Kurzdefinition
Als Soziopath wird umgangssprachlich eine Person bezeichnet, die soziale Normen missachtet und nur wenig Mitgefühl für andere zeigt. Wissenschaftlich handelt es sich jedoch nicht um eine eigenständige psychiatrische Diagnose. Der Begriff wird heute überwiegend durch Konzepte wie Psychopathie oder antisoziale Persönlichkeitsstörung ersetzt.
Ausführliche Erklärung
Was ist ein Soziopath?
Der Begriff Soziopath wird häufig verwendet, um Menschen zu beschreiben, die soziale Normen missachten, manipulativ handeln oder kaum Mitgefühl gegenüber anderen zeigen. Anders als vielfach angenommen handelt es sich dabei jedoch nicht um eine eigenständige psychiatrische Diagnose. In der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff heute nur noch selten verwendet und durch präzisere Konzepte ersetzt.
Statt von einem Soziopathen sprechen Psychologie und Psychiatrie überwiegend von Psychopathie oder – im klinischen Kontext – von einer antisozialen Persönlichkeitsstörung. Beide Begriffe beschreiben unterschiedliche, wenn auch teilweise überlappende Konzepte.
Häufiges Missverständnis: Die Begriffe Soziopath und Psychopath werden im Alltag häufig synonym verwendet. Wissenschaftlich existiert jedoch keine allgemein anerkannte Definition des Soziopathen. Der Begriff dient heute vor allem als umgangssprachliche Bezeichnung und besitzt nur eine geringe diagnostische Bedeutung.
Soziopath und Psychopath – wo liegt der Unterschied?
In populärwissenschaftlichen Darstellungen wird häufig behauptet, Psychopathen seien „geboren“, Soziopathen dagegen „gemacht“. Diese Unterscheidung ist wissenschaftlich jedoch umstritten und findet sich in modernen Diagnosemanualen nicht wieder. Heute werden Persönlichkeitsmerkmale und antisoziales Verhalten vielmehr als Ergebnis eines komplexen Zusammenwirkens biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse verstanden.
Aus diesem Grund verwenden viele Fachleute den Begriff Psychopathie, wenn spezifische Persönlichkeitsmerkmale gemeint sind, während klinische Diagnosen auf dem Konzept der antisozialen Persönlichkeitsstörung beruhen.
Der Begriff im öffentlichen Diskurs
In Medien, Filmen und sozialen Netzwerken wird der Begriff Soziopath häufig als Schlagwort für besonders rücksichtslose oder gefährliche Personen verwendet. Diese Verwendung trägt dazu bei, dass psychologische Fachbegriffe mit moralischen Bewertungen vermischt werden. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, problematisches Verhalten lasse sich auf einfache Persönlichkeitskategorien reduzieren.
Kriminologische Einordnung
Kriminologie und Kriminalpsychologie betrachten antisoziales Verhalten nicht ausschließlich als Ausdruck individueller Persönlichkeitsmerkmale. Vielmehr werden auch soziale Lernprozesse, familiäre Einflüsse, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Lebensverläufe berücksichtigt. Der Begriff Soziopath besitzt deshalb für die wissenschaftliche Erklärung von Kriminalität nur eine begrenzte Aussagekraft.
Fazit
Der Begriff Soziopath ist heute vor allem eine umgangssprachliche Bezeichnung und keine anerkannte psychiatrische Diagnose. Wissenschaftlich werden stattdessen Konzepte wie Psychopathie oder die antisoziale Persönlichkeitsstörung verwendet. Für die Erklärung kriminellen Verhaltens reicht keines dieser Konzepte allein aus.
Theoriebezug
Bezug zur Etikettierungstheorie: Begriffe wie Soziopath werden im öffentlichen Diskurs häufig verwendet, ohne dass eine fachliche Diagnose vorliegt. Die Etikettierungstheorie, insbesondere Thomas J. Scheffs Being Mentally Ill, zeigt, wie soziale Zuschreibungen Identitäten prägen und verfestigen können. Auch Erving Goffmans Werk Stigma verdeutlicht, dass solche Bezeichnungen weitreichende Folgen für die gesellschaftliche Wahrnehmung einer Person haben können.
Historische Einordnung: Die Vorstellung, Kriminalität lasse sich an bestimmten Persönlichkeits- oder Körpermerkmalen erkennen, reicht bis zu den biologischen Kriminalitätstheorien des 19. Jahrhunderts zurück. Insbesondere Cesare Lombroso ging davon aus, dass sich „geborene Verbrecher“ anhand äußerer und psychischer Merkmale identifizieren ließen. Moderne Konzepte wie Psychopathie oder die antisoziale Persönlichkeitsstörung unterscheiden sich grundlegend von diesem deterministischen Ansatz und beruhen auf psychologischen sowie empirischen Untersuchungen.
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