Travis Hirschi geht in seiner Bindungstheorie (auch bekannt als Social Bond Theory) davon aus, dass Menschen grundsätzlich zu abweichendem Verhalten neigen. Die Theorie gehört zu den klassischen Kontrolltheorien der Kriminologie und richtet den Blick nicht in erster Linie auf die Ursachen von KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen., sondern auf die Bedingungen normkonformen Verhaltens. Kriminalität wird dabei als potenziell jederzeit mögliches Verhalten vorausgesetzt. Entscheidend ist daher die Frage, warum die meisten Menschen trotz vorhandener Gelegenheiten keine Straftaten begehen.
Nach Hirschi wird Konformität vor allem durch soziale Kontrolle erzeugt. Diese entsteht aus sozialen Bindungen an andere Menschen und gesellschaftliche Institutionen. Hirschi unterscheidet vier zentrale Formen solcher sozialen Bindung (social bonds): Attachment (Bindung), Commitment (Verpflichtung), Involvement (Einbindung) und Belief (Überzeugung).
Mit seinem Werk Causes of Delinquency (1969) formulierte Hirschi eine der einflussreichsten KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden. der modernen Kriminologie.
Merkzettel
Bindungstheorie (Social Bond Theory)Die Bindungstheorie erklärt abweichendes Verhalten durch mangelnde soziale Bindungen an Familie, Schule und gesellschaftliche Institutionen. – Travis Hirschi
Hauptvertreter: Travis Hirschi

Erstveröffentlichung: 1969
Land: USA
Idee/ Annahme: Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Menschen dann keine Straftaten begehen, wenn sie enge soziale Bindungen zu anderen Menschen oder Institutionen aufweisen. Hirschi unterscheidet vier zentrale Dimensionen sozialer Bindung: Bindung (attachment), Verpflichtung (commitment), Einbindung (involvement) und Überzeugung (belief). Schwache oder fehlende Bindungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für delinquentes Verhalten.
Verwandte Theorien:
Self-Control-Theorie (Gottfredson & Hirschi),
Power-Control-Theory (John Hagan)
Die Bindungstheorie nach Travis Hirschi
Hirschi geht in seiner Bindungstheorie von der Grundannahme aus, dass Menschen von Natur aus zur DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen. neigen. Die für ihn interessante Frage ist, was Menschen davon abhält, von Normen abzuweichen. Hirschi geht davon aus, dass je stärker das Ausmaß sozialer Kontrolle und je dichter das Geflecht sozialer Bindungen sind, desto eher Personen sich normenkonform verhalten. Hirschi bezieht seine Theorie (nicht nur aber) ausdrücklich auf jugendliche Delinquente und widerspricht damit der Annahme, dass delinquente Jugendliche maßgeblich Einfluss auf ihre gleichaltrigen Peers ausüben (siehe hierzu: Theorie der differentiellen Assoziationen (Sutherland)).
Unter „social bonds“ versteht Hirschi Elemente des sozialen Zusammenschlusses (Bonds). Dies beinhaltet die Bindung an die FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. (attachment), die Hingabe an sozial akzeptierte Normen und Institutionen (commitment), die Einbindung in Aktivitäten (involvement) sowie die Überzeugung, dass diese Dinge wichtig sind (belief).
Attachment (Bindung)
“Attachment” beschreibt die Stärke der Bindung und Beziehungen, die mit dem sozialen Umfeld eines Individuums bestehen. Besonders wichtig ist die Beziehung zu den Eltern, aber auch andere Institutionen wie die Schule oder Freunde spielen hier eine Rolle. Die Bindung an den Freundeskreis kann genauso stark DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. vorbeugen, allerdings nur solange der Freundeskreis keine devianten Normen vertritt.
Commitment (Verpflichtung)
“Commitment” beschreibt das Maß an Hingabe, die an konventionelle NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. investiert worden ist. Hirschi geht davon aus, dass jemand der bereits Ressourcen, Zeit und Energie in konforme Ziele investiert hat, mehr durch deviantes Verhalten zu verlieren hat als jemand, der bisher wenig Hingabe beim Verfolgen sozial anerkannter Ziele investiert hat. Zum Beispiel hat eine Schülerin, die bisher viel Zeit investiert hat, um gute Noten zu bekommen, mehr durch einen Schulverweis zu verlieren als eine faule Schülerin, der Noten weniger wichtig sind.
Involvement (Einbindung)
Mit “Involvement” meint Hirschi, dass jemand der intensiv in konventionelle Aktivitäten eingebunden ist, weniger Zeit und Gelegenheit hat, deviantes Verhalten auszuüben. Strukturierte, gesellschaftlich akzeptierte Aktivitäten wie Schule, Arbeit oder das Erziehen von Kindern stärken zudem die Selbstdisziplin, die nötig ist, um den Impulsen sich abweichend zu verhalten, zu widerstehen.
Belief (Überzeugung)
Als vierten Faktor der sozialen Bindung sieht Hirschi “Belief”. Damit ist der Glaube an und die Gültigkeit der WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist. und Normen der Mehrheitsgesellschaft gemeint. Je stärker diese Werte und Normen verinnerlicht worden sind, desto schwerer wird es, gegen sie zu verstoßen. Wenn der Sinn von Normen hinterfragt wird, verringert sich auch die intrinsische Motivation, die Normen zu befolgen.
Die vier Elemente sozialer Bindung wirken nach Hirschi gemeinsam als Mechanismen sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird.. Je stärker Individuen emotional, normativ und praktisch in die gesellschaftliche Ordnung eingebunden sind, desto größer sind die sozialen und persönlichen Kosten normabweichenden Verhaltens. Schwache Bindungen hingegen reduzieren diese Kosten und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit von Devianz.
Die Social Bonds im Überblick
| Element sozialer Bindung | Bedeutung bei Hirschi | Beispiel |
|---|---|---|
| Attachment (Bindung) | Emotionale Bindung an wichtige Bezugspersonen wie Eltern, Lehrer oder Freunde. Wer solche Beziehungen wertschätzt, möchte diese nicht durch abweichendes Verhalten gefährden. | Enge Beziehung zu Eltern oder Lehrern, deren Erwartungen man nicht enttäuschen möchte. |
| Commitment (Verpflichtung) | Investitionen in konventionelle Ziele wie Bildung, Karriere oder sozialen StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist.. Je mehr jemand zu verlieren hat, desto weniger attraktiv erscheint Delinquenz. | Eine Schülerin mit guten Noten riskiert durch Devianz ihren schulischen Erfolg. |
| Involvement (Einbindung) | Einbindung in konventionelle Aktivitäten reduziert Zeit und Gelegenheit für abweichendes Verhalten. | Teilnahme an Sportvereinen, schulischen Aktivitäten oder ehrenamtlicher Arbeit. |
| Belief (Überzeugung) | Glaube an die Legitimität gesellschaftlicher Normen und Gesetze. Je stärker Normen als gerecht und sinnvoll angesehen werden, desto eher werden sie befolgt. | Überzeugung, dass Gesetze grundsätzlich sinnvoll und notwendig sind. |
Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug
Kritisiert werden kann an Hirschis Kontroll-Theorie, dass die Motivation sich abweichend zu verhalten, einfach vorausgesetzt wird. Dabei werden individuelle Gründe für ein abweichendes Verhalten außer Acht gelassen.
Hirschis vier Variablen sind nicht problemlos auf alle Formen der Kriminalität anwendbar. Als Beispiel kann White Collar Crime gesehen werden. Personen, die Wirtschaftskriminalität begehen, sind in der Regel gut in die GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. integriert und weisen zumindest auf den Ebenen von Involvement und Commitment starke Bindungen auf.
Empirisch wurde die Social Bonds-Theorie ausgiebig untersucht. Dabei ergeben sich für die verschiedenen Variablen unterschiedliche Ergebnisse:
- Zwischen Attachment und Commitment und konformem Verhalten lassen sich generell starke Zusammenhänge nachweisen
- Zwischen Beliefs und konformem Verhalten besteht tendenziell ein Zusammenhang. Allerdings ließe sich Devianz in diesem Fall durch Lerntheorien besser erklären: Wird ein Mensch deviant, weil sein Glaube in konventionelle Werte schwach ist, oder wird er deviant, weil er neue Werte erlernt hat? (siehe hierzu: Subkulturtheorie nach Cohen)
- Der Zusammenhang zwischen Involvement und Devianz ist undeutlich und in verschiedenen Studien wurden uneinheitliche Ergebnisse gefunden. Involvement korreliert teilweise positiv, teilweise negativ mit Devianz.
- Involvement mit delinquenten Gleichaltrigen korreliert stark mit Devianz, unabhängig von anderen Variablen. Diese Form der sozialen Kontrolle, welche von devianten Gruppen ausgeübt wird und so Devianz fördert, wird von Hirschi ignoriert.
Schließlich übte Hirschi selber starke Kritik an seiner Theorie aus, insbesondere über ihren Ursprung. Über die Zeit hinweg, hat er die Theorie immer weniger unterstützt und ersetzte sie schließlich 1990 durch die „General Theory of Crime“ (vgl. Kritische Würdigung der Allgemeinen Kriminalitätstheorie).
International wird Hirschis Ansatz häufig als Social Bond Theory bezeichnet.
Kriminalpolitische Implikationen
Aus der Bindungstheorie ergeben sich wichtige kriminalpolitische Konsequenzen für Prävention und Sozialpolitik. Wenn Kriminalität vor allem dort entsteht, wo soziale Bindungen schwach sind, dann muss KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren. insbesondere auf die Stärkung solcher Bindungen abzielen.
Eine zentrale RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. kommt dabei der Familie zu. Stabile Beziehungen zwischen Eltern und Kindern fördern emotionale Bindungen (attachment) und erhöhen die Bereitschaft, gesellschaftliche Normen zu akzeptieren. Präventionsprogramme, die Elternkompetenzen stärken oder familiäre Unterstützungssysteme ausbauen, können daher indirekt zur Reduktion von Delinquenz beitragen.
Auch Bildungseinrichtungen spielen eine wichtige Rolle. Schulen schaffen nicht nur soziale Bindungen zu Lehrpersonen und Mitschülern, sondern fördern durch schulischen Erfolg auch das Element des commitment, also die Investition in konventionelle Lebensziele. Wer viel in Ausbildung oder berufliche Perspektiven investiert hat, hat mehr zu verlieren und wird daher eher normkonform handeln.
Darüber hinaus betont Hirschi die Bedeutung strukturierter Freizeitaktivitäten. Sportvereine, Jugendorganisationen oder kulturelle Aktivitäten erhöhen das involvement in konventionelle Aktivitäten und reduzieren damit Gelegenheiten für abweichendes Verhalten.
Kriminalpolitisch legt die Bindungstheorie daher nahe, dass erfolgreiche PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen. weniger durch härtere Strafen als durch die Stärkung sozialer Integration erreicht wird. Maßnahmen der Jugendhilfe, Bildungsförderung und sozialen Integration können demnach einen wichtigen Beitrag zur Kriminalitätsprävention leisten.
Literatur
Primärliteratur
- Hirschi, Travis (1969): Causes of delinquency. 3. print. Berkeley, Calif: University of California Press.
- Hirschi, Travis (2002): Causes of Delinquency. Reprint Edition. Berkeley: University of California Press.
Sekundärliteratur
- Krohn, Marvin D.; Massey, James L.: Social Control and Delinquent Behavior: An Examination of the Elements of the Social Bond. The Sociological Quarterly 2 1 (Autumn 1980):529-543.
- Agnew, Robert: Social Control Theory and Delinquency: a Longitudinal Test. Criminology, 23(1), 1985, 47-61.




