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Feministische Kriminalitätstheorien

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Inhaltsverzeichnis

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  • Feministische Kriminologie
  • Was versteht man unter feministischer Kriminologie?
    • Feministische Kriminologie
    • Strömungen der feministischen Kriminologie
  • Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Täterschaft und Viktimisierung
    • Warum werden Frauen seltener als Täterinnen registriert?
  • Exkurs: Frauenbewegung, Feminismus und Kriminologie
  • Feministische Kriminologie im Kontext kriminologischer Theorienbildung
    • Pionierinnen der feministischen Kriminologie
  • Kritische Würdigung
  • Kriminalpolitische Implikationen und Aktualitätsbezug
    • Werden Mädchen und Frauen zunehmend krimineller?
  • Literatur und weiterführende Informationen
    • Weiterführend
    • Sonstige Informationen
    • Video

Feministische Kriminologie

Feministische KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. bezeichnet eine kriminologische Perspektive, die Kriminalität, ViktimisierungDer Prozess der Opferwerdung durch eine Straftat oder ein anderes schädigendes Ereignis. und Strafverfolgung als geschlechtlich geprägt analysiert.

Eine einheitliche feministische Kriminalitätstheorie existiert nicht. Treffender ist es daher, von feministischer Kriminologie zu sprechen: einer kriminologischen Perspektive, die untersucht, wie Geschlecht und Geschlechterrollen KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen., Viktimisierung und die Reaktionen sozialer Kontrollinstanzen prägen. Feministische Kriminologie kritisiert, dass klassische Theorien Kriminalität lange überwiegend aus männlicher Perspektive beschrieben und weibliche Erfahrungen entweder ignoriert oder stereotyp verzerrt dargestellt haben.

Im Zentrum steht dabei die Annahme, dass Geschlecht keine bloß biologische Gegebenheit ist, sondern eine soziale Struktur- und Ordnungskategorie. Sie beeinflusst, wer als gefährlich gilt, wem Devianz zugeschrieben wird, wer Opfer von Gewalt wird und wie Polizei, Justiz und StrafvollzugRechtlich geregelte Inhaftierung und Resozialisierung von Straftätern zur Strafvollstreckung und Vorbereitung auf ein straffreies Leben in Freiheit. auf unterschiedliche Personengruppen reagieren.

Ein wichtiger Ausgangspunkt feministischer Kriminologie ist die Kritik an der geschlechtsblinden Tradition der DisziplinDisziplin bezeichnet ein System der Verhaltensregulierung durch Überwachung, Kontrolle und körperliche bzw. geistige Dressur.. Diese Kritik wurde früh und prägnant formuliert in Frances Heidensohns Women and Crime (1985). Spätere Arbeiten wie Pat Carlens Women, Crime and Poverty (1988) erweiterten diese Perspektive um Armut, soziale Ausgrenzung und staatliche KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird., während Buist und Lennings Queer CriminologyEin Forschungsfeld, das sich mit der Kriminalisierung und Viktimisierung von LGBTIQ*-Personen sowie mit deren spezifischen Erfahrungen im Strafrechtssystem auseinandersetzt. (2015) die feministische Kriminologie um queere und heteronormativitätskritische Perspektiven ergänzt haben.

Was versteht man unter feministischer Kriminologie?

Die feministische Kriminologie untersucht geschlechtsspezifische Unterschiede in Kriminalität und Viktimisierung, fragt nach den Ursachen weiblicher und männlicher DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen., analysiert Gewaltverhältnisse und beleuchtet die geschlechtsspezifische Selektivität des Strafrechtssystems. Sie fragt also nicht nur, warum Frauen im Hellfeld seltener als Tatverdächtige erscheinen, sondern auch, warum sie in bestimmten Deliktsfeldern – etwa bei Partnerschaftsgewalt oder Sexualdelikten – überproportional häufig als Opfer betroffen sind.

Feminist criminology is a paradigm that studies and explains criminal offending and victimization, as well as institutional responses to these problems, as fundamentally gendered, and that emphasizes the importance of using the scientific knowledge we acquire from our study of these issues to influence the creation and implementation of public policy that will alleviate oppression and contribute to more equitable social relations and social structures.

Feministische Kriminologie

Hauptvertreterinnen: Carol Smart, Meda Chesney-Lind, Kathleen Daly, Frances Heidensohn, Pat Carlen

Erstveröffentlichung: ab den 1970er Jahren

Land: vor allem Großbritannien, USA, später international

Idee / Annahme: Feministische Kriminologie kritisiert die männliche Schlagseite klassischer KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. und untersucht, wie Geschlecht, Macht und soziale Ungleichheit Kriminalität, Viktimisierung und Strafverfolgung beeinflussen.

Knüpft an: Kritische Kriminologie, Labeling Approach, intersektionale und sozialkonstruktivistische Ansätze

Strömungen der feministischen Kriminologie

Liberale feministische Kriminologie: betont rechtliche Gleichstellung und kritisiert Diskriminierungen in Strafverfolgung und Rechtsprechung.

Radikale feministische Kriminologie: analysiert Kriminalität und Viktimisierung im Kontext patriarchaler Machtverhältnisse; GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. gegen Frauen erscheint hier als strukturelles Herrschaftsverhältnis.

Sozialistische bzw. materialistische feministische Kriminologie: verbindet Geschlechterungleichheit mit Klassenverhältnissen, ArmutArmut beschreibt den Mangel an materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen, die notwendig sind, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. und sozialer Ausgrenzung; ein zentraler Bezugspunkt ist hier Pat Carlen.

Intersektionale und queere Kriminologie: berücksichtigt neben Geschlecht auch Klasse, Ethnizität, Sexualität und Heteronormativität; vgl. Queer Criminology.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Täterschaft und Viktimisierung

Ein zentraler Ausgangspunkt feministischer Kriminologie ist die Beobachtung, dass Kriminalstatistiken ein deutliches geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht aufweisen. Frauen treten im HellfeldDer Teil der Kriminalität, der polizeilich bekannt und in Statistiken wie der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst wird. wesentlich seltener als Tatverdächtige in Erscheinung als Männer. Zugleich sind sie in bestimmten Bereichen – insbesondere bei sexualisierter Gewalt, Partnerschaftsgewalt und anderen Formen geschlechtsspezifischer Gewalt – deutlich häufiger von Viktimisierung betroffen.

Diese geschlechtsspezifische Differenz zeigt sich nicht nur im polizeilichen Hellfeld, sondern auch in Dunkelfeld– und Viktimisierungsstudien. Feministische Kriminologie interessiert sich deshalb nicht nur für weibliche Delinquenz, sondern in besonderem Maße auch für die gesellschaftlichen Bedingungen weiblicher Opfererfahrungen.

Warum werden Frauen seltener als Täterinnen registriert?

Feministische Kriminologie beantwortet diese Frage nicht mit biologischen Wesensannahmen, sondern vor allem mit Verweis auf geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse, unterschiedliche Kontrollformen und ungleiche Tatgelegenheiten.

  • Geschlechtsspezifische SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität.: Jungen und Mädchen wachsen häufig noch immer mit unterschiedlichen Erwartungen auf. Jungen wird eher riskantes, aggressives oder kompetitives Verhalten zugestanden; Mädchen werden stärker auf Anpassung, Fürsorge und Vorsicht verpflichtet.
  • Unterschiede in sozialer Kontrolle: Mädchen und junge Frauen unterliegen oft einer stärkeren informellen Kontrolle durch FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden., Schule und soziale Umwelt. Damit sind häufig auch weniger Gelegenheiten zu offen sichtbarer Devianz verbunden.
  • Bindung und Konformitätsdruck: In vielen Studien zeigen Mädchen stärkere Bindungen an Familie und Schule sowie eine höhere Orientierung an normkonformem Verhalten.
  • Selektive Wahrnehmung und ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten.: Feministische Kriminologie weist zugleich darauf hin, dass weibliche DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. teilweise seltener vermutet, anders bewertet oder weniger konsequent entdeckt wird.

Entscheidend ist jedoch: Die Frage „Warum Frauen seltener kriminell werden?“ ist nur ein Teil des Problems. Feministische Kriminologie fragt ebenso, warum traditionelle Kriminologie weibliche Lebenslagen so lange als Randthema behandelt hat.

Exkurs: Frauenbewegung, Feminismus und Kriminologie

Die feministische Kriminologie ist eng mit der Geschichte des FeminismusFeminismus umfasst Theorien und Bewegungen, die sich für Gleichberechtigung der Geschlechter und Abbau patriarchaler Strukturen einsetzen. verbunden. Üblicherweise werden mehrere Wellen unterschieden:

  1. Erste Welle des Feminismus: rechtliche Gleichstellung, insbesondere das Frauenwahlrecht.
  2. Zweite Welle des Feminismus: ab den 1960er Jahren stärkere Aufmerksamkeit für patriarchale Machtverhältnisse, häusliche Gewalt, Vergewaltigung und institutionelle DiskriminierungDiskriminierung beschreibt die Benachteiligung oder Herabsetzung von Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sozialem Status..
  3. Dritte Welle des Feminismus: ab den 1990er Jahren stärkere Betonung von Diversität, IntersektionalitätIntersektionalität beschreibt das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus und Klassismus und deren Auswirkungen auf soziale Ungleichheit. und queeren Perspektiven.
  4. Gegenwärtige Entwicklungen: Fokus auf Intersektionalität, institutionellen Sexismus, digitale Gewalt, queere Lebenslagen und globale Ungleichheiten.

Innerhalb des Feminismus haben sich dabei verschiedene theoretische Strömungen entwickelt, die auch die feministische Kriminologie geprägt haben:

Liberaler FeminismusMarxistischer FeminismusRadikaler FeminismusDekonstruktivistischer FeminismusIntersektionaler Feminismus
Ursacheunterschiedliche Sozialisation verantwortlich für Geschlechtsunterschiede und Diskriminierung von Frauen durch JustizsystemKapitalistische Wirtschaftssystem führt zur Unterordnung der Frau gegenüber dem (erwerbstätigen) MannPatriarchat ist (stärker als der KapitalismusÖkonomisches und gesellschaftliches System, in dem Produktionsmittel in Privatbesitz sind und der Markt die Verteilung der Ressourcen regelt.). für die Unterordnung der Frau verantwortlichbiologische Geschlecht (sex) wie auch das soziale Geschlecht (gender) sind gesellschaftliche Konstruktebezieht sich auf den Dekonstruktivistischen Feminismus betrachtet jedoch ethnische Zugehörigkeit, Klasse und Geschlecht gleichzeitig
Auswirkung auf VerbrechenEin Verbrechen ist eine besonders schwerwiegende Form rechtswidrigen Handelns, die im Strafrecht mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr bedroht ist – zugleich ist es ein sozial und historisch wandelbares Konstrukt. und VerbrechenskontrolleÄnderungen in der Sozialisation, um männliche Kriminalität zu verringern; Reformen im Strafrechtssystem, um dessen geschlechtsspezifische Diskriminierung abzubauenökonomische AbhängigkeitAbhängigkeit beschreibt den Zustand, in dem eine Person nicht mehr in der Lage ist, den Konsum einer Substanz oder ein bestimmtes Verhalten ohne psychische und/oder physische Entzugserscheinungen zu beenden. der Frau vom Mann macht Frauen anfälliger Kriminalitätsopfer zu werden (z.B. Partnerschaftsgewalt) Gewalt gegen Frauen ist das primäre Mittel die männliche Dominanz über Frauen zu wahrenDekonstruktion der Annahmen von sex und gender nur eine intersektionale Betrachtung, die ethnische Herkunft, schicht- und geschlechtsspezifische Machtdifferenzen analysiert, kann die RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. der Frau als Täterin – v.a. aber Opfer von Kriminalität fassen

Feministische Kriminologie im Kontext kriminologischer Theorienbildung

Feministische Kriminologie entstand auch als Reaktion auf die Geschlechtsblindheit klassischer Kriminalitätstheorien. Viele traditionelle Ansätze basierten implizit auf männlichen Probanden, männlichen Delinquenzformen und männlich geprägten Vorstellungen von Devianz. Weibliche Delinquenz wurde entweder übergangen oder durch stereotype Annahmen erklärt.

Historische Beispiele dafür finden sich etwa bei Cesare Lombroso, Otto Pollak oder auch in psychoanalytischen Deutungen, die weibliche Kriminalität über Defizitmodelle, Täuschung oder „Abweichung“ von Weiblichkeitsnormen erklärten. Feministische Kriminologie kritisiert gerade diese Tradition: Nicht Frauen seien der erklärungsbedürftige Sonderfall, sondern die männliche Normsetzung innerhalb der Kriminologie.

In diesem Sinne knüpft feministische Kriminologie eng an die Kritische Kriminologie und den Labeling Approach an. Sie versteht Kriminalität und Strafverfolgung als sozial konstruiert und durch Machtverhältnisse geprägt, erweitert diese Perspektive jedoch um die systematische Analyse von Geschlechterverhältnissen.

In recent times, feminist criminology has challenged the overall masculinist nature of criminology by pointing out two important conclusions. First, women’s and girls’ crime was virtually overlooked, and female victimization was ignored, minimized, or trivialized. Women and girls existed only in their peripheral existence to the center of study—the male world. Second, whereas historical theorizing in criminology was based on male delinquency and crime, these theories gave little awareness to the importance of gender … Feminist criminology demonstrates how gender matters, not only in terms of one’s trajectory into crime but also in terms of how the criminal justice system responds to the offenders under its authority.

Gerade Frances Heidensohn zeigte, dass traditionelle Kriminologie Frauen systematisch ausblendete. Pat Carlen machte deutlich, dass weibliche Kriminalität nicht losgelöst von Armut, Wohlfahrtsstaat, Kontrolle und sozialer MarginalisierungMarginalisierung bezeichnet Prozesse sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung bestimmter Gruppen. verstanden werden kann. Mit Queer Criminology wurde schließlich das geschlechtsbinäre Verständnis früherer Debatten selbst zum Gegenstand der Kritik.

Pionierinnen der feministischen Kriminologie

Zu den international einflussreichsten Vertreterinnen zählen Carol Smart, Meda Chesney-Lind und Kathleen Daly. Carol Smart gilt als Pionierin der feministischen Kritik an der traditionellen Kriminologie. Chesney-Lind lenkte den Blick besonders auf die Lebenslagen delinquent gewordener Mädchen und junger Frauen. Kathleen Daly trug wesentlich dazu bei, Geschlecht stärker mit Klasse, Ethnizität und Institutionen der Strafjustiz zusammenzudenken.

Im deutschsprachigen Raum sind insbesondere Gerlinda Smaus und Monika Frommel hervorzuheben, die feministische Perspektiven mit kritischer Kriminologie, Strafrechtskritik und Etikettierungsansätzen verbunden haben.

Kritische Würdigung

Die feministische Kriminologie hat die Kriminologie nachhaltig verändert, indem sie deren männliche Schlagseite sichtbar gemacht und Themen wie Viktimisierung, geschlechtsspezifische Gewalt, institutionelle Diskriminierung und weibliche Delinquenz in das Zentrum der Analyse gerückt hat.

Kritisch diskutiert wird innerhalb feministischer Kriminologie vor allem die Gefahr früher Vereinheitlichungen: „die Frau“ existiert nicht als homogene Kategorie. Neuere Ansätze betonen deshalb zu RechtRecht bezeichnet ein formalisiertes System verbindlicher Normen, das gesellschaftliches Handeln regelt, Konflikte entscheidet und durch staatliche Institutionen durchsetzbar ist. soziale Ungleichheit, Ethnizität, Sexualität, Klasse und Heteronormativität als miteinander verschränkte Machtachsen.

Gerade darin liegt aber auch eine Stärke dieser Perspektive: Feministische Kriminologie hat sich von einer Kritik an der Unsichtbarkeit von Frauen zu einer breiteren Analyse von Geschlecht, MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen. und sozialer Kontrolle weiterentwickelt.

Kriminalpolitische Implikationen und Aktualitätsbezug

Kriminalpolitisch lenkt die feministische Kriminologie den Blick vor allem auf Gewalt gegen Frauen, den Ausbau von Opferrechten, Schutz- und Interventionssysteme sowie auf geschlechtsspezifische Verzerrungen im Strafrechtssystem. Themen wie Partnerschaftsgewalt, sexualisierte Gewalt, Prostitution, Menschenhandel, Stalking oder Zwangsheirat sind ohne feministisch-kriminologische Perspektiven kaum angemessen zu verstehen.

Zugleich fragt feministische Kriminologie danach, wie PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten., Justiz und Strafvollzug selbst geschlechtsspezifisch strukturiert sind. Das betrifft auch die Rolle von Frauen in Polizei und Strafjustiz sowie die Frage, ob Einsätze, Kontrollpraktiken oder Gewaltanwendungen geschlechtsspezifische Unterschiede aufweisen.

Werden Mädchen und Frauen zunehmend krimineller?

Immer wieder wird behauptet, die Emanzipation von Frauen führe zu einer „dunklen Seite der Gleichberechtigung“ und zu einer starken Annäherung weiblicher und männlicher Kriminalitätsraten. Diese These hält einer genaueren empirischen Prüfung jedoch nicht stand. Zwar sind in bestimmten Deliktsfeldern Zuwächse weiblicher Tatverdächtiger zu beobachten, diese beruhen jedoch häufig auf einer kleinen Ausgangsbasis und ändern nichts daran, dass Männer insgesamt weiterhin deutlich stärker kriminalstatistisch belastet sind.

Zu den »Mythen« über weibliche Kriminalität zählt seit einigen Jahren die dieses universale Muster in Frage stellende These einer überproportionalen Zunahme der Kriminalitätsbelastung von Frauen, die diejenige der Männer einhole oder gar überhole. Diese These zur „dunklen Seite der Frauenemanzipation“ wurde gestützt auf die – im Vergleich zu den männlichen Altersgenossen – höheren prozentualen Zuwachsraten. Übersehen wurde hierbei, dass die Zuwachsraten abhängig sind von der Größe der Ausgangsbasis.

Die feministische Kriminologie widerspricht daher einfachen Emanzipationsmythen und fordert eine differenzierte Analyse, die Hellfeld, DunkelfeldDas Dunkelfeld umfasst alle Straftaten, die nicht polizeilich bekannt oder statistisch erfasst werden., Kontrollpraktiken und gesellschaftliche Rollenerwartungen gleichermaßen berücksichtigt.

Literatur und weiterführende Informationen

  • Barkan, S. E. (2017). Criminology: A Sociological Understanding (7. Aufl.). Boston: Pearson.
  • Birkel, C.; Church, D.; Erdmann, A.; Hager, A. & Leitgöb-Guzy, N. (2023). Sicherheit und Kriminalität in Deutschland – SKiD 2020. Wiesbaden: Bundeskriminalamt.
  • Bundeskriminalamt (2022a). Polizeiliche Kriminalstatistik. Berichtsjahr 2021.
  • Bundeskriminalamt (2022b). Partnerschaftsgewalt. Kriminalstatistische Auswertung – Berichtsjahr 2021.
  • Chesney-Lind, M. & Pasko, L. (2013). The Female Offender: Girls, Women, and Crime. Sage.
  • Feest, J. & Pali, B. (Hrsg.) (2020). Gerlinda Smaus: „Ich bin ich“. Beiträge zur feministischen Kriminologie. Wiesbaden: Springer.
  • Frommel, M. (2007). Feministische Kriminologie. In: Liebl, K. (Hrsg.), Kriminologie im 21. Jahrhundert.
  • Gibbs, A. & Gilmour, F. E. (Hrsg.) (2022). Women, Crime and Justice in Context. New York, London: Routledge.
  • Heinz, W. (2017). Kriminalität und Kriminalitätskontrolle in Deutschland – Berichtsstand 2015 im Überblick.
  • Lombroso, C. [1920 (1903)]. The Female Offender. New York: Appleton.
  • Pollak, O. (1950). The Criminality of Women. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
  • Renzetti, C. M. (2013). Feminist Criminology. London, New York: Routledge.
  • Smart, C. (1976). Women, Crime and Criminology. A Feminist Critique. London: Routledge & Kegan Paul.

Weiterführend

  • Frances Heidensohn – Women and Crime (1985)
  • Pat Carlen – Women, Crime and Poverty (1988)
  • Buist & Lenning – Queer Criminology (2015)
  • Geschlecht und Kriminalität
  • Kritische Kriminologie
  • Labeling Approach

Sonstige Informationen

  • Division of Feminist Criminology der American Society of Criminology
  • Nachruf auf Gerlinda Smaus

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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Carol Smart, Feministische Kriminologie, feministische Theorie, Frances Heidensohn, Frauen und Kriminalität, Geschlecht und Kriminalität, Geschlechterrollen, Gewalt gegen Frauen, Intersektionalität, Kathleen Daly, Kritische Kriminologie, Labeling Approach, Meda Chesney-Lind, Partnerschaftsgewalt, Pat Carlen, Queer Criminology, soziale Kontrolle, Strafjustiz und Geschlecht, Viktimisierung, weibliche Delinquenz

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