Andreas Reckwitz

Portrait Andreas Reckwitz, 2018
Andreas Reckwitz, 2018
Jürgen Bauer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Personenprofil

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Andreas Reckwitz ist ein deutscher Soziologe und einer der einflussreichsten zeitgenössischen Gesellschaftstheoretiker im deutschsprachigen Raum. Er ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und gilt als zentrale Figur der Praxis-, Kultur- und Gegenwartsdiagnose.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte Reckwitz zunächst durch seine systematische Weiterentwicklung der Praxistheorie, in der soziales Handeln nicht primär über Normen, Rollen oder rationale Entscheidungen, sondern über routinisierte Praktiken, implizites Wissen, Körperlichkeit, Artefakte und Affekte erklärt wird. Gesellschaft erscheint damit als Geflecht stabilisierter Praktiken, nicht als bloßes System von Regeln oder Strukturen.

Seine größere öffentliche Wirkmacht entfaltet Reckwitz jedoch durch seine Diagnosen der Spätmoderne. Mit dem Konzept der Gesellschaft der Singularitäten beschreibt er einen tiefgreifenden Strukturwandel moderner Gesellschaften: Während die klassische Moderne auf Standardisierung, Gleichheit und Normalität zielte, ist die Spätmoderne durch die soziale Aufwertung des Besonderen, Einzigartigen und Authentischen geprägt. Diese Logik der Singularisierung durchzieht Arbeit, Konsum, Kultur, Identität und Politik.

Reckwitz verbindet diese Diagnose mit einer Analyse neuer sozialer Ungleichheiten. An die Stelle klassischer Klassenkonflikte treten kulturelle Spaltungen zwischen kosmopolitisch-akademischen Milieus und statusunsicheren Gruppen, was er als Nährboden für Populismus, Ressentiment und politische Polarisierung beschreibt. Seine Arbeiten liefern damit zentrale theoretische Anknüpfungspunkte für Debatten zu Prekarisierung, Identitätspolitik, Moralpaniken, Kriminalitätsfurcht und kultureller Konfliktkriminalität.

Für die Kriminologie ist Reckwitz besonders relevant, weil seine Theorie erklärt, warum Abweichung, Devianz und Gewalt in der Spätmoderne neue symbolische Bedeutungen annehmen: Kriminalität wird nicht nur als Normbruch, sondern als kulturelles Ereignis, mediales Spektakel oder Ausdruck verletzter Anerkennungsansprüche interpretiert. Damit ist Reckwitz hoch anschlussfähig an Cultural Criminology, Gouvernementalitätsforschung und zeitdiagnostische Ansätze der Kritischen Kriminologie.

Schlüsselwerke

  • Die Transformation der Kulturtheorien (2000)
  • Subjekt (2008)
  • Die Erfindung der Kreativität (2012)
  • Die Gesellschaft der Singularitäten (2017)
  • Das Ende der Illusionen (2019)
  • Verlust. Ein Grundproblem der Moderne (2024)