Dieser Beitrag beleuchtet das zentrale Motiv der Authentizität in deutschsprachigen Rap-Texten und zeigt auf, wie dieses eng mit der Darstellung von PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten., Gewalt und deviantem Verhalten verwoben ist.

Die Kategorie Authentizität ist eng mit der Polizeidarstellung in der deutschsprachigen Rap-Musik verbunden. Authentizität weist ebenfalls eine große Schnittmenge zu anderen Codes im Kategoriensystem auf und hat daher einen übergeordneten Charakter. Authentizität oder auch Realness oder Street Credibility sind zentrale Themen in der Rap-Musik. Die allermeisten Rapper treten unter Künstlernamen auf, die jedoch konstant genutzt werden. Es erfolgt üblicherweise keine Trennung von Autor und Erzählinstanz (vgl. ausführlich: Wohlbring, 2015). Viele Rap-Liedtexte sind aus der Ich-Perspektive der Rap-Persona erzählt, was die Authentizität untermauert. Rap ist „die einzige Mukke, wo man das, was man sagt, auch verkörpern muss“, wie der Rapper Megaloh in dem Lied „Rap ist“ (Max Herre, 2012) rappt. Nach Schuhmacher (2022) verweist Authentizität auf den Lebensstil eines Rappers und damit verbunden auf sein Erlebnis- und Erfahrungswissen. Schumacher bezieht seine Ausführungen auf das „epische Interview“ des Backspin-Magazins (2016) mit dem Berliner Rapper Fler. In dem Video, das auf Youtube bis heute 1,7 Millionen Mal angeklickt wurde, äußert sich Fler ausführlich zu anderen Rappern (wie z.B. Kollegah), die er im Gegensatz zu sich selbst als wenig authentisch erachtet. Schuhmacher (2022, S. 159) fasst Flers Standpunkt folgendermaßen zusammen:
Im Kern umfasse HipHop, bzw. Rap nicht nur Musik (18:30-20:00), sondern sei ein Ausdrucksmedium der »Straße«, der Minderheiten sowie der »Parallelgesellschaft« (30:00-34:00). Dieser Bezugspunkt markiere den Unterschied zwischen Realness, Authentizität und Coolness gegenüber »Fake[ness]« (Falschheit), »Parodie« und »Wack[ness]« (Uncoolness), (vgl. Obst 2016; S. 60f., 70-73). Ebenso grenze sich hieran die »HipHop-[Sub]kultur« von allgemeinen Trends, Geschmäckern und dem Entertainment der Popkultur ab (v.a. 20:00-49:20). Für die Realness eines sich selbst als Gangsta-Rapper inszenierenden Artists sei dessen Lebensstil entscheidend, wobei es auf Erlebnis- und Erfahrungswissen ankomme (20:25-20:55).
Rapper Fler sah sich vor einigen Jahren selbst dem Vorwurf ausgesetzt, nicht „real“ zu sein, woraufhin der Straßenrapper sein polizeiliches Führungszeugnis auf seinem Facebook-Kanal veröffentlichte. Dieser PR-Stunt glückte allerdings nur bedingt. Aus dem Führungszeugnis wurde nämlich auch ersichtlich, dass der Berliner Rapper 2013 wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen zu je 40 Euro verurteilt wurde. Aus der Höhe der Tagessätze wiederum lässt sich erahnen, dass Flers Lebensstil vielleicht nicht ganz so extravagant und luxuriös ausfällt, wie es aufgrund seiner Selbstdarstellung den Anschein hat (vgl. Staiger, 2014). Fler stellt sich immer wieder als harter Straßenrapper dar, der seiner eignen Definition von Realness entspricht. Auf dem Track „Schon von klein auf“ (2015) rappt er beispielsweise
Fick die Studenten,
ihr seid nur moderne Sklaven
Alles was ich weiß,
hab‘ ich gelernt auf diesen Straßen
Künstler aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, sind aus dieser Perspektive niemals authentische Straßenrapper; der Studentenrapper bzw. Personen mit einer bürgerlichen Bildungsbiographie werden zum Feindbild des Straßenrappers. Die eigene Authentizität muss hingegen beständig untermauert werden – in Rap-Texten als auch durch die Zurschaustellung eines entsprechenden Lebensstils. Ein konfrontatives Verhalten zieht Polizeikontakte nach sich. Diese werden auf Video festgehalten und veröffentlicht um das eigene Image zu bestärken. Wenn Fler Polizisten beleidigt („aufs Übelste“), die verbale Auseinandersetzung von der Bild-Zeitung (und Hip-Hop-Szenemagazinen) aufgegriffen wird (vgl. Abbildung 1) und der Vorfall später Eingang in Songtexte von Fler findet (s.u.), erinnert dies erneut an Ferrell et al. (2015, S. 151), die schreiben „the street scripts the screen and the screen scripts the street”.
Gebe der Szene ein’n Boost (Wooh), wenn ich mal cruis’
Gleich mit den Bullen in den News
Die Rap-Persona Fler und die reale Person hinter dieser Kunstfigur, Patrick Losenský, sind kaum klar trennbar. Eine verbale Attacke auf die Polizei mag dem aufbrausenden Gemüt von Herrn Losenský entspringen, ist aber möglicherweise auch mit Blick auf eine nach außen gerichtete Inszenierung der authentischen, polizeiablehnenden und dominanten Rap-Persona Fler bewusst herbeigeführt. Die reale Begegnung wird zum lyrisch-musikalischen Kunstprodukt stilisiert, das einerseits wiederum auf die Rap-Persona Flers wirkt anderseits auch von Außenstehenden wie z.B. Polizistinnen und Polizisten wahrgenommen wird und Einfluss auf den zukünftigen Umgang mit Herrn Losenský haben wird. Auf diese Art und Weise stehen das Faktuale und das Fiktionale in einer immerwährenden Deutungsspirale. Mit Blick auf die Polizeidarstellung im Rap ergeben sich zum Thema Authentizität weitere Anknüpfungspunkte.
Authentizität als Diskurs: zwischen Pop-Rap und Gangsta-RapSubgenre des Hip-Hop, das Gewalt, Straßenerfahrung, Macht und Marginalisierung thematisiert. (Oli P. vs. Gzuz)
Der Schauspieler Oliver Petszokat – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Oli P. veröffentlichte 1998 ein Cover des Grönemeyer-Songs „Flugzeuge im Bauch“. Rapper Oli P. erzielte mit dem Lied einen beachtlichen Charterfolg und die Single verkaufte sich 1,6 Millionen Mal.
Bei der Darbietung von Oli P. handelt es sich zweifelsfrei um Sprechgesang. Dennoch würden vermutlich viele Anhänger der Hip-Hop-KulturKultur bezeichnet die Gesamtheit gemeinsamer Bedeutungen, Symbole, Praktiken und Lebensweisen einer Gesellschaft oder Gruppe. Oli P. absprechen, Rapper zu sein bzw. authentische Rap-Musik zu machen. Warum aber erscheint uns „Flugzeuge im Bauch“ weniger authentisch als beispielsweise das Lied „Warum“ des Hamburger Rapper Gzuz?
Authentizität spielt auch in anderen Musikgenres eine RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist., jedoch nicht in dem Maße wie dies im Rap/ Hip-Hop der Fall ist. Der Musiksoziologe David Machin schlägt vor, Authentizität als DiskursEin Diskurs bezeichnet ein historisch und sozial geprägtes System von Aussagen, Deutungen und Wissensordnungen, durch das Wirklichkeit beschrieben, strukturiert und hervorgebracht wird. zu begreifen. Er schreibt:
The discourse of authenticity is at the heart of the way that we think about music and can be seen signified in the different semiotic modes through which artists communicate, through their sound, look, lyrics and what they say in interviews.” (Machin, 2010, S. 14)
Ein Bluesmusiker, der in sich gekehrt und mit geschlossenen Augen auf seinem Instrument improvisiert, erscheint uns authentisch. Im Gegensatz hierzu wirkt ein Lied einer Boyband, egal wie eingängig das Lied auch sein mag, weniger authentisch. Es ist offensichtlich produziert für einen spezifischen Markt und die Darbietung scheint nicht von Herzen zu kommen. In diesem Sinne ist das teilweise mit wackeliger Handkamera gedrehte Video von Gzuz ein scheinbar authentischer, ungefilterte Einblick in die Lebenswelt US-amerikanischer Gangster und Hustler. Im Video sind scharfe Schusswaffen, Drogenkonsum, Stripperinnen, teurer Schmuck und Sportwagen zu sehen. Gzuz rappt mit seiner markant rauen Stimme, erwähnt mehrfach seinen Gefängnisaufenthalt und zeigt in den meisten Einstellungen des Videos seinen nackten, vollständig tätowierten Oberkörper. Das Video ist offensichtlich in den USA gedreht und wurde – für deutschsprachige Rap-Videos sehr untypisch – zunächst über die US-amerikanische Webseite WorldStarHipHop veröffentlicht. Hier wurde Gzuz dem amerikanischen Publikum als „Crazy Gangster Rapper From Germany“ vorgestellt.
Im Gegensatz hierzu ist „Flugzeuge im Bauch“ zunächst ein Liedcover. Der Text erzählt weder von einem persönlichen Erlebnis noch gewährt er Einblick in eine spezifische Lebenswelt – er wirkt austauschbar und generisch. Das Musikvideo folgt offensichtlich einem vorher festgelegten Drehbuch. Die Szenen wirken inszeniert und künstlich. Das Lied wird vom Refrain getragen, der von der Sängerin Tina Frank gesungen wird. Der Sprechgesang von Oli P. wirkt indes holprig. Der Text scheint dem Poesiealbum eines Mädchens im Teenageralter entsprungen. Oli P. ist zudem dem Rezipientenkreis als erfolgreicher Schauspieler der Telenovela „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ bekannt und besitzt keine „street credibility“ als Rapper.
„to keep it real“ als Gründungsmythos der Hip-Hop-Kultur
Der in der Hip-Hop-Kultur häufig getroffene Ausspruch „to keep it real“ ist als Erinnerung an Rezipienten und Künstler zu verstehen, die Ursprünge der Hip-Hop-Kultur im Gedächtnis zu bewahren – kurzum: authentisch zu sein. Der Ursprung der Hip-Hop-Kultur liegt in den 1970er Jahren in den Sozialbausiedlungen der South Bronx, wo gesellschaftlich randständige Jugendliche afroamerikanischer und lateinamerikanischer Abstammung Blockparties organisierten. Neben der Rap-Musik zählen auch das Plattenauflegen (DJing), Tanz (Breakdance) und das Sprühen von Graffiti zu den Kernelemente der Kultur. Butler (2004, S. 990) stellt fest, dass viele kulturelle Praktiken im Umfeld der Hip-Hop-Kultur einen Bezug zu deviantem Verhalten aufweisen:
First, many artists took an instrumentalist view of the law. The trespass law did not deter the graffiti artists, the copyright law did not stop the DJs from sampling any music they wanted, and the property law did not prevent DJs from ‚borrowing‘ electricity from street lamps at public parks.
Die Verflechtungen von Hip-Hop auf der einen und deviantem/ kriminellen Verhalten auf der anderen Seite werden noch deutlicher und mannigfaltiger mit dem Auftauchen der ersten Gangsta-Rapper Mitte der 1980er Jahre. Künstler wie Ice-T oder die Rap-Formation N.W.A. berichteten in ihren Liedern aus dem Leben von Drogendealern, gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Gangmitgliedern und der Polizei. Seither hat sich Gangsta-Rap in den USA, aber auch in Deutschland als populärstes und umsatzstärkstes Subgenre im Rap durchgesetzt. Diese Dominanz des Gangsta-Rap beruht v.a. auf strategischen Entscheidungen von Plattenfirmen Gangsta-Rap anstelle stärker sozialrealistischer Künstler, die dem sog. Concious-Rap zuzurechnen sind, zu fördern (vgl. Kubrin & Nielson, 2014, S. 14).
Rappende Gangster und gangsternde Rapper
Analog zum PR-Stunt von Fler beteuern viele Gangsta-Rapper immer wieder ihre Authentizität, indem sie sowohl von illegalen Aktivitäten als auch von Polizeikontakten berichten. Jede Verkehrs- und Personenkontrolle wird gefilmt und in den sozialen Medien zur Schau gestellt. Regelmäßig teilen Rapper dort auch Bilder und Videos, auf denen sie mit vermeintlich scharfen Schusswaffen oder DrogenDrogen sind psychoaktive Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen und in legaler oder illegaler Form konsumiert werden. hantieren. Hip-Hop ist Lebensstil und Subkultur und geht über das künstlerische Schaffen von Rapperinnen und Rappern hinaus. Der Inszenierung der eignen Lebenswelt wird ein großer Stellenwert zugewiesen. Zu dieser Selbstdarstellung gehört für viele Akteure, die dem Gangsta- und Straßenrap zuzuordnen sind, auch selbstverständlich die Ablehnung der Polizei. „A.C.A.B. ist Popkultur“ (Niessen, 2017).
Unter den im Sample vertretenden Rapper sind etliche Vertreter, die nachweislich eine kriminelle Vergangenheit aufweisen (z.B. Xatar, Gzuz, Veysel) und die dieses „kulturelle Kapital“, auch regelmäßig nutzen und ihre Erfahrungen in Liedtexte einfließen lassen. Kein anderer Künstler im Untersuchungssample rappt häufiger über die Polizei als der Düsseldorfer Rapper 18 Karat. Seine Lieder sind eindeutig dem Subgenre Gangsta-Rap zuzuordnen und erzählen fast ausschließlich von einem Leben als erfolgreicher Drogendealer und der Verfolgung durch die Polizei. 18 Karat ist im Kontext von Authentizität im Gangsta-Rap ein aufschlussreiches Beispiel, da der Dortmunder einen Wandel vom gangsternden Rapper zum rappenden Gangster vollzogen hat. 18 Karat wurde wegen Drogenhandels zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Zu seinem Motiv gab er im Prozess zu Protokoll „Es ging[e] um den Kick, dass ich einen Songtext in die Realität umsetze“ (Wegener & Talash, 2022). Er habe es finanziell nicht nötig gehabt, in den Drogenschmuggel und -handel einzusteigen, sondern es ginge „wieder in Richtung Gangster und Image“ (ebd.).
Die rappenden Gangster sind jedoch in der Minderheit. Es überwiegen die „gangsternden Rapper“ (Schwenn & Sehl, 2022), die einen kriminellen Lebensentwurf in ihren Liedtexten mehr oder weniger glaubhaft fabrizieren. Dass jedoch nicht jede Aussage über die eigene vorgeblich kriminelle Vergangenheit auf die Goldwaage zu legen ist, zeigt die Recherche eines Zeit-Autorenteams zum Rapper Kolja Goldstein (vgl. ebd.). Dieser beweist in seinen Texten zwar durchaus, über Täterwissen zu verfügen, jedoch scheidet er als Täter der VerbrechenEin Verbrechen ist eine besonders schwerwiegende Form rechtswidrigen Handelns, die im Strafrecht mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr bedroht ist – zugleich ist es ein sozial und historisch wandelbares Konstrukt., mit denen er sich brüstet, eindeutig aus. Damit ist Kolja Goldstein einer von vielen Gangsta-Rappern, die in den vergangenen Jahren eines „fake gangsterism“ (Perry 2004, S. 94) überführt wurden.
In the late 1980s and early 1990s, artists began appearing who personified gangsters without ever having experienced that lifestyle: record companies manufactured gangsters for their sensational appeal. The co-optation of hip hop by the mainstream therefore became associated with ‚fake gangsterism’. Gangsterism turned into a commercial tool, sold for its gore like an action flick. (Perry, 2004, S. 94)

Präsentiert ein Rapper seinen vorgeblich kriminellen Lebensstil in seinen Liedtexten, läuft er Gefahr, dass seine Glaubwürdigkeit (realness) leidet und er als „fake“ angesehen wird. Ein vielschichtiges Beispiel für einen „fake gangsterism“ liefert der kommerziell sehr erfolgreiche Gangsta-Rapper Bushido. Seine kriminelle Vergangenheit beruht auf vorgeblichen Drogendeals in seiner Jugend. In den letzten Jahren ist er vor allem durch Wirtschaftskriminalität aufgefallen und wurde 2016 zu einer Geldstrafe wegen Steuerhinterziehung verurteilt. 2017 folgte eine Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe wegen versuchten Betrugs (Spiegel, 2017). Eine Anklage wegen gemeinschaftlicher Brandstiftung wurde 2022 von der Staatsanwaltschaft Potsdam fallengelassen (Märkische Allgemeine, 2022). Diese Vermögensdelikte scheinen nicht so recht zum Image eines Straßenrappers zu passen. Bushido versteht es jedoch sein Image als Gangster zu inszenieren. Angefangen von sichtbaren Tätowierungen an Armen und am Hals, über seine Künstlernamen bis hin zur Wahl seiner Geschäftspartner. Bushido (japanisch: Der Weg des Kriegers) tritt auch unter seinem alter ego Sonny Black auf. Sonny Black war ebenfalls der Spitzname des italo-amerikanischen Mafiosi Dominick Napolitano (1930-1981). Seine Lebensgeschichte liegt dem Spielfilm „Donnie Brasco“ (Mike Newell, 1997) zugrunde. Durch den Verweis auf „echte“ Gangster oder aber auch nur kulturelle Blaupausen soll die eigene Glaubwürdigkeit gesteigert werden. So finden sich auch im Untersuchungssample zahlreiche Lieder, in denen Drogendealerinnen und Drogendealer wie Pablo Escobar oder Griselda Blanco erwähnt werden. In Rap-Liedern wird auch immer wieder auf Tony Montana verwiesen. Dies ist der Name der Figur, die in dem Spielfilm „Scareface“ (Brian De Palma, 1983) vom Schauspieler Al Pacino verkörpert wird. Supremos, wir sind Vatos Locos Mafiosi wie Montana Wie Carlito, wie Griselda (18 Karat, 2021, PGP).
Ferrell et al. (2015, S. 151) schreiben „the street scripts the screen and the screen scripts the street”. Wenn eine fiktive Erzählung über einen kaltblütigen kubanischen Drogendealer, die lose Parallelen zur Lebensgeschichte des Mafioso Al Capone aufweist, von deutschen Gangsta-Rappern aufgegriffen wird, um ihren vorgeblich kriminellen Lebensstil zu unterstreichen, erscheint dies ein treffendes Beispiel für das Verwischen der Grenzen zwischen dem Fiktiven und Faktualen zu sein.
Die gleiche Funktion erfüllt die zu beobachtende Entwicklung, dass Gangsta-Rapper die Nähe zu kriminellen Milieus und Gruppen suchen. Mitglieder arabischstämmiger Großfamilien oder Motorradclubs wie den Hell’s Angels oder Bandidos treten als Personenschützer und Sicherheitsdienst bei Konzerten auf oder werden in Musikvideos prominent in Szene gesetzt. Auch Bushido stand jahrelang unter dem Schutz des Abou-Chaker-Clans. Arafat Abou-Chaker fungierte jahrelang als Bushidos Manager. 2017 trennte sich Bushido von seinem Manager und gab an, von diesem massiv bedroht worden zu sein. In der Folge stand Bushido und seine FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. jahrelang unter Personen- und Zeugenschutz durch die Polizei (Morling, 2024). Ein Prozess gegen Arafat Abou-Chaker und seine Brüder wegen Freiheitsberaubung, versuchter Erpressung und gefährlicher Körperverletzung endete 2024 am Landgericht Berlin mit einem Freispruch. Der Rapper, der noch 2013 verächtlich gerappt hat: Ich bin unbeeindruckt von deinem Polizeischutz. Was sind schon paar blaue Männchen gegen meine Streitsucht? (Sido feat. Bushido u.a., 2013, 30-11-80) verlor durch seine Kooperation mit der Polizei seine Glaubwürdigkeit als Gangsta-Rapper. Der Rapper Capital Bra, einer der erfolgreichsten Interpreten der deutschen Chartgeschichte, trennte sich in der Folge von Bushidos Label Ersguterjunge (EGJ) und veröffentlichte über seine Social-Media-Kanäle folgendes Statement:
Das hier ist kein Promomove. Das hier ist traurig. Das ist sehr traurig. Ich bin nicht mehr EGJ, da mein Labelboss mit der Polizei arbeitet. Er hat Polizeischutz bekommen … okay, konnte man irgendwo noch verstehen, seine Kinder waren in Gefahr. Jetzt scheißt er Leute an. Die Leute gehen in den Knast. Ich bin nicht für sowas … Polizei ist jetzt dein Team. (laut.de, 2019)
Rapper Fler, der ebenfalls ehemaliges Mitglied des Labels EGJ ist, wettert gegen seinen ehemaligen Labelboss (hier mit seinem alter ego Sonny Black adressiert): „Fick die Gerüchte und Storys (Woah) in euren Kommis Red‘ nicht mit Bullen, so wie Sonny (Yeah)“ (Fler – MOOD, 2020) Im Untersuchungssample konnten insgesamt über siebzig Fundstellen dem Code „Snitch“ (engl.: to snitch = jmd. verpfeifen). zugewiesen werden. Die Kooperation mit der Polizei in jeder Form wird als Verrat bewertet und ist Rechtfertigung für Gewaltanwendungen gegen die sog. 31er„31er“ ist ein abwertender Ausdruck aus der Jugend- und Knastsprache für Personen, die andere gegenüber der Polizei oder Justiz verraten haben. (bezieht sich auf die Kronzeugenregelung nach § 31 BtMG). Die Hamburger Rapper Maxwell und LX von der 187 Straßenbande rappen beispielsweise: Verständigung ist hier nur noch mit Handzeichen 31er enden bei uns als Brandleiche (LX & Maxwell, 2019, Perdono)
Schließlich spielt im Kontext der Authentizität noch das Autorschaftsmodell im Rap eine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zu anderen Kunstformen und Musikgenres zeichnet sich Rap-Musik im Allgemeinen durch eine Personalunion von Autor und Sprecher aus (Wolbring, 2015, S. 147). Dies ist auch der Grund, weshalb Coverversionen im Rap (wie z.B. das oben zitierte Lied von Oli P.) vollkommen unüblich sind. Referenzen auf Werke anderer Künstler erfolgen durch eine textliche Erwähnung oder aber durch die Verwendung kurzer Samples anderer Musikstücke. In den letzten Jahren wurden teilweise äußerst bekannte und kommerziell erfolgreiche Rapper bezichtigt (und teilweise überführt) ihre Liedtexte von anderen renommierten oder auch unbekannten Rappern verfasst haben zu lassen. Zu den des Ghostwritings überführten Rappern zählt auch Bushido (Wolbring, 2015, S. 148).
Authentizität im Rap und Folgen für die Strafverfolgung
Das Autorschaftsmodell im Rap hat Folgen, die über einen Ansehensverlust in den Augen der Hörerinnen und Hörer hinausgehen. Die Natur des Verbrechens und des Verbrechers ist es, im Geheimen zu agieren und verborgen zu bleiben. Das Zusammenfallen von Autor und Sprecher im Gangsta-Rap steht dieser Eigenart entgegen. Gangsta-Rapper brüsten sich regelmäßig mit Verbrechen, die sie vorgeblich begangen haben. Natürlich wurden und werden auch in anderen Genres Verbrechen thematisiert (z.B. Moriate, Mörderballaden, Narcocorridos, Blatnjak u.a.; siehe ausführlich: Wickert, 2017). Dennoch weist die Verbrechensdarstellung im Rap eine Besonderheit auf. Hamm und Ferrell (1994) verweisen in diesem Zusammenhang auf das Liedbeispiel „I shot the Sherrif“ von Bob Marley respektive die Coverversion des Liedes von Eric Clapton. Kein Rezipient käme wohl auf die Idee, Marley oder Clapton zu unterstellen, sie würden von einem realen Tötungsdelikt berichten, das sie selbst begangen haben. Sehr wohl lässt sich aber beobachten, dass in den USA und in Großbritannien Gangsta-Rapper in Indizienprozessen verurteilt wurden, weil sie nach Ansicht der Staatsanwaltschaften und Gerichte Täterwissen in ihren Liedtexten preisgegeben haben (vgl. Ilan, 2020; Lerner & Kubrin, 2024). Ungeachtet des Authentizitätsanspruches im Rap ist Rap-Musik Kunst und Rapperinnen und Rapper müssen sich – wie andere Künstler auch – auf die Kunstfreiheit berufen können. Der US-amerikanische Rapper Jay-Z schreibt in seinem Buch „Decoded“ (2010) Rapper seien nicht nur Dokumentatoren sondern auch Schwindlern („trickster“), die im Rahmen ihrer Kunst, den Hörern etwas vorgaukeln. Er schreibt:
So many people can’t see that every great rapper is not just a documentarian, but a trickster—that every great rapper has a little bit of Chuck and a little bit of Flav in them—but that’s not our problem, it’s their failure: the failure, or unwillingness, to treat rap like art, instead of acting like it’s just a bunch of niggas reading out of their diaries.
Die Authentizität im Rap ist weder eindeutig noch verlässlich – und doch prägt sie maßgeblich die Selbstinszenierung der Künstler, das Urteil des Publikums und zunehmend auch das Interesse von Polizei und Justiz.
Literatur
- Butler, P. (2004). Much Respect: Towards a Hip-Hop Theory of Punishment. Stanford Law Review, 56, 983-1016.
- Ferrell, J., Hayward, K., & Young, J. (2015). Cultural Criminology: An Invitation (2. Aufl.). Sage.
- Hamm, M. S., & Ferrell, J. (1994). Rap, Cops, and Crime: Clarifying the “Cop Killer” Controversy. ACJS Today, 13(1).
- Ilan, J. (2020). Digital Street Culture Decoded: Why criminalizing drill music is Street Illiterate and Counterproductive. British Journal of Criminology, 60(4), 994–1013. https://doi.org/10.1093/bjc/azz086
- Jay-Z (2010). Decoded. Spiegel & Grau.
- Kubrin, C. E. & Nielson, E. (2014). Rap on Trial. Race and Justice, 4(3), 185-211.
- Lerner, J. I. & Kubrin, C. H. (2024). Rap on Trial: Legal Guide 1 (2. Aufl.). University of California, Irvine.
- Machin, D. (2013). Analyzing Popular Music: Image, Sound, Text (Repr. of the 2010 Ed). Sage.
- Morling, U. (2024, 05. Februar). Bushidos Ex-Geschäftspartner Abou-Chaker siegt vor Gericht. Rbb24. https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/02/prozess-clan-arafat-abou-chaker-bushido-prozess-urteil.html
- Niessen, B. (2017, August 22). “Niemand will Bulle sein” – Ist der Polizeiberuf zu unattraktiv? VICE. https://www.vice.com/de/article/nee3yx/niemand-will-bulle-sein-ist-der-polizeiberuf-zu-unattraktiv
- Perry, I. (2004). Prophets of the Hood: Politics and Poetics in Hip Hop. Duke University Press Books.
- Schuhmacher, D. (2022). »Immer wenn ich rede … episch« – Transmedialität zwischen Social Media und Musik beim Berliner Gangsta-Rapper Fler. In: M. Dietrich & M. Seeliger (Hrsg.), Deutscher Gangsta-Rap III. Soziale Konflikte und kulturelle Repräsentationen (S. 155-177). transcript.
- Schwenn, P. & Sehl, M. (2022, 2. Juli). Kolja Goldstein. Übertrieben krass. Zeit Online. https://www.zeit.de/2022/27/kolja-goldstein-gangsta-rap-verbrechen-musik
- Staiger, M. (2014, 21. November). Wenn Rapper bellen. Zeit Online. https://www.zeit.de/kultur/2014-11/fler-rapper-totalreporter-welt-drohung
- Wegener, A. & Talash, A. (2022, 20. Dezember). Jetzt spricht „18 Karat“ vor Gericht: „Es ging um den Kick, dass ich einen Songtext in die Realität umsetze“. Bild. https://www.bild.de/bild-plus/regional/ruhrgebiet/ruhrgebiet-aktuell/18-karat-wegen-drogenhandels-vor-gericht-jetzt-spricht-der-rapper-82242506.bild.html
- Wickert, C. (2017). Kriminologie und Musik: Haft und Gefängnis in der englischsprachigen Populärmusik (1954-2013). Beltz Juventa.
- Wolbring, F. (2018). “Ich bin mehr Gangster als mein Gangster-Image”. Zum Verhältnis von Gangsta-Rap und Kriminalität. Aus Politik Und Zeitgeschichte, 9.






