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Sie befinden sich hier: Home / Kriminalitätstheorien / Lernen/ Subkultur / Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland)

Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland)

Zuletzt aktualisiert: 8. April 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Mit der Theorie der differentiellen Assoziation entwickelte Edwin H. Sutherland eine der einflussreichsten kriminalsoziologischen Lerntheorien des 20. Jahrhunderts. Ihre zentrale Annahme lautet: KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. ist kein angeborenes Merkmal, sondern ein sozial erlerntes Verhalten.

Die sogenannte Differential Association Theory gilt heute als Grundlage vieler moderner Lerntheorien der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren..

Nach Sutherland entsteht delinquentes Verhalten durch soziale Interaktionen innerhalb von Gruppen. Menschen übernehmen in ihrem sozialen Umfeld bestimmte Definitionen, also Einstellungen, Rationalisierungen und Bewertungen von Gesetzesverstößen. Entscheidend ist dabei das Verhältnis zwischen Definitionen, die Gesetzesverletzungen befürworten, und solchen, die sie ablehnen.

Eine Person wird demnach eher delinquent, wenn sie häufiger und intensiver mit Personen in Kontakt steht, die kriminelles Verhalten positiv bewerten, als mit solchen, die konforme NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. vertreten. Kriminalität ist somit das Ergebnis eines
sozialen Lernprozesses, der in alltäglichen Interaktionen – etwa in Familien, Freundeskreisen oder Subkulturen – stattfindet.

Mit diesem Ansatz wandte sich Sutherland ausdrücklich gegen die damals verbreiteten biologischen und psychologischen Erklärungen von Kriminalität. Statt individuelle Defekte oder Veranlagungen zu betonen, rückte er die Bedeutung sozialer Beziehungen und kommunikativer Lernprozesse in den Mittelpunkt der Kriminologie.

Inhaltsverzeichnis

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  • Merkzettel
    • Differential Association Theory
  • Die Theorie der differentiellen Kontakte nach Edwin Sutherland
    • Die neun Thesen der differentiellen Assoziation (Kurzüberblick)
    • Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug
  • Kriminalpolitische Implikationen
  • Literatur und weiterführende Informationen
    • Primärliteratur
    • Sekundärliteratur
    • Video

Merkzettel

Differential Association Theory

Portrait: Edwin SutherlandHauptvertreter: Edwin H. Sutherland

Erstveröffentlichung: 1939 (neun Thesen ab 1947)

Land: USA

Idee/ Annahme: Kriminelles Verhalten wird – wie jedes andere Verhalten auch – in InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten. mit anderen erlernt. Entscheidend ist die Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität des Kontakts mit Personen, die entweder kriminelle oder konforme Einstellungen vertreten. Wer häufiger und intensiver mit delinquenten Normen konfrontiert ist, übernimmt eher kriminelle Verhaltensmuster.

Abgrenzung zu:
Sutherland positioniert seine Theorie bewusst gegen die damals dominanten biologischen und psychologischen Erklärungen von Kriminalität, die individuelles Fehlverhalten auf Vererbung, Intelligenz oder Persönlichkeitsdefizite zurückführten. Im Unterschied dazu betont er, dass kriminelles Verhalten ein Ergebnis sozialer Lernprozesse ist – eingebettet in spezifische Gruppenkontexte. Auch gegenüber rationalen Modellen wie der Rational Choice Theory grenzt sich Sutherland ab, da seine Theorie nicht auf Kosten-Nutzen-Kalküle, sondern auf sozialen Einfluss fokussiert.

Verwandte Theorien:
Social Learning Theory (Akers),
Theorie der differentiellen Gelegenheiten (Cloward & Ohlin),
Labeling Approach (Lemert),
Subkulturtheorien

Die Theorie der differentiellen Kontakte nach Edwin Sutherland

Edwin Sutherlands Theorie der differentiellen Assoziation geht davon aus, dass kriminelle Verhaltensweisen durch den Kontakt zu Personen, welche ihrerseits kriminell sind, erlernt werden. Sie wird deshalb auch „Theorie der differentiellen Kontakte“ genannt.

Der Begriff „Assoziation“ verfeinert diese Idee jedoch um die Erkenntnis, dass nicht der bloße Kontakt zu kriminellen Personen ausreicht, sondern während dieser Kontakte die kriminellen Definitionen und Einstellungen auch erfolgreich vermittelt werden müssen.

Die Grundthese ist hierbei, dass kriminelles Verhalten dann gelernt wird, wenn mehr Einstellungen, die Gesetzesübertretungen begünstigen, erlernt werden, als solche, die Gesetzesverletzungen negativ bewerten. Im Umkehrschluss wird das Erlernen krimineller Einstellungen, Motive und Definitionen also umso wahrscheinlicher, je mehr Kontakt zu Personen und Gruppen, die Gesetze übertreten, besteht, und je weniger Kontakt zu Personen und Gruppen, die regelkonform leben, besteht.

Vereinfacht formuliert steigt die Wahrscheinlichkeit delinquenten Verhaltens, wenn Personen überwiegend in soziale Beziehungen eingebunden sind, in denen Gesetzesverletzungen positiv definiert werden, während konforme Normen in ihrem Umfeld nur eine geringe RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. spielen.

Differential Association Theory nach Edwin Sutherland – Schaubild zu sozialen Lernprozessen kriminellen Verhaltens
Schaubild: Theorie der differentiellen Assoziation nach Edwin H. Sutherland. Kriminalität wird in sozialen Beziehungen gelernt, wenn Definitionen zugunsten von Gesetzesverletzungen überwiegen.

Die neun Thesen der differentiellen Assoziation (Kurzüberblick)

Sutherland fasste seine Theorie in neun grundlegenden Aussagen zusammen, die den Lernprozess kriminellen Verhaltens beschreiben:

  1. Kriminelles Verhalten wird erlernt.
  2. Es wird in Interaktion mit anderen Personen im Rahmen eines Kommunikationsprozesses gelernt.
  3. Der wichtigste Lernkontext sind kleine, intime Gruppen, z. B. Freundeskreise oder Peer-Gruppen.
  4. Beim LernenLernen ist ein Prozess, durch den Individuen durch Erfahrung, Beobachtung oder Instruktion dauerhaftes Wissen, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen erwerben oder verändern. werden sowohl Techniken der Tatbegehung als auch Motive, Einstellungen und Rationalisierungen übernommen.
  5. Diese Motive entstehen durch Definitionen von Gesetzen, die entweder positiv oder negativ bewertet werden.
  6. Eine Person wird delinquent, wenn Definitionen zugunsten von Gesetzesverletzungen die ablehnenden Definitionen überwiegen.
  7. Die Wirkung sozialer Kontakte hängt von Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität ab.
  8. Das Lernen kriminellen Verhaltens folgt denselben Mechanismen wie jeder andere Lernprozess.
  9. Kriminalität kann nicht allein durch allgemeine Bedürfnisse oder WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist. erklärt werden, da diese auch zu konformem Verhalten führen können.

Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug

Die Theorie der differentiellen Assoziation gehört zu den einflussreichsten kriminologischen Lerntheorien des 20. Jahrhunderts. Ihre besondere Stärke liegt darin, Kriminalität nicht als Ausdruck biologischer Defekte oder individueller Pathologien zu deuten, sondern als Ergebnis sozialer Lernprozesse. Damit markiert Sutherlands Ansatz einen entscheidenden Wendepunkt in der Kriminologie: Der Blick richtet sich nicht mehr primär auf den „verbrecherischen Täter“, sondern auf die sozialen Kontexte, in denen kriminelle Einstellungen, Motive und Verhaltensmuster vermittelt werden.

Gerade wegen dieses Perspektivwechsels wurde Sutherlands Theorie zum Ausgangspunkt zahlreicher theoretischer Weiterentwicklungen. Akers griff Sutherlands Grundidee auf und ergänzte sie um sozialpsychologische Lernmechanismen wie Imitation, Verstärkung und operantes Lernen. Dadurch wurde präziser erklärt, wie kriminelles Verhalten in sozialen Beziehungen tatsächlich erlernt und stabilisiert wird. Cloward und Ohlin kritisierten dagegen, dass Sutherland zwar den Erwerb krimineller Definitionen erklärt, nicht aber den Zugang zu illegitimen Gelegenheitsstrukturen. Ihre Theorie der differentiellen Gelegenheiten verbindet deshalb Sutherlands Lernansatz mit sozialstrukturellen Ungleichheiten. David Matza wandte sich schließlich gegen die Vorstellung stabil übernommener krimineller Normen und betonte stattdessen, dass viele Jugendliche nur situativ zwischen konformen und delinquenten Orientierungen „driften“.

Trotz ihrer großen Bedeutung ist die Theorie der differentiellen Assoziation nicht frei von Problemen. Ein häufiger Kritikpunkt betrifft die theoretische Präzision: Sutherlands Ansatz beschreibt überzeugend, dass Kriminalität in sozialen Beziehungen erlernt wird, bleibt aber teilweise unbestimmt, wenn es darum geht, die konkreten Mechanismen dieses Lernens zu erklären. Genau an dieser Stelle setzten spätere Lerntheorien an.

Kritisch diskutiert wird außerdem, dass die Theorie Gefahr läuft, partiell tautologisch zu sein. Wenn delinquentes Verhalten dadurch erklärt wird, dass zuvor delinquente Definitionen gelernt wurden, stellt sich die Frage, wie diese Definitionen ursprünglich entstehen und warum manche Personen sie übernehmen, andere jedoch nicht. Auch spontane Affekt- und Impulsdelikte lassen sich nur begrenzt mit einem Ansatz erklären, der vor allem auf längerfristige Lernprozesse abstellt.

Hinzu kommt, dass Sutherlands Theorie individuelle Unterschiede nur am Rande berücksichtigt. Nicht alle Menschen reagieren in gleicher Weise auf dieselben sozialen Kontakte. Unterschiede in Persönlichkeit, SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren., biographischer Situation oder sozialer Einbindung können beeinflussen, ob kriminelle Einstellungen tatsächlich übernommen werden. In dieser Hinsicht wirkt der Ansatz stellenweise zu stark sozialdeterministisch.

Ungeachtet dieser Einwände bleibt Sutherlands Theorie bis heute hoch aktuell. Die Vorstellung, dass kriminelles Verhalten in Gruppen, Netzwerken und Milieus erlernt wird, gehört inzwischen zu den grundlegenden Einsichten kriminalsoziologischer Forschung. Dies gilt nicht nur für Jugenddelinquenz, Gangs oder subkulturelle GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen., sondern auch für Phänomene wie White Collar Crime, bei denen illegale Praktiken ebenfalls innerhalb sozialer und beruflicher Zusammenhänge vermittelt und normalisiert werden. Gerade in dieser Breite zeigt sich die anhaltende Relevanz von Sutherlands Lernperspektive.

Kriminalpolitische Implikationen

Aus Sutherlands Theorie ergeben sich kriminalpolitische Schlussfolgerungen, die deutlich über eine rein repressive Strafpolitik hinausgehen. Wenn kriminelle Einstellungen, Motive und Techniken in sozialen Interaktionen erlernt werden, dann können sie prinzipiell auch wieder verlernt bzw. durch konforme Normen und Handlungsweisen ersetzt werden. Der Ansatz legt daher eine kriminalpolitische Orientierung nahe, die auf Resozialisierung, soziale PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen. und positive Lernumgebungen setzt.

Zentral ist dabei die Einsicht, dass delinquentes Verhalten häufig in sozialen Netzwerken, Peer-Gruppen und Milieus entsteht, in denen Gesetzesverletzungen positiv definiert oder zumindest toleriert werden. Präventionsmaßnahmen können daher darauf abzielen, solche Lernkontexte zu verändern oder alternative soziale Bezugssysteme zu stärken. Programme der Jugendhilfe, schulische Prävention, Mentoring-Modelle oder Sport- und Freizeitangebote verfolgen häufig genau dieses Ziel: Sie schaffen soziale Räume, in denen konforme Normen und Rollenmodelle vermittelt werden.

Auch für den Strafvollzug lassen sich aus der Theorie wichtige Konsequenzen ableiten. Wenn kriminelles Verhalten in sozialen Beziehungen gelernt wird, besteht die Gefahr, dass Gefängnisse selbst zu Orten der Verstärkung krimineller Lernprozesse werden – etwa durch intensive Kontakte zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen Straftätern. Moderne Strafvollzugskonzepte versuchen deshalb, Lernprozesse gezielt zu beeinflussen, etwa durch Bildungsprogramme, sozialtherapeutische Maßnahmen oder durch eine stärkere Orientierung an ResozialisierungResozialisierung bezeichnet die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Straftäter:innen. Ziel ist es, nach einer Straftat durch pädagogische, therapeutische und soziale Maßnahmen ein Leben ohne weitere Straftaten zu ermöglichen. und Reintegration.

Darüber hinaus legt die Theorie nahe, dass kriminalpolitische Strategien auch auf die sozialen Ursachen von kriminellen Lernprozessen reagieren müssen. Segregation, soziale Desintegration oder marginalisierte Stadtviertel können Kontexte schaffen, in denen abweichende Normen leichter weitergegeben werden. Maßnahmen zur Förderung sozialer IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden., Bildungschancen und stabiler sozialer Netzwerke können daher langfristig dazu beitragen, das Entstehen krimineller Lernmilieus zu reduzieren.

Insgesamt unterstützt Sutherlands Ansatz eine kriminalpolitische Perspektive, die Kriminalität nicht primär als individuelles Fehlverhalten betrachtet, sondern als Ergebnis sozialer Interaktionen. Prävention und Intervention zielen dementsprechend darauf ab, soziale Lernprozesse zu verändern und konforme Handlungsmuster in den relevanten sozialen Kontexten zu stärken.

Literatur und weiterführende Informationen

Primärliteratur

  • Edwin H. Sutherland (1939): Principles of Criminology (3. Aufl.).

Sekundärliteratur

  • Edwin H. Sutherland (1968): Die Theorie der differentiellen Kontakte. In: F. Sack und R. König (Hrsg.): Kriminalsoziologie, S.395-399. Frankfurt am Main.

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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Differential Association Theory, Edwin H. Sutherland, Kriminalität als Lernprozess, Lerntheorien der Kriminologie, Peer Groups, Social Learning Theory, Subkulturtheorien, Theorie der differentiellen Assoziation, Theorie der differentiellen Kontakte, White Collar Crime

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