Kurzdefinition
Ethnomethodologie bezeichnet einen mikrosoziologischen Ansatz, der untersucht, wie soziale Ordnung im Alltag durch praktische Handlungen, Interpretationen und kommunikative Routinen fortlaufend hergestellt wird.
Ausführliche Erklärung
Die Ethnomethodologie geht davon aus, dass soziale Ordnung keine feststehende Struktur ist, sondern ein praktisches Ergebnis alltäglicher Interaktionen. Im Mittelpunkt stehen die „Methoden“ (methods), mit denen Akteurinnen und Akteure Situationen verständlich machen, Erwartungen stabilisieren und Handlungen aufeinander abstimmen.
Dabei interessieren weniger abstrakte Normen oder Institutionen als vielmehr implizites Wissen, Selbstverständlichkeiten und situative Deutungen, die soziale Wirklichkeit erst ermöglichen. Ein zentrales Erkenntnisinstrument sind sogenannte Breaching Experiments, bei denen vertraute Erwartungen gezielt verletzt werden, um sichtbar zu machen, wie stark soziale Ordnung auf geteilten Annahmen beruht.
Für die Analyse von Polizei, Justiz, Verwaltung und Devianz ist die Ethnomethodologie besonders relevant, weil sie zeigt, wie Kategorien wie „Verdacht“, „Tat“, „Normalität“ oder „Abweichung“ interaktiv produziert werden – etwa in Vernehmungen, Aktenvermerken oder Gerichtsverhandlungen.
Theoriebezug
Ethnomethodologie (Harold Garfinkel); Anschluss an Phänomenologie (Alfred Schütz) und Symbolischen Interaktionismus; Abgrenzung zu Strukturfunktionalismus und Makrosoziologie