Nach der Control Balance Theory wird sowohl die Wahrscheinlichkeit, mit der abweichendes Verhalten auftritt, als auch die charakteristische Form der Devianz durch das Verhältnis der KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. bestimmt, der ein Mensch ausgesetzt ist, zur Kontrolle, die er selbst ausübt.
Merkzettel
Control Balance Theory
Hauptvertreter: Charles R. Tittle
Erstveröffentlichung: 1995
Land: USA
Idee/ Annahme: Die Control Balance Theory besagt, dass das Verhältnis zwischen Kontrolle, die eine Person ausübt, und Kontrolle, der sie unterliegt, kriminelles Verhalten beeinflusst. Ein Gleichgewicht (control balance) begünstigt konformes Verhalten. Ein control deficit erhöht die Wahrscheinlichkeit konfrontativer oder direkter Formen der DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist., während ein control surplus eher manipulative, ausbeuterische oder indirekte Formen der Devianz begünstigt.
Verwandte Theorien:
Self-Control-Theorie,
Bindungstheorie,
Rational Choice Theory
Theorie
Die Control Balance Theory von Charles R. Tittle gehört zu den umfassenderen KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden. der modernen Kriminologie. Ihr Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass andere Kontrolltheorien vor allem solche Formen der Kontrolle berücksichtigen, die von außen auf ein Individuum einwirken. Tittle betont dagegen, dass jeder Mensch nicht nur passiv sozialer Kontrolle ausgesetzt ist, sondern zugleich selbst Kontrolle über andere Personen und Situationen ausübt.
Entscheidend für die Wahrscheinlichkeit und Form abweichenden Verhaltens ist daher das Verhältnis zwischen der Kontrolle, die eine Person erfährt, und der Kontrolle, die sie selbst über andere ausübt. Dieses Verhältnis bezeichnet Tittle als Control Ratio. Eine ausgeglichene Control Ratio begünstigt konformes Verhalten, während Ungleichgewichte die Wahrscheinlichkeit von Devianz erhöhen.
Die Control Ratio kann drei grundlegende Zustände annehmen:
- Control Balance: Die ausgeübte und die erfahrene Kontrolle stehen im Gleichgewicht. In diesem Zustand ist deviantes Verhalten vergleichsweise unwahrscheinlich.
- Control Surplus: Eine Person übt mehr Kontrolle über andere aus, als sie selbst erfährt. In diesem Zustand entstehen eher indirekte, manipulative oder ausbeuterische Formen der Devianz.
- Control Deficit: Eine Person erfährt mehr Kontrolle, als sie selbst ausüben kann. Dieses Kontrolldefizit begünstigt eher direkte, konfrontative oder widerständige Formen der Devianz.
Tittle geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich nach einem möglichst großen Maß an Autonomie streben und daher dazu neigen, ihr Kontrollverhältnis zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Ein Ungleichgewicht in der Control Ratio erzeugt deshalb zunächst eine Prädisposition zu deviantem Verhalten. Besteht ein Kontrolldefizit, wird versucht, dieses durch abweichendes Verhalten auszugleichen. Besteht hingegen ein Kontrollüberschuss, entsteht die Versuchung, diesen noch weiter auszubauen.
Eine Prädisposition zum devianten Verhalten allein reicht jedoch nicht aus, damit Devianz tatsächlich auftritt. Bereits in der ursprünglichen Theorie und noch stärker in der Überarbeitung von 2004 betont Tittle, dass zusätzliche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit aus einer unausgeglichenen Control Ratio tatsächlich eine Motivation zur Devianz entsteht.
Zu diesen Bedingungen gehören insbesondere:
- Ein Individuum muss das eigene Kontroll-Defizit oder den Kontroll-Überschuss wahrnehmen und erkennen, dass sich die eigene Control Ratio durch ein bestimmtes deviantes Verhalten beeinflussen lässt. Abweichendes Verhalten muss also als geeignet erscheinen, das Defizit zu verkleinern oder den Überschuss auszubauen.
- Hinzu treten häufig Provokationen oder negative EmotionenEmotionen sind subjektive Erlebenszustände, die mit physiologischen und sozialen Reaktionen verbunden sind., insbesondere Demütigung, Frustration oder das Gefühl von Ungerechtigkeit. Diese Erfahrungen können als Rechtfertigung für deviante Reaktionen dienen.
- Schließlich müssen geeignete Gelegenheiten vorhanden sein, während hemmende Faktoren (constraints) überwunden werden können. Solche Hemmungen können moralische Überzeugungen, Selbstkontrolle oder Angst vor Bestrafung sein.
In der Überarbeitung seiner Theorie aus dem Jahr 2004 präzisiert Tittle diese Zusammenhänge und erweitert das Modell um mehrere sogenannte conditioning factors. Ein Ungleichgewicht der Control Ratio führt demnach nicht automatisch zu Devianz, sondern nur dann, wenn Provokationen, Gelegenheiten, geringe Hemmungen und das Streben nach mehr Autonomie zusammenkommen.
Tittle verbindet darüber hinaus unterschiedliche Formen devianter Handlungen mit verschiedenen Ausprägungen der Control Ratio. Die Theorie erklärt damit nicht nur, ob Devianz wahrscheinlich wird, sondern auch, welche Art von Devianz auftritt. Zu den wichtigsten Formen gehören etwa ausbeuterische Handlungen (predation), aneignende Handlungen wie Diebstahl oder Raub (plunder), offener Widerstand gegen Autoritäten (defiance) sowie selbstschädigende oder exzessive Formen der Devianz.
Personen mit einem control deficit reagieren nach Tittle eher mit direkten und konfrontativen Formen der Devianz, während ein control surplus eher indirekte, manipulative oder ausbeuterische Handlungen begünstigt.
Tittle knüpft sehr spezifische Formen der KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. an verschiedene Stufen der Control Ratio, die in der folgenden Tabelle dargestellt sind.
| Kontroll-Defizit (repressive Devianz) | Kontroll-Balance | Kontroll-Überschuss (autonome Devianz) |
|||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| stark | mittel | leicht | leicht | mittel | stark | ||
| Art der Devianz | „Submission“ Sexuelle Unterwerfung, als Form der Unterdrückung anderer | „Defiance“ Ungehorsam gegen Autoritäten, Streiks | „Predation“ z.B. Diebstahl, Überfälle, VergewaltigungVergewaltigung bezeichnet eine besonders schwere Form sexueller Gewalt, bei der sexuelle Handlungen gegen den erkennbaren Willen einer Person vorgenommen werden. | keine | „exploitation“ z.B. gezielte Einflussnahme auf Politiker, Auftragsmorde, Preisabsprachen | „plunder“ z.B. Umweltverschmutzung durch Ölfirmen, willkürliche Besteuerung von Abhängigen | „Decadence“ Folter für sexuelle Befriedigung, sadistische Demütigung anderer |
Tittle integriert dabei diverse andere Theorien in seine Control Balance Theory. Er nimmt insbesondere Anleihen an Agnews General Strain Theory sowie an Gottfredson und Hirschis General Theory of Crime.
Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug
Ein großer Vorteil, aber zugleich auch eine Schwäche der Control Balance Theory ist ihre Komplexität. Im Unterschied zu vielen anderen KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. ist sie in der Lage, sehr unterschiedliche Formen der Devianz innerhalb eines gemeinsamen theoretischen Rahmens zu erklären. Gerade weil sie zahlreiche Bedingungen, Mechanismen und Typen devianter Handlungen integriert, besitzt sie einen ausgesprochen allgemeinen Anspruch.
Diese Komplexität erschwert allerdings zugleich die empirische Überprüfung. Kritisiert wird insbesondere, dass sowohl die erfahrene als auch die ausgeübte Kontrolle nur schwer präzise zu operationalisieren sind. Auch die Messung der Control Ratio und ihrer Ausprägungen ist methodisch anspruchsvoll.
Kritisch diskutiert wird außerdem Tittles starke Fokussierung auf Autonomie als grundlegende Motivation menschlichen Handelns. Die Theorie setzt voraus, dass Menschen bestrebt sind, das Maß an Kontrolle über ihre eigene Situation zu vergrößern. Andere Motive und Bedürfnisse menschlichen Handelns – etwa Zugehörigkeit, Anerkennung oder moralische Verpflichtung – treten dabei eher in den Hintergrund.
Gleichwohl ist die Theory theoretisch attraktiv, weil sie nicht nur erklärt, warum Devianz entstehen kann, sondern auch, warum unterschiedliche Formen von Devianz mit unterschiedlichen MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen.- und Kontrolllagen verbunden sind. In dieser Hinsicht bleibt sie anschlussfähig an aktuelle Diskussionen über Macht, Hierarchie, Ungleichheit und institutionelle Kontrolle.
Kriminalpolitische Implikationen
Nach Tittle wirkt soziale Kontrolle nur dann hemmend auf abweichendes Verhalten, wenn sie ein gesundes Mittelmaß findet. Es sind also einerseits gesellschaftliche Strukturen anzustreben, in denen soziale Kontrolle und SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren. im Sinne von Hirschis Bindungstheorie und Gottfredson und Hirschis General Theory of Crime entwickelt werden können. Dies würde bedeuten, dass klassische Institutionen wie FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. oder Schule so gestärkt werden müssen, dass sie eine wirksame, aber nicht übermäßige Kontrolle über das Individuum ausüben können.
Andererseits impliziert die Theorie, dass diese Kontrolle begrenzt werden muss. Unterdrückung, rigide Hierarchien und soziale Arrangements, die Macht sehr ungleich verteilen, sind nach der Control Balance Theory problematisch, weil sie sowohl Kontrolldefizite als auch Kontrollüberschüsse erzeugen können. Beides erhöht die Wahrscheinlichkeit spezifischer Formen der Devianz.
Kriminalpolitisch folgt daraus, dass Prävention nicht allein auf einzelne Risikogruppen zielen sollte. Vielmehr muss die Lebenswirklichkeit von Menschen insgesamt so gestaltet werden, dass möglichst wenige extreme Kontrollungleichgewichte entstehen. Dies betrifft nicht nur Erziehung und SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität., sondern auch Arbeitsverhältnisse, Institutionen, bürokratische Machtstrukturen und gesellschaftliche Ungleichheit.
Literatur
Primärliteratur
- Tittle, C. R. (1995). Control Balance: Toward a General Theory of Deviance. Boulder, Colorado: Westview Press.
- Tittle, C. R. (2004). Refining control balance theory. Theoretical Criminology, 8(4), 395–428.
Sekundärliteratur
- Braithwaite, J. (1997). Charles Tittle’s control balance and criminological theory. Theoretical Criminology, 1(1), 77–97.
- Wood, P. B., & Dunaway, R. G. (1997/1998). An application of control balance theory to incarcerated sex offenders. Journal of the Oklahoma Criminal Justice Research Consortium, 4.



