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Camorra

Kurzdefinition

Die Camorra ist eine in der Region Kampanien, insbesondere in Neapel, entstandene Mafiaorganisation, die sich durch eine dezentrale Clanstruktur und eine starke Verankerung im städtischen Milieu auszeichnet.

Ausführliche Erklärung

Die Camorra bezeichnet die traditionelle Mafiaorganisation der süditalienischen Region Kampanien mit ihrem Zentrum in Neapel. Ihre Ursprünge reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Anders als die sizilianische Cosa Nostra verfügt die Camorra über keine einheitliche Führungsstruktur, sondern besteht aus zahlreichen weitgehend eigenständig operierenden Clans, die miteinander konkurrieren, zeitweise kooperieren und ihre Einflussgebiete fortlaufend neu aushandeln.

Zu den wichtigsten Einnahmequellen zählen Drogenhandel, Schutzgelderpressung, illegale Abfallentsorgung, Produktpiraterie, Geldwäsche sowie die Infiltration legaler Wirtschaftsbereiche. Die Camorra nutzt Korruption, Einschüchterung und Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen und ist heute sowohl regional als auch international tätig.

Ein wesentliches Merkmal der Camorra ist ihre enge Verflechtung mit dem sozialen und wirtschaftlichen Leben vieler Stadtviertel Neapels. Einzelne Clans übernehmen dort teilweise Funktionen informeller sozialer Kontrolle oder wirtschaftlicher Versorgung und gewinnen dadurch Einfluss auf das Alltagsleben der Bevölkerung. Gleichzeitig führen Rivalitäten zwischen konkurrierenden Clans regelmäßig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Kriminologisch gilt die Camorra als eine der bedeutendsten Erscheinungsformen der Organisierten Kriminalität. Im Unterschied zur hierarchisch organisierten Cosa Nostra zeichnet sie sich vor allem durch ihre dezentrale Organisationsform und ihre hohe Anpassungsfähigkeit aus.

Theoriebezug

Die Camorra verdeutlicht den Zusammenhang zwischen sozialräumlichen Bedingungen und Organisierter Kriminalität. Insbesondere Ansätze der Sozialen Desorganisation sowie der Cultural Criminology lenken den Blick auf Stadtviertel, in denen Armut, soziale Ausgrenzung, fehlende staatliche Präsenz und informelle Normensysteme die Entstehung und Stabilisierung krimineller Strukturen begünstigen können. Gleichzeitig zeigt die Camorra, dass Organisierte Kriminalität häufig tief in lokale soziale Netzwerke eingebettet ist und weit über die eigentliche Begehung von Straftaten hinaus gesellschaftlichen Einfluss entfaltet.

Verwandte Begriffe

Cosa Nostra Drogenhandel Geldwäsche Korruption Mafia Omertà Organisierte Kriminalität (OK) Schutzgelderpressung

Weiterführende Beiträge

Das konzentisches Zonenmodell beschreibt die Kriminalitätsverteilung im Raum in der Theorie der sozialen Desorganisation von Shaw und McKay

Soziale Desorganisation (Shaw & McKay)

Die Theorie der sozialen Desorganisation ist auch bekannt unter den Namen Social Ecology, Ökologischer Ansatz, Kriminalökologie, Area Approach, kulturelle Transmission. Soziale Raumtheorien gehen davon aus, dass Kriminalität nicht zufällig über den städtischen Raum verteilt ist. In bestimmten Stadtgebieten treten dauerhaft…

Graffiti als Beispiel für Cultural Criminology – Kunst trifft auf Subkultur, Devianz, Nachtleben und räumliche Segregation

Jeff Ferrell, Keith Hayward & Jock Young – Cultural Criminology: An Invitation (2008)

Mit Cultural Criminology: An Invitation legten Jeff Ferrell, Keith J. Hayward und Jock Young im Jahr 2008 das erste umfassende Grundlagenwerk zur Cultural Criminology vor. Das Buch fungiert als programmatische Einführung, als theoretische Systematisierung und als akademisches Manifest einer Perspektive,…

Titelbild für: Cities Under Siege: The New Military Urbanism

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Stephen Graham legt mit "Cities Under Siege: The New Military Urbanism" (2010) ein ebenso verstörendes wie einflussreiches Werk vor, das die schleichende Militarisierung urbaner Räume analysiert. Vor dem Hintergrund des "War on Terror" und einer globalisierten Sicherheitsarchitektur zeigt Graham, wie…

Segregation

Was ist Segregation? Segregation (von segregieren: trennen, abspalten, absondern) bezeichnet in der Stadtsoziologie den Prozess der Abspaltung geographischer Räume nach sozialen, demographischen oder auch kulturell/ ethnischen Kriterien. Farwick (2012: 381) definiert Segregation als "Prozesse der räumlichen Differenzierung, Sortierung und Separierung"…

Der Begriff im Film

Graffiti mit der Aufschrift „Death for Camorra“ – Symbolbild zum Film Gomorrha (2008).

Gomorrha (2008)

Spielfilm

Gomorrha zeigt die Camorra als ein Geflecht konkurrierender Clans, das tief in die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen Neapels und Kampaniens eingebettet ist. Der Film veranschaulicht insbesondere die dezentrale Organisationsstruktur, territoriale Kontrolle und alltägliche Präsenz der Camorra.



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Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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