders) eine Grundlegung für eine Theorie vor, die heute als Etikettierungs- oder Labelling-Ansatz bekannt ist.

Buchcover: The New Criminology (1973)1973 veröffentlichten die drei britischen Soziologen und Kriminologen Jock Young, Ian Taylor und Paul Walton ihr Buch „The New Criminology„, in dem sie eine radikale Neubewertung der traditionellen kriminologischen Ansätze fordern. Die Autoren betonen die Bedeutung sozialer und ökonomischer Faktoren bei der Entstehung von Kriminalität, kritisieren die traditionelle Kriminologie für ihre Vernachlässigung dieser Faktoren und fordern eine kritische Überprüfung von Kriminalpolitik und Strafjustiz im Kontext sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Machtverhältnisse (siehe hierzu auch: Walton, Taylor & Young, 1975).

In Deutschland wurde die Kritische Kriminologie zunächst durch eine GruppeEine Gruppe ist eine soziale Einheit von mindestens zwei bzw. drei Personen, die durch gemeinsame Interaktionen, Ziele oder Zugehörigkeitsgefühle verbunden sind. junger Wissenschaftler, den sog. Arbeitskreis junger Kriminologen, popularisiert. In einem Grundsatzpapier schrieben die Kritischen Kriminologen:

Die herkömmliche Kriminologie steht unter Ideologieverdacht, insoweit sie täterorientiert ist, mit dem vom StrafrechtDas Strafrecht umfasst die Gesamtheit der Gesetze, die bestimmen, welche Handlungen strafbar sind und welche Sanktionen dafür vorgesehen sind. vorgegebenen Kriminalitätsbegriff arbeitet und Kriminalität als abnormal und pathologisch begreift. Die Täterorientierung stellt sich dar als Überbetonung individualpsychologischer und psychiatrischer Erklärungen von Kriminalität. Sie führt damit zur Ausblendung der sozialen Reaktionen aus dem Erklärungszusammenhang der Kriminalität. Damit verstellt die täterorientierte Kriminologie den Blick auf die selektiven Mechanismen im gesamten Prozeß der faktischen Kriminalisierung.
(Arbeitskreis Junger Kriminologen, 1974, S. 7)

Der Arbeitskreis Junger Kriminologen entstand Anfang der 1970er Jahre als kritische Gegenbewegung zu einer stark juristisch und psychiatrisch geprägten deutschen Kriminologie. Die beteiligten Nachwuchswissenschaftler forderten eine stärkere sozialwissenschaftliche Orientierung des Faches und knüpften dabei an internationale Entwicklungen wie den Labeling Approach und die britische „New Criminology“ an. Der Arbeitskreis war weniger eine institutionalisierte Schule als vielmehr ein Netzwerk junger Wissenschaftler, das sich in Workshops und Tagungen austauschte. Viele der dort diskutierten Ideen fanden später Eingang in die Arbeiten einzelner Kriminologen und trugen zur Etablierung einer kritisch-sozialwissenschaftlichen Kriminologie in Deutschland bei.

Später fand die Kritische Kriminologie auch eine institutionelle Verankerung in Deutschland durch den ersten sozialwissenschaftlich ausgerichteten Lehrstuhl für Kriminologie an der Universität Hamburg, den Fritz Sack innehatte.

Symbolischer InteraktionismusTheoretischer Ansatz in der Soziologie, der soziale Wirklichkeit als Ergebnis symbolischer Bedeutungen versteht, die in zwischenmenschlicher Interaktion ausgehandelt werden. und Kritik am ätiologischen Paradigma

Ein wichtiger theoretischer Hintergrund der Kritischen Kriminologie ist der Symbolische Interaktionismus. Diese soziologische Perspektive geht davon aus, dass soziale Wirklichkeit nicht einfach objektiv gegeben ist, sondern in sozialen Interaktionen entsteht.

Aus dieser Sicht besitzen Handlungen keine feste Bedeutung. Erst durch die Interpretation und Bewertung durch andere Menschen erhalten sie eine bestimmte soziale Bedeutung – etwa die ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten. „abweichend“ oder „kriminell“.

Diese Perspektive steht im Gegensatz zum traditionellen ätiologischen Paradigma der Kriminologie. Während ätiologische Ansätze nach den Ursachen kriminellen Verhaltens fragen, richtet der interaktionistische Ansatz den Blick auf die sozialen Prozesse der Kriminalisierung.

Ätiologisches Paradigma vs. interaktionistische Devianzperspektive

Der Unterschied zwischen traditioneller Kriminologie und interaktionistischen Ansätzen lässt sich besonders gut anhand ihrer unterschiedlichen Fragestellungen verdeutlichen:

Ätiologisches ParadigmaInteraktionistische Perspektive
Fokus auf Ursachen der TatFokus auf Zuschreibungsprozesse
Täterzentrierte ErklärungAnalyse sozialer Reaktionen
Ziel: Ursachen kriminellen Verhaltens beseitigenFrage: Wie entstehen Abweichlerrollen?
DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. als objektive NormverletzungDevianz als Ergebnis sozialer Zuschreibung
Kriminalität als Eigenschaft des TätersKriminalität als Ergebnis sozialer Reaktionen

Beispiel: Devianz als Ergebnis sozialer Zuschreibung

Ein zerschlissen gekleideter, heruntergekommen wirkender älterer Mann verlässt nach einer mäßigen Zeche das Gasthaus und greift sich beim Herausgehen einen fremden Mantel von der Garderobe.

Was wir sehen, ist doch wohl ein Diebstahl – oder?

Keineswegs. Vielmehr verbinden wir die beobachtete Handlung mit unserer Vorstellung davon, welches Verhalten von einer solchen Person zu erwarten ist. Durch diese bewertende Verknüpfung gelangen wir zu der Annahme, der Mann handle mit Diebstahlsvorsatz. Nicht das Verhalten selbst, sondern unsere Interpretation macht die Person zum „Dieb“.

Verwandeln wir zur Probe den Mann in einen Professor, dem man ein gewisses Maß an Vergesslichkeit zugesteht. Dasselbe Verhalten wird nun wahrscheinlich nicht mehr als Diebstahl interpretiert, sondern als Missverständnis.

Das Beispiel verdeutlicht den zentralen Gedanken des Labeling Approach: Devianz ist nicht allein eine Eigenschaft einer Handlung, sondern entsteht durch soziale Zuschreibungsprozesse.

(nach Singelnstein & Kunz, 2021, S. 206)

Aus dieser interaktionistischen Perspektive entwickelte sich in den 1960er Jahren der Labeling Approach, der Kriminalität nicht als Eigenschaft einer Handlung, sondern als Ergebnis sozialer Zuschreibungsprozesse versteht.

Instanzenforschung und Kritische Kriminologie

Die InstanzenforschungEin Forschungsansatz in der Kriminologie, der die verschiedenen Instanzen der sozialen Kontrolle untersucht, wie Polizei, Justiz, Bewährungshilfe und Strafvollzug. untersucht die gesellschaftlichen und staatlichen Akteure, die an der Definition, Verfolgung und Sanktionierung von Kriminalität beteiligt sind. Dazu gehören insbesondere Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte, Strafvollzug, Jugendhilfe, Medien und politische Entscheidungsträger. Im Zentrum steht nicht mehr nur die Frage, warum einzelne Menschen Straftaten begehen, sondern auch, wie Kriminalität überhaupt als solche hergestellt, selektiert und bearbeitet wird.

Gerade hierin zeigt sich eine enge Verbindung zur Kritischen Kriminologie. Beide Perspektiven richten den Blick auf Prozesse der Kriminalisierung, auf institutionelle Selektionsmechanismen und auf die ungleiche Verteilung von Aufmerksamkeit, KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. und Strafe. Während traditionelle Ansätze vor allem nach den Ursachen individuellen Fehlverhaltens fragen, untersucht die Instanzenforschung, warum bestimmte Gruppen besonders häufig kontrolliert, angezeigt, verurteilt oder inhaftiert werden, während andere Formen abweichenden oder schädlichen Verhaltens weitgehend unsichtbar bleiben.

Die Instanzenforschung zeigt damit, dass die Anwendung des Strafrechts keineswegs neutral erfolgt, sondern durch Prozesse selektiver sozialer Kontrolle geprägt ist. Kriminalität erscheint hier nicht einfach als objektiv gegebene Realität, sondern als Ergebnis sozialer Zuschreibungen, rechtlicher Definitionen und institutioneller Praktiken. In diesem Sinn ergänzt die Instanzenforschung die Kritische Kriminologie um eine empirisch anschlussfähige Perspektive auf PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten., Justiz und andere Kontrollinstanzen.

Organisationale Logiken der Strafverfolgung

Instanzenforschung zeigt, dass Entscheidungen der Strafverfolgungsbehörden häufig durch organisationale Faktoren geprägt werden. Dazu zählen etwa:

  • Erwartungen der Vorgesetzten („Antizipation“)
  • Arbeitsbelastung und Ressourcenknappheit
  • organisationale Routinen
  • Rollenkonflikte innerhalb von Behörden

Diese Faktoren können dazu beitragen, dass bestimmte Delikte intensiver verfolgt werden als andere oder dass polizeiliche Aufmerksamkeit selektiv auf bestimmte soziale Gruppen gerichtet wird.

First Code und Second Code

Die Instanzenforschung unterscheidet zwischen zwei Ebenen der Strafverfolgung:

  • First Code: die formellen gesetzlichen Regeln des Strafrechts.
  • Second Code: informelle Anwendungsregeln, Routinen und organisationale Praktiken innerhalb der Strafverfolgungsbehörden.

In der Praxis wird die Anwendung des Strafrechts häufig durch solche informellen Regeln geprägt – etwa durch Arbeitsbelastung, organisationale Erwartungen oder institutionelle Routinen. Dadurch entstehen Selektionsprozesse, die dazu führen können, dass bestimmte Delikte oder Personengruppen häufiger verfolgt werden als andere.

Instanzenforschung und Sanktionenforschung

Während die Instanzenforschung die Entscheidungsprozesse innerhalb der Institutionen sozialer Kontrolle untersucht, beschäftigt sich die Sanktionenforschung stärker mit den Formen und Wirkungen staatlicher Strafen. Sie fragt etwa:

  • Warum werden bestimmte Sanktionen gesetzlich vorgesehen?
  • Welche Ziele verfolgen Strafen (z. B. Vergeltung, Abschreckung oder ResozialisierungResozialisierung bezeichnet die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Straftäter:innen. Ziel ist es, nach einer Straftat durch pädagogische, therapeutische und soziale Maßnahmen ein Leben ohne weitere Straftaten zu ermöglichen.)?
  • Wie werden Sanktionen in der Praxis umgesetzt?
  • Welche sozialen Folgen haben strafrechtliche Interventionen?

Beide Forschungsrichtungen überschneiden sich häufig. Während die Instanzenforschung die Selektionsprozesse innerhalb von Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gerichten untersucht, analysiert die Sanktionenforschung die Wirkungen strafrechtlicher Reaktionen auf Individuen und Gesellschaft. Gemeinsam tragen sie dazu bei, die Funktionsweise moderner Systeme sozialer Kontrolle empirisch zu verstehen.

Traditionelle vs. Kritische Kriminologie

Die Unterschiede zwischen traditioneller Kriminologie und kritischer Kriminologie lassen sich besonders gut an ihren jeweiligen Grundannahmen über Kriminalität und soziale Kontrolle verdeutlichen:

Theoretischer AspektTraditionelle KriminologieKritische Kriminologie
Verständnis von KriminalitätKriminalität wird als individuelles Fehlverhalten oder pathologische Abweichung verstanden.Kriminalität wird als gesellschaftlich konstruiertes Phänomen verstanden, das durch Machtverhältnisse und Normsetzung geprägt ist.
Ursachen von KriminalitätFokus auf individuellen Ursachen wie biologischen, psychologischen oder sozialen Defiziten.Analyse struktureller Ursachen wie soziale Ungleichheit, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Konflikte.
RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. der sozialen KontrolleInstitutionen wie Polizei, Gerichte und StrafvollzugRechtlich geregelte Inhaftierung und Resozialisierung von Straftätern zur Strafvollstreckung und Vorbereitung auf ein straffreies Leben in Freiheit. gelten als neutrale Instrumente zur Bekämpfung von Kriminalität.Kontrollinstanzen werden selbst zum Forschungsgegenstand, da sie an der Definition und Selektion von Kriminalität beteiligt sind.
Fokus der ForschungUntersuchung von Tätern und Risikofaktoren für kriminelles Verhalten.Analyse von Kriminalisierungsprozessen, Machtstrukturen und sozialer Kontrolle.
Gesellschaftliche Funktion von KriminalitätKriminalität gilt als soziales Problem, das reduziert oder verhindert werden soll.Kriminalität kann Ausdruck sozialer Konflikte sein und gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar machen.
Politische ImplikationenBetonung von PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen., Abschreckung und Strafverfolgung.Kritik an Strafsystem, sozialer Ungleichheit und selektiver Kriminalisierung.

Der Vergleich zeigt, dass die Kritische Kriminologie die Perspektive der traditionellen Kriminologie grundlegend verschiebt: Statt ausschließlich nach den Ursachen individuellen Fehlverhaltens zu fragen, richtet sie den Blick auf gesellschaftliche Machtverhältnisse, institutionelle Selektionsmechanismen und Prozesse der Kriminalisierung.

AspektIndividueller PositivismusPositivismus bezeichnet eine wissenschaftstheoretische Position, die davon ausgeht, dass nur empirisch beobachtbare, messbare und überprüfbare Tatsachen als gültiges Wissen gelten.Soziologischer Positivismus
Verständnis von KriminalitätKriminalität ist das Ergebnis individueller Anomalien oder Defekte.Kriminalität entsteht aus sozialen Pathologien und strukturellen Problemen der Gesellschaft.
Ursachen von KriminalitätKriminalität wird durch biologische, psychologische oder genetische Faktoren erklärt.Kriminalität wird als Produkt sozialer Bedingungen und gesellschaftlicher Strukturen verstanden.
Bestimmung menschlichen VerhaltensVerhalten wird durch individuelle Eigenschaften und Dispositionen bestimmt.Verhalten wird durch soziale Umwelt, soziale Gruppen und gesellschaftliche OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen. geprägt.
Normen und MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt.Verbrechen stellt eine Verletzung individueller moralischer Normen dar.Verbrechen stellt einen Verstoß gegen kollektive gesellschaftliche Normen dar.
Verteilung von KriminalitätKriminalität variiert je nach Persönlichkeit, Temperament oder individueller Konstitution.Kriminalität variiert zwischen Regionen, sozialen Gruppen und gesellschaftlichen Kontexten.
Strategien der KriminalitätsbekämpfungKriminalität soll durch Therapie, medizinische Behandlung oder individuelle Rehabilitation reduziert werden.Kriminalität soll durch soziale Reformen und Veränderungen gesellschaftlicher Bedingungen reduziert werden.
Bewertung von KriminalitätKriminalität gilt als abnormaler individueller Zustand.Kriminalität wird als normale soziale Tatsache verstanden, die in allen Gesellschaften vorkommt.

Eigene Übersetzung nach: The Open University (2019), Introduction to Critical Criminology.

Während beide positivistischen Ansätze noch davon ausgehen, dass Kriminalität objektiv messbar und erklärbar ist, stellt die Kritische Kriminologie diese Grundannahme selbst in Frage. Sie fragt nicht nur nach den Ursachen von Kriminalität, sondern auch danach, wie und durch wen Kriminalität überhaupt definiert wird.

Kriminalität als gesellschaftliches Produkt: Anschluss an Durkheim

Ein früher und oft übersehener Bezugspunkt der Kritischen Kriminologie ist Émile Durkheims These, dass Kriminalität ein normales und funktionales Phänomen jeder Gesellschaft sei. In seinem Werk Die Regeln der soziologischen Methode (1895) beschreibt er Kriminalität nicht als krankhafte Abweichung, sondern als Ausdruck und Reflex gesellschaftlicher Normen – und damit auch als potenziellen Motor sozialen Wandels.

„Wie oft ist das Verbrechen wirklich bloß eine Antizipation der zukünftigen Moral, der erste Schritt zu dem, was sein wird.“ (Durkheim, 2016, S. 30)

Solche Gedanken finden in der Kritischen Kriminologie ein Echo: Auch hier wird Kriminalität nicht als biologisch oder psychologisch erklärbarer Defekt begriffen, sondern als gesellschaftlich konstruiertes Phänomen. Was als „kriminell“ gilt, hängt maßgeblich von Machtverhältnissen, Normsetzung und sozialen Reaktionen ab.

Beispiele wie:

  • der zivilgesellschaftliche Protest von Rosa ParksRosa Parks (1913–2005) war eine afroamerikanische Bürgerrechtlerin, deren Weigerung, ihren Sitzplatz in einem Bus in Montgomery, Alabama, für einen weißen Fahrgast zu räumen, die Bürgerrechtsbewegung in den USA auslöste. gegen Rassentrennung,
  • die EntkriminalisierungDie Reduzierung oder Aufhebung strafrechtlicher Sanktionen für bestimmte Handlungen. von Homosexualität, oder
  • politischer Widerstand gegen autoritäre Regime

zeigen, dass viele historische „Verbrechen“ im Rückblick als moralisch gerechtfertigt oder gesellschaftlich notwendig anerkannt werden.

Verknüpfung:

Durkheims funktionale Sicht auf Devianz bildet damit einen soziologischen Vorläufer kritischer Perspektiven. Sowohl er als auch Vertreter:innen der Kritischen Kriminologie betonen: Kriminalität ist keine objektive Wahrheit, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt, das von Macht, HerrschaftHerrschaft ist die institutionalisierte Form der Machtausübung über Menschen oder Gruppen. und historischen Entwicklungen geprägt ist.

Warum wir eine Kritische Kriminologie brauchen

Die Kritische Kriminologie hinterfragt gesellschaftliche Machtverhältnisse und kritisiert soziale sowie strukturelle Ungleichheiten. Sie richtet sich damit nicht nur auf individuelles Fehlverhalten, sondern auf die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen bestimmte Handlungen kriminalisiert und andere Formen sozialen Schadens ausgeblendet werden. In diesem SinnBedeutung, Orientierung oder Zweck, den Menschen Handlungen, Erfahrungen oder der Welt zuschreiben. ist sie auch eine herrschaftskritische Kriminologie, die nach den Zusammenhängen von Kriminalität, MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen. und sozialer Kontrolle fragt.

Selektive Wahrnehmung sozialer Schäden

Die selektive Wahrnehmung gesellschaftlicher Risiken lässt sich auch anhand statistischer Vergleiche verdeutlichen. Während bestimmte Gewaltverbrechen in Medien und öffentlicher Wahrnehmung stark präsent sind, bleiben andere Formen tödlicher Gefährdung häufig weitgehend unbeachtet.

Tödliche Arbeitsunfälle und vollendete Mordfälle in Deutschland 2012–2024 im Vergleich; Arbeitsunfälle liegen in allen Jahren deutlich über den Mordzahlen.

Die Abbildung stellt die Zahl der vollendeten Mordfälle in Deutschland den tödlichen Arbeitsunfällen gegenüber. Obwohl in vielen Jahren deutlich mehr Menschen durch Arbeitsunfälle sterben als durch Mord, stehen Gewaltverbrechen im Zentrum kriminalpolitischer und medialer Aufmerksamkeit. Kritische Kriminologie interpretiert diese Diskrepanz als Hinweis darauf, dass gesellschaftliche Problemdefinitionen nicht allein durch objektive Schadensfolgen bestimmt werden, sondern auch durch kulturelle Deutungsmuster, institutionelle Interessen und mediale Dramatisierungslogiken.

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten von Statista:
Tödliche Arbeitsunfälle in Deutschland und
Polizeilich erfasste Mordfälle in Deutschland.

Die Gegenüberstellung verdeutlicht, dass gesellschaftliche Aufmerksamkeit und kriminalpolitische Prioritäten nicht zwingend mit der tatsächlichen Schadenshöhe übereinstimmen – ein zentrales Argument der Kritischen Kriminologie.

Erforschung und Kontrolle der Kriminalität der Mächtigen

Kriminalität der Mächtigen

Mit „Kriminalität der Mächtigen“ sind Rechtsverletzungen, Schädigungen oder unethische Praktiken gemeint, die von staatlichen, wirtschaftlichen oder institutionell privilegierten Akteuren ausgehen. Der Begriff verweist darauf, dass gesellschaftlich einflussreiche Gruppen häufig weniger kontrolliert und seltener kriminalisiert werden als sozial marginalisierte Bevölkerungsgruppen.

Ein wichtiger Aspekt der „Kriminalität der Mächtigen“ ist die Staatskriminalität, die sich auf kriminelles Verhalten von Regierungsvertretern oder staatlichen Institutionen bezieht. Staatskriminalität kann in verschiedenen Formen auftreten und hat oft schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesellschaft und die MenschenrechteUniverselle Rechte, die jedem Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder sozialem Status zustehen.. Einige Beispiele für Staatskriminalität sind:

  • Korruption: Staatsbedienstete können ihre Machtposition missbrauchen, um Bestechungsgelder anzunehmen, Aufträge zu vergeben oder Gesetze zu umgehen. Korruption untergräbt die Integrität von Regierungsstrukturen und behindert die wirtschaftliche Entwicklung.
  • Menschenrechtsverletzungen: Staaten können Menschenrechtsverletzungen begehen, wie Folter, außergerichtliche Hinrichtungen, Verschwindenlassen von Personen oder willkürliche Inhaftierungen. Diese Verstöße gegen die Menschenwürde werden oft begangen, um politische Gegner zu unterdrücken oder Kontrolle zu erlangen.
  • Kriegsverbrechen: In bewaffneten Konflikten können staatliche Institutionen oder ihre Vertreter Kriegsverbrechen wie vorsätzliche Angriffe auf Zivilisten, sexuelle GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. oder Zwangsvertreibungen begehen.
  • Missbrauch von ÜberwachungÜberwachung beschreibt die systematische Sammlung, Beobachtung und Analyse von Informationen über Personen, Gruppen oder Institutionen, meist durch staatliche oder private Akteure. und Datenschutz: Staaten können ihre Überwachungskapazitäten missbrauchen, um unangemessen in die Privatsphäre der Bürger einzudringen und politische Aktivisten oder Journalisten zu überwachen.
  • Umweltkriminalität: Staaten können Umweltschutzvorschriften missachten oder durch unverantwortliche Industriepolitik zur Umweltverschmutzung beitragen.
  • Wirtschaftskriminalität: Staaten können in illegale Wirtschaftsaktivitäten verwickelt sein, wie Geldwäsche, Schmuggel oder unlautere Geschäftspraktiken.

Es existieren zahlreiche Beispiele für Kriminalität der Mächtigen bzw. Staatskriminalität im internationalen, aber auch im deutschen Kontext.

Internationale Beispiele zeigen, dass staatliche und institutionelle Macht immer wieder mit Formen schwerer Kriminalität oder systematischer Rechtsverletzungen verknüpft ist:

  • Watergate-Skandal (1972): In den USA brach eine Gruppe von Einbrechern in das Hauptquartier der Demokratischen Partei ein, um Abhörgeräte zu installieren. Die Ermittlungen deckten auf, dass Mitarbeiter der Regierung von Präsident Richard Nixon in den Einbruch verwickelt waren und versuchten, die Untersuchungen zu behindern. Nixon trat schließlich zurück, um einer Amtsenthebung zu entgehen. [siehe hier ausführlich zum Watergate-Skandal]
  • Iran-Contra-Affäre (1980er Jahre): Während der Reagan-Regierung unterstützte die US-Regierung heimlich die Contras in Nicaragua, die gegen die sandinistische Regierung kämpften. Der Verkauf von Waffen an den Iran wurde genutzt, um die Contras zu finanzieren. Dies verstieß gegen Gesetze des Kongresses und führte zu Kontroversen und Untersuchungen. Im Zuge der politischen Aufarbeitung wurde später bekannt, dass die Contras mit DuldungEine Duldung ist eine vorübergehende Aussetzung der Abschiebung bei ausreisepflichtigen Ausländern in Deutschland. der CIA mehrere Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt haben. Das Geld aus den Drogengeschäften wurde für den Kampf gegen den sozialistischen Gegner in Nicaragua eingesetzt. [siehe hier ausführlich zur Iran-Contra-Affäre]
  • Apartheid in Südafrika (1948-1994): Die südafrikanische Regierung führte ein rassistisches System der sozialen, politischen und wirtschaftlichen DiskriminierungDiskriminierung beschreibt die Benachteiligung oder Herabsetzung von Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sozialem Status. gegen die nicht-weiße Bevölkerung ein. Dies führte zu schweren Menschenrechtsverletzungen, staatlich geförderten Gewalttaten und unzähligen Verletzungen der Menschenrechte. [siehe ausführlich zur Apartheid in Südafrika]
  • Guatemala: Staatsgewalt und Menschenrechtsverletzungen (1954-1996): Während des Guatemaltekischen Bürgerkriegs beging die Regierung zahlreiche Menschenrechtsverletzungen, einschließlich gewaltsamer Vertreibungen, Folter, Verschwindenlassen und Massakern. [siehe ausführlich zum Guatemaltekischer Bürgerkrieg]
  • Unterdrückung von Uiguren in China: China wird beschuldigt, eine massive Verfolgungskampagne gegen die uigurische muslimische Minderheit zu führen. Berichte deuten auf Masseninternierung, Zwangsarbeit, kulturelle Unterdrückung und Folter hin. [siehe hier Bericht zu den sog. „Xinjiang Police Files“]
  • Brasilien: Amazonas-Regenwald und Umweltkriminalität: Die brasilianische Regierung sah sich Vorwürfen der Untätigkeit und des mangelnden Schutzes des Amazonas-Regenwaldes gegenüber. Rodung, Brandrodung und illegale Abholzung für wirtschaftliche Interessen haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Umwelt und indigene Gemeinschaften. [siehe hier Bericht zur Abholzung des Regenwaldes in Brasilien]

Diese Beispiele veranschaulichen, wie Regierungen und mächtige Institutionen in der Vergangenheit und Gegenwart in kriminelles Verhalten verwickelt sein können. Die Auseinandersetzung mit Staatskriminalität erfordert eine starke Zivilgesellschaft, unabhängige Medien und eine Justiz, die die Rechte und die Verantwortlichkeit der Regierenden überwacht. Nur so können Verletzungen der Menschenrechte verhindert und die Rechenschaftspflicht für Mächtige sichergestellt werden.

Auch im deutschen Kontext lässt sich zeigen, dass schwerwiegende Rechtsverletzungen keineswegs nur am gesellschaftlichen Rand entstehen, sondern auch innerhalb staatlicher und wirtschaftlicher Machtstrukturen:

  • NSU-Mordserie: Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) war eine rechtsextreme Terrorzelle, die zwischen 2000 und 2007 zehn Morde an Menschen mit Migrationshintergrund und einen Mord an einer deutschen Polizistin verübte. Obwohl Hinweise auf das rechtsextreme Umfeld der Täter existierten, konnten sie ihre Verbrechen jahrelang weitgehend ungehindert begehen. Die Ermittlungen wurden teilweise durch Pannen und mögliche Vertuschungen innerhalb der Sicherheitsbehörden behindert.
  • Stasi-Überwachung in der DDR: Während der Zeit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nutzte das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) systematisch Überwachung, Bespitzelung und Repression gegen politische Gegner und Regimekritiker. Millionen von Menschen wurden ausspioniert, ihre KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren. abgehört und ihre politischen Aktivitäten behindert.
  • Cum-ExCum-Ex bezeichnet eine illegale Praxis des Aktienhandels, bei der Kapitalertragsteuern mehrfach erstattet wurden, obwohl sie nur einmal gezahlt wurden.-Skandal: Der Cum-Ex-Skandal ist einer der größten Steuerskandale in der deutschen Geschichte. Banken und Investoren nutzten eine Gesetzeslücke aus, um sich mehrfach Steuerrückerstattungen auf Kapitalerträge zu erschleichen, die sie nie bezahlt hatten. Dadurch entstand dem deutschen StaatDer Staat ist ein politisches Herrschaftsgebilde mit einem legitimen Gewaltmonopol über ein bestimmtes Territorium. ein Milliardenschaden.
  • Verstrickung von VW im Abgas-Skandal: Der Abgas-Skandal bei Volkswagen, auch bekannt als „Dieselgate“, kam 2015 ans Licht. VW manipulierte die Abgaswerte seiner Dieselautos, um die Emissionsgrenzwerte zu umgehen. Die Unternehmensleitung und Top-Manager waren in die Vertuschung der illegalen Praktiken verwickelt.
  • Rechtsextreme Netzwerke in Sicherheitsbehörden: Es gibt immer wieder Berichte über rechtsextreme Netzwerke und Strukturen innerhalb einiger deutscher Sicherheitsbehörden, wie der Polizei und dem Militär. Diese Netzwerke könnten rassistische und extremistische Aktivitäten begünstigen und die Aufklärung rechtsextremer Straftaten behindern.

Zentrale Fragestellungen der Kritischen Kriminologie

  • Wer definiert, was als Kriminalität gilt?
  • Welche Gruppen werden besonders häufig kriminalisiert?
  • Welche Rolle spielen Macht, soziale Ungleichheit und institutionelle Selektionsmechanismen?
  • Welche Formen sozialen Schadens bleiben unsichtbar oder werden kaum sanktioniert?

Zentrale Vertreterinnen und Vertreter der Kritischen Kriminologie

Die Kritische Kriminologie ist ein breites und interdisziplinäres Forschungsfeld. Zu ihren wichtigsten Vertreterinnen und Vertretern gehören unter anderem:

  1. Michel Foucault (1926-1984): Der französische Philosoph und Soziologe ist einer der einflussreichsten Denker im Bereich der Kritischen Kriminologie. In seinem Werk „Überwachen und Strafen“ analysierte er die Entstehung und Entwicklung des modernen Strafsystems und betonte die Machtstrukturen hinter dem RechtRecht bezeichnet ein formalisiertes System verbindlicher Normen, das gesellschaftliches Handeln regelt, Konflikte entscheidet und durch staatliche Institutionen durchsetzbar ist. und der Kriminalisierung.
  2. Stanley Cohen (1942-2013): Der britische Soziologe prägte den Begriff „Moral Panic“ und untersuchte die sozialen und politischen Reaktionen auf vermeintliche Bedrohungen und Kriminalität. Er setzte sich auch mit Fragen der Staatskriminalität und Menschenrechtsverletzungen auseinander.
  3. Richard Quinney (1934): Ein amerikanischer Kriminologe, der als einer der Begründer der Kritischen Kriminologie gilt. Er betonte die Bedeutung von Kapitalismus und sozialer Ungleichheit bei der Entstehung von Kriminalität und kritisierte das bestehende Strafsystem.
  4. David Garland (1955): Ein britisch-amerikanischer Soziologe, der sich in seinem Werk „Kultur der Kontrolle“ mit der sozialen Kontrolle, dem Strafrecht und dem Strafvollzug befasst. Er hat die Beziehung zwischen Kriminalität und KulturKultur bezeichnet die Gesamtheit gemeinsamer Bedeutungen, Symbole, Praktiken und Lebensweisen einer Gesellschaft oder Gruppe. sowie die Auswirkungen von Strafen auf die Gesellschaft untersucht.
  5. Angela Y. Davis (1944): Eine amerikanische Soziologin, Aktivistin und Autorin, die sich mit Themen wie RassismusRassismus bezeichnet die Diskriminierung, Abwertung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund zugeschriebener „rassischer“ oder ethnischer Merkmale., Kriminalisierung von Armut, Gefängnissen und sozialer Gerechtigkeit auseinandergesetzt hat.
  6. Jock Young (1942-2013): Ein britischer Kriminologe, der sich mit kritischen Ansätzen zur Kriminalität und Sozialkontrolle befasst hat. Er hat sich auch mit Themen wie Drogenkriminalität und sozialer Ausschließung beschäftigt.

Diese Liste ist natürlich nicht abschließend, da die Kritische Kriminologie ein breites Forschungsfeld ist und viele andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenfalls einen wichtigen Beitrag dazu geleistet haben. Die Ideen und Forschungen dieser Denkerinnen und Denker haben dazu beigetragen, traditionelle Sichtweisen auf Kriminalität und Strafjustiz zu hinterfragen und alternative Perspektiven zu entwickeln, die soziale Gerechtigkeit und menschenwürdige Bedingungen in den Fokus rücken.

Kritische Kriminologie heute

Die Kritische Kriminologie ist heute kein einheitliches Theoriegebäude, sondern ein offenes und pluralisiertes Forschungsfeld. Zu den wichtigsten Strömungen der Kritischen Kriminologie gehören unter anderem: feministische Kriminologie, die Cultural Criminology, die Green Criminology, die Queer Criminology oder Arbeiten zu Gefängniskritik, Polizeiforschung und Überwachung. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie Kriminalität nicht isoliert betrachten, sondern im Zusammenhang mit Macht, Ungleichheit, Diskriminierung und sozialer Kontrolle.

Aktuelle Themen der Kritischen Kriminologie sind unter anderem Racial Profiling, institutioneller Rassismus, Masseninhaftierung, Armutskriminalisierung, ÜberwachungstechnologienTechnische Mittel zur Beobachtung und Kontrolle von Personen, Räumen oder Kommunikationswegen im Rahmen der Kriminalitätsbekämpfung und Gefahrenabwehr., Grenzregime und Umweltzerstörung. Damit bleibt die Kritische Kriminologie anschlussfähig an gegenwärtige gesellschaftliche Debatten und behält ihre besondere Stärke: Sie fragt nicht nur, wer gegen Normen verstößt, sondern auch, wer Normen setzt, wessen Verhalten sanktioniert wird und welche Formen sozialer Schädigung unsichtbar bleiben.

Kritik und heutige Einordnung der Kritischen Kriminologie

Die Kritische Kriminologie hat die Kriminologie nachhaltig geprägt, ist jedoch selbst Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Kritiker werfen ihr unter anderem vor, den Fokus zu stark auf Prozesse der Kriminalisierung und soziale Reaktionen zu legen und dabei die Ursachen kriminellen Handelns zu vernachlässigen.

Ein häufiger Einwand lautet, dass kritische Ansätze zwar überzeugend erklären können, warum bestimmte Gruppen stärker kriminalisiert werden als andere, jedoch weniger Antworten auf die Frage geben, warum Menschen überhaupt Straftaten begehen. Vertreter traditioneller Kriminalitätstheorien betonen daher, dass ätiologische Erklärungen weiterhin notwendig bleiben.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die normative Ausrichtung vieler kritischer Ansätze. Kritische Kriminologie versteht sich häufig ausdrücklich als gesellschaftskritisches Projekt, das Machtverhältnisse und soziale Ungleichheit hinterfragt. Manche Kritiker sehen darin eine Vermischung von wissenschaftlicher Analyse und politischer Positionierung.

Gleichzeitig hat die Kritische Kriminologie zahlreiche Einsichten hervorgebracht, die heute zum festen Bestandteil kriminologischer Forschung gehören. Dazu zählen insbesondere die Bedeutung sozialer Zuschreibungsprozesse (Labeling), die Selektivität strafrechtlicher Kontrolle sowie die Analyse institutioneller Entscheidungsprozesse innerhalb von Polizei, Justiz und Strafvollzug. Viele dieser Perspektiven sind inzwischen in der empirischen Kriminologie breit akzeptiert und werden auch von Forschenden genutzt, die sich selbst nicht ausdrücklich der Kritischen Kriminologie zuordnen.

In diesem Sinn haben sich viele der früheren akademischen Kontroversen abgeschwächt: Die Einsicht, dass Kriminalität nicht nur ein Verhalten, sondern auch ein Ergebnis sozialer Definitions- und Selektionsprozesse ist, gilt heute als wichtiger Bestandteil moderner kriminologischer Forschung.

Einordnung:

Die Kritische Kriminologie gehört zu den wichtigsten theoretischen Perspektiven der Kriminologie und untersucht Kriminalität im Zusammenhang mit Macht, sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Kontrolle.

Weiterführende Informationen

  • Arbeitskreis Junger Kriminologen (1974) Kritische Kriminologie. 
 Positionen, Kontroversen und Perspektiven. Juventa.
  • Kreissl, R. (1996). Was ist kritisch an der kritischen Kriminologie? In: K.-D. Bussmann & R. Kreissl (Hrsg.) Kritische Kriminologie im Diskurs. Theorien, Analysen, Positionen. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 19-43.
  • Sack, F. (1972). Definition von Kriminalität als politisches Handeln: der labeling approach. Kriminologisches Journal, 1: 3-31.
  • Sack, F. & König, R. (Hrsg.) (1968). Kriminalsoziologie. Akademische Verlagsgesellschaft.
  • Schlepper, C.; Wehrheim, J. (Hrsg.) (2017). Schlüsselwerke der Kritischen Kriminologie. Weinheim/ Basel: Beltz Juventa.
  • Sykes, G. M. & Matza, D. (1958). Techniques of Neutralization: A theory of Delinquency. In: American Sociological Review, 22, S.664-670.
  • Taylor, I.; Walton, P. & Young, J. (1973). The New Criminology. London: Routledge und Kegan Paul.
  • Taylor, I.; Walton, P. & Young, J. (Hrsg.). (1975). Critical Criminology. London, Boston: Routledge und Kegan Paul.
  • Die britische Open University bietet auf ihrer Webseite einen kostenlosen e-Learning Kurs zur kritischen Kriminologie an: Introduction to critical criminology
  • Kriminologisches Journal (KrimJ)

Teile diesen Beitrag
  • teilen 
  • teilen 
  • teilen 
  • E-Mail 

Verwandte Beiträge:

  • Cesare_Beccaria_neu
    Was ist Kriminologie?
  • generic-picture-of-a-man
    Georg Rusche & Otto Kirchheimer – Punishment and…
  • Titelgrafik - Feministische Kriminalitätstheorie
    Feministische Kriminalitätstheorien
  • Foto eines Buchregals mit kriminologischen Lehrbüchern
    Was ist das beste Lehrbuch zur Einführung in die…

Kategorie: Kriminologie Tags: Instanzenforschung, Kriminalisierung, Kriminalität der Mächtigen, Kriminalitätstheorien, Kritische Kriminologie, Labeling Approach, New Criminology, soziale Kontrolle, Symbolischer Interaktionismus

Seitenspalte

Lektionen

  • Was ist Kriminologie?
  • Betäubungsmittelkriminalität
  • Racial/ Ethnic Profiling
  • Instanzenforschung
  • Jugenddelinquenz
  • Kriminalität Nichtdeutscher
  • Kriminalitätsfurcht
  • Kriminalitätsstatistiken
  • Kriminalitätstheorien (allgemein)
  • Polizeiliche Kriminalprävention
  • Kriminologie als Wissenschaft
  • Predictive Policing
  • Sexualdelikte
  • Viktimologie
  • Vorurteilskriminalität

Footer

Über SozTheo

SozTheo ist eine Informations- und Ressourcensammlung, die sich an alle an Soziologie und Kriminologie interessierten Leserinnen und Leser richtet.

SozTheo wurde als private Seite von Prof. Dr. Christian Wickert, Dozent für die Fächer Soziologie und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen, erstellt. Die hier verfügbaren Beiträge und verlinkten Artikel spiegeln nicht die offizielle Meinung, Haltung oder Lehrpläne der HSPV NRW wider.

Impressum & Kontakt

  • Impressum & Datenschutz
  • Sitemap
  • zurück zur Startseite

Partnerseiten

Criminologia – Kriminologie-Blog

Krimpedia

Looking for the English version? Visit soztheo.com

Spread the word


Teile diesen Beitrag
  • teilen 
  • teilen 
  • teilen 
  • E-Mail 

Social Media

Besuche SozTheo auf Facebook

Besuche SozTheo auf Instagram

© 2026 · SozTheo · Admin