Fritz Sack

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Fritz Sack (1931–2025) war einer der wichtigsten Wegbereiter der sozialwissenschaftlichen Kriminologie in Deutschland. Er führte den Etikettierungsansatz in die deutschsprachige Diskussion ein und prägte damit die theoretische Ausrichtung der Kriminologie über Jahrzehnte.

Geboren in Pommern, studierte Sack zunächst Ökonomie in Kiel und Köln und promovierte 1963 bei René König. Nach Professuren in Regensburg und Hannover übernahm er 1984 den ersten dezidiert soziologischen Lehrstuhl für Kriminologie an der Universität Hamburg. Dort baute er das Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie auf und leitete später das Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung (ISIP).

Sacks theoretische Bedeutung geht weit über die Einführung des Labeling Approach hinaus. Während eines Forschungsaufenthalts in den USA lernte er die Ethnomethodologie kennen, insbesondere durch die Arbeiten von Aaron V. Cicourel und Erving Goffman. Diese Perspektive wurde für ihn zum Schlüssel einer grundlegenden Kritik an ätiologischen Erklärungsmodellen. Für Sack ist Kriminalität kein objektiv gegebenes Phänomen, sondern das Ergebnis sozialer Definitionsprozesse, in denen Machtverhältnisse, Selektionsmechanismen und soziale Ungleichheit eine zentrale Rolle spielen. Kriminalisierung trifft nach seiner Analyse vor allem unterprivilegierte Gruppen, während die Delinquenz der Mächtigen weitgehend unsichtbar bleibt.

Sein radikaler Labeling-Ansatz führte zu heftigen Auseinandersetzungen in der deutschen Kriminologie. Kritiker warfen ihm vor, Täterhandeln zu vernachlässigen und die Kriminologie in eine unfruchtbare Schulenbildung geführt zu haben. Dennoch bleibt sein Ansatz eine der einflussreichsten Grundlagen sozialkonstruktivistischer Kriminalsoziologie.

Neben der Theoriebildung beschäftigte sich Sack intensiv mit der Sozialgeschichte der Kriminalität, mit staatlichen und nicht-staatlichen Formen von Kontrolle, mit Terrorismus, Drogenpolitik und Sicherheitsdiskursen. Seine Arbeiten zur politischen Ökonomie des Strafens und zur Rolle sozialer Institutionen gelten bis heute als Standardtexte der Kritischen Kriminologie.

Sack war Mitglied in der Hamburger Polizeikommission, im Beirat der Humanistischen Union und wurde 2006 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Kreta ausgezeichnet. Sein wissenschaftliches Erbe prägt die deutsche Kriminologie bis heute.

Schlüsselwerke

  • Kriminalsoziologie (Hrsg., mit René König, 1968)
  • Neue Perspektiven in der Kriminologie (1968)
  • Seminar: Abweichendes Verhalten (mehrere Bände, mit Klaus Lüderssen, 1975–1980)
  • Privatisierung staatlicher Kontrolle (Hrsg., 1995)
  • Einführende Anmerkungen zur kritischen Kriminologie (2000)
  • Kriminologie als Gesellschaftswissenschaft (2014)
  • Die strafende Gesellschaft (mit Reinhard Kreissl, 1998)

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