Henner Hess

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Henner Hess ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kriminologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Geboren in Olmütz, studierte er Soziologie u. a. in Heidelberg, Lexington und Paris. Nach Promotion (1967) und Habilitation (1976) übernahm er zunächst den Lehrstuhl für Kriminologie an der Rijksuniversiteit Utrecht. 1982 folgte er einem Ruf an die Goethe-Universität Frankfurt, wo er als Professor für Sozialpädagogik tätig war.

Hess ist Mitbegründer und langjähriger Direktor des Centre for Drug Research (CDR) und Mitglied des Schildower Kreises, eines Netzwerks von Expertinnen und Experten, die eine evidenzbasierte Reform der Drogenpolitik fordern. Seine Forschung umfasst Kriminalitätstheorien, soziale Kontrolle, Drogenpolitik, Devianz, organisierte Kriminalität und Terrorismus.

Hess’ wissenschaftliches Werk ist besonders durch drei Schwerpunkte geprägt:

1. Karrieremodell delinquenten Handelns

Hess versteht Devianz als prozesshafte, sequenziell strukturierte Karriere.

Im Zentrum stehen:

  • Rollenübergänge

  • soziale Zuschreibungen

  • Lernprozesse

  • situative Kontexte

  • Selbstdefinitionen und Identitätslogiken

Damit schließt das Modell an Interaktionismus, Lebenslaufforschung und Subkulturtheorie an und gilt als eine der einflussreichsten deutschsprachigen Weiterentwicklungen des Labeling Approach.

2. Sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie (mit Sebastian Scheerer)

1997 publizierten Hess & Scheerer ihre „Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie“, die später in Theorie der Kriminalität (2004) weiter ausgearbeitet wurde.

Zentrale Annahmen:

  • Kriminalität ist kein objektiv vorgegebenes Phänomen, sondern das Ergebnis sozialer Konstruktion.

  • Definitionsmacht liegt bei Polizei, Justiz, Medien, Politik und moralischen Akteuren.

  • Mikro- und Makroprozesse der Gesellschaft wirken zusammen, wenn Handlungen als kriminell markiert werden.

Der Ansatz wurde innerhalb der Kritischen Kriminologie intensiv diskutiert und prägte nachhaltig die deutschsprachige Theoriedebatte.

3. Terrorismusforschung

Hess entwickelte eine analytisch präzise und politisch unabhängige Definition von Terrorismus.

Kennzeichnend sind:

  1. vorsätzliche physische Gewalt

  2. punktuell-unvorhersehbare, aber systematische Ausführung

  3. psychische Wirkung auf ein weiteres Publikum

  4. Einbettung in eine politische Strategie

Er unterscheidet zwischen:

  • staatlichem Terrorismus

  • para-staatlichen / nicht-staatlichen repressiven Formen

  • „revoltierendem“ sozialrevolutionärem Terrorismus

Diese Definition hat bis heute wissenschaftliche Bedeutung, u. a. in der Forschung zu politischer Gewalt und sozialer Kontrolle.

Schlüsselwerke

  • Mafia. Zentrale Herrschaft und lokale Gegenmacht (1970)
  • Ghetto ohne Mauern (mit Achim Mechler, 1973)
  • Angriff auf das Herz des Staates (mit Moerings, Paas, Scheerer, Steinert, 1988)
  • Was ist Kriminalität? Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie (mit Sebastian Scheerer, 1997)
  • Theorie der Kriminalität (mit Sebastian Scheerer, 2004)
  • Kontrolliertes Rauchen (mit Kolte & Schmidt-Semisch, 2004)
  • Die Erfindung des Verbrechens (2015)