Die Neutralisierungsthese bzw. die Theorie der Techniken der Neutralisierung geht auf Gresham M. Sykes und David Matza zurück. Sie beschreibt, wie Täter ihr eigenes abweichendes Verhalten durch moralische Rechtfertigungen relativieren oder entschuldigen. Solche Neutralisierungstechniken ermöglichen es, gegen gesellschaftliche NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. zu verstoßen und sich dennoch weiterhin als moralisch integre Person wahrzunehmen.
Merkzettel
Neutralisierungsthese
Hauptvertreter:
Gresham M. Sykes,
David Matza
Erstveröffentlichung: 1957
Land: USA
Idee / Annahme:
Abweichendes Verhalten wird durch sprachlich-moralische Techniken gerechtfertigt. Diese Neutralisierungstechniken ermöglichen es Täter:innen, ihr Verhalten trotz Regelverstoßes mit ihrem Selbstbild als moralische Person zu vereinbaren. DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen. erscheint damit nicht als dauerhafte Normenabweichung, sondern als temporäre Suspendierung gesellschaftlicher Werte.
Kernidee:
Viele Täter bleiben grundsätzlich an gesellschaftliche Normen gebunden. Durch Neutralisierungstechniken können sie diese Normen jedoch situativ außer Kraft setzen und so abweichendes Verhalten legitimieren.
Abgrenzung zu:
Im Unterschied zu Theorien, die KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. als Ausdruck dauerhaft abweichender Wertsysteme verstehen (z. B. Subkulturtheorie nach Cohen), betonen Sykes und Matza die fortbestehende Bindung der Täter an gesellschaftliche Normen. Auch gegenüber KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden. wie der Bindungstheorie nach Hirschi zeigt sich ein Unterschied: DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. ist hier nicht primär Folge schwacher Sozialbindung, sondern eines situativen Legitimationsprozesses.
Verwandte Theorien:
Labeling Approach,
Social Learning Theory (Akers),
Narrative Criminology
Neutralisierungsthese nach Gresham Sykes und David Matza
Einen Sonderfall innerhalb der Lerntheorien der Kriminalität stellt die Neutralisierungsthese dar. Im Mittelpunkt stehen dabei erlernte Rechtfertigungen, mit deren Hilfe Täter ihre bereits begangenen Normverstöße moralisch entschuldigen oder relativieren. Diese Rechtfertigungsstrategien bezeichneten Sykes und Matza als Techniken der Neutralisierung.
Die Grundannahme lautet, dass viele Täter gesellschaftliche Normen grundsätzlich akzeptieren. Um dennoch gegen diese Normen zu verstoßen, greifen sie auf bestimmte Argumentationsmuster zurück, die ihre Handlung legitim erscheinen lassen. Auf diese Weise können moralische Hemmungen überwunden werden, ohne dass die grundlegende Bindung an gesellschaftliche WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist. vollständig aufgegeben wird.
Sykes und Matza unterscheiden fünf klassische Neutralisierungstechniken:
- Ablehnung der Verantwortung:
Der Täter stellt sich selbst als Opfer äußerer Umstände dar. Nicht er selbst, sondern soziale Bedingungen oder andere Personen seien für sein Verhalten verantwortlich.
Beispiel: Ein Jugendlicher rechtfertigt eine Gewalttat damit, dass er in seinem sozialen Umfeld „keine andere Chance“ gehabt habe oder durch Gruppendruck zum Handeln gezwungen gewesen sei. - Verneinung des Unrechts:
Die Tat wird verharmlost oder als eigentlich harmlos dargestellt („Es ist doch niemand wirklich zu Schaden gekommen“).
Beispiel: Beim Ladendiebstahl rechtfertigen Täter ihr Verhalten häufig damit, dass große Handelsketten den Verlust problemlos verkraften könnten. Da kein konkretes Opfer erkennbar sei, erscheine die Tat als moralisch weniger problematisch – insbesondere, wenn bewusst nicht bei kleinen Geschäften („Tante-Emma-Läden“) gestohlen werde. - Ablehnung des Opfers:
Das Opfer wird moralisch abgewertet oder als selbst schuld dargestellt.
Beispiel: Bei Fällen von Hasskriminalität wird den Betroffenen häufig unterstellt, sie hätten die Tat durch ihr Verhalten, ihre Zugehörigkeit oder ihre Lebensweise selbst provoziert oder verdient. - Verdammung der Verdammenden:
Die moralische AutoritätAutorität bezeichnet anerkannte, legitime Macht, die auf Zustimmung und Vertrauen basiert. von Polizei, Justiz oder gesellschaftlichen Institutionen wird infrage gestellt.
Beispiel: Täter rechtfertigen Gewalt gegen staatliche Institutionen damit, dass PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. oder Justiz selbst korrupt, ungerecht oder illegitim seien. In Diskussionen über Polizeigewalt lassen sich solche Argumentationsmuster ebenfalls beobachten, wenn staatliche Kontrollinstanzen grundsätzlich delegitimiert werden. - Berufung auf höhere Loyalitäten:
Der Täter rechtfertigt sein Verhalten mit Verpflichtungen gegenüber FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden., Freunden, Gruppen oder Autoritäten. Individuelle moralische Bedenken werden zugunsten von Loyalität oder Gehorsam gegenüber einer übergeordneten Instanz zurückgestellt.
Beispiel: In historischen Kontexten wird diese Argumentationsfigur häufig in Form des sogenannten „Befehlsnotstands“ sichtbar, wenn Täter ihr Handeln mit der Pflicht zur Befolgung von Befehlen legitimieren. Analysen solcher Rechtfertigungsmuster finden sich etwa auch in Untersuchungen zur Polizei im NS-Staat.
Die Neutralisierungsthese stellt damit streng genommen keine klassische Kriminalitätstheorie dar, die unmittelbar die Ursachen von Kriminalität erklärt. Vielmehr beschreibt sie einen moralischen Legitimationsprozess, der es Individuen ermöglicht, trotz internalisierter gesellschaftlicher Normen abweichend zu handeln.
Entgegen den Subkulturtheorien gehen Sykes und Matza also davon aus, dass gesellschaftliche Normen grundsätzlich internalisiert bleiben. Die Neutralisierungstechniken verändern diese Normen nicht dauerhaft, sondern setzen sie lediglich situativ außer Kraft.
Die Ursache abweichenden Verhaltens liegt demnach weniger in einer grundsätzlich unterschiedlichen Normakzeptanz, sondern vielmehr in der Flexibilität moralischer Rechtfertigungen. Paradoxerweise ermöglicht gerade die Internalisierung gesellschaftlicher Werte ihre zeitweise Suspendierung.
Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug
Die Neutralisierungsthese nimmt innerhalb der KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. eine besondere Stellung ein. Kritiker weisen darauf hin, dass sie vordergründig lediglich Rechtfertigungen beschreibt, die nach einer Straftat geäußert werden. In diesem Fall wären Neutralisierungstechniken eher Teil nachträglicher Rationalisierungen als eigentliche Ursachen kriminellen Handelns.
Eine ätiologische Bedeutung erhält die Theorie jedoch dann, wenn solche Rechtfertigungen bereits vor der Tat vorhanden sind. In diesem Fall können Neutralisierungstechniken dazu beitragen, moralische Hemmungen zu überwinden und deviante Handlungen überhaupt erst zu ermöglichen.
Empirisch ließ sich der genaue Zeitpunkt der Entstehung solcher Rechtfertigungen jedoch bislang nur schwer bestimmen. Es bleibt daher offen, ob Neutralisierungstechniken primär als Motivation oder als nachträgliche Rationalisierung fungieren.
Zudem bleibt bei Sykes und Matza relativ unklar, wann genau welche Technik eingesetzt wird und wie stark gesellschaftliche Normen internalisiert sein müssen, damit sie zwar grundsätzlich anerkannt, gleichzeitig aber situativ außer Kraft gesetzt werden können.
Auch stellt sich die Frage, wo und wie solche Rechtfertigungstechniken erlernt werden. Spätere Arbeiten innerhalb der Social Learning Theory haben diese Lernprozesse stärker betont.
Trotz dieser Kritikpunkte wird die Neutralisierungsthese bis heute häufig rezipiert. Die fünf Neutralisierungstechniken erweisen sich als erstaunlich zeit- und ortsunabhängig und lassen sich auf zahlreiche Deliktformen anwenden – von Jugenddelinquenz über Wirtschaftskriminalität bis hin zu politischer GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen..
Kriminalpolitische Implikationen
Die Neutralisierungsthese enthält keine direkten kriminalpolitischen Programme. Dennoch lassen sich aus den einzelnen Neutralisierungstechniken wichtige kriminalpolitische Überlegungen ableiten.
So kann etwa die Ablehnung der Verantwortung als Hinweis auf wahrgenommene soziale Ungerechtigkeit interpretiert werden. Verbesserte soziale Lebensbedingungen können dazu beitragen, solche Rechtfertigungsmuster zu reduzieren.
Die Verneinung des Unrechts deutet hingegen auf eine unzureichende Norminternalisierung hin. Daraus ergibt sich die Bedeutung von Wertevermittlung durch Familie, Schule und gesellschaftliche Institutionen.
Die Ablehnung des Opfers verweist auf die Bedeutung von Opferperspektiven innerhalb des Strafrechts. Konzepte wie der Täter-Opfer-Ausgleich oder Ansätze der Restorative JusticeRestorative Justice (wiedergutmachende Gerechtigkeit) ist ein Ansatz im Strafrecht, der darauf abzielt, die durch eine Straftat entstandenen Schäden durch Dialog und Wiedergutmachung zwischen Täter, Opfer und Gemeinschaft zu beheben. können dazu beitragen, Empathie für die Opfer zu fördern und Neutralisierungstechniken zu erschweren.
Die Verdammung der Verdammenden macht deutlich, dass die Legitimität staatlicher Institutionen eine wichtige RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. spielt. Transparente und faire Verfahren können das Vertrauen in rechtliche Normen stärken.
Schließlich verweist die Berufung auf höhere Loyalitäten auf die Bedeutung sozialer Gruppenbindungen. Gerade in hierarchischen Organisationen – etwa im militärischen Kontext – können Loyalitätskonflikte entstehen, die individuelles Fehlverhalten begünstigen.
Literatur
Primärliteratur
- Sykes, G. M.; Matza, D. (1957). Techniques of Neutralization: A Theory of Delinquency. American Sociological Review 22, S. 664–670.



