Kurzdefinition
Eine psychische Störung ist eine klinisch bedeutsame Beeinträchtigung des Denkens, Fühlens oder Verhaltens, die mit erheblichem Leiden oder Einschränkungen der Lebensführung verbunden ist. Psychische Störungen sind medizinische Diagnosen und dürfen nicht mit Kriminalität oder Gewalt gleichgesetzt werden.
Ausführliche Erklärung
Eine psychische Störung bezeichnet eine klinisch bedeutsame Beeinträchtigung des Denkens, Fühlens, Erlebens oder Verhaltens einer Person. Sie geht in der Regel mit persönlichem Leidensdruck, Einschränkungen der sozialen oder beruflichen Funktionsfähigkeit oder einem erhöhten Behandlungsbedarf einher. Psychische Störungen werden anhand internationaler Klassifikationssysteme wie der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) oder dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) diagnostiziert.
Psychische Störungen umfassen eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsbilder, darunter Depressionen, Angststörungen, Schizophrenien, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen oder Traumafolgestörungen. Ursachen und Entstehung sind meist multifaktoriell und beruhen auf dem Zusammenwirken biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse. Entsprechend existiert keine einheitliche Ursache psychischer Erkrankungen.
Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Epidemiologische Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung im Laufe des Lebens mindestens einmal an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung erkrankt. Besonders häufig sind Depressionen und Angststörungen, aber auch schwerere Erkrankungen wie Schizophrenien betreffen deutlich mehr Menschen, als vielfach angenommen wird. Psychische Erkrankungen sind daher kein Randphänomen, sondern gehören zur Lebenswirklichkeit moderner Gesellschaften.
Aus soziologischer Sicht sind psychische Störungen nicht nur medizinische Diagnosen, sondern auch Gegenstand gesellschaftlicher Definitions- und Bewertungsprozesse. Vorstellungen darüber, welches Verhalten als „normal“ oder „krank“ gilt, unterliegen historischen und kulturellen Veränderungen. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind zudem häufig mit Stigmatisierung, Vorurteilen und sozialer Ausgrenzung konfrontiert.
Auch in der Kriminologie besteht ein enger Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und gesellschaftlichen Zuschreibungen. Entgegen einer weit verbreiteten öffentlichen Wahrnehmung begehen Menschen mit psychischen Erkrankungen nur selten schwere Gewalttaten. Die überwiegende Mehrheit wird niemals straffällig und ist häufiger selbst Opfer von Gewalt als deren Verursacher. Psychische Störungen erklären kriminelles Verhalten daher nur in Ausnahmefällen und dürfen nicht mit Kriminalität gleichgesetzt werden.
Kriminologisch relevant werden psychische Störungen insbesondere im Strafrecht, bei der Schuldfähigkeit, im Maßregelvollzug sowie im Bereich der forensischen Psychiatrie. Hier stellt sich die Frage, inwieweit eine psychische Erkrankung die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit einer beschuldigten Person zum Tatzeitpunkt beeinträchtigt hat.
Theoriebezug
Psychische Störungen spielen vor allem in biologischen und psychologischen Kriminalitätstheorien sowie in der forensischen Psychiatrie eine Rolle. Moderne kriminologische Ansätze betonen jedoch, dass Kriminalität in der Regel nicht monokausal durch psychische Erkrankungen erklärt werden kann. Vielmehr entsteht delinquentes Verhalten meist durch das Zusammenwirken individueller, sozialer und situativer Faktoren.
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