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Situationismus

Kurzdefinition

Situationismus bezeichnet die Annahme, dass menschliches Verhalten wesentlich durch situative Bedingungen und soziale Kontexte geprägt wird und nicht ausschließlich auf stabile Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen ist.

Ausführliche Erklärung

Der Situationismus bezeichnet in der Sozialpsychologie die Auffassung, dass menschliches Verhalten in hohem Maße durch die jeweilige soziale Situation beeinflusst wird. Verhalten wird demnach nicht allein durch Persönlichkeit, Charakter oder individuelle Eigenschaften bestimmt, sondern entsteht im Zusammenspiel mit sozialen Rollen, institutionellen Rahmenbedingungen, räumlichen Gegebenheiten und den Erwartungen anderer Menschen.

Bekannt wurde der situationistische Ansatz insbesondere durch die Arbeiten von Philip Zimbardo und das Stanford Prison Experiment. Zimbardo argumentierte, dass Menschen unter bestimmten situativen Bedingungen Verhaltensweisen zeigen können, die sie außerhalb dieser Situation möglicherweise ablehnen würden. Ähnliche Schlussfolgerungen wurden aus dem Milgram-Experiment gezogen, das den Einfluss legitimer Autoritäten auf menschliches Handeln untersuchte. Heute gilt jedoch als weitgehend anerkannt, dass menschliches Verhalten weder ausschließlich durch Persönlichkeit noch allein durch Situationen erklärt werden kann, sondern aus dem Zusammenwirken beider Faktoren entsteht.

Für die Kriminologie besitzt der Situationismus eine weitreichende Bedeutung. Zahlreiche moderne Kriminalitätstheorien richten ihren Blick weniger auf die Frage, wer eine Straftat begeht, sondern vielmehr darauf, unter welchen Bedingungen Straftaten entstehen. Situative Faktoren wie Tatgelegenheiten, soziale Rollen, Gruppendruck, institutionelle Rahmenbedingungen oder räumliche Umgebungen können kriminelles Verhalten begünstigen oder erschweren. Der Situationismus bildet damit keine eigenständige Kriminalitätstheorie, sondern eine grundlegende Perspektive, die zahlreiche kriminologische Ansätze miteinander verbindet.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Einfluss in Theorien der situativen Kriminalprävention wie der Situational Crime Prevention, der Routine Activity Theory, der Crime Pattern Theory oder der Broken-Windows-Theorie. Aber auch Ansätze wie die General Theory of Crime, die Drift-Theorie von David Matza oder Rational-Choice-Theorien berücksichtigen die Bedeutung konkreter Handlungssituationen und Tatgelegenheiten.

Eine wichtige Brücke zwischen Sozialpsychologie und Kriminologie bildet außerdem ein Feldexperiment von Philip Zimbardo aus dem Jahr 1969. Zwei abgestellte Fahrzeuge wurden in der Bronx und im kalifornischen Palo Alto beobachtet. Während das Fahrzeug in der Bronx rasch beschädigt wurde, blieb das zweite zunächst unversehrt. Erst nachdem Zimbardo selbst einen ersten Schaden verursachte, begannen auch dort Passanten, das Fahrzeug weiter zu demolieren. Das Experiment gilt als wichtiger Vorläufer der später von James Q. Wilson und George L. Kelling entwickelten Broken-Windows-Theorie und verdeutlicht, wie situative Signale menschliches Verhalten beeinflussen können.

Theoriebezug

Der Situationismus gehört zu den zentralen Ansätzen der Sozialpsychologie. Er bildet den theoretischen Hintergrund des Stanford Prison Experiments und spielt auch bei der Interpretation des Milgram-Experiments eine wichtige Rolle. Kriminologisch ergänzt der Situationismus klassische Kriminalitätstheorien, indem er erklärt, wie institutionelle Rahmenbedingungen, Gruppenprozesse und Autoritätsverhältnisse kriminelles oder abweichendes Verhalten begünstigen können.

Verwandte Begriffe

Deindividuation Gehorsam Gruppendruck Konformität Milgram-Experiment Rollenverhalten Sozialpsychologie Stanford Prison Experiment

Weiterführende Beiträge

Hostile architecture Sitzbank mit Armlehnen als Beispiel situativer Kriminalprävention

Situational Crime Prevention (Clarke)

Die Situational Crime Prevention (situative Kriminalprävention) ist ein kriminalpräventiver Ansatz, der darauf abzielt, Kriminalität durch Veränderungen konkreter Situationen zu reduzieren. Anstatt sich primär auf die Ursachen kriminellen Verhaltens zu konzentrieren, versucht dieser Ansatz, Tatgelegenheiten zu verringern oder Straftaten weniger attraktiv…

Unbeaufsichtigtes Fahrrad als Beispiel für eine Tatgelegenheit im Routine Activity Approach.

Routine Activity Approach

Der Routine Activity Approach erklärt Kriminalität als Ergebnis bestimmter situativer Konstellationen. Nach diesem Ansatz entsteht eine Straftat dann, wenn drei Elemente gleichzeitig zusammentreffen: ein motivierter Täter, ein geeignetes Tatobjekt und das Fehlen eines wirksamen Schutzes. Der Routine Activity Approach gehört…

Crime Pattern Theory – Analyse räumlicher Kriminalitätsmuster auf einer Stadtkarte

Crime Pattern Theory (Brantingham & Brantingham)

Die Crime Pattern Theory ist eine zentrale Theorie der Environmental Criminology und erklärt, warum sich Kriminalität in bestimmten räumlichen Mustern konzentriert. Die von Paul J. Brantingham und Patricia L. Brantingham entwickelte Theorie geht davon aus, dass Straftaten nicht zufällig über…

Eine zerbrochene Fensterscheibe markiert nach der kriminologischen Broken Windows Theorie fehlende soziale Kontrolle

Broken Windows (Wilson & Kelling)

Der Broken Windows Ansatz – häufig auch als Broken Windows Theorie bezeichnet – gehört zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Konzepten der modernen Kriminologie. Die zentrale Annahme von James Q. Wilson und George L. Kelling lautet: Bereits geringe Anzeichen von…

Ein Skateboard als Symbol für Matzas Theorie der Delinquency and Drift

Delinquency and Drift (Matza)

David Matzas Werk Delinquency and Drift (1964) gehört zu den einflussreichsten Beiträgen der Kriminologie zur Erklärung jugendlicher Delinquenz. Matza wendet sich darin sowohl gegen die positive Kriminologie – etwa Lombrosos anthropologische Kriminalitätstheorie – als auch gegen die in den 1950er…

General Theory of Crime – Entscheidungssituation und Selbstkontrolle nach Gottfredson und Hirschi

General Theory of Crime (Gottfredson & Hirschi)

Die General Theory of Crime erklärt Kriminalität durch das Zusammenspiel von individuellen Eigenschaften und situativen Gelegenheiten. Im Zentrum der Theorie steht das Konzept der Selbstkontrolle. Personen mit geringer Selbstkontrolle neigen eher zu impulsivem, risikoreichem und kurzfristig belohnendem Verhalten. Treffen solche…

Schachspiel als Metapher für strategische Entscheidungen und rationales Handeln.

Rational Choice Theory

Die Rational Choice Theory in der Kriminologie erklärt Kriminalität als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Abwägungen. Eine Straftat wird wahrscheinlicher, wenn der erwartete Nutzen der Tat – etwa der Wert des Diebesguts – höher eingeschätzt wird als die möglichen Kosten, etwa das Entdeckungsrisiko,…

Polizisten stehen mit dem Rücken zur Kamera vor einer mit Graffiti bemalten Hauswand

Cop Culture (Polizei- vs. Polizistenkultur)

Die Polizei steht zunehmend im Spannungsfeld zwischen rechtsstaatlicher Verfahrensbindung und realitätsnaher Einsatzpraxis. In diesem Kontext spielt die sogenannte „Cop Culture“ – die informelle Kultur der Polizistinnen – eine zentrale Rolle: Sie prägt das berufliche Selbstverständnis, Handlungsroutinen und den Umgang mit…

Berlin, Prinz-Albrecht-Straße 8.- Geheimes Staatspolizeihauptamt (vorher Kunstgewerbemuseum, später Reichssicherheitshauptamt / RSHA)

Polizei im Nationalsozialismus

Die Polizei war eine zentrale Stütze des nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Entgegen dem lange gepflegten Mythos einer „sauberen Polizei“, die lediglich ordnungspolizeiliche Aufgaben wahrgenommen habe, zeigt die historische Forschung deutlich: Die Polizei war nicht nur Ausführungsorgan, sondern aktiver Träger nationalsozialistischer Herrschaft, Repression…

Polen, Wartheland, Aussiedlung von Polen, 1939

Beteiligung der Polizei am Vernichtungskrieg

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs radikalisierte sich die Rolle der Polizei im nationalsozialistischen Herrschaftssystem grundlegend. Polizeiliche Gewalt beschränkte sich nicht länger auf Überwachung, Verfolgung und Repression im Inneren, sondern wurde in den besetzten Gebieten zu einem zentralen Instrument systematischer…

Gewalt und Polizei

Gewalt ausgehend von Polizisten

Die Diskussion über Gewalt im Kontext polizeilichen Handelns ist vielschichtig. Während Gewalthandlungen gegen Polizeibeamt*innen statistisch erfasst und öffentlich breit thematisiert werden, bleibt die Perspektive auf unrechtmäßige Gewaltanwendung durch die Polizei oftmals unterbelichtet. Der folgende Beitrag beleuchtet dieses Phänomen, das sich…

Verwandte Filme und Serien

Die folgenden Filme, Serien und Dokumentationen greifen zentrale Aspekte dieses Begriffs auf und veranschaulichen sie anhand konkreter Beispiele. Sie eignen sich als anschauliche Ergänzung zu den wissenschaftlichen Erläuterungen.
Stark verspiegelte Piloten-Sonnenbrille als Symbol für Autorität, Rollenverhalten und Macht in Das Experiment (2001).

Das Experiment (2001)

Spielfilm

Eine Gruppe freiwilliger Teilnehmer nimmt an einem wissenschaftlichen Gefängnisexperiment teil. Aus der Simulation eines Strafvollzugs entwickelt sich innerhalb weniger Tage ein eskalierendes Macht- und Gewaltverhältnis zwischen Wärtern und Gefangenen, das die Grenzen zwischen Rolle und Realität zunehmend verschwimmen lässt.

Schwarzer Schlagstock als Symbol für Autorität, Macht und Gewalt im Stanford Prison Experiment.

The Stanford Prison Experiment (2015)

Spielfilm

Im Sommer 1971 führt der Psychologe Philip Zimbardo an der Stanford University ein Gefängnisexperiment mit freiwilligen Studenten durch. Aus der wissenschaftlichen Simulation entwickelt sich innerhalb weniger Tage ein eskalierendes Machtgefälle zwischen Wärtern und Gefangenen, das schließlich zum Abbruch des Experiments führt.

Brechende Meereswelle als Symbol für die Eigendynamik von Gruppendruck und kollektiver Radikalisierung in Die Welle (2008)

Die Welle (2008)

Spielfilm

Während einer Projektwoche zum Thema Autokratie startet der Lehrer Rainer Wenger ein soziales Experiment, um seinen Schülerinnen und Schülern die Funktionsweise autoritärer Herrschaft zu verdeutlichen. Aus dem zunächst harmlosen Projekt entwickelt sich innerhalb weniger Tage eine Bewegung namens „Die Welle“, die durch Gemeinschaftsgefühl, Disziplin und Ausgrenzung Außenstehender zunehmend außer Kontrolle gerät. Der Film basiert lose auf dem realen „Third-Wave-Experiment“ von Ron Jones aus dem Jahr 1967.

The Act of Killing

Dokumentation


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Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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