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Schutzgelderpressung

Kurzdefinition

Schutzgelderpressung bezeichnet die Erpressung regelmäßiger Geldzahlungen unter der Androhung von Gewalt, Sachbeschädigung oder anderen Nachteilen. Das vermeintliche „Schutzangebot“ dient dabei häufig dem Schutz vor den Tätern selbst und stellt eine klassische Einnahmequelle Organisierter Kriminalität dar.

Ausführliche Erklärung

Schutzgelderpressung bezeichnet die Forderung regelmäßiger Geldzahlungen unter der Androhung von Gewalt, Sachbeschädigung oder anderen erheblichen Nachteilen. Den Betroffenen wird dabei ein vermeintlicher „Schutz“ angeboten, der in vielen Fällen gerade vor denjenigen Gefahren schützen soll, die von den Erpressern selbst ausgehen. Das Schutzangebot ist daher Ausdruck einer Erpressung und keine freiwillig nachgefragte Dienstleistung.

Historisch spielte Schutzgelderpressung insbesondere bei der Entstehung mafiöser Organisationen eine wichtige Rolle. In Regionen mit schwacher staatlicher Kontrolle boten kriminelle Gruppen Unternehmern oder Grundeigentümern zunächst tatsächlichen Schutz vor Diebstahl oder Übergriffen an. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus häufig ein Zwangssystem, in dem Zahlungen unabhängig von einem tatsächlichen Schutzbedarf eingefordert wurden.

Aus kriminologischer Sicht gehört Schutzgelderpressung zu den klassischen Deliktsformen der Organisierten Kriminalität. Die Einnahmen dienen nicht nur der Finanzierung krimineller Aktivitäten, sondern festigen zugleich die Macht einer Organisation über ein bestimmtes Gebiet oder eine Branche. Wer Schutzgeld zahlt, erkennt faktisch die Herrschaft der kriminellen Organisation an und trägt zur Stabilisierung ihrer Machtstrukturen bei.

Das tatsächliche Ausmaß der Schutzgelderpressung lässt sich nur schwer bestimmen. Da Betroffene aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen oder wirtschaftlichen Nachteilen häufig keine Anzeige erstatten, gilt Schutzgelderpressung als typisches Dunkelfelddelikt. Kriminologische Untersuchungen gehen deshalb davon aus, dass das tatsächliche Ausmaß deutlich über den polizeilich registrierten Fällen liegt. Besonders gefährdet sind Branchen mit hoher Bargeldintensität und starker lokaler Bindung, etwa Gastronomie, Einzelhandel oder das Baugewerbe. In Deutschland liegen keine belastbaren Schätzungen zur tatsächlichen Zahl betroffener Unternehmen vor.

Die Bedeutung der Schutzgelderpressung geht daher über den unmittelbaren finanziellen Schaden hinaus. Unternehmen geraten in wirtschaftliche Abhängigkeit, Wettbewerbsbedingungen werden verzerrt und staatliche Autorität wird untergraben. Dort, wo mafiöse Organisationen Schutzgelder erfolgreich durchsetzen, entstehen häufig Parallelstrukturen, in denen kriminelle Gruppen Aufgaben übernehmen, die eigentlich dem Rechtsstaat zukommen sollten.

Schutzgelderpressung tritt nicht ausschließlich im Zusammenhang mit klassischen Mafiaorganisationen auf. Auch Rockergruppierungen, Straßenbanden oder andere Formen Organisierter Kriminalität nutzen Schutzgelderpressung, um territoriale Kontrolle auszuüben und regelmäßige Einnahmen zu erzielen.

Theoriebezug

Schutzgelderpressung ist ein zentrales Untersuchungsfeld der Forschung zur Organisierten Kriminalität, zu illegalen Märkten und zur Herrschaftssoziologie. Kriminologisch interessiert insbesondere, wie kriminelle Organisationen durch Gewaltandrohung, Korruption und territoriale Kontrolle dauerhafte Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse schaffen und damit staatliche Ordnungsfunktionen teilweise ersetzen.

Verwandte Begriffe

Camorra Cosa Nostra Drogenhandel Fünf Familien Geldwäsche Gewalt Korruption Mafia Mara Salvatrucha (MS-13) Omertà Organisierte Kriminalität (OK) Triade Waffenhandel

Weiterführende Beiträge

Konferenzraum als Symbol für white collar crime und Vergehen der wirtschaftlichen Eliten

Edwin H. Sutherland – White Collar Crime (1949)

White Collar Crime, erstmals veröffentlicht im Jahr 1949, gilt als bahnbrechendes Werk in der Kriminologie. Edwin H. Sutherland prägte darin nicht nur den Begriff des „White Collar Crime“, sondern erweiterte auch das Verständnis von Kriminalität um Taten, die von Angehörigen…

Verwandte Filme und Serien

Die folgenden Filme, Serien und Dokumentationen greifen zentrale Aspekte dieses Begriffs auf und veranschaulichen sie anhand konkreter Beispiele. Sie eignen sich als anschauliche Ergänzung zu den wissenschaftlichen Erläuterungen.
Graffiti mit der Aufschrift „Death for Camorra“ – Symbolbild zum Film Gomorrha (2008).

Gomorrha (2008)

Spielfilm

Gomorrha erzählt in mehreren miteinander verflochtenen Handlungssträngen vom Einfluss der Camorra auf das gesellschaftliche Leben in Neapel und Umgebung. Der Film begleitet Jugendliche, Auftragsmörder, Unternehmer, Drogenhändler und einfache Boten und zeigt, wie organisierte Kriminalität nahezu alle Bereiche des Alltags prägt. Basierend auf dem gleichnamigen Sachbuch von Roberto Saviano verzichtet Gomorrha bewusst auf klassische Heldenfiguren und inszeniert die Camorra als allgegenwärtiges soziales System.

Aufgefächerte US-Dollarscheine als Symbol für sozialen Aufstieg, Status und die Attraktivität organisierter Kriminalität in GoodFellas.

GoodFellas (1990)

Spielfilm

Der junge Henry Hill wächst in einem von der Mafia geprägten Umfeld in New York auf und träumt davon, selbst Teil dieser Welt zu werden. Über mehrere Jahrzehnte verfolgt der Film seinen Aufstieg innerhalb der italienisch-amerikanischen Unterwelt sowie die persönlichen und kriminellen Konsequenzen dieses Lebensstils. GoodFellas basiert auf realen Ereignissen und zählt zu den bekanntesten Mafiafilmen der Filmgeschichte.



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Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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