Die Rational ChoiceRational Choice ist ein theoretischer Ansatz, der menschliches Verhalten als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Kalküle versteht. Theory in der Kriminologie erklärt KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Abwägungen. Eine Straftat wird wahrscheinlicher, wenn der erwartete Nutzen der Tat – etwa der Wert des Diebesguts – höher eingeschätzt wird als die möglichen Kosten, etwa das Entdeckungsrisiko, die Wahrscheinlichkeit einer Bestrafung oder das zu erwartende Strafmaß.
Merkzettel
Rational Choice Theory
Hauptvertreter:
Gary S. Becker,
Derek B. Cornish,
Ronald V. Clarke
Erstveröffentlichung: 1968 (Becker), 1986 (Cornish & Clarke)
Land: USA / Großbritannien
Idee/ Annahme:
Die Rational Choice Theory basiert auf der Annahme, dass Menschen rational handelnde Akteure sind, die zwischen verschiedenen Handlungsoptionen abwägen. Straftaten werden begangen, wenn der erwartete persönliche Nutzen – materiell, psychologisch oder sozial – die wahrgenommenen Kosten (Strafe, soziale Sanktion etc.) übersteigt. Cornish & Clarke ergänzen diese Grundannahme um eine Unterscheidung zwischen allgemeinen Dispositionen zur Devianz und konkreten, situationsbezogenen Entscheidungsmomenten.
Abgrenzung zu:
Im Unterschied zu sozialstrukturellen Theorien wie der Anomietheorie (Merton) oder zu psychologischen Defizitmodellen sieht die Rational Choice Theory den Menschen nicht als Opfer sozialer Umstände, sondern als strategisch handelndes Subjekt. Sie ignoriert jedoch emotionale oder normative Handlungsgründe, wie sie etwa bei Seductions of Crime (Katz) oder in Labeling-Theorien zentral sind.
Verwandte Theorien:
Klassische Kriminalitätstheorie,
Routine Activity Approach,
Situational Crime Prevention
Die Rational Choice Theorie in der Kriminologie
Die Rational Choice Theory ist eine ökonomisch geprägte allgemeine Handlungstheorie. Sie geht davon aus, dass Menschen ihr Verhalten an Zielen, Bedürfnissen und Erwartungen ausrichten und versuchen, den persönlichen Nutzen ihres Handelns zu maximieren. Eine Handlung wird demnach umso wahrscheinlicher begangen, je größer der erwartete Nutzen ist und je geringer die wahrgenommenen Kosten dieser Handlung sind.
Da es sich bei der Rational Choice Theory um eine allgemeine Handlungstheorie handelt, beschränken sich Nutzen und Kosten nicht nur auf finanzielle oder wirtschaftliche Faktoren. Auch soziale Anerkennung, psychologische Befriedigung oder symbolische Gewinne können als Nutzen wirken, während soziale Sanktionen, moralische Konflikte oder strafrechtliche Konsequenzen als Kosten erscheinen. Individuen wägen daher verschiedene mögliche Handlungsoptionen gegeneinander ab und entscheiden sich für jene, die aus ihrer Sicht den größten erwarteten Vorteil verspricht.
In der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. wurde dieses allgemein handlungstheoretische Modell genutzt, um auch das Phänomen von Kriminalität beziehungsweise abweichendem Verhalten zu erklären. Demnach erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer delinquenten Handlung, wenn der erwartete Nutzen einer solchen Tat größer erscheint als die wahrgenommenen Risiken und Kosten – beispielsweise wenn die mögliche Beute höher eingeschätzt wird als die Wahrscheinlichkeit, entdeckt oder bestraft zu werden.
Ökonomische und kriminologische Rational Choice
In der Entwicklung der Rational Choice Theory lassen sich zwei zentrale Perspektiven unterscheiden. Die ökonomische Variante, die auf Gary S. Becker zurückgeht, versteht Kriminalität als Ergebnis rationaler Nutzenmaximierung unter Berücksichtigung von Strafrisiken und möglichen Gewinnen. In seinem berühmten Aufsatz „Crime and Punishment: An Economic Approach“ (1968) modelliert Becker kriminelles Verhalten als eine Entscheidung unter RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit., vergleichbar mit wirtschaftlichen Investitionsentscheidungen.
Die kriminologische Weiterentwicklung durch Derek B. Cornish und Ronald V. Clarke verlagert den Fokus stärker auf konkrete Entscheidungssituationen von Tätern. Im Mittelpunkt steht hier weniger die abstrakte Nutzenmaximierung als vielmehr der tatsächliche Entscheidungsprozess vor einer konkreten Tat.
Nach Cornish und Clarke ist dabei zwischen einer generellen Bereitschaft zu kriminellem Verhalten und der situativen Entscheidung für eine konkrete Tat zu unterscheiden. Menschen können aufgrund persönlicher Erwartungen oder Erfahrungen grundsätzlich bereit sein, ein Delikt zu begehen, entscheiden sich jedoch erst in einer bestimmten Situation – etwa abhängig von Polizeipräsenz, Tatgelegenheit oder erwarteter Beute – tatsächlich für oder gegen die Handlung.
Begrenzte Rationalität (bounded rationality)
Die Rationalität krimineller Entscheidungen wird in der kriminologischen Rational Choice Theory jedoch nicht als vollkommen rational verstanden. Cornish und Clarke betonen vielmehr das Konzept der bounded rationality (begrenzte Rationalität). Täter verfügen in realen Entscheidungssituationen nur über unvollständige Informationen, begrenzte Zeit und eingeschränkte kognitive Fähigkeiten.
Kriminelle Entscheidungen erfolgen daher häufig unter Unsicherheit und beruhen auf vereinfachten Einschätzungen oder situativen Heuristiken. Täter kalkulieren Kosten und Nutzen nicht exakt, sondern treffen Entscheidungen, die unter den gegebenen Umständen als ausreichend sinnvoll erscheinen.
Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug
Bei einem Theorieansatz, der die Rationalität menschlichen Handelns betont, fällt zunächst die begrenzte Erklärungskraft für emotionale, affektive oder impulsive Handlungen auf. Gewaltdelikte, die in affektgeladenen Situationen entstehen, lassen sich nur schwer als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Kalkulationen interpretieren.
Sinnvoll erscheint die Rational Choice Theory hingegen besonders im Bereich der Wirtschafts- und Eigentumskriminalität. In diesen Kontexten lassen sich strategische Kosten-Nutzen-Abwägungen – etwa bei Betrug, Insiderhandel oder Korruptionsdelikten – vergleichsweise gut beobachten.
Problematisch ist jedoch, dass die Rational Choice Theory in ihrer Grundkonzeption Schwierigkeiten hat, Kriminalität jenseits wirtschaftlicher Motive zu erklären. Offensichtlich existieren zahlreiche Handlungsanreize, die nicht primär finanzieller Natur sind.
Der Versuch, den Nutzenbegriff auf soziale und psychologische Vorteile auszuweiten, erscheint zunächst plausibel, führt jedoch zu einer theoretischen Unschärfe. Wenn individuelle Nutzen- und Kostenkalküle vollständig subjektiv definiert werden, stellt sich die Frage, welche Faktoren überhaupt noch empirisch bestimmbar sind.
Hinzu kommt, dass der Ansatz moralische Bindungen, soziale Normen und emotionale Faktoren nur unzureichend berücksichtigt. Handlungen können nicht allein durch individuelle Nutzenkalküle erklärt werden, sondern sind häufig auch durch moralische Überzeugungen, soziale Beziehungen oder situative EmotionenEmotionen sind subjektive Erlebenszustände, die mit physiologischen und sozialen Reaktionen verbunden sind. geprägt.
Schließlich konzentriert sich die Rational Choice Theory in ihrer Grundform stark auf den Täter. Die strukturellen Bedingungen von Tatgelegenheiten – etwa die Verfügbarkeit geeigneter Ziele oder das Fehlen sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. – werden erst in verwandten Ansätzen stärker berücksichtigt. Besonders relevant ist hier der Routine Activity Approach.
Ökonomische Modellierung von Kriminalität

Mathematisches Entscheidungsmodell aus Gary S. Beckers ökonomischer Kriminalitätstheorie (1968)
Die ökonomische Rational-Choice-Perspektive versucht kriminelles Verhalten in formalen Entscheidungsmodellen abzubilden. In Beckers Ansatz werden erwartete Gewinne, Strafwahrscheinlichkeiten und Kostenfaktoren mathematisch miteinander verrechnet.
Kritiker bemängeln jedoch, dass eine solche Formalisierung soziale Wirklichkeit stark vereinfacht. Emotionen, moralische Überzeugungen, situative Dynamiken oder kulturelle Bedeutungen lassen sich nur schwer in mathematische Variablen übersetzen.
Der britische Kriminologe Jock Young bezeichnete diese Form der Modellbildung daher polemisch als „voodoo criminology“ – eine scheinbar exakte Wissenschaft, deren mathematische Präzision den komplexen sozialen Charakter von Kriminalität eher verschleiert als erklärt.
Kriminalpolitische Implikationen
Da die Rational Choice Theory auf der Annahme individueller Nutzenmaximierung beruht, ergibt sich kriminalpolitisch die Aufgabe, konformes Verhalten attraktiver und kriminelles Verhalten unattraktiver zu machen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sollen so gestaltet werden, dass legales Verhalten aus individueller Perspektive rationaler erscheint als kriminelles Handeln.
Konkret bedeutet dies erstens, Anreize zu legalem Verhalten zu schaffen. Zweitens sollen Zugänge zu kriminellen Handlungen erschwert oder blockiert werden, sodass potenzielle Täter gar nicht erst in günstige Entscheidungssituationen gelangen. Drittens fordert die Rational Choice Theory ein abschreckendes StrafrechtDas Strafrecht umfasst die Gesamtheit der Gesetze, die bestimmen, welche Handlungen strafbar sind und welche Sanktionen dafür vorgesehen sind., bei dem die wahrgenommenen Risiken einer Tat den erwarteten Nutzen übersteigen.
Diese Überlegungen bilden auch die theoretische Grundlage der Situational Crime Prevention, die maßgeblich von Ronald V. Clarke entwickelt wurde. Ziel dieser Strategie ist es, Tatgelegenheiten zu reduzieren, Risiken für Täter zu erhöhen und potenzielle Gewinne aus kriminellen Handlungen zu verringern.
Die Rational Choice Theory ist daher eng mit den Abschreckungstheorien sowie – aufgrund ihrer Nähe zu situativen Entscheidungsprozessen – mit dem Routine Activity Approach verbunden.
Literatur
- Homans, George Caspar (1968): Elementarformen sozialen Verhaltens. Opladen.
- Derek B. Cornish and Ronald V. Clarke (1985): Crime as rational choice. In: The Reasoning Criminal. New York, 1986.
- Gary S. Becker (1968): Crime and punishment: An economic approach. In: Essays in the economics of crime and punishment. New York, 1974.



