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Soziologie der Gruppe

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2026 | Veröffentlicht: 20. Dezember 2017 von Christian Wickert

Was ist eine soziale GruppeEine Gruppe ist eine soziale Einheit von mindestens zwei bzw. drei Personen, die durch gemeinsame Interaktionen, Ziele oder Zugehörigkeitsgefühle verbunden sind.? Der Beitrag erklärt Definition, Gruppentypen, Dynamiken wie Konformität und Groupthink sowie die Bedeutung von Gruppen in Soziologie und Polizeipraxis.

Der Mensch ist ein soziales Wesen – er wird in Gruppen geboren, lebt in Gruppen und handelt im Kontext gruppenbezogener Erwartungen. Gruppen sind nicht nur Orte des Miteinanders, sondern auch soziale Strukturen, in denen Normen vermittelt, stabilisiert und durchgesetzt, Rollen verteilt, Zugehörigkeit erzeugt und soziale Grenzen gezogen werden.

Für die Soziologie bilden sie eine zentrale Analyseeinheit, da sich in ihnen das Verhältnis von Individuum und GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. exemplarisch beobachten lässt. Zugleich wird in Gruppen sichtbar, wie soziales Handeln, Normen und Rollen konkret wirksam werden.

Gruppen prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Sie ermöglichen soziale Bindung, Identitätsbildung und Unterstützung – aber auch Ausgrenzung, Anpassungsdruck und Konflikte. In der Polizeipraxis zeigt sich dies etwa im Umgang mit Jugendgruppen, in der Dynamik von Großlagen oder in der Funktionsweise informeller Strukturen innerhalb der OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen. selbst. Eine grundlegende Einführung in zentrale Fragestellungen des Fachs bietet der Beitrag Was ist Soziologie?.

Inhaltsverzeichnis

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  • Was ist eine soziale Gruppe?
    • Vom Aggregat zur Gruppe – ein Beispiel
  • Gruppentypen
    • Primär- und Sekundärgruppen
    • Formelle und informelle Gruppen
    • Klein- und Großgruppen
    • Masse und Crowd
    • Alltagsbegriffe auf dem Prüfstand
  • Klassische Theorien der Gruppensoziologie
    • Ferdinand Tönnies – Gemeinschaft und Gesellschaft
    • Georg Simmel – Gruppengröße und Struktur
  • Gruppendynamik und Sozialpsychologie
    • Henri Tajfel & John Turner – Social Identity Theory
    • Solomon Asch – Konformitätsexperimente
    • Irving Janis – Groupthink
  • Gruppen und Devianz
    • Frederic Thrasher – Gangs als funktionale Gruppen
    • Norbert Elias & John L. Scotson – Etablierte und Außenseiter
  • Gruppen in der Polizeipraxis
    • Merksätze zur Soziologie der Gruppe
  • Literatur

Was ist eine soziale Gruppe?

Eine soziale Gruppe ist mehr als eine bloße Ansammlung von Menschen. Sie ist ein sozialer Verband, dessen Mitglieder über einen gewissen Zeitraum in einem interaktionsbasierten Beziehungsgefüge zueinander stehen, ein Wir-Gefühl entwickeln und gemeinsame Ziele, Interessen oder Erwartungen ausbilden.

Genau hier liegt ein wichtiger begrifflicher Punkt: Nicht jede Gruppe von Menschen ist bereits eine soziale Gruppe. Mehrere Personen an einer Bushaltestelle, im Einkaufszentrum oder in einem Zugabteil bilden zunächst nur ein soziales Aggregat. Erst wenn InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten., Orientierung aneinander und ein gemeinsamer Handlungszusammenhang entstehen, spricht die Soziologie von einer sozialen Gruppe.

Nach Schäfers (2011) ist eine soziale Gruppe insbesondere durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • eine begrenzte Zahl von Mitgliedern (überschaubarer Interaktionsrahmen),
  • ein gemeinsames Ziel oder ein geteiltes Interesse,
  • eine gewisse Stabilität über die Zeit,
  • gegenseitige Erwartungen und Interaktionen,
  • ein Wir-Bewusstsein bzw. eine Gruppenidentität.
BegriffBeschreibungBeispiel
GruppeInteraktive GemeinschaftEine Gemeinschaft ist eine Form des sozialen Zusammenlebens, die sich durch enge persönliche Bindungen, emotionale Nähe und ein starkes Wir-Gefühl auszeichnet. Der Begriff wurde maßgeblich durch Ferdinand Tönnies geprägt, der ihn als Gegensatz zur Gesellschaft verstand. mit Wir-GefühlSportmannschaft, Freundeskreis
KategorieÄhnlichkeit durch Merkmal, ohne Interaktion„Jugendliche“, „Erwerbslose“
AggregatRäumlich zufällige AnsammlungPersonen in der Straßenbahn
Statistische GruppeAnalytische Klassifikation ohne soziale Beziehung„Alle über 65-Jährigen“

Vom Aggregat zur Gruppe – ein Beispiel

Mehrere Personen warten an einer Bushaltestelle. Sie kennen einander nicht, sprechen nicht miteinander und verfolgen kein gemeinsames Ziel außer der zufälligen Gleichzeitigkeit des Wartens – es handelt sich um ein soziales Aggregat.

Plötzlich steigt Rauch aus einem Mülleimer auf – es brennt. Die Wartenden reagieren: Jemand fragt, ob jemand Wasser hat, eine andere Person ruft die Feuerwehr, eine dritte warnt Passant:innen. Innerhalb weniger Augenblicke entsteht ein gemeinsames Ziel, es wird kommuniziert, koordiniert und aufeinander bezogen gehandelt. Aus dem Aggregat ist eine temporäre soziale Gruppe geworden.

Ist das Feuer gelöscht und der Bus kommt, zerfällt diese Handlungsgruppe wieder. Aus der kurzzeitigen Gruppe wird erneut ein anonymes Aggregat.

Gruppentypen

Primär- und Sekundärgruppen

  • Primärgruppen: intime, emotionale und relativ dauerhafte Beziehungen, etwa in Familie, enger Freundschaft oder Nachbarschaft; meist kleine Gruppen mit unmittelbarer Face-to-Face-KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren..

„jene Kleingruppen, denen Menschen zur Vermittlung primärer Sozialkontakte und zur Herausbildung ihres (sozialen) Ich angehören; sie bieten über die Phase der primären SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität. und sozialen Integration hinaus eine kontinuierliche Möglichkeit der Identitätsbehauptung, der intimen und spontanen Sozialbeziehungen und der Entlastung von den Anforderungen sekundärer Gruppen“ (Schäfers, 1980: 72)

  • Sekundärgruppen: stärker sachlich, zweckgerichtet und funktional organisiert, z. B. Schulklasse, Verein, Dienstgruppe oder Arbeitsorganisation; die Bindung ist meist schwächer und die Mitgliedschaft prinzipiell kündbar.

Diese Unterscheidung ist anschlussfähig an die Beiträge zu Sozialisation und sozialen Rollen, da gerade Primärgruppen wichtige Sozialisationsleistungen übernehmen, während Sekundärgruppen stärker durch formalisierte Rollenerwartungen geprägt sind.

Formelle und informelle Gruppen

  • Formelle Gruppen: durch Zweckcharakter, planvolle Zielerreichung, arbeitsteilige Organisation und spezialisierte Rollen geprägt; neue Mitglieder werden nach benötigten Qualifikationen ausgewählt; typisch für professionelle und institutionelle Kontexte.
  • Informelle Gruppen: entstehen häufig innerhalb formeller Gruppen auf Grundlage von Sympathie, Vertrauen oder geteilten Erfahrungen; sie fördern Kohäsion und Binnenklima, können aber auch offizielle Kommunikationswege unterlaufen (z. B. „kurzer Dienstweg“, „Flurfunk“).

Klein- und Großgruppen

  • Kleingruppen ermöglichen direkte Kommunikation und unmittelbare Interaktion. In der Regel reicht ihre Größe von mindestens drei Personen bis zu etwa 15 Mitgliedern.
  • Großgruppen beginnen ab etwa 16 Mitgliedern. Sie sind durch gemeinsame Ziele, Werte und NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten., interne Rollenstrukturen, hierarchische Organisation und begrenzte direkte Interaktion aller Mitglieder untereinander gekennzeichnet.

Die Unterscheidung erinnert daran, dass Gruppengröße nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Frage ist: Mit wachsender Größe verändern sich Kommunikationswege, Nähe, KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. und Machtverhältnisse.

Masse und Crowd

Die Masse tritt in der Soziologie als besonderer kollektiver Akteur in Erscheinung. Im Unterschied zu klassischen Gruppenformen ist sie häufig flüchtig, wenig strukturiert und in ihrer Zusammensetzung wechselhaft. Gleichwohl kommt ihr eine hohe symbolische und emotionale Bedeutung zu – etwa bei Demonstrationen, Großveranstaltungen oder kollektiven Ausnahmezuständen.

Alltagssprachlich ist die Masse oft negativ konnotiert, etwa als „Pöbel“ oder „Mob“. Dahinter steht die Vorstellung, dass sich in der Masse individuelle Kontrolle und Rationalität auflösen. Aus soziologischer Perspektive ist jedoch zu betonen, dass auch massenhaftes Handeln nicht chaotisch sein muss, sondern in sozialen Mustern verläuft. In Situationen von Unsicherheit orientieren sich Menschen häufig zunächst am Verhalten anderer. Diese Orientierung kann Handlungssicherheit erzeugen, aber auch emotionale Ansteckung, Konformitätsdruck und Eskalationsdynamiken begünstigen.

Gerade im Kontext von sozialem Handeln wird sichtbar, dass kollektive Situationen nie rein individuell zu verstehen sind: Menschen beobachten, interpretieren und imitieren einander. Die Masse ist deshalb kein irrationales Gegenstück zur Gruppe, sondern ein besonderer Fall kollektiver Vergesellschaftung.

Alltagsbegriffe auf dem Prüfstand

Begriffe wie Hochzeitsgesellschaft, Polizeifamilie, Glaubensgemeinschaft, Online-Community oder Fangemeinde klingen nach starker sozialer Bindung – erfüllen aber nicht immer die Kriterien einer sozialen Gruppe im soziologischen SinnBedeutung, Orientierung oder Zweck, den Menschen Handlungen, Erfahrungen oder der Welt zuschreiben..

  • Hochzeitsgesellschaft: meist eher ein Aggregat oder eine situative Vergemeinschaftung
  • Polizeifamilie: Symbol für Kohäsion, aber Teil einer formal organisierten InstitutionInstitutionen sind dauerhaft verfestigte soziale Regelwerke und Organisationen, die gesellschaftlich relevantes Handeln strukturieren, stabilisieren und legitimieren.
  • Glaubensgemeinschaft: Mischung aus Gruppe, Organisation und gemeinsamer Weltanschauung
  • Online-Community: oft eher symbolische Zugehörigkeit als stabile Interaktionsgruppe
  • Fangemeinde: starke emotionale Bindung, aber nicht zwingend direkte Interaktion

Die Soziologie fragt daher nicht nur, wer sich zugehörig fühlt, sondern auch, wie Interaktion, Normen, Rollen und Erwartungen konkret organisiert sind.

Klassische Theorien der Gruppensoziologie

Ferdinand Tönnies – Gemeinschaft und Gesellschaft

Tönnies unterscheidet in seinem klassischen Werk Gemeinschaft und Gesellschaft zwei Grundformen sozialer Vergesellschaftung:

  • Gemeinschaft: Beziehungen beruhen auf Nähe, Vertrauen, emotionaler Bindung und Zugehörigkeitsgefühl; Beispiele sind FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden., Nachbarschaft oder Freundeskreis.
  • Gesellschaft: Beziehungen sind rational, zweckgerichtet und formalisiert; Beispiele sind Unternehmen, Verwaltungen oder Marktbeziehungen.

Die Unterscheidung ist für die Gruppensoziologie anschlussfähig, weil sich viele Gruppen zwischen diesen Polen einordnen lassen: Primärgruppen ähneln eher gemeinschaftlichen Beziehungen, Sekundärgruppen eher gesellschaftlichen.

Weiterführend:
Ferdinand Tönnies – Gemeinschaft und Gesellschaft (1887)

Georg Simmel – Gruppengröße und StrukturStruktur bezeichnet das relativ stabile Gefüge von Beziehungen, Regeln und Positionen, das soziale Prozesse, Handlungen und Bedeutungen ordnet.

Georg Simmel analysierte, wie sich soziale Beziehungen mit der Gruppengröße verändern. Besonders bekannt ist seine Unterscheidung zwischen Dyade und Triade:

  • Dyade (2 Personen): maximale Nähe, aber auch hohe Fragilität
  • Triade (3 Personen): neue Möglichkeiten von Koalition, Vermittlung, MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen. und Kontrolle

Mit zunehmender Gruppengröße wachsen Formalität, Differenzierung und soziale Distanz. Im engeren soziologischen Sinne setzt die Gruppe daher häufig erst mit mindestens drei Personen ein.

Dyade und Triade
Georg Simmels Unterscheidung von Dyade und Triade. In der Dyade sind nur zwei direkte Interaktionen möglich. Mit der Einführung einer dritten Person entstehen neue Interaktionsmöglichkeiten – etwa Koalitionen, Vermittlung oder Dominanz. Die Gruppendynamik wird komplexer und instabiler.

Gruppendynamik und Sozialpsychologie

Henri Tajfel & John Turner – Social Identity Theory

Die Soziale-Identitätstheorie von Henri Tajfel und John Turner erklärt, wie Gruppenzugehörigkeit das Selbstbild, die Wahrnehmung anderer und das Verhalten innerhalb wie zwischen Gruppen beeinflusst. Menschen definieren sich nicht nur über persönliche Eigenschaften, sondern auch über ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen – etwa zu Nationen, Religionen, Subkulturen oder Berufsgruppen.

Dabei entsteht eine kognitive Unterscheidung zwischen Ingroup und Outgroup. Die eigene Gruppe wird tendenziell aufgewertet, andere Gruppen eher stereotypisiert oder abgewertet. Diese Theorie ist anschlussfähig an Beiträge zu sozialer Ungleichheit, Migration und Integration sowie Segregation.

Solomon Asch – Konformitätsexperimente

Solomon Asch zeigte in seinen berühmten Experimenten, dass Menschen ihre Meinung häufig anpassen, wenn eine Gruppe geschlossen widerspricht – selbst dann, wenn die Gruppenaussage offensichtlich falsch ist. Diese soziale Konformität ist ein zentrales gruppendynamisches Phänomen. Sie erklärt Peer Pressure bei Jugendlichen ebenso wie Anpassungsdruck in Organisationen oder den „Code of SilenceDer Code of Silence ist eine informelle Regel, nach der Gruppenmitglieder gegenüber Außenstehenden – insbesondere Polizei oder Justiz – keine Informationen preisgeben.“ innerhalb institutioneller Milieus.

Damit ist Asch unmittelbar anschlussfähig an die Themen Normen, Rollenerwartungen und Sozialisation.

Irving Janis – Groupthink

Irving Janis beschrieb mit dem Begriff Groupthink eine Denkverzerrung, die in stark kohäsiven Gruppen auftreten kann. Wenn der Gruppenzusammenhalt übermächtig wird, kommt es zu Selbstzensur, Abwertung abweichender Meinungen, Illusionen der Unfehlbarkeit und am Ende zu kollektiven Fehlentscheidungen.

Groupthink kann in politischen Führungskreisen, Krisenstäben oder Einsatzbesprechungen auftreten. Kritisches Denken wird unterdrückt, um Konsens zu sichern – mit teilweise erheblichen Folgen für Planung, Risikoabwägung und Verantwortungsübernahme.

Typische Symptome von Groupthink:

  • Illusion von Unverletzlichkeit („Wir können nicht scheitern“)
  • Selbstzensur abweichender Meinungen
  • Abwertung externer Kritik
  • Mangel an Alternativen in der Entscheidungsfindung

Gruppen und Devianz

Frederic Thrasher – Gangs als funktionale Gruppen

Frederic Thrasher untersuchte in seiner Studie The Gang Jugendgangs in Chicago nicht nur als Bedrohung, sondern als funktionale Gruppen. In sozial desorganisierten Stadtvierteln boten sie Jugendlichen Zugehörigkeit, IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt. und Orientierung. Sie entwickelten eigene Normen, Rituale, Territorien und Hierarchien – und bildeten so eine alternative soziale Ordnung.

Thrasher zeigte, dass Gangs häufig dort entstehen, wo traditionelle Sozialstrukturen schwach sind oder versagen – etwa unter Bedingungen von Armut, Migration, DiskriminierungDiskriminierung beschreibt die Benachteiligung oder Herabsetzung von Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sozialem Status. oder staatlicher Vernachlässigung. Damit ist seine Perspektive bis heute für Subkulturtheorien und die Analyse gruppenbezogener Devianz relevant.

Norbert Elias & John L. Scotson – Etablierte und Außenseiter

In ihrer klassischen Studie The Established and the Outsiders analysierten Elias und Scotson, wie soziale Gruppen durch Zugehörigkeit, gemeinsame Geschichte und Deutungsmacht andere Gruppen ausgrenzen. Die Etablierten definieren, was als normal, respektabel oder deviant gilt; die Außenseiter werden stigmatisiert, entwertet und sozial auf Distanz gehalten.

Dieses Modell ist bis heute anschlussfähig – etwa für Debatten um Segregation, StigmatisierungZuschreibung und gesellschaftliche Fixierung negativer Merkmale an Einzelpersonen oder Gruppen, die zu sozialer Abwertung und Ausschluss führen. prekarisierter Gruppen oder Konflikte in Organisationen und Behörden.

Weiterführend:
Norbert Elias & John L. Scotson – Etablierte und Außenseiter (1965)

Gruppen in der Polizeipraxis

Gruppen spielen auch im polizeilichen Kontext eine zentrale Rolle – sowohl im Gegenüber von PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. und Bevölkerung als auch innerhalb der Organisation selbst. Dabei wirken gruppenspezifische Dynamiken auf verschiedenen Ebenen: auf der Straße, in Einsatzlagen, in Dienstgruppen und zunehmend auch im digitalen Raum.

Jugendgruppen zeichnen sich häufig durch enge Peer-Bindungen, Gruppenzwang und eigene Statusordnungen aus. DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. ist hier oft kein rein individuelles, sondern ein gruppendynamisches Phänomen – etwa im Sinne von Loyalitätsbeweisen, Statusgewinn oder Abgrenzung zur Erwachsenenwelt.

Auch in Demonstrationslagen oder bei Großveranstaltungen ist Gruppenverhalten zentral. Emotionale Ansteckung, symbolische Mobilisierung, situative Eskalationsdynamiken und Massenverhalten müssen sozial interpretiert werden. Crowd Control ist daher nicht nur eine Frage physischer Präsenz, sondern auch eine der Deeskalation und gruppensoziologischen Sensibilität.

Nicht zu unterschätzen ist zudem das gruppendynamische Geschehen innerhalb der Polizei selbst. Dienstgruppen entwickeln häufig eigene Binnenmilieus, Sprachcodes und Loyalitätsmechanismen. Diese informellen Strukturen können kollektive Handlungssicherheit fördern, aber auch problematische Routinen stabilisieren. Der Begriff Cop CultureCop Culture beschreibt die spezifische Subkultur innerhalb der Polizei, die sich durch ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, Misstrauen gegenüber Außenstehenden und einen Hang zu Autorität und Kontrolle auszeichnet. bezeichnet genau diese informelle Berufskultur, die sich in Teilen von der offiziellen Polizeidoktrin abkoppeln kann.

Weiterführend:
Cop Culture – Polizei vs. Polizistenkultur

Hinzu kommen digitale Gruppenformationen über Messenger-Dienste, Foren und Plattformen wie Telegram oder WhatsApp. Hier entstehen neue Gruppentypen mit hoher Mobilisierungsfähigkeit, aber oft ohne formale Struktur oder sichtbare Führung. Für die Polizei ergibt sich daraus die doppelte Herausforderung, solche Gruppendynamiken zu erkennen und zugleich das eigene Handeln so zu gestalten, dass es Eskalationen nicht unbeabsichtigt verstärkt.

Merksätze zur Soziologie der Gruppe

  • Eine soziale Gruppe basiert auf Interaktion, gemeinsamen Zielen und einem Wir-Gefühl.
  • Nicht jede Ansammlung von Menschen ist bereits eine soziale Gruppe.
  • Primär- und Sekundärgruppen unterscheiden sich vor allem durch Nähe, Dauer und Zweck.
  • Konformität, Groupthink und soziale Identität sind zentrale Dynamiken im Gruppengeschehen.
  • Auch Massen oder digitale Communities können gruppenähnliche Muster ausbilden – mit Chancen und Risiken.
  • Gruppen prägen polizeiliches Handeln – innerhalb wie außerhalb der Organisation.

Literatur

  • Cooley, C. H. (1909). Social Organization.
  • Elias, N., & Scotson, J. L. (1965). Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Janis, I. L. (1972). Victims of Groupthink.
  • Schäfers, B. (Hrsg.) (2011). Grundbegriffe der Soziologie (7. Aufl.). Leske + Budrich.
  • Simmel, G. (1908). Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung.
  • Tajfel, H., & Turner, J. C. (1986). The Social Identity Theory of Intergroup Behavior.
  • Thrasher, F. (1927). The Gang. A Study of 1,313 Gangs in Chicago.

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Kategorie: Allgemeine Soziologie Tags: Cop Culture, Crowd, Devianz, Groupthink, Gruppendynamik, Konformität, Masse, Normen und Werte, Primärgruppe, Sekundärgruppe, soziale Gruppe, Soziale Identität, Soziale Rollen, Soziologie der Gruppe, Subkultur

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