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Sie befinden sich hier: Home / Soziologie / Schlüsselwerke der Soziologie / Erving Goffman – Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen (1961)

Erving Goffman – Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen (1961)

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2026 | Veröffentlicht: 13. Juni 2026 von Christian Wickert

Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen von Erving Goffman gehört zu den einflussreichsten soziologischen Werken des 20. Jahrhunderts. Das erstmals 1961 veröffentlichte Buch analysiert psychiatrische Kliniken und ähnliche Einrichtungen, die Goffman als totale Institutionen bezeichnet. Solche Institutionen prägen nach Goffman die Identität, das Selbstbild und die sozialen Rollen ihrer Insassen in grundlegender Weise. Das Werk beeinflusste nicht nur die Soziologie von Devianz und psychischer Krankheit, sondern auch die KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren., insbesondere die Forschung zu Gefängnissen und anderen geschlossenen Einrichtungen.

Inhaltsverzeichnis

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  • Merkzettel
    • Asyle von Erving Goffman
  • Was ist eine totale Institution?
  • Die „Entwertung des Selbst“
  • Strategien institutioneller Kontrolle
  • Goffman, Scheff und Foucault im Vergleich
  • Kriminologische Bedeutung
  • Kritik und Rezeption
  • Aktuelle Relevanz
  • Literatur

Merkzettel

Asyle von Erving Goffman

Hauptvertreter: Erving Goffman (1922–1982)

Erving GoffmanErstveröffentlichung: 1961

Land: USA

Zentrale Idee: Totale Institutionen isolieren und regulieren Menschen und greifen tief in deren IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt. und Autonomie ein.

Grundlage für: Institutionssoziologie, Gefängnissoziologie, Psychiatriekritik, Etikettierungsansätze

Verwandte Theorien und Werke: Stigma (Goffman), Etikettierungsansatz, Thomas J. Scheff – Being Mentally Ill, Michel Foucault – Überwachen und Strafen

Was ist eine totale Institution?

Goffman definiert eine totale InstitutionInstitutionen sind dauerhaft verfestigte soziale Regelwerke und Organisationen, die gesellschaftlich relevantes Handeln strukturieren, stabilisieren und legitimieren. als einen Ort des Wohnens und Arbeitens, an dem eine größere Zahl von Personen für längere Zeit von der Außenwelt abgeschnitten lebt und ihr Alltag unter einer zentralen Autorität organisiert wird. Beispiele sind Gefängnisse, psychiatrische Kliniken, Militärkasernen, Internate oder Klöster. Charakteristisch ist, dass sämtliche Lebensbereiche – Schlafen, Arbeiten, Essen und Freizeit – am selben Ort stattfinden und denselben Regeln unterliegen.

Im Unterschied zum Leben in modernen Gesellschaften, in denen Individuen unterschiedliche soziale Rollen in verschiedenen Lebensbereichen ausüben, werden diese Bereiche in totalen Institutionen zusammengeführt. Die Grenzen zwischen Privatleben, Arbeit und Freizeit verschwinden weitgehend.

Die „Entwertung des Selbst“

Zu den bekanntesten Konzepten des Buches gehört die von Goffman beschriebene „Entwertung des Selbst“ (mortification of the self). Beim Eintritt in eine totale Institution verlieren Menschen häufig persönliche Gegenstände, ihre gewohnte Kleidung, ihre PrivatsphäreDer geschützte Bereich persönlicher Lebensführung, der vor öffentlichem Zugriff und Kontrolle bewahrt bleibt. und viele ihrer bisherigen sozialen Rollen.

Durch Aufnahmeprozeduren, Uniformierung, Nummerierung und standardisierte Routinen wird die bisherige Identität schrittweise abgebaut. An ihre Stelle tritt eine institutionell definierte RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist.: der Patient, der Insasse oder der Gefangene. Individuelle Biografien und persönliche Besonderheiten verlieren an Bedeutung.

Goffman zeigt damit, wie soziale Identität nicht allein eine individuelle Eigenschaft ist, sondern wesentlich durch soziale Interaktionen und institutionelle Rahmenbedingungen geprägt wird.

Strategien institutioneller Kontrolle

Totale Institutionen üben KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. nicht allein durch räumliche Einschließung aus. Vielmehr entsteht ein komplexes System administrativer, symbolischer und interaktioneller Steuerung.

Ein zentrales Merkmal ist die strikte Trennung zwischen Personal und Insassen. Diese Unterscheidung erzeugt asymmetrische Machtverhältnisse und begrenzt die Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen. WiderstandWiderstand bezeichnet Handlungen, mit denen sich Einzelpersonen oder Gruppen gegen als illegitim empfundene politische Herrschaft, staatliche Gewalt oder gesellschaftliche Unterdrückung wenden. Seine rechtliche und moralische Bewertung hängt vom jeweiligen historischen und politischen Kontext ab. oder Abweichung können dabei selbst als weiterer Beleg für die Notwendigkeit institutioneller Kontrolle interpretiert werden.

Hinzu kommen detaillierte Tagesabläufe, die Spontaneität einschränken und konformes Verhalten fördern. Essenszeiten, Schlafzeiten, Arbeit und Freizeit folgen festen Regeln. Dadurch wird Individualität reduziert und die Anpassung an institutionelle Erwartungen gefördert.

Von besonderer Bedeutung ist außerdem die Abschottung von der Außenwelt. Kontakte zu FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden., Freunden und gesellschaftlichen Bezugssystemen werden kontrolliert oder eingeschränkt. Dadurch steigt die Abhängigkeit von der Institution und ihren Deutungsmustern.

Uniformen, Nummern, standardisierte Unterkünfte und der Verlust persönlicher Besitztümer wirken zusätzlich identitätsverändernd. Menschen werden zunehmend als „Fall“, „Patient“ oder „Insasse“ behandelt, anstatt als Individuen mit eigener Biografie.

Goffman, Scheff und Foucault im Vergleich

Goffmans Analyse totaler Institutionen steht in engem Zusammenhang mit den Arbeiten von Thomas J. Scheff und Michel Foucault. Alle drei Autoren untersuchen die Beziehung zwischen Institutionen, DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. und sozialer Kontrolle, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

PerspektiveErving GoffmanThomas J. ScheffMichel Foucault
AnsatzMikrosoziologisch, interaktionistischEtikettierungsansatzMakrosoziologisch, historisch
Zentrale FrageWie verändern Institutionen Identität?Wie entsteht psychische Krankheit durch ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten.?Wie produzieren Institutionen Macht und DisziplinDisziplin bezeichnet ein System der Verhaltensregulierung durch Überwachung, Kontrolle und körperliche bzw. geistige Dressur.?
FokusRollenverlust und AlltagsorganisationEtikettierung und soziale ReaktionÜberwachungÜberwachung beschreibt die systematische Sammlung, Beobachtung und Analyse von Informationen über Personen, Gruppen oder Institutionen, meist durch staatliche oder private Akteure., Normalisierung und Disziplinierung
Totale InstitutionTotale Institution bezeichnet eine soziale Einrichtung, in der alle Lebensbereiche der Insassen stark reglementiert, räumlich von der Außenwelt getrennt und unter eine zentrale Autorität gestellt sind.Ort des IdentitätsabbausVerstärkt abweichende RollenMechanismus sozialer Kontrolle

Kriminologische Bedeutung

Obwohl Goffmans Untersuchung ursprünglich psychiatrische Einrichtungen in den Mittelpunkt stellt, sind seine Erkenntnisse für die Kriminologie von großer Bedeutung. Gefängnisse, Jugendstrafanstalten, Abschiebeeinrichtungen oder geschlossene Heime weisen zahlreiche Merkmale totaler Institutionen auf.

Gerade die Gefängnissoziologie hat Goffmans Konzept intensiv aufgegriffen. Der StrafvollzugRechtlich geregelte Inhaftierung und Resozialisierung von Straftätern zur Strafvollstreckung und Vorbereitung auf ein straffreies Leben in Freiheit. erscheint bei ihm nicht nur als Ort der Freiheitsentziehung, sondern als sozialer Raum, in dem Identitäten umgeformt, Rollen neu definiert und Abhängigkeiten institutionell erzeugt werden.

Das Werk liefert wichtige Impulse für die Erforschung von Stigmatisierungsprozessen und die Analyse institutioneller Machtverhältnisse. Goffman zeigt, wie Institutionen nicht nur auf Devianz reagieren, sondern selbst zur Entstehung und Verstetigung abweichender Identitäten beitragen können.

Seine Überlegungen beeinflussten unter anderem Thomas Scheff, Michel Foucault sowie spätere kritische Analysen des Strafvollzugs und der sozialen Kontrolle.

Kritik und Rezeption

Asyle gilt heute als Klassiker der Soziologie. Besonders gelobt wurde Goffmans ethnographischer Zugang, der den Alltag innerhalb geschlossener Institutionen detailliert sichtbar machte.

Kritiker bemängeln allerdings, dass strukturelle Ungleichheiten wie Klasse, Geschlecht oder Ethnizität nur am Rande behandelt werden. Auch Fragen staatlicher Macht und gesellschaftlicher HerrschaftHerrschaft ist die institutionalisierte Form der Machtausübung über Menschen oder Gruppen. werden weniger systematisch analysiert als später bei Foucault.

Dennoch bleibt Goffmans Werk ein zentraler Bezugspunkt für die Analyse von Institutionen, sozialer Kontrolle und Identitätsbildung.

Aktuelle Relevanz

Die Aktualität von Asyle zeigt sich insbesondere in Debatten über forensische Psychiatrie, Maßregelvollzug, Abschiebehaft und den Strafvollzug. Auch moderne Gefängnisse weisen trotz zahlreicher Reformen weiterhin Merkmale totaler Institutionen auf. Viele der von Goffman beschriebenen Mechanismen – eingeschränkte Autonomie, institutionelle Etikettierung und die Spannung zwischen Fürsorge und Kontrolle – sind bis heute Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Diskussionen.

Goffmans Konzept der totalen Institution liefert damit weiterhin ein wichtiges Instrument zur kritischen Analyse moderner Einrichtungen, die Menschen langfristig von der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. isolieren und ihr Verhalten regulieren.

Literatur

  • Foucault, Michel (1977). Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Goffman, Erving (1973). Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Goffman, Erving (1963). Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Scheff, Thomas J. (1966). Being Mentally Ill. Chicago: Aldine.
  • Wacquant, Loïc (2009). Bestrafen der Armen. Opladen: Barbara Budrich.

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Kategorie: Allgemeine Soziologie Tags: Asyle, Devianz, Erving Goffman, Gefängnis, Gefängnissoziologie, Institutionen, Labeling Approach, Michel Foucault, Psychiatrie, Schlüsselwerke der Soziologie, soziale Kontrolle, Stigmatisierung, Strafvollzug, Thomas Scheff, Totale Institution

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Lektionen

  • Die klassischen Grundlagen
  • Course de philosophie positive (1830–1842)
    Auguste Comte
  • Das Kommunistische Manifest (1848)
    Karl Marx & Friedrich Engels
  • Gemeinschaft und Gesellschaft (1887)
    Ferdinand Tönnies
  • Drei Schlüsselwerke der Soziologie
    Émile Durkheim
  • Die Großstadt und das Geistesleben (1903)
    Georg Simmel
  • Die protestantische Ethik (1905)
    Max Weber
  • Wirtschaft und Gesellschaft (1921)
    Max Weber
  • Strukturfunktionalismus, Rollentheorie und soziale Prozesse
  • Geist, Identität und Gesellschaft (1934)
    Herbert Mead
  • Die Struktur des sozialen Handelns (1937)
    Talcott Parsons
  • Über den Prozeß der Zivilisation (1939)
    Norbert Elias
  • Street Corner Society (1943)
    William Foote Whyte
  • Dialektik der Aufklärung (1944)
    Max Horkheimer & Theodor W. Adorno
  • Sozialstruktur und Anomie (1949)
    Robert K. Merton
  • Das soziale System (1951)
    Talcott Parsons
  • Wir alle spielen Theater (1956)
    Erving Goffman
  • Mythologies (1957)
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  • Asyle (1961)
    Erving Goffman
  • Das wilde Denken (1962)
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    Herbert Blumer
  • Cours de linguistique générale (1916)
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  • Kritische Theorie, Poststrukturalismus und Systemtheorie
  • Encoding/Decoding (1973)
    Stuart Hall
  • Überwachen und Strafen (1975)
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    Jürgen Habermas
  • Soziale Systeme (1984)
    Niklas Luhmann
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