Kurzdefinition
Bezeichnet die soziale Ausgangslage eines Menschen, die insbesondere durch die gesellschaftliche Position, Bildung, den Beruf und die Ressourcen des Elternhauses geprägt wird.
Ausführliche Erklärung
Soziale Herkunft bezeichnet die gesellschaftlichen Bedingungen, in die ein Mensch hineingeboren wird und unter denen er aufwächst. Sie wird insbesondere durch die soziale Position der Familie, deren Einkommen, Bildungsstand, beruflichen Status sowie die verfügbaren materiellen, kulturellen und sozialen Ressourcen geprägt.
Die soziale Herkunft beeinflusst zahlreiche Lebensbereiche. Dazu gehören insbesondere Bildungs- und Berufschancen, aber auch Lebensstil, soziale Beziehungen, gesellschaftliche Teilhabe und die Wahrscheinlichkeit, bestimmte soziale Positionen zu erreichen. Dabei wirkt Herkunft nicht als unveränderliches Schicksal: Menschen können ihre soziale Position im Lebensverlauf verändern. Dennoch unterscheiden sich die Ausgangsbedingungen und damit auch die Chancen auf sozialen Aufstieg erheblich.
Von besonderer Bedeutung ist die soziale Herkunft für die Analyse intergenerationaler sozialer Mobilität. Dabei wird untersucht, in welchem Verhältnis die spätere soziale Position einer Person zur Position ihrer Eltern steht. Eine Gesellschaft, in der Bildung, Beruf und Einkommen stark von der Herkunft abhängen, weist geringere soziale Mobilitätschancen auf als eine Gesellschaft, in der diese Zusammenhänge schwächer ausgeprägt sind.
Der Begriff verweist damit auf einen grundlegenden Zusammenhang sozialer Ungleichheit: Gesellschaftlich relevante Ressourcen und Chancen werden nicht erst im Erwachsenenalter erworben, sondern teilweise bereits innerhalb von Familien weitergegeben. Soziale Herkunft verbindet deshalb Prozesse der Sozialisation mit der langfristigen Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheiten.
Theoriebezug
Die Bedeutung sozialer Herkunft lässt sich besonders deutlich mit der Theorie der Praxis von Pierre Bourdieu erklären. Familien verfügen in unterschiedlichem Umfang über ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital und geben einen Teil dieser Ressourcen an die nächste Generation weiter. Dadurch unterscheiden sich bereits die Ausgangsbedingungen, unter denen Kinder Bildungswege einschlagen und gesellschaftliche Positionen erreichen können.
Eine besondere Rolle spielt dabei der Habitus. Im Verlauf der Sozialisation entstehen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster, die von den sozialen Lebensbedingungen geprägt sind. Herkunft wirkt deshalb nicht allein über materielle Ressourcen, sondern auch über Sprache, Geschmack, Erwartungen, Selbstverständlichkeit im Umgang mit Bildungsinstitutionen und Vorstellungen davon, welche Lebenswege als erreichbar oder angemessen erscheinen. In Die feinen Unterschiede arbeitet Bourdieu diesen Zusammenhang zwischen sozialer Position, Kapitalausstattung, Habitus und Lebensstil heraus.
Auch Max Webers Analyse sozialer Ungleichheit bietet einen wichtigen Anschluss. In Wirtschaft und Gesellschaft verbindet Weber soziale Klassenlagen mit unterschiedlichen Markt- und Lebenschancen. Die soziale Herkunft beeinflusst, mit welchen Ressourcen und Chancen Menschen in diese gesellschaftlichen Konkurrenz- und Verteilungsprozesse eintreten.
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