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Deindividuation

Kurzdefinition

Deindividuation bezeichnet einen psychologischen Zustand, in dem Menschen innerhalb einer Gruppe ihr individuelles Verantwortungsgefühl und ihre Selbstwahrnehmung teilweise verlieren. Dies kann dazu führen, dass sie Verhaltensweisen zeigen, die sie allein möglicherweise ablehnen würden.

Ausführliche Erklärung

Deindividuation bezeichnet einen psychologischen Zustand, in dem Menschen innerhalb einer Gruppe ihre individuelle Selbstwahrnehmung und ihr persönliches Verantwortungsgefühl teilweise verlieren. Die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf die Gruppe als auf die eigene Person. Dadurch sinkt häufig die Hemmschwelle für Verhaltensweisen, die außerhalb der Gruppe unterbleiben würden.

Deindividuation entsteht insbesondere in Situationen, in denen Menschen anonym handeln, starke emotionale Erregung erleben oder sich als Teil einer großen Menschenmenge verstehen. Uniformen, Maskierungen oder die räumliche Einbettung in Gruppen können diesen Prozess zusätzlich fördern. Die Verantwortung für das eigene Handeln wird dabei subjektiv auf die Gruppe verteilt, wodurch individuelles Fehlverhalten leichter gerechtfertigt werden kann.

Der Begriff wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Gustave Le Bon im Zusammenhang mit Massenphänomenen diskutiert und später durch sozialpsychologische Forschung weiterentwickelt. Besonders bekannt wurden die Arbeiten von Philip Zimbardo, der Deindividuation als einen wichtigen Erklärungsansatz für aggressives und normabweichendes Verhalten innerhalb von Gruppen verstand.

Aus soziologischer Sicht trägt Deindividuation zum Verständnis kollektiven Handelns bei. Sie erklärt, weshalb sich Menschen in Menschenmengen, Demonstrationen, Fußballstadien oder digitalen Räumen teilweise anders verhalten als im Alltag. Dabei führt Deindividuation nicht zwangsläufig zu Gewalt oder Devianz. Auch solidarisches, altruistisches oder hilfsbereites Verhalten kann durch starke Gruppenidentifikation gefördert werden. Entscheidend sind die innerhalb der Gruppe geltenden Normen.

In der Kriminologie besitzt Deindividuation insbesondere für die Erklärung von Gruppengewalt, Ausschreitungen, Hooliganismus, Lynchjustiz oder extremistischen Bewegungen Bedeutung. Sie kann dazu beitragen, dass individuelle moralische Hemmungen zurücktreten und sich Menschen an Straftaten beteiligen, die sie alleine vermutlich nicht begehen würden.

Deindividuation steht in engem Zusammenhang mit Gruppendruck, Konformität, sozialer Identität, Gruppen und sozialen Normen.

Theoriebezug

Deindividuation gehört zu den zentralen Konzepten der Sozialpsychologie und der Massenpsychologie. Besonders geprägt wurde der Begriff durch Gustave Le Bon sowie Philip Zimbardo, dessen Stanford-Prison-Experiment die Bedeutung situativer Faktoren und sozialer Rollen eindrucksvoll verdeutlichte. Das Konzept besitzt darüber hinaus wichtige Bezüge zur Sozialen-Identitäts-Theorie und zur kriminologischen Forschung über Gruppengewalt und kollektive Devianz.

Verwandte Begriffe

Genozid Gruppe Gruppendruck Konformität Rolle Rollenverhalten Situationismus Soziale Identität Soziale Normen Symbolischer Interaktionismus

Weiterführende Beiträge

Vier Spielfiguren in abgestuften Schwarz-Weiß-Tönen als Symbol für soziale Gruppen, Zugehörigkeit und Unterschiede innerhalb einer Gemeinschaft.

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Verwandte Filme und Serien

Die folgenden Filme, Serien und Dokumentationen greifen zentrale Aspekte dieses Begriffs auf und veranschaulichen sie anhand konkreter Beispiele. Sie eignen sich als anschauliche Ergänzung zu den wissenschaftlichen Erläuterungen.
Schwarzer Schlagstock als Symbol für Autorität, Macht und Gewalt im Stanford Prison Experiment.

The Stanford Prison Experiment (2015)

Spielfilm

Im Sommer 1971 führt der Psychologe Philip Zimbardo an der Stanford University ein Gefängnisexperiment mit freiwilligen Studenten durch. Aus der wissenschaftlichen Simulation entwickelt sich innerhalb weniger Tage ein eskalierendes Machtgefälle zwischen Wärtern und Gefangenen, das schließlich zum Abbruch des Experiments führt.

Brechende Meereswelle als Symbol für die Eigendynamik von Gruppendruck und kollektiver Radikalisierung in Die Welle (2008)

Die Welle (2008)

Spielfilm

Während einer Projektwoche zum Thema Autokratie startet der Lehrer Rainer Wenger ein soziales Experiment, um seinen Schülerinnen und Schülern die Funktionsweise autoritärer Herrschaft zu verdeutlichen. Aus dem zunächst harmlosen Projekt entwickelt sich innerhalb weniger Tage eine Bewegung namens „Die Welle“, die durch Gemeinschaftsgefühl, Disziplin und Ausgrenzung Außenstehender zunehmend außer Kontrolle gerät. Der Film basiert lose auf dem realen „Third-Wave-Experiment“ von Ron Jones aus dem Jahr 1967.



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Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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