The Exclusive Society: Social Exclusion, Crime and Difference in Late Modernity (1999) ist ein Schlüsselwerk der spätmodernen Kriminologie des britischen Soziologen und Kriminologen Jock Young. In diesem einflussreichen Buch verknüpft Young steigende Kriminalitätsraten und moralische Paniken mit sozialen Ausschlussprozessen, Unsicherheit und Ungleichheit in fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften. Das Werk gilt als grundlegender Beitrag zur Soziologie der Spätmoderne und als Meilenstein der kulturellen und kritischen Kriminologie.
Merkzettel
Jock Young – The Exclusive Society

Jock Young
Autor: Jock Young (1942–2013)
Erstveröffentlichung: 1999
Land: Vereinigtes Königreich
Zentrale These: Young analysiert, wie spätmoderne Gesellschaften durch zunehmende Ungleichheit, Konsumdruck und punitive Politik soziale Unsicherheit und Ausschluss erzeugen. Kriminalität wird dabei zum Ausdruck tiefer liegender gesellschaftlicher Spannungen.
Relevanz für: Kulturelle und kritische Kriminologie, insbesondere Theorien zu sozialem Ausschluss, moralischen Paniken sowie zur Rolle von Medien, Angst und Kontrolle. Enge Bezüge bestehen zu Stuart Hall, Jeff Ferrell und dem linken Realismus.
Zentrale Argumente
1. Sozialer Ausschluss als Ursache von Kriminalität:
Young argumentiert, dass die Zunahme von Kriminalität und Unsicherheit in der Spätmoderne als direkte Folge wachsender sozialer Ausgrenzung zu verstehen ist. Anders als in der Nachkriegszeit, die von Integration und sozialem Aufstieg geprägt war, herrscht heute Fragmentierung und Marginalisierung. Besonders junge, arme und ethnisierte Bevölkerungsgruppen werden an den Rand gedrängt – ohne Zugang zu stabiler Arbeit, Wohnraum oder gesellschaftlicher Anerkennung. Kriminalität erscheint hier als Reaktion auf strukturelle Entfremdung und Ausschluss.
2. Die „bulimische Gesellschaft“:
Young nutzt die Metapher einer „bulimischen Gesellschaft“, um die Widersprüche des Konsumkapitalismus zu beschreiben. Diese Gesellschaft bombardiert ihre Mitglieder mit Bildern von Reichtum und Erfolg, schließt jedoch große Teile von deren tatsächlicher Teilhabe aus. Ähnlich wie bei der Bulimie folgt auf das „Fressen“ ein „Ausstoßen“: Die moderne Konsumgesellschaft weckt Begierden, die sie selbst nicht einlöst – was Frustration, Demütigung und deviante Reaktionen provoziert.
3. Kriminalität als Kommunikationsform:
Kriminalität ist für Young nicht nur Ausdruck von Mangel oder Pathologie, sondern eine symbolische Handlung. Vandalismus, Bandenkriminalität oder Diebstahl dienen der Statusgewinnung, Identitätsbehauptung oder dem Widerstand gegen Marginalisierung. Deviante Handlungen machen so auf die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Idealen und tatsächlichen Lebensrealitäten aufmerksam – und werden zu Ausdrucksformen in einer entfremdeten Welt.
4. Moralische Paniken und die Politik der Unsicherheit:
Young zeigt auf, wie Politik und Medien durch moralische Paniken gezielt Ängste schüren – etwa gegenüber Migrant:innen oder Jugendlichen. Diese Paniken legitimieren Repression, verschleiern aber die wahren sozialen Ursachen von Unsicherheit. Die Folge ist ein Teufelskreis aus Ausschluss, Kriminalität, Angst und Kontrolle.
Verbindungen zu anderen Theorien
Left Realism:
Young war Mitbegründer des linken Realismus, der bereits in The New Criminology (1973) und What is to be Done About Law and Order? (1984) angelegt wurde. The Exclusive Society erweitert diese Perspektive um kulturelle und emotionale Dimensionen von Ausschluss und stellt damit eine Brücke zur Cultural Criminology dar.
Cultural Criminology:
Youngs Sichtweise, Kriminalität als symbolische Handlung und Identitätsperformance zu verstehen, beeinflusste maßgeblich die Entstehung der Cultural Criminology. Diese Perspektive – später systematisiert von Ferrell, Hayward und Young – analysiert Kriminalität im kulturellen, emotionalen und ästhetischen Kontext.
Spätmoderne und Risikogesellschaft:
Youngs Analyse reiht sich ein in die Diagnosen anderer Gesellschaftstheoretiker wie Ulrich Beck und Zygmunt Bauman. Sein Werk ist ein zentraler Beitrag zur Soziologie der Spätmoderne.
Jock Youngs Trilogie der Spätmoderne
Jock Youngs späte Werke lassen sich als Trilogie verstehen, die die sozialen, kulturellen und kriminologischen Folgen der Spätmoderne analysiert:
- The Exclusive Society (1999): Thematisiert sozialen Ausschluss, Unsicherheit und punitiven Strafvollzug.
- The Vertigo of Late Modernity (2007): Beschreibt moralische Desorientierung, Identitätskrisen und soziale Überforderung.
- The Criminological Imagination (2011): Fordert eine erneuerte, gesellschaftlich eingebettete Kriminologie.
Gemeinsam liefern die Werke eine kritische Zeitdiagnose und ein Plädoyer für eine engagierte, soziologisch fundierte Kriminologie.
Kritik und Rezeption
The Exclusive Society gilt als Meilenstein der kritischen Kriminologie. Die Verbindung von ökonomischer, kultureller und emotionaler Analyse wurde vielfach gelobt. Kritisch wurde angemerkt, dass Youngs theoretischer Anspruch zuweilen zulasten der empirischen Fundierung gehe. Dennoch bleibt die zentrale Botschaft des Werks – dass Kriminalität nicht von ihren gesellschaftlichen Ursachen getrennt betrachtet werden darf – hoch aktuell.
Literatur
- Young, J. (1999). The Exclusive Society: Social Exclusion, Crime and Difference in Late Modernity. London: SAGE.
- Garland, D. (2001). The Culture of Control. Oxford: Oxford University Press.
- Ferrell, J., Hayward, K., & Young, J. (2008). Cultural Criminology: An Invitation. London: SAGE.
- Beck, U. (1986). Risikogesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.