Definition
„Als Jugendkriminalität wird die Gesamtheit des mit Strafe bedrohten Verhaltens junger Menschen im Alter von 14 bis 21 bezeichnet, ohne Berücksichtigung der Ausprägung ihrer strafrechtlichen Verantwortung.“
Begrenzte Wirkung harter Strafen: Jugendliche handeln häufig spontan, emotional oder gruppenbezogen und weniger planvoll rational. Abschreckende Strafandrohungen entfalten daher oft nur begrenzte Wirkung. Gleichzeitig können harte Sanktionen Stigmatisierungsprozesse auslösen und langfristige Bildungs- und Lebensperspektiven beeinträchtigen.
Ein gedankliches Experiment
Um das Phänomen der Jugendkriminalität besser zu verstehen, hilft ein kleines Gedankenexperiment. Versuchen Sie einmal, sich an Ihre eigene Jugendzeit zu erinnern. Mit Ihrem heutigen Wissen über rechtmäßiges Verhalten: Haben Sie sich damals tatsächlich immer an alle Regeln gehalten?
Viele Menschen erinnern sich bei näherem Nachdenken an Situationen, in denen sie selbst gegen Regeln verstoßen haben – etwa durch Schwarzfahren, Ladendiebstahl, Graffiti oder andere Formen von Sachbeschädigung, den Konsum illegalisierter Substanzen, Prügeleien oder andere Grenzüberschreitungen.
Diese Beobachtung verweist auf einen zentralen Befund der Kriminologie: Normabweichungen im Jugendalter sind keineswegs ein Randphänomen, sondern betreffen in unterschiedlichem Ausmaß einen großen Teil einer Generation.
Weiter gefasster Begriff für normabweichendes und strafrechtlich relevantes Verhalten; in der Jugendforschung oft mit Blick auf entwicklungsbezogene und episodische Abweichungen verwendet
Ladendiebstahl, Sachbeschädigung, Körperverletzung, aber auch normverletzendes Verhalten unterhalb der Strafbarkeit
Jugendkriminalität
Strafrechtlich relevantes Verhalten junger Menschen im Sinne des Jugendstrafrechts
Jugenddelinquenz ist damit nicht auf bloße Bagatelldelikte oder nicht strafbare Regelverstöße beschränkt. Der Begriff ist vielmehr weiter gefasst als der der Jugendkriminalität, weil er sowohl strafbare Handlungen als auch andere jugendtypische Formen normabweichenden Verhaltens erfassen kann.
Der Begriff der Jugenddelinquenz trägt dem Umstand Rechnung, dass die Lebensphase der Jugend durch Entwicklungsprozesse, Ablösungskonflikte und sozialisationsbedingte Unsicherheiten geprägt ist. Viele Formen abweichenden Verhaltens sind daher episodisch und auf die Jugendphase begrenzt.
Warum wird in der Forschung häufig von Jugenddelinquenz gesprochen?
Der Begriff Jugenddelinquenz erlaubt daher eine entwicklungssoziologische Perspektive: Viele Formen normabweichenden Verhaltens entstehen im Kontext von Autonomiebestrebungen, Peereinfluss und der Suche nach sozialer Anerkennung. Für die Mehrheit der Jugendlichen handelt es sich um ein vorübergehendes und episodisches Phänomen, das im Übergang zum Erwachsenenalter wieder verschwindet.
Typische Merkmale von Jugendkriminalität
Die kriminologische Forschung beschreibt Jugendkriminalität mit einigen wiederkehrenden Merkmalen. Diese helfen, das Phänomen von Erwachsenenkriminalität zu unterscheiden.
Merkmal
Bedeutung
Ubiquität
Jugendkriminalität betrifft in gewissem Maße fast alle Jugendlichen und kommt in unterschiedlichen sozialen Gruppen vor.
Transitorischer Charakter
Für die meisten Jugendlichen handelt es sich um ein vorübergehendes Phänomen im Lebenslauf.
Das dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschriebene Zitat verdeutlicht, dass vermutlich zu allen Zeiten ältere Generationen das Verhalten und Benehmen der jüngeren Gesellschaftsmitglieder kritisiert haben.
Das Jugendalter ist charakterisiert durch einerseits ein relativ hohes Maß an Abhängigkeit von den Eltern und anderen Erziehungspersonen und andererseits einem Streben nach Unabhängigkeit von der Welt der Erwachsenen. Jugendliche wenden sich vermehrt Gleichaltrigen (Peers) zu und bewerten die Erwachsenenwelt kritisch. Etablierte gesellschaftliche Werte werden kritisch betrachtet und alternative Wertvorstellungen verfolgt. Ein Streben nach zunehmender Verantwortungsübernahme konfligiert mit einer noch mangelnden Erfahrung. Das Jugendalter ist zudem gekennzeichnet durch eine sexuelle Reifung (Pubertät) und dem (vorläufigen) Endpunkt der (sekundären) Sozialisation (vgl. Clages & Zeitner, 2016: 122).
Insbesondere die Autonomiebestrebungen junger Menschen ziehen Verhaltensweisen nach sich, die den Jugendlichen (noch) nicht erlaubt sind (z.B. Autofahren, Rauchen, Trinken etc.) oder die die Älteren als unvernünftig und unziemlich tadeln (z.B. Mutproben, ausgelassen feiern etc.). Die genannten Beispiele lassen sich dem Bereich der Delinquenz zuordnen. Jedoch ist auch die Begehung von Straftaten für das Jugendalter typisch. Gemäß verschiedener Dunkelfeldbefragungen (s.u.) werden bis zu achtzig Prozent der Jugendlichen im Jugendalter mindestens einmal kriminell. Die Spannbreite der Delikte reicht hierbei von Schwarzfahren (Leistungserschleichung) über den Download von Filmen und Musik (Verstoß gegen das Urheberrechtegesetz) bis hin zu Sachbeschädigung (z.B. Graffiti), Körperverletzung und den Umgang mit illegalen DrogenDrogen sind psychoaktive Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen und in legaler oder illegaler Form konsumiert werden.. Dieses Verhalten ist dabei keineswegs eine Eigenart deutscher Jugendlicher, sondern lässt sich in unterschiedlichen Kulturen, gesellschaftliche Schichten übergreifend und zu allen Zeiten beobachten. Jugendkriminalität ist demnach ein normales – da ubiquitäres (allgegenwärtiges) Phänomen.
Jugendkriminalität ist aus kriminologischer Sicht deshalb nicht einfach Ausdruck individueller Defekte, sondern eng mit den spezifischen Entwicklungsbedingungen des Jugendalters verbunden. Autonomiebestrebungen, Peereinfluss, mangelnde soziale Erfahrung und das Austesten von Grenzen gehören zu den zentralen Bedingungen, unter denen jugendliche Delinquenz entsteht.
Was sind die Ursachen von Jugendkriminalität?
Die typischen Merkmale von Jugendkriminalität geben bereits Hinweise auf ihre Ursachen. Da Jugenddelinquenz häufig spontan und gruppenbezogen auftritt, entsteht sie oft im Kontext von Mutproben, dem Austesten sozialer Grenzen und der Suche nach Anerkennung innerhalb von Peergruppen.
Der spontane und gruppenbezogene Charakter vieler jugendlicher Delikte führt zudem dazu, dass sie aus kriminalistischer Perspektive häufig relativ leicht zu entdecken sind. Eine Gruppe Jugendlicher, die gemeinsam ein Kaufhaus betritt oder sich lautstark im öffentlichen Raum bewegt, zieht schneller Aufmerksamkeit auf sich als ein erwachsener Täter, der allein und planvoll handelt.
Das Entdeckungsrisiko ist dabei sozial ungleich verteilt. Jugendkriminalität ist zwar grundsätzlich in allen sozialen Schichten verbreitet, doch unterscheiden sich Tatgelegenheiten und Kontrollstrukturen erheblich. Jugendliche in dicht besiedelten innerstädtischen Räumen bewegen sich häufiger in öffentlichen und stärker überwachten Kontexten als Gleichaltrige in ländlichen Regionen. Dadurch steigt sowohl die Wahrscheinlichkeit sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. als auch das Risiko, bei Regelverstößen entdeckt zu werden.
Jugendkriminalität im polizeilichen Hell- und Dunkelfeld
Einzelne schwere Taten (insbesondere Körperverletzungsdelikte) haben in der Vergangenheit immer wieder für ein großes mediales Interesse an dem Thema Jugendkriminalität gesorgt. Auffällig ist hierbei, dass insbesondere Taten, von denen zum einen Bilder aus Überwachungskameras vorlagen und bei denen zum anderen ein deutsches, zumeist älteres Opfer von jugendlichen Personen mit Migrationshintergrund geschädigt wurde, öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Die Presseberichte tragen ihren Anteil an der Mär von der Zunahme von Jugendkriminalität in Häufigkeit und/ oder Schwere bei.
Die Daten zum sog. Hellfeld der Jugendkriminalität speisen sich aus der polizeilichen KriminalstatistikSammlung und Auswertung von Daten über polizeilich registrierte Straftaten und Tatverdächtige.. Aus der Darstellung der langfristigen Entwicklung der Jugendkriminalität (siehe unten) ist ersichtlich, dass die Zahl der tatverdächtigen Kinder und Jugendlichen in den 1990er Jahren anstieg. Im Jahr 1998 erreichte dieser Anstieg seinen Höhepunkt mit 302.413 tatverdächtigen Jugendlichen. Seither ist ein weitgehend konstanter Abstieg zu verzeichnen. Im Jahr 2019 wurden 177.082 tatverdächtige Jugendliche registriert, was in etwa dem Niveau des Jahres von 1992 entspricht. Die Jahre 2020 und 2021 waren durch Hygienemaßnahmen und soziale Kontaktbeschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie geprägt. Der Einfluss dieser Maßnahmen auf die Tatgelegenheitsstruktur zeigt sich im Allgemeinen (und nicht nur mit Blick auf Jugendkriminalität) in einem Rückgang der Kriminalität. Im Jahr 2022 ist ein deutlicher Anstieg der registrierten Tatverdächtigen festzustellen auf ein Niveau oberhalb des „Vor-Corona-Niveaus“ 2019.
Die Entwicklung der Jugendkriminalität im Hellfeld ist im Kontext der Erfassungsmodalitäten zu betrachten. Das Eingangszitat und die Merkmale von Jugendkriminalität (insbesondere der spontane und gruppenbezogene Charakter, das Autonomiebestreben und die Hinwendung zu Peers) zeugen davon, dass ein Großteil der Jugendkriminalität auf eine exponierte Tatbegehung zurückzuführen ist. Eine Gruppe Jugendlicher, die ein Kaufhaus betritt, wird eher die Aufmerksamkeit des Verkaufspersonals und des Ladendetektivs auf sich ziehen als ein allein agierender, erwachsener Ladendieb. Eine Drogen konsumierende Gruppe Jugendlicher auf der Parkbank wird eher ins Visier einer Polizeistreife geraten als der erwachsene Drogenkonsument, der in seinen eigenen vier Wänden Drogen gebraucht. Das AnzeigeverhaltenDas Anzeigeverhalten beschreibt die Bereitschaft von Opfern oder Zeugen, eine Straftat der Polizei zu melden. und die Kontrollintensität spielen demnach bei Jugendkriminalität eine besondere Rolle.
Im Gegensatz zu Daten aus dem polizeilichen Hellfeld, die jährlich im Rahmen der Polizeilichen Kriminalstatistik publiziert werden, sind Informationen im Kontext von Jugendkriminalität zur Täterschaft und Opferwerdung aus dem statistischen Dunkelfeld rar (siehe hier zu allgemeinen Informationen zum Hell- und Dunkelfeld). Dies hängt vor allem mit der methodischen Komplexität solcher Untersuchungen und den hiermit verbundenen finanziellen Kosten zusammen. Um repräsentative Aussagen treffen zu können, müssen eine große Anzahl von Jugendlichen in unterschiedlichen Städten und Gemeinden über ganz Deutschland verteilt befragt werden. Grundsätzlich liegen diesen Dunkelfeldanalysen selbstberichtete Delinquenz und Angaben zur eigenen ViktimisierungDer Prozess der Opferwerdung durch eine Straftat oder ein anderes schädigendes Ereignis. der Befragten zugrunde. Die hier erfassten Taten bilden demnach eine Schnittmenge mit der polizeilich registrierten Jugendkriminalität, gehen aber deutlich darüber hinaus (da eben nicht jeder Täter gefasst und nicht jede Tat zur Anzeige gebracht wird).
Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) führte 1998 eine großangelegte Schülerbefragung in der neunten Jahrgangsstufe in neun deutschen Städten durch. 2007/2008 erfolgte die erste repräsentative Schülerbefragung in Deutschland. Eine Übersicht über die thematischen Schwerpunkte der verschiedenen KFN-Schülerbefragungen und dazugehörige Forschungsberichte sind auf der Internetseite des KFN verfügbar.
Ein zentrales Ergebnis dieser Schülerbefragung ist der unten stehenden Grafik zu entnehmen:
Der Anteil der Jugendlichen, die angeben, innerhalb der letzten 12 Monate mindestens eine Straftat begangen zu haben, liegt insgesamt bei knapp 70 %. Bei den Jungen beträgt der Anteil 43,7 %, bei den Mädchen 23,6 %. Somit findet auch in dieser Studie die Annahme vom ubiquitären Charakter von Jugendkriminalität Bestätigung. Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der selbstberichteten Delinquenz von Jungen und Mädchen. Lediglich beim Ladendiebstahl berichten die weiblichen Befragten annähernd so oft von einer Täterschaft. Bei allen anderen abgefragten Delikten liegt der Anteil der Mädchen höchstens ein Drittel so hoch wie bei den männlichen Befragten. Bei (schweren) Gewaltdelikten ist diese Diskrepanz am höchsten.
Mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Dunkelfelddaten zur Jugendkriminalität, stellt Heinz (2016) ferner fest, dass „entgegen den in der PKS ausgewiesenen Anstiegen […] sämtliche neueren, seit Ende der 1990er-Jahre durchgeführten Schülerbefragungen bei keinem der untersuchten Delikte einen Anstieg [zeigen], die Raten gehen überwiegend sogar zurück, teilweise deutlich“. Demnach ist der in den 1990er Jahren zu verzeichnende Anstieg der Jugendkriminalität im polizeilichen Hellfeld auf eine „eine Sensibilisierung gegenüber Gewalt und eine Erhöhung der Anzeigebereitschaft“ (ebd.) zurückzuführen.
Dunkelfeldkriminalität – Selbstberichtete Delinquenz von Jugendlichen (Heinz, 2016)
Wiederholte Schülerbefragungen zeigen, dass Jugendkriminalität im Dunkelfeld seit den 1990er Jahren eher rückläufig ist. Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik sichtbaren Anstiege sind deshalb nicht ohne Weiteres als Beleg für eine tatsächliche Zunahme von Jugendkriminalität zu interpretieren, sondern stehen auch mit einem veränderten Anzeigeverhalten und einer höheren Sensibilität gegenüber Gewalt im Zusammenhang.
Allerdings zeigen Vergleiche zwischen polizeilichen Hellfelddaten und Dunkelfeldbefragungen häufig ähnliche Entwicklungstrends, auch wenn sich die absoluten Fallzahlen unterscheiden. Eine aktuelle Studie zur Jugenddelinquenz in Nordrhein-Westfalen kommt zu dem Ergebnis, dass sich Entwicklungen im Hellfeld und im Dunkelfeld in vielen Deliktbereichen parallel bewegen und sich daher gegenseitig ergänzen können (LKA NRW, 2025).
Aktuelle Entwicklungen
In den letzten Jahren wurde in Deutschland erneut über einen möglichen Anstieg der Jugendkriminalität diskutiert. Polizeiliche Statistiken zeigen nach den pandemiebedingten Rückgängen der Jahre 2020 und 2021 wieder steigende Tatverdächtigenzahlen.
Kriminologische Analysen weisen jedoch darauf hin, dass diese Entwicklung teilweise als Nachholeffekt nach den pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen interpretiert werden kann. Während der Pandemie waren viele Tatgelegenheiten – etwa im öffentlichen Raum oder im Freizeitbereich – stark eingeschränkt. Mit der Rückkehr zu normalen sozialen Aktivitäten stiegen auch bestimmte Formen der Jugenddelinquenz wieder an. Auch eine aktuelle Untersuchung zur Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz in Nordrhein-Westfalen kommt zu dem Ergebnis, dass die Fallzahlenanstiege nach 2021 zumindest teilweise auf die Aufhebung pandemiebedingter Einschränkungen und die damit verbundenen Veränderungen im Freizeitverhalten zurückzuführen sind (LKA NRW, 2025).
Besonders deutlich zeigen sich die jüngeren Anstiege im Bereich der Gewaltdelikte. Analysen des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen weisen darauf hin, dass die Zunahmen vor allem bei männlichen Jugendlichen auftreten, während Jungen insgesamt weiterhin deutlich häufiger als Tatverdächtige registriert werden als Mädchen (LKA NRW, 2025).
Ob es sich hierbei um einen kurzfristigen Effekt oder um eine langfristige Trendwende handelt, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen.
Unabhängig von diesen jüngeren Schwankungen ist jedoch zu beachten, dass Jugendkriminalität in vielen westlichen Ländern seit den 1990er Jahren langfristig eher rückläufig ist. Internationale Studien verweisen auf einen langfristigen Rückgang von Gewaltkriminalität in vielen modernen Gesellschaften (Eisner, 2003). Auch deutsche Untersuchungen bestätigen, dass insbesondere Gewaltdelikte unter Jugendlichen seit den frühen 2000er Jahren insgesamt rückläufig waren, wenngleich es in einzelnen Zeiträumen zu kurzfristigen Schwankungen kommen kann (Pfeiffer, Baier & Kliem, 2018).
Für diese Entwicklung werden in der Forschung verschiedene Erklärungen diskutiert:
Rückgang riskanter Konsummuster: Studien zeigen, dass Alkohol- und Drogenkonsum unter Jugendlichen in vielen Ländern tendenziell zurückgegangen ist. Auch aktuelle Jugendstudien weisen darauf hin, dass regelmäßiger Alkoholkonsum bei Jugendlichen deutlich seltener geworden ist als in früheren Jahrzehnten (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2024), was auch gewaltförmige Konflikte reduzieren kann.
Strukturierte Freizeit: Ganztagsschulen, Sportvereine oder andere organisierte Freizeitangebote können dazu beitragen, unstrukturierte Zeiträume zu verringern, in denen Delinquenz entstehen kann.
Veränderte Freizeitorte: Klassische jugendkulturelle Treffpunkte wie Diskotheken oder Clubs spielen für viele Jugendliche eine geringere Rolle als in früheren Jahrzehnten.
Welche dieser Faktoren tatsächlich den größten Einfluss besitzt, ist in der Forschung umstritten. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Zusammenspiel mehrerer gesellschaftlicher Veränderungen.
Jugendkriminalität im historischen Verlauf
1950er–1970er Jahre: Jugendkriminalität wird verstärkt als eigenständiges gesellschaftliches Problem wahrgenommen; Ausbau von Jugendhilfe und Jugendstrafrecht.
1980er Jahre: Intensivere kriminologische Forschung zu Jugenddelinquenz, insbesondere durch Dunkelfeldbefragungen und Längsschnittstudien.
1990er Jahre: In vielen westlichen Ländern vorübergehender Anstieg registrierter Jugendkriminalität, besonders im Bereich der Gewalt.
seit den 2000er Jahren: Rückgang vieler Gewalt- und Eigentumsdelikte unter Jugendlichen in Deutschland und anderen westlichen Staaten.
2020–2021: pandemiebedingter Rückgang der Kriminalität durch eingeschränkte Tatgelegenheiten.
seit 2022: erneuter Anstieg registrierter Fallzahlen, der teilweise als Nachholeffekt nach der Pandemie interpretiert wird.
Mythen über Jugendkriminalität
Verbreitete Annahme
Kriminologischer Forschungsstand
Jugendkriminalität nimmt ständig zu.
Langfristige Daten zeigen keine lineare Zunahme, sondern eher stabile oder rückläufige Entwicklungen.
Jugendliche Täter werden immer brutaler.
Für eine generelle neue Qualität oder Brutalisierung der Jugendgewalt gibt es keine überzeugenden Belege.
Härtere Strafen lösen das Problem.
Rein repressive Maßnahmen sind kriminologisch wenig erfolgreich und können Rückfallrisiken sogar erhöhen.
In öffentlichen Debatten entsteht häufig der Eindruck, Jugendkriminalität nehme ständig zu. Kriminologische Forschung zeigt jedoch, dass diese Wahrnehmung oft auf mehreren Verzerrungen beruht:
Mediale Aufmerksamkeit: Einzelne spektakuläre Gewalttaten erzeugen intensive Berichterstattung und prägen das öffentliche Bild stärker als statistische Trends.
Hellfeldverzerrung: Polizeiliche Statistiken bilden nur die angezeigten und entdeckten Straftaten ab. Veränderungen im Anzeigeverhalten oder in der Kontrollintensität können daher statistische Trends beeinflussen.
Generationenkonflikte: Kritik am Verhalten der Jugend ist historisch weit verbreitet. Schon antike Autoren beklagten angeblich den moralischen Verfall der jungen Generation.
Selektive Wahrnehmung: Besonders sichtbare Formen jugendlicher Delinquenz im öffentlichen Raum werden stärker wahrgenommen als weniger sichtbare Formen von Kriminalität.
Empirische Studien zeigen hingegen, dass Jugendkriminalität in vielen westlichen Ländern seit den 1990er Jahren langfristig eher rückläufig ist.
Delinquenzbelastung im Lebensverlauf
Ich wollte, es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen, balgen Shakespeare (1611) Wintermärchen, 3. Akt 3. Szene
Jugendkriminalität ist transitorisch, d.h., für die allermeisten Jugendlichen ist Kriminalität beschränkt auf eine kürzere Phase in ihrer Lebensspanne. Wie der unten stehenden Grafik zu entnehmen ist, steigt die Tatverdächtigenbelastungsziffer im Kindes- bzw. frühen Jugendalter rasch an und erreicht bei männlichen Jugendlichen ihren Höhepunkt in der Altersspanne zwischen 18 bis unter 21 Jahren und bei weiblichen Jugendlichen bereits in der Altersspanne von 14 bis unter 16 Jahren. Nach Erreichen des Scheitelpunktes nimmt die Tatverdächtigenbelastungsziffer mit zunehmendem Alter ab. Dieser Zusammenhang zwischen Alter und Kriminalitätsbelastung wird auch als „aging-out-effect“ bezeichnet.
Wichtig anzumerken ist hierzu noch, dass es sich bei dem sprunghaften Rückgang der Kriminalitätsbelastung im Jugendalter i.d.R. um eine Spontanremission handelt. D.h., dass sich für die allermeisten Jugendlichen Kriminalität als selbst erledigendes Phänomen erweist und ohne Intervention von außen, kriminelle Verhaltensweisen unterlassen werden.
Kriminalität im Altersverlauf (Heinz, 2016)Tatverdächtigenbelastungszahlen (je 100.000) für Deutsche, nach Geschlecht und Altersgruppe. 2015
Typischerweise erfolgt die erste Auffälligkeit bereits im frühen Jugendalter. Die Kriminalitätsbelastung steigt danach rasch an und erreicht bei männlichen Jugendlichen ihren Höhepunkt zwischen 18 und 21 Jahren, bei weiblichen Jugendlichen deutlich früher. Anschließend sinkt die Belastung wieder deutlich ab. Dieser Zusammenhang zwischen Alter und Delinquenz wird als Age-Crime-Curvebeschrieben.
Für die Mehrheit der Jugendlichen bleibt Delinquenz auf diese Lebensphase begrenzt. In der Kriminologie wird deshalb von Spontanbewährung oder Aging-out gesprochen: Viele Jugendliche stellen ihr delinquentes Verhalten im Übergang zum Erwachsenenalter eigenständig ein.
Theorievergleich: Warum endet Jugendkriminalität häufig von selbst?Die empirisch gut belegte Age-Crime-Curve wirft eine zentrale theoretische Frage auf: Warum endet delinquentes Verhalten bei den meisten Jugendlichen im Übergang zum Erwachsenenalter wieder?
Zwei einflussreiche kriminologische Theorien geben darauf unterschiedliche Antworten.
Moffitts Two-Path-Theory unterscheidet zwischen zwei Tätergruppen:
Adolescence-limited offenders: Die große Mehrheit der Jugendlichen begeht nur vorübergehend Straftaten im Jugendalter, meist im Kontext von Peergruppen, Statussuche und Autonomiebestrebungen.
Während Moffitts Theorie stärker von stabilen Tätertypen ausgeht, betont die Lebensverlaufsforschung um Sampson und Laub die Bedeutung sozialer Kontexte und biografischer Wendepunkte. Viele kriminologische Studien sehen heute beide Perspektiven als komplementär: Ein kleiner Teil von Tätern zeigt tatsächlich sehr stabile Delinquenzverläufe, während für die Mehrheit der Jugendlichen soziale Übergänge und Lebensereignisse entscheidend dafür sind, dass kriminelles Verhalten wieder endet.
Jugendliche Mehrfach- und Intensivtäter
Jugendliche Mehrfach- und Intensivtäter sind junge Menschen, die wiederholt und mit hoher Frequenz Straftaten begehen. Eine allgemein anerkannte Definition gibt es nicht, jedoch orientieren sich kriminalwissenschaftliche und polizeiliche Abgrenzungen meist an quantitativen Kriterien: MehrfachtäterPersonen, die wiederholt Straftaten begehen und dadurch in der Kriminalstatistik mehrfach in Erscheinung treten. haben in der Regel mindestens fünf registrierte Straftaten innerhalb eines bestimmten Zeitraums, während Intensivtäter durch eine besonders hohe Rückfallquote, Schwere der Delikte oder eine kriminelle Karriere mit zunehmender Eskalation gekennzeichnet sind.
Das Intensivtäterkonzept geht auf die sog. Philadelphia-Kohortenstudie von Wolfgang, Figlio und Sellin (1972) zurück. Die Forscher fanden seinerzeit heraus, dass 6% der Geburtskohorte verantwortlich für 52% der polizeilichen Festnahmen und Mehrzahl der Gewaltdelikte (u. a. 82% aller Raube, 69% der qualifizierten Körperverletzungsdelikte und 73% aller Vergewaltigungen) sind. Seither wurde dieser Befund in zahlreichen Folgestudien (u.a. Schülerbefragungen durch das KfN in Deutschland) bestätigt. Als grobe Faustregel gilt, dass ca. 6% der Jugendlichen eines Jahrgangs verantwortlich sind für 50% der Kriminalität, die von diesem Personenkreis ausgeht.
Definitions- und Prognoseprobleme
Aus kriminologischer Sicht ist das Intensivtäterkonzept allerdings problematisch. Zum einen existiert keine einheitliche Definition: Je nach Bundesland und Behörde werden unterschiedliche quantitative, qualitative und zeitliche Kriterien verwendet. Zum anderen ist die Prognose individueller krimineller Karrieren äußerst unsicher. Nicht jeder mehrfach auffällige Jugendliche entwickelt eine dauerhafte kriminelle Karriere, und umgekehrt werden manche spätere Intensivtäter in der Jugend kaum oder gar nicht auffällig.
Jugendkriminalität ist ein eigenständiges kriminologisches Phänomen und lässt sich nicht durch eine einzelne Theorie vollständig erklären. Unterschiedliche Ansätze beleuchten vielmehr jeweils bestimmte Teilaspekte. Tatsächlich gehört das deviante Verhalten von Jugendlichen zu den am intensivsten untersuchten Themen der Kriminologie.
Im Unterschied zu anderen Kriminalitätsbereichen wie Sexualdelikten, Wirtschaftskriminalität oder kriminellen Handlungen staatlicher Akteure ist Jugendkriminalität ubiquitär, vergleichsweise wenig schambesetzt und für die empirische Forschung relativ gut zugänglich – nicht zuletzt aufgrund der allgemeinen Schulpflicht und der damit verbundenen Möglichkeit von Schülerbefragungen. Viele kriminologische Theorien beziehen sich daher direkt oder indirekt auf das Verhalten von Jugendlichen.
Zu den wichtigsten theoretischen Perspektiven gehören unter anderem:
Lerntheorien: Delinquenz wird in Peergruppen erlernt und durch Kontakte zu delinquenten Freunden stabilisiert.
Subkultur– und Neutralisationstheorien: Jugenddelinquenz ist häufig gruppenbezogen und wird durch alternative Normen oder Rechtfertigungsmuster gestützt.
Etikettierungsansätze: Delinquenz kann auch als Ergebnis sozialer Reaktionen verstanden werden. Polizeiliche Kontrolle, schulische Sanktionen oder gesellschaftliche Stigmatisierung können dazu beitragen, dass Jugendliche dauerhaft in eine devianten Rolle gedrängt werden.
Druck- und Anomietheorien: Soziale Benachteiligung, Statusfrustration und blockierte Lebenschancen können abweichendes Verhalten begünstigen.
Routine-Activity-Ansätze: Jugendkriminalität hängt auch mit günstigen Tatgelegenheiten, geringer Kontrolle und der Nutzung öffentlicher Räume zusammen.
Eine systematische Übersicht über die wichtigsten Ansätze der Kriminologie findet sich auf der Seite Kriminalitätstheorien.
Warum ist Jugendkriminalität ein zentrales Forschungsfeld der Kriminologie?
Hohe Verbreitung: Jugendkriminalität ist ein ubiquitäres Phänomen und betrifft in gewissem Maße fast alle Jugendlichen.
Gute Datenlage: Aufgrund der allgemeinen Schulpflicht ist die Gruppe Jugendlicher für Dunkelfeldbefragungen und Längsschnittstudien vergleichsweise gut erreichbar.
Große gesellschaftliche Aufmerksamkeit: Jugendkriminalität stößt auf breite moralische Missbilligung und wird öffentlich intensiv diskutiert, während andere Formen sozialer Schädigung oder Kriminalität der Mächtigen oft weniger sichtbar, umstrittener oder selektiver sanktioniert werden.
Mädchenkriminalität
Jugendliche Jungen sind deutlich häufiger an Straftaten beteiligt als Mädchen. In polizeilichen Statistiken liegt der Anteil männlicher Tatverdächtiger in vielen Deliktsbereichen bei über zwei Dritteln.
In der kriminologischen Forschung wird jedoch seit längerem diskutiert, ob sich diese Unterschiede im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen verringern könnten. Mit zunehmender Gleichberechtigung und einer Angleichung von Freizeit- und Lebensstilen könnten sich auch Gelegenheitsstrukturen und Risikoverhalten angleichen.
Empirische Studien zeigen bislang jedoch keine grundlegende Angleichung der Geschlechterunterschiede. Zwar sind Mädchen in bestimmten Deliktsbereichen – etwa beim Ladendiebstahl – ähnlich häufig vertreten, bei schweren Gewalt- und Eigentumsdelikten bleibt die Belastung männlicher Jugendlicher jedoch deutlich höher.
Ein verzerrender Faktor mag in der geschlechtsspezifischen Verdachtsgenerierung bzw. dem Entdeckungsrisiko liegen. Mädchen und jungen Frauen werden weniger wahrscheinlich deviante oder kriminelle Handlungen zugetraut.
Jugendkriminalität und Migration
In der öffentlichen Debatte wird Jugendkriminalität häufig mit Migration in Verbindung gebracht. Kriminologische Forschung zeichnet hier jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Studien zeigen, dass Jugendliche aus Migrantenfamilien bei vielen typischen Jugenddelikten – etwa Sachbeschädigung, Ladendiebstahl oder anderen Eigentumsdelikten – nicht grundsätzlich stärker belastet sind als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass polizeiliche Hellfelddaten immer auch durch Anzeigeverhalten, Kontrollintensität und Verdachtsprozesse beeinflusst werden. Jugendliche aus sozial benachteiligten oder stärker überwachten Milieus geraten daher häufiger in polizeiliche Kontrollsituationen.
Aus kriminologischer Sicht ist es daher wenig sinnvoll, Jugendkriminalität ethnisch oder kulturell zu essentialisieren. Entscheidend sind vielmehr soziale Lage, Integrationschancen, familiale Belastungen, Peergruppen und gesellschaftliche Reaktionsweisen. Die Frage lautet somit nicht einfach, ob Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger delinquent werden, sondern unter welchen sozialen Bedingungen Delinquenz entsteht, sichtbar wird und sanktioniert wird.
Jugendliche als Opfer von Kriminalität
Jugendliche treten in der Kriminologie nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer in Erscheinung. Viktimisierungsstudien zeigen, dass junge Menschen überdurchschnittlich häufig von Gewalt, Mobbing, Diebstahl oder digitaler Viktimisierung betroffen sind.
Erziehung, Abschreckung und Strafe im Kontext von Jugendkriminalität
Das Jugendstrafrecht ist in Deutschland vom Erziehungsgedanken geprägt. Ziel ist nicht in erster Linie Vergeltung, sondern die Vermeidung zukünftiger Straftaten durch erzieherisch sinnvolle Reaktionen.
Eine zentrale Rolle spielt daher die DiversionUmleitung strafrechtlicher Verfahren in alternative, nicht-strafrechtliche Maßnahmen.. Gemeint ist die informelle Erledigung eines Strafverfahrens ohne förmliche richterliche Verurteilung. Diversionsentscheidungen sollen Stigmatisierungen vermeiden, den Erziehungsgedanken stärken und Bagatellkriminalität nicht unnötig kriminalisieren.
Zu den typischen Maßnahmen gehören etwa der Täter-Opfer-Ausgleich, soziale Trainingskurse, gemeinnützige Arbeit oder andere erzieherische Weisungen.
Risiko- und Schutzfaktoren
Kriminologische Forschung unterscheidet zwischen Risiko- und Schutzfaktoren. Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit delinquenten Verhaltens, während Schutzfaktoren Jugendliche vor kriminellen Karrieren bewahren können.
Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Gewalterfahrungen im Elternhaus, schulische Misserfolge, delinquente Peergruppen, Alkohol- und Drogenkonsum, soziale Ausgrenzung sowie Perspektivlosigkeit in Ausbildung und Beruf.
Schutzfaktoren sind unter anderem stabile emotionale Beziehungen zu mindestens einer Bezugsperson, soziale Unterstützung innerhalb und außerhalb der Familie, ein positives Selbstkonzept, Anerkennung und Wertschätzung durch das Umfeld sowie tragfähige schulische und berufliche Perspektiven.
Viele kriminologische Ansätze betonen daher, dass bei Kindern vor allem sozialpädagogische Maßnahmen, Familienunterstützung und schulische Interventionen erfolgversprechender sind als eine frühere Einbindung in das Strafrechtssystem.
Eine gute Übersicht über Präventionsprogramme, die sich an jugendliche Mehrfach- und Intensivtäter richten, bietet die Arbeit von Walsh (2018). In Nordrhein-Westfalen gehören dazu unter anderem:
In einem aufwendig produzierten Image-Film stellt die nordrhein-westfälische Polizei das Programm „Kurve Kriegen“ vor. Auf der Webseite heißt es hierzu:
Sie sind noch sehr jung und doch schon auf dem Weg in eine „kriminelle Karriere“: Mehrfachtatverdächtige Kinder und junge Jugendliche in besonderen sozialen Problemlagen. Bevor solche Entwicklungen Fahrt aufnehmen, beugt die nordrhein-westfälische Polizei gezielt und wirkungsvoll vor. Mit der NRW-Initiative „Kurve kriegen“ hilft sie den jungen Menschen und ihren Familien aus der Kriminalität. Dabei geht die Polizei NRW neue Wege, um Betroffene und Fachleute einzubinden.
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Aus kriminologischer Sicht spricht vieles dafür, Jugendkriminalität mit Augenmaß zu behandeln. Da delinquentes Verhalten im Jugendalter für die Mehrheit der Betroffenen episodisch bleibt und häufig ohne formelle Sanktionen wieder verschwindet, sind pauschale Verschärfungen des Jugendstrafrechts oder eine Absenkung der Strafmündigkeitsgrenze wenig überzeugend.
Erfolgversprechender sind Reaktionen, die Stigmatisierung vermeiden, soziale Integration fördern und an den tatsächlichen Lebenslagen junger Menschen ansetzen. Genau darin liegt die Bedeutung von Diversion, sozialpädagogischer Unterstützung, schulischer Förderung, Familienhilfen und frühzeitiger Prävention. KriminalpolitikStrategien und Maßnahmen staatlicher Institutionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und zur Reaktion auf regelwidriges Verhalten. sollte deshalb nicht vor allem symbolische Härte demonstrieren, sondern Bedingungen schaffen, unter denen sich problematische Entwicklungsverläufe frühzeitig unterbrechen lassen.
Jugendkriminalität in Film und Popkultur
Das Thema Jugendkriminalität spielt auch in Literatur, Film und Serien eine wichtige Rolle. Popkulturelle Darstellungen greifen häufig zentrale Motive der kriminologischen Forschung auf, etwa Gruppendynamiken, Gewalt unter Jugendlichen oder gesellschaftliche Ausgrenzung.
A Clockwork Orange (1971) – Stanley Kubricks Film über jugendliche Gewalt, Kontrolle und staatliche Repression.
Systemsprenger (2019) – deutscher Film über ein traumatisiertes Mädchen, das zwischen Jugendhilfe, Schule und staatlichen Institutionen immer wieder scheitert und damit Fragen nach gesellschaftlichen Umgangsweisen mit deviantem Verhalten aufwirft.
Solche Darstellungen zeigen, dass Jugendkriminalität nicht nur ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung ist, sondern auch ein zentrales Thema gesellschaftlicher Selbstverständigung über Ordnung, Normen und soziale Ausgrenzung.
Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen (2025). Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz in Nordrhein-Westfalen: Befunde zum Hellfeld und Vergleich von Hell- und Dunkelfeld. Düsseldorf.
Naplava, T. (2018). Jugendliche Intensiv- und Mehrfachtäter. In: B. Dollinger und H. Schmidt-Semisch (Hrsg.).Handbuch Jugendkriminalität (S. 337-356). Wiesbaden: Springer.DOI 10.1007/978-3-531-19953-5_17
Walsh, M. (2018) Effekte von Ansätzen und Maßnahmen im Umgang mit jungen „Intensiv“- und Mehrfachtätern. Systematische Übersichtsarbeit zu den Methoden und Ergebnissen von Studien zur Evaluation von Präventionsansätzen. Berichte des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention, 2/2018. Bonn: Nationales Zentrum Kriminalprävention. Online verfügbar unter: https://www.nzkrim.de/synthese/themen/16/