Die Theorie des sozialen Lernens (Social Learning Theory) von Ronald L. Akers gehört zu den wichtigsten modernen Lerntheorien der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren.. Sie knüpft an die Differential Association Theory von Edwin H. Sutherland an und erweitert diese um sozialpsychologische Lernmechanismen.
Die zentrale Annahme lautet: Kriminelles Verhalten wird in sozialen Beziehungen gelernt und durch Belohnung, Bestrafung und Nachahmung stabilisiert. Menschen übernehmen demnach nicht nur kriminelle Definitionen und Einstellungen aus ihrem sozialen Umfeld, sondern orientieren ihr Verhalten auch daran, welche Handlungen in ihrem Umfeld belohnt, toleriert oder sanktioniert werden.
Akers verbindet damit soziologische und psychologische Perspektiven: Während Sutherland vor allem den Kontakt zu delinquenten NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. betonte, erklärt die Social Learning Theory genauer, wie solche Normen, Techniken und Verhaltensweisen tatsächlich erlernt und verstärkt werden. KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. erscheint somit als Ergebnis eines sozialen Lernprozesses, der in Familien, Freundeskreisen, Subkulturen oder medialen Kontexten stattfindet.
Merkzettel
Social Learning Theory
Hauptvertreter:
Ronald L. Akers (ursprünglich mit Robert L. Burgess)
Erstveröffentlichung:
1966 / 1973 (Weiterentwicklung)
Land:
USA
Idee/ Annahme:
Kriminalität ist erlerntes Verhalten – nicht nur
durch Kontakt mit delinquenten Normen (Sutherland),
sondern auch durch soziale Verstärkung. Die Theorie verbindet den Differentiellen-Assoziationsansatz mit Prinzipien des operanten Konditionierens sowie des Modelllernens (Bandura). Kriminelles Verhalten wird wahrscheinlicher, wenn es häufiger positiv verstärkt und seltener sanktioniert wird als konformes Verhalten – insbesondere in Peer-Gruppen.
Abgrenzung zu:
Die Social Learning Theory erweitert Sutherlands
Theorie der differentiellen Kontakte
um konkrete psychologische Lernmechanismen. Während KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden. wie die
Self-Control-Theorie
Devianz primär als Folge mangelnder SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren. interpretieren, versteht Akers kriminelles Verhalten vor allem als Ergebnis sozialer Belohnungs- und Bestrafungsprozesse.
Verwandte Theorien:
Differential Association Theory (Sutherland),
Neutralisierungsthese (Sykes & Matza),
Labeling Approach
Theorie des sozialen Lernens nach Ronald Akers
Während Sutherland vor allem erklärte, dass kriminelles Verhalten in sozialen Beziehungen erlernt wird, stellt Akers die weiterführende Frage, wie dieser Lernprozess konkret abläuft. Seine Theorie verbindet deshalb kriminalsoziologische Überlegungen mit Erkenntnissen der behavioristischen Lernpsychologie.
Zentrale Bedeutung kommt dabei dem Prinzip der operanten Konditionierung zu. Verhalten wird demnach durch seine Konsequenzen stabilisiert oder abgeschwächt. Wird eine Handlung belohnt oder führt sie zu positiven Ergebnissen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie erneut gezeigt wird. Wird sie dagegen bestraft oder bleibt ohne positive Folgen, sinkt ihre Auftretenswahrscheinlichkeit.
Auf kriminelles Verhalten übertragen bedeutet dies: DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen. wird dann wahrscheinlicher, wenn abweichende Handlungen differentiell verstärkt werden – etwa durch Anerkennung innerhalb einer Peer-GruppeEine Gruppe ist eine soziale Einheit von mindestens zwei bzw. drei Personen, die durch gemeinsame Interaktionen, Ziele oder Zugehörigkeitsgefühle verbunden sind., materiellen Gewinn oder das Ausbleiben negativer Sanktionen. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob solche Verstärkungen auftreten, sondern auch ihre Intensität, Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit.
In ihrer frühen Form wurde die Theorie daher als Theorie der differentiellen Verstärkung bezeichnet. Später integrierte Akers zusätzlich das Konzept des Modell- bzw. Beobachtungslernens, das auf Arbeiten von Albert Bandura zurückgeht. Menschen können Verhalten auch dadurch erlernen, dass sie andere Personen beobachten und deren Handlungen sowie deren Konsequenzen wahrnehmen. Wird ein bestimmtes Verhalten sichtbar belohnt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es nachgeahmt wird.
Exkurs: Modelllernen nach Albert Bandura
Der Psychologe Albert Bandura zeigte in seinen berühmten „Bobo-Doll“-Experimenten (1960er Jahre), dass Menschen Verhalten auch durch Beobachtung erlernen können. Kinder, die aggressive Handlungen bei Erwachsenen beobachteten, imitierten diese häufiger als Kinder ohne entsprechende Vorbilder.
Bandura bezeichnete diesen Prozess als Beobachtungs- oder Modelllernen (observational learning). Verhalten wird dabei nicht nur durch direkte Belohnung oder Bestrafung gelernt, sondern auch durch die Beobachtung der Konsequenzen, die andere Personen für ihr Verhalten erhalten.
Akers integrierte dieses Konzept in seine Social Learning Theory. Kriminelles Verhalten kann demnach auch dann gelernt werden,
wenn Personen beobachten, dass andere für entsprechende Handlungen belohnt werden oder keine negativen Konsequenzen erfahren.
Im Unterschied zu Sutherland ist für diesen Lernprozess nicht zwingend eine direkte InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten. erforderlich. Auch indirekte Beobachtungen – etwa über Medien oder öffentliche Vorbilder – können verstärkend wirken. Gleichwohl bleibt das soziale Umfeld zentral: Erste Kontakte mit delinquenten Handlungsweisen entstehen meist in sozialen Beziehungen, insbesondere in Freundeskreisen oder subkulturellen Milieus.
Akers’ Theorie verbindet mehrere zentrale Lernmechanismen, die erklären, wie kriminelles Verhalten entsteht und stabilisiert wird.
- den Kontakt zu delinquenten Normen (Differential Association),
- das LernenLernen ist ein Prozess, durch den Individuen durch Erfahrung, Beobachtung oder Instruktion dauerhaftes Wissen, Fähigkeiten oder Verhaltensweisen erwerben oder verändern. durch Beobachtung und Nachahmung (Modelllernen),
- und die Stabilisierung von Verhalten durch Belohnung oder Bestrafung (differentielle Verstärkung).
Im Ergebnis verschiebt sich der Fokus der Erklärung: Nicht allein der Kontakt zu kriminellen Personen ist entscheidend, sondern vor allem die Verstärkung und soziale Bestätigung abweichenden Verhaltens.
Akers präzisiert damit die bei Sutherland noch relativ offen bleibende Frage nach den konkreten Lernmechanismen. Die Social Learning Theory gilt daher häufig als sozialpsychologische Weiterentwicklung der Differential Association Theory.
Zentrale Mechanismen der Social Learning Theory
Akers beschreibt vier zentrale Mechanismen, durch die kriminelles Verhalten sozial erlernt und stabilisiert wird:
- Differential Association: Kontakte zu Personen oder Gruppen, die kriminelle oder konforme Normen vertreten.
- Definitions: Einstellungen und Bewertungen von Verhalten, die Gesetzesverstöße entweder rechtfertigen oder ablehnen.
- Differential Reinforcement: Belohnungen oder Bestrafungen, die bestimmen, ob ein Verhalten künftig häufiger oder seltener gezeigt wird.
- Imitation: Lernen durch Beobachtung und Nachahmung des Verhaltens anderer Personen.
Kriminalität wird wahrscheinlicher, wenn Individuen häufiger mit delinquenten Normen konfrontiert sind, diese positiv bewerten und entsprechende Verhaltensweisen sozial belohnt oder zumindest nicht sanktioniert werden.
Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug
Akers gelingt es, eine zentrale Schwäche von Sutherlands Theorie zu überwinden, indem er die konkreten Mechanismen des sozialen Lernens systematisch in seine Erklärung integriert. Durch die Verbindung kriminalsoziologischer Ansätze mit Erkenntnissen der Lernpsychologie bietet die Social Learning Theory ein differenziertes Modell, das erklärt, wie kriminelle Verhaltensweisen entstehen, stabilisiert und weitergegeben werden.
Dennoch bleibt auch dieser Ansatz nicht frei von Kritik. Viele Einwände, die gegen Lerntheorien generell vorgebracht werden, betreffen auch Akers’ Modell. Dazu gehört etwa der Vorwurf einer partiellen Tautologie: Wenn kriminelles Verhalten durch zuvor gelernte kriminelle Einstellungen erklärt wird, bleibt die Frage offen, wie diese Einstellungen ursprünglich entstehen. Auch spontane Affekt- oder Impulsdelikte lassen sich mit einem primär auf Lernprozesse ausgerichteten Ansatz nur begrenzt erklären.
Zudem wird kritisiert, dass individuelle Unterschiede in Persönlichkeit, Selbstkontrolle oder biographischer Situation nur teilweise berücksichtigt werden. Menschen reagieren unterschiedlich auf dieselben sozialen Verstärkungen, sodass Lernprozesse nicht bei allen Individuen gleichermaßen wirken.
Ungeachtet dieser Kritik zählt die Social Learning Theory heute zu den empirisch am besten überprüften Ansätzen der Kriminologie. Zahlreiche Studien zeigen, dass soziale Netzwerke, Peer-Gruppen, Belohnungsstrukturen und Rollenvorbilder einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung von delinquentem Verhalten haben. Besonders bei Jugenddelinquenz, Drogenkonsum, Bandenkriminalität oder wirtschaftskriminellen Praktiken lassen sich viele der von Akers beschriebenen Lernprozesse empirisch beobachten.
Kriminalpolitische Implikationen
Aus der Social Learning Theory ergeben sich kriminalpolitische Schlussfolgerungen, die über klassische Abschreckungsmodelle hinausgehen. Wenn kriminelles Verhalten durch soziale Lernprozesse entsteht, dann hängt seine Verbreitung wesentlich davon ab, welche Belohnungs- und Bestrafungsstrukturen in einem sozialen Umfeld bestehen.
Kriminalpolitische Maßnahmen können daher darauf abzielen, die Bedingungen zu verändern, unter denen Verhalten gelernt und stabilisiert wird. Entscheidend ist dabei nicht allein die Existenz staatlicher Strafen, sondern vor allem, welche sozialen Konsequenzen mit bestimmten Handlungen verbunden sind. Werden kriminelle Handlungen innerhalb von Gruppen mit Anerkennung, StatusStatus bezeichnet die soziale Position einer Person innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft, die mit bestimmten Erwartungen, Rechten und Pflichten verbunden ist. oder materiellen Vorteilen belohnt, kann dies ihre weitere Verbreitung fördern – selbst dann, wenn formale Sanktionen existieren.
Vor diesem Hintergrund betont die Theorie die Bedeutung von Präventions- und Interventionsprogrammen, die alternative Lernkontexte schaffen. Programme der Jugendhilfe, schulische PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen., Mentoring-Projekte oder strukturierte Freizeitangebote können dazu beitragen, dass konforme Verhaltensweisen sozial anerkannt und positiv verstärkt werden.
Auch für den StrafvollzugRechtlich geregelte Inhaftierung und Resozialisierung von Straftätern zur Strafvollstreckung und Vorbereitung auf ein straffreies Leben in Freiheit. ergeben sich wichtige Konsequenzen. Wenn kriminelles Verhalten in sozialen Netzwerken erlernt wird, besteht die Gefahr, dass Haftanstalten selbst zu Orten der Verstärkung abweichender Normen werden. Moderne kriminalpolitische Konzepte versuchen daher zunehmend, Lernprozesse gezielt zu beeinflussen – etwa durch sozialtherapeutische Maßnahmen, Bildungsprogramme oder die Förderung prosozialer Netzwerke.
Schließlich weist die Theorie auf die Bedeutung von Rollenmodellen und medialen Darstellungen hin. Da Menschen Verhalten auch durch Beobachtung lernen, können öffentliche Vorbilder oder mediale Inszenierungen Einfluss darauf haben, welche Handlungen als attraktiv oder legitim erscheinen. Entscheidend ist dabei weniger die Darstellung von DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. an sich als vielmehr die Frage, ob entsprechende Handlungen im jeweiligen Kontext belohnt oder sanktioniert werden.
Insgesamt legt die Social Learning Theory somit eine kriminalpolitische Perspektive nahe, die nicht allein auf AbschreckungAbschreckung ist ein kriminalpolitisches Konzept, das darauf abzielt, potenzielle Straftäter durch die Androhung von Strafe davon abzuhalten, kriminelle Handlungen zu begehen. setzt, sondern auf die Gestaltung sozialer Lernumgebungen. Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen konforme Verhaltensweisen häufiger verstärkt werden als abweichende.
Literatur
Primärliteratur
- Ronald L. Akers & Robert L. Burgess (1966): A Differential Association-Reinforcement Theory of Criminal Behavior. Social Problems, 14(2), 128–147.
- Ronald L. Akers (1977): Deviant Behavior: A Social Learning Approach. Belmont, CA.
Weiterführende Literatur
- Ronald L. Akers & Christine Sellers: Criminological Theories: Introduction, Evaluation, and Application. 4. Auflage. Los Angeles, 2004.
- B. F. Skinner (1953): Science and Human Behavior. Auflage von 1967, New York.
- Albert Bandura (1963): Social Learning and Personal Development. London, 1970.
- Albert Bandura (1977): Social Learning Theory. Englewood Cliffs.
- Piers Beirne (1987): Between Classicism and Positivism: Crime and Penalty in the Writing of Gabriel Tarde. Criminology, 25, 785–819.
- Arno Bammé (2009): Gabriel Tarde und die „Gesetze der Nachahmung“. Tönnies-Forum, 18(1), 5–28.
- Hans J. Eysenck (1977): Crime and Personality. Deutsche Ausgabe 1980, Frankfurt am Main.
Bildquelle: Okhanm, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons



