Stephan Quensel
Personenprofil
- Name: Stephan Quensel
- Geburtsjahr: 1936
- Land: Deutschland
- Disziplin(en): Kriminologie, Soziologie
- Themen: Devianz, Kriminalisierung, Stigmatisierung, Soziale Kontrolle, Sekundäre Devianz, Drogenpolitik, Prävention, Kritische Kriminologie
Weitere Informationen
Stephan Quensel ist ein deutscher Soziologe und Kriminologe und zählt zu den zentralen Vertretern der kritischen Kriminologie in der Bundesrepublik. Er war Professor an der Universität Bremen und prägte insbesondere die Drogenforschung, die Suchtsoziologie sowie die Theorie krimineller Karrieren.
Besondere Bedeutung kommt Quensels Karrieremodell der Devianz zu. Im Gegensatz zu statischen Tätermodellen begreift Quensel abweichendes und kriminelles Verhalten als prozesshaftes Geschehen, das sich über Zeiträume hinweg entwickelt, stabilisiert oder auch wieder auflöst. Devianz erscheint dabei nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal, sondern als Ergebnis sozialer Erfahrungen, institutioneller Reaktionen und biografischer Wendepunkte.
Zentral ist Quensels Analyse der Wechselwirkungen zwischen individuellem Handeln und sozialer Kontrolle. Strafrechtliche Interventionen, polizeiliche Selektion und gesellschaftliche Stigmatisierung wirken karrierebildend, indem sie Handlungsspielräume verengen und alternative Lebensverläufe blockieren. Damit steht Quensel in enger theoretischer Nähe zu Lemert, Becker, Sack und späteren Life-Course-Ansätzen, ohne diese lediglich zu übernehmen.
Im Bereich der Drogenforschung verband Quensel das Karrieremodell mit einer fundamentalen Kritik an repressiver Drogenpolitik. Kriminalisierung wird als Mechanismus verstanden, der Devianz nicht verhindert, sondern Karrieren verstetigt, indem sie soziale Ausgrenzung, sekundäre Devianz und institutionelle Abhängigkeiten erzeugt. Seine Arbeiten bilden eine wichtige theoretische Grundlage für heutige Debatten um Entkriminalisierung, Prävention und Harm Reduction.
Quensels Ansatz ist damit sowohl handlungstheoretisch als auch macht- und kontrollkritisch fundiert und besitzt bis heute hohe Erklärungskraft für jugendliche Devianz, Drogenkarrieren und Persistenz kriminellen Handelns.
Schlüsselwerke
- Wie wird man kriminell? In: Kritische Justiz 1970, 377ff.
- Drogenelend und Drogenpolitik (1979)
- Drogenkonsum zwischen Lebensstil und Sucht (1989)
- Karrieren abweichenden Verhaltens (Aufsätze)
- Sucht, Kontrolle und Kriminalisierung (versch. Beiträge)