Grundgedanke der AnomietheorieDie Anomietheorie beschreibt gesellschaftliche Zustände, in denen normative Orientierungen und soziale Regeln ihre Verbindlichkeit verlieren, was zu einem Anstieg von abweichendem Verhalten und Kriminalität führen kann. nach Robert K. Merton ist, dass die meisten Menschen nach kulturell anerkannten Zielen streben. Ein Zustand der Anomie entsteht demnach, wenn der Zugang zu diesen Zielen für ganze Gruppen oder Individuen versperrt bleibt. Die Folge ist abweichendes Verhalten, das durch Rebellion, Rückzug, Ritualismus, Innovation und/oder Konformität gekennzeichnet ist. KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. entsteht insbesondere in der Anpassungsform der Innovation, bei der gesellschaftliche Ziele akzeptiert, aber illegitime Mittel zu ihrer Erreichung genutzt werden.
Merkzettel
Anomietheorie nach Merton
Hauptvertreter: Robert King Merton
Erstveröffentlichung: 1938/ 1949
Land: USA
Idee/ Annahme: Kriminalität ist die Folge einer Diskrepanz zwischen kulturell anerkannten Zielen und der Verfügbarkeit legitimer Mittel zur Zielerreichung.
Grundlage für:
Die Anomietheorie nach Robert K. Merton
Mertons Anomietheorie wurde erstmals 1938 veröffentlicht. Größere Bekanntheit erlangte sie jedoch erst durch die erweiterte Darstellung im Werk Social Theory and Social Structure (1949). Merton verfeinert die Ausführungen von Durkheim, indem er die fehlenden gesellschaftlichen Regeln, die zu AnomieZustand der Normlosigkeit, in dem gesellschaftliche Normen und Werte ihre regulierende Wirkung verlieren. führen, beschreibt und die Verknüpfung dieser mit dem Aspekt der Wert-Mittel-Diskrepanz durchführt. Anomische Bedingungen werden hier nicht mehr in der Kluft zwischen Bedürfnislage und Befriedigungsmöglichkeiten, sondern in der Diskrepanz zwischen Zielen und Mittel gesehen.
Hauptannahme

Kriminalität entsteht aus der Diskrepanz zwischen den als legitim anerkannten Zielen der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. und den eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten zu den Mitteln, die zur Erreichung dieser Ziele erforderlich sind. Diese Diskrepanz zwischen Zielen und Mitteln ist schichtspezifisch unterschiedlich ausgeprägt, aber in allen Schichten möglich. Die Diskrepanz führt zur Orientierungslosigkeit des Individuums, zu psychischen Belastungen und sozialen Konflikten. Im Mittelpunkt des Interesses steht nicht die Abweichung einzelner Individuen (Mikroebene), sondern die Suche nach Erklärungen für die unterschiedlichen Diskrepanzraten verschiedener Gesellschaften und Gruppen. (Betrachtung: Makroebene)
Anpassungsreaktionen
Um mit diesem Druck umzugehen, greifen Individuen auf eines der folgenden fünf Anpassungsmuster zurück:
- Konformität
Akzeptanz kultureller Ziele und Anpassung an sozialen Wandel - Innovation
Akzeptanz kultureller Ziele, Nichtanerkennung legaler Mittel zur Erreichung der Ziele. - Ritualismus
Herunterschrauben / Aufgabe der kulturellen Ziele und Beibehaltung legaler Mittel zur Erreichung dieser. - Rückzug
Ablehnung kultureller Ziele und legaler Mittel - Rebellion
Bekämpfung der Ziele sowie der Mittel mit dem Ziel, soziale Strukturen zu verändern.
Die fünf Anpassungstypen beschreiben unterschiedliche Reaktionsweisen auf die Diskrepanz zwischen kulturellen Zielen und legitimen Mitteln. Nicht alle dieser Anpassungsformen führen zwangsläufig zu Kriminalität. Während Konformität und Ritualismus in der Regel normkonformes Verhalten darstellen, können insbesondere Innovation, Rückzug und Rebellion mit verschiedenen Formen von DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. verbunden sein.
Die Anpassungsform der Innovation gilt in der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. als besonders relevant für die Erklärung von Eigentums- und Vermögensdelikten, etwa Diebstahl, Betrug oder Einbruch. Merton nimmt an, dass der Druck zur Innovation insbesondere in sozialen Gruppen entsteht, deren Zugang zu legitimen Mitteln strukturell eingeschränkt ist.
Auch die Anpassungsformen Rückzug und Rebellion können mit Devianz verbunden sein. Rückzug wird häufig mit Alkoholabhängigkeit, Drogenkonsum oder sozialer Isolation in Verbindung gebracht. Rebellion beschreibt den Versuch, bestehende gesellschaftliche Ziele und Mittel durch neue Werte und NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. zu ersetzen und kann sich beispielsweise in politischen Protestbewegungen, radikalen sozialen Bewegungen oder revolutionären Bestrebungen äußern. Im Zentrum der kriminologischen Rezeption steht jedoch vor allem die Anpassungsform der Innovation.
Die unterschiedlichen Anpassungsreaktionen und die Zustimmung/ Verfügbarkeit (+) bzw. Ablehnung (-) von kulturellen Zielen und institutionalisierten Mitteln lässt sich in folgender tabellarischen Übersicht darstellen:
| Arten der Anpassung | Kulturelle Ziele | Institutionalisierte Mittel |
|---|---|---|
| Konformität | + | + |
| Innovation | + | - |
| Ritualismus | - | + |
| Rückzug | - | - |
| Rebellion | (+/-) | (+/-) |
Kritische Würdigung & Aktualitätsbezug
Mertons Theorie konzentriert sich vor allem auf instrumentelle Formen der Devianz. Menschen werden kriminell, weil sie keine Alternativen haben. In diesem Zusammenhang erklärt Merton Vermögensdelikte wie Raub oder Einbruch, nicht aber Mord oder VergewaltigungVergewaltigung bezeichnet eine besonders schwere Form sexueller Gewalt, bei der sexuelle Handlungen gegen den erkennbaren Willen einer Person vorgenommen werden.. Mit dem Mangel an Zugangsmöglichkeiten zu legitimen Mitteln zur Zielerreichung erklärt Merton Kriminalität nur in der Unterschicht, da davon auszugehen ist, dass die Mittel- und Oberschicht über diese Mittel verfügen. Die Zugangsmöglichkeiten zu illegitimen Mitteln werden nicht betrachtet. Darüber hinaus bleibt Merton die Antwort auf die Frage schuldig, warum Menschen in belastenden Situationen so unterschiedlich reagieren. – Warum wird jemand zum Ritualisten oder zum Innovator? Außerdem wird keine präzise Begriffsklärung vorgenommen. Der Begriff ‚kulturelle Ziele‘ wird nur unzureichend beschrieben.
Zudem betrachtet Merton den Übergang von konformem zu kriminellem Verhalten als „Sprung“ und nicht als Prozess, ohne dass diese „kriminelle Karriere“ näher erläutert wird.
Aus heutiger Sicht muss zudem das homogene Gesellschaftsbild, von dem Merton ausgeht, als nur bedingt zeitgemäß kritisiert werden. Merton schreibt
It is only when a system of cultural values extols, virtually above all else, certain common symbols of success for the population at large while its social structure rigorously restricts or completely eliminates access to approved modes of acquiring these symbols for a considerable part of the same population, that antisocial behavior ensues on a considerable scale. In other words, our egalitarian ideology denies by implication the existence of noncompeting groups and individuals in the pursuit of pecuniary success.
(Merton, 1938, S. 680)
Die hier angesprochene „egalitarian ideology“, d.h. das gleichförmige Streben nach dem Erreichen der gleichen monetären Ziele („pecuniary success“) – vielleicht am besten ausgedrückt im Bild des American Dream/ vom Tellerwäscher zum Millionär – ließe sich mit Blick auf heutige Gesellschaften und individuelle Lebensentwürfe kritisch hinterfragen. Zwar machen auch heute viele Menschen ihren Erfolg und ihr Glück vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig, doch gibt es auch Gegenentwürfe (Erfolg/Glück als Zustand von Gesundheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung etc.) Die Kritik an Mertons Anomietheorie könnte also lauten, dass sie sich zu stark an einem mittelschichtorientierten Gesellschaftsmodell orientiert.
Anwendungsbezug: Welche Kriminalität erklärt die Anomietheorie?
Besonders geeignet für:
Eigentumsdelikte (z. B. Diebstahl, Raub und Erpressung), Betrug, Drogenhandel und andere Formen instrumenteller Kriminalität.
Fallbeispiel
A. kommt an eine neue Schule. Viele Mitschüler besitzen teure Smartphones, Markenkleidung und andere Statussymbole. Seine alleinerziehende Mutter kann ihm solche Dinge nicht kaufen. A. erlebt dies als Ausschluss und Benachteiligung. Um selbst mithalten zu können, beginnt er, jüngere Schüler unter Druck zu setzen und von ihnen Geld zu erpressen. Von dem Geld möchte er sich ein Smartphone kaufen.
Interpretation mit der Anomietheorie
Nach Robert K. Merton entsteht Kriminalität häufig dann, wenn Menschen gesellschaftlich anerkannte Ziele übernehmen, ihnen jedoch die legitimen Mittel fehlen, diese Ziele zu erreichen. In modernen Gesellschaften gelten materieller Erfolg, Wohlstand und sozialer StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist. vielfach als erstrebenswert. Werden diese Ziele durch Armut, fehlende Bildungschancen oder soziale Benachteiligung unerreichbar, kann eine Spannung (strain) zwischen Zielen und Mitteln entstehen.
Im vorliegenden Beispiel akzeptiert A. das gesellschaftliche Ziel, ein angesehenes Mitglied seiner Peer GroupEine Gruppe von Menschen gleichen Alters oder Status, die sozialen Einfluss auf das Verhalten und die Einstellungen ihrer Mitglieder ausübt. zu sein und über begehrte Statussymbole zu verfügen. Da ihm die legalen Mittel zur Zielerreichung fehlen, greift er auf illegitime Mittel zurück. Merton bezeichnet diese Anpassungsform als Innovation: Das kulturelle Ziel wird beibehalten, die legitimen Mittel werden jedoch durch illegitime ersetzt.
Grenzen der Erklärung
Die Anomietheorie erklärt besonders gut Kriminalitätsformen, die auf den Erwerb von Geld, Status oder gesellschaftlicher Anerkennung abzielen. Sie liefert überzeugende Erklärungen für Eigentumsdelikte, Betrug, Raub, Erpressung oder bestimmte Formen des Drogenhandels.
Weniger geeignet ist die Theorie zur Erklärung von Delikten, die nicht primär auf materielle Vorteile ausgerichtet sind. Dazu zählen beispielsweise viele Formen spontaner GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen., Sexualdelikte, Hasskriminalität oder Vandalismus. Zudem erklärt die Theorie nicht, warum viele Menschen trotz vergleichbarer sozialer Benachteiligung keine Straftaten begehen. Spätere Ansätze wie die Lerntheorien, die Kontrolltheorien oder die Situational Action Theory versuchen daher zu erklären, warum bestimmte Personen auf solche Belastungen mit Kriminalität reagieren und andere nicht.
Kriminalpolitische Implikation
Mertons Anomietheorie verweist auf den viel zitierten Zusammenhang von Sozial- und Kriminalpolitik [„Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik“, (Franz von Liszt)]. KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren. setzt aus dieser Perspektive vor allem an sozialpolitischen Maßnahmen an, die den Zugang zu legitimen Bildungs-, Berufs- und Aufstiegsmöglichkeiten verbessern. Da Kriminalität in Form von Innovation (oder auch Rückzug und Rebellion) das Ergebnis sozialstruktureller Ungleichheiten ist, muss es Aufgabe der Kriminalpolitik sein, diese Ungleichheiten zu beseitigen. Ökonomisch schwächer gestellte Personen sind zu befähigen, in höhere Schichten aufzusteigen oder zumindest dabei zu unterstützen, dies in angemessener Weise zu tun.
Je weniger eine Gesellschaft durch soziale Ungleichheit gekennzeichnet ist, desto weniger Menschen fallen in den Zustand der Anomie. Das Ziel muss also ein echter Sozial- und Wohlfahrtsstaat sein, in dem es jedem möglich ist, die kulturellen Ziele mit legitimen Mitteln zu erreichen.
Literatur
Primärliteratur
Sekundärliteratur
- Brown, S. E., Esbensen, F.-A., & Geis, G. (2010): Criminology. Explaining Crime and Its Context. S. 240-244.
- Kaiser, G. (1989): Kriminologie. S. 219-222
- Ostendorf, H. (2018): Ursachen von Kriminalität. In: Informationen zur politischen Bildung Nr. 306/2018. Kriminalität und Strafrecht. Bundeszentrale für politische Bildung. Online verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/kriminalitaet-und-strafrecht-306/268217/ursachen-von-kriminalitaet/.
- Vito, G./Maahs, J./Holmes, R. (2007): Criminology. Theory, Research, and Policy. S. 154-156.




