Kurzdefinition
Die antisoziale Persönlichkeitsstörung (ASPS) ist eine psychiatrische Diagnose, die durch ein anhaltendes Muster der Missachtung sozialer Normen sowie der Rechte anderer Menschen gekennzeichnet ist. Sie gehört zu den Persönlichkeitsstörungen und ist von den umgangssprachlichen Begriffen Psychopath oder Soziopath zu unterscheiden.
Ausführliche Erklärung
Was ist eine antisoziale Persönlichkeitsstörung?
Die antisoziale Persönlichkeitsstörung (ASPS) ist eine anerkannte psychiatrische Diagnose, die durch ein dauerhaftes Muster der Missachtung sozialer Normen sowie der Rechte anderer Menschen gekennzeichnet ist. Betroffene handeln häufig impulsiv, übernehmen nur eingeschränkt Verantwortung für ihr Verhalten und zeigen wiederholt normverletzendes oder aggressives Verhalten.
Die Diagnose gehört zu den Persönlichkeitsstörungen und wird anhand standardisierter diagnostischer Kriterien gestellt. Sie ist deshalb klar von umgangssprachlichen Bezeichnungen wie Psychopath oder Soziopath zu unterscheiden.
Häufiges Missverständnis: Die antisoziale Persönlichkeitsstörung ist nicht mit Psychopathie gleichzusetzen. Obwohl sich beide Konzepte teilweise überschneiden, handelt es sich um unterschiedliche wissenschaftliche Modelle. Ebenso wenig ist jede Person mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung gewalttätig oder kriminell.
Diagnostische Merkmale
Zu den typischen Merkmalen zählen unter anderem wiederholte Verstöße gegen gesellschaftliche Normen, Täuschung und Manipulation, Impulsivität, geringe Frustrationstoleranz, Aggressivität, Verantwortungslosigkeit sowie mangelnde Reue nach normverletzendem Verhalten. Die Diagnose berücksichtigt dabei stets das langfristige Verhaltensmuster einer Person und nicht einzelne Vorfälle.
Abgrenzung verwandter Begriffe
Die Begriffe Psychopath, Psychopathie, Soziopath und antisoziale Persönlichkeitsstörung werden im Alltag häufig gleichgesetzt. Tatsächlich bezeichnen sie jedoch unterschiedliche Konzepte.
- Psychopath ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine Person mit psychopathischen Persönlichkeitsmerkmalen.
- Psychopathie beschreibt ein psychologisches Persönlichkeitskonstrukt, das insbesondere in der forensischen Psychologie untersucht wird.
- Soziopath ist ein heute wissenschaftlich nur noch selten verwendeter Begriff ohne eigenständigen diagnostischen Status.
- Die antisoziale Persönlichkeitsstörung ist dagegen eine anerkannte psychiatrische Diagnose nach internationalen Klassifikationssystemen.
Kriminologische Bedeutung
Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung sind in Justizvollzugsanstalten häufiger vertreten als in der Allgemeinbevölkerung. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass die Diagnose kriminelles Verhalten erklärt. Kriminalität entsteht vielmehr durch das Zusammenwirken biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Die Diagnose beschreibt daher lediglich ein Persönlichkeitsmuster und keine Ursache von Kriminalität.
Auch die frühen biologischen Kriminalitätstheorien, insbesondere die Arbeiten von Cesare Lombroso, gingen davon aus, dass sich Kriminalität auf angeborene Eigenschaften einzelner Personen zurückführen lasse. Moderne psychologische und psychiatrische Konzepte unterscheiden sich grundlegend von diesem deterministischen Ansatz und betrachten Persönlichkeit stets im Zusammenspiel mit sozialen und situativen Einflüssen.
Stigmatisierung psychischer Diagnosen
Psychiatrische Diagnosen werden im öffentlichen Diskurs häufig mit Gefährlichkeit oder Kriminalität gleichgesetzt. Aus soziologischer Perspektive weisen insbesondere die Arbeiten von Thomas J. Scheff und Erving Goffman darauf hin, dass solche Zuschreibungen zur Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen beitragen können. Die Diagnose einer antisozialen Persönlichkeitsstörung erlaubt daher keine Aussagen über die Gefährlichkeit oder das zukünftige Verhalten einer einzelnen Person.
Fazit
Die antisoziale Persönlichkeitsstörung ist eine anerkannte psychiatrische Diagnose und von den umgangssprachlichen Begriffen Psychopath oder Soziopath klar zu unterscheiden. Für die Kriminologie stellt sie einen möglichen Einflussfaktor unter vielen dar, erklärt kriminelles Verhalten jedoch nicht allein.
Theoriebezug
Bezug zu biologischen und interaktionistischen Ansätzen: Die antisoziale Persönlichkeitsstörung verweist auf individuelle psychische Merkmale, erklärt Kriminalität jedoch nicht allein. Während Cesare Lombroso Kriminalität auf angeborene Eigenschaften zurückführte, betonen moderne kriminologische Ansätze das Zusammenwirken biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Aus soziologischer Sicht stellt sich darüber hinaus die Frage, wann und unter welchen Bedingungen bestimmtes Verhalten überhaupt als abweichendes Verhalten oder behandlungsbedürftig gilt. Kriminologische und soziologische Ansätze weisen darauf hin, dass solche Bewertungen nicht allein auf individuellen Eigenschaften beruhen, sondern ebenso Ergebnis gesellschaftlicher Normen und Definitionsprozesse sind. Die Etikettierungstheorie von Thomas J. Scheff sowie Erving Goffmans Konzept des Stigmas verdeutlichen, dass psychiatrische Diagnosen und gesellschaftliche Zuschreibungen erhebliche Auswirkungen auf die soziale Identität und Behandlung betroffener Personen haben können.
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