Unter Shaming versteht John Braithwaite soziale Reaktionen auf deviantes Verhalten, die darauf abzielen, beim Täter Scham auszulösen. Braithwaite unterscheidet zwei grundsätzlich unterschiedliche Formen der Beschämung. Beim desintegrativen Shaming wird nicht nur die Tat missbilligt, sondern die Person selbst dauerhaft stigmatisiert und aus der GemeinschaftEine Gemeinschaft ist eine Form des sozialen Zusammenlebens, die sich durch enge persönliche Bindungen, emotionale Nähe und ein starkes Wir-Gefühl auszeichnet. Der Begriff wurde maßgeblich durch Ferdinand Tönnies geprägt, der ihn als Gegensatz zur Gesellschaft verstand. ausgeschlossen. Diese Form der Beschämung kann zur Verstärkung von Devianz beitragen und weist daher Parallelen zu den Labeling-Theorien auf.
Beim reintegrativen Shaming hingegen wird zwar die Tat klar verurteilt, gleichzeitig aber signalisiert, dass der Täter weiterhin Teil der Gemeinschaft bleiben kann. Die Beschämung wird mit Gesten der Vergebung und der Bereitschaft zur Wiedereingliederung verbunden.
Merkzettel
Reintegrative Shaming Theory
Hauptvertreter: John Braithwaite
Erstveröffentlichung: 1989
Land: Australien
Idee/ Annahme: Die Reintegrative Shaming Theory unterscheidet zwischen zwei Arten der Beschämung: reintegrative und stigmatisierende. Reintegrative Beschämung verurteilt die Tat, nicht aber die Person – sie zielt auf Wiedereingliederung in die GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind.. Stigmatisierende Beschämung hingegen grenzt den Täter dauerhaft aus und verstärkt so zukünftige Devianz. Braithwaite argumentiert, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und starke soziale Bindungen darüber entscheiden, welche Wirkung Scham entfaltet.
Abgrenzung zu:
Im Unterschied zum Labeling Approach, der die Etikettierung als Ursache weiterer Devianz interpretiert, sieht Braithwaite in der Art und Weise der Sanktionierung den entscheidenden Faktor: Nicht jede Reaktion der Gesellschaft führt zu Stigmatisierung. Die Theorie knüpft an KontrolltheorienKontrolltheorien sind soziologische und kriminologische Erklärungsansätze, die davon ausgehen, dass Kriminalität und abweichendes Verhalten primär durch den Grad der sozialen Kontrolle bestimmt werden. Menschen verhalten sich dann konform, wenn sie durch soziale Bindungen, Normen und innere Überzeugungen kontrolliert werden. wie die Bindungstheorie an, betont aber stärker die Rolle von Scham und sozialer KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren..
Verwandte Theorien:
Defiance Theory (Sherman),
Labeling Approach (Lemert),
Restorative Justice,
Bindungstheorie (Hirschi)
Kontext: Scham als Form sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird.
In vielen Gesellschaften spielen Scham und soziale Missbilligung eine wichtige RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist. bei der Regulierung von Verhalten. Während moderne Strafrechtssysteme vor allem auf formale Sanktionen setzen, betont die Reintegrative Shaming Theory die Bedeutung informeller sozialer Reaktionen. Beschämung kann eine wirksame Form sozialer Kontrolle sein – vorausgesetzt, sie führt nicht zu dauerhafter Stigmatisierung.
Reintegrative Shaming nach John Braithwaite
Die Reintegrative Shaming Theory verbindet Elemente verschiedener kriminologischer Ansätze. Sie knüpft an den Labeling Approach an, indem sie die Folgen sozialer Reaktionen auf DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. betont. Gleichzeitig greift sie zentrale Ideen der Kontrolltheorien auf, insbesondere die Bedeutung sozialer Bindungen für konformes Verhalten. Darüber hinaus enthält sie Bezüge zu kriminalökologischen Ansätzen, die den Einfluss sozialer Strukturen und Gemeinschaften auf KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. untersuchen.
Unter Shaming versteht Braithwaite „all social processes of expressing disapproval which have the intention or effect of invoking remorse in the person being shamed and/or condemnation by others who become aware of the shaming“ (Braithwaite, 1989: 100).
Laut Braithwaite gibt es zwei verschiedene Formen des Shaming:
The crucial distinction is between shaming that is reintegrative and shaming that is disintegrative (stigmatization). Reintegrative shaming means that expressions of community disapproval, which may range from mild rebuke to degradation ceremonies, are followed by gestures of reacceptance into the community of law-abiding citizens. These gestures of reacceptance will vary from a simple smile expressing forgiveness and love to quite formal cere-monies to decertify the offender as deviant. Disintegrative shaming (stigmatization), in contrast, divides the community by creating a class of outcasts.
(Braithwaite, 1989: 55)
Desintegrative Shaming

Beim desintegrativen Shaming liegt der Fokus nicht nur auf der konkreten Tat, die verübt wurde, sondern auf der Person als Ganzes. Der/die Beschämte wird in seiner/ihrer ganzen Person herabgewürdigt. Die damit einhergehende Stigmatisierung wirkt sich auf die sozialen Interaktionen des/der Beschämten aus. So wird zum Beispiel der Zugang zum Arbeitsmarkt verweigert und andere Maßnahmen werden getroffen, die zur gesellschaftlichen MarginalisierungMarginalisierung bezeichnet Prozesse sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung bestimmter Gruppen. beitragen. Als Konsequenz sind dem/der Beschämten nun die Möglichkeiten verwehrt, an der Mainstream-Kultur teilzuhaben. Dies führt letztendlich zu der Bildung von subkulturellen Strukturen, in denen sich die so Ausgeschlossenen zusammentun.
Integrative Shaming
Die negativen Folgen von Bestrafung sind jedoch nicht zwangsläufig. Beim reintegrativen Shaming wird die Beschämung mit einem Angebot der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft verbunden.
Braithwaite geht davon aus, dass diese reintegrative Form der Beschämung insbesondere dann erfolgversprechend sei, wenn Menschen aus dem sozialen Umfeld des Täters an dieser beteiligt sind.
It would seem that sanctions imposed by relatives, friends or a personally relevant collectivity have more effect on criminal behavior than sanctions imposed by a remote legal authority.
(Braithwaite, 1989: 69)
Wie und warum wirkt Shaming?
Braithwaite beschreibt Beschämung nicht nur als moralische Reaktion, sondern als komplexen sozialen Mechanismus. Die folgenden Punkte zeigen, auf welchen Wegen Beschämung zur Regulierung von Verhalten beitragen kann.
Braithwaite (1989: 81 ff.) nennt eine Reihe von Mechanismen, über die Beschämung auf Verhalten wirkt. Die folgenden Punkte fassen seine Argumentation zusammen:
- Abschreckung (Deterrence) wirke stärker aus Furcht vor der Beschämung, als aus Furcht vor der Bestrafung.
- Scham fungiere auch als Instrument der negativen GeneralpräventionGeneralprävention ist ein strafrechtliches Konzept, das darauf abzielt, die Allgemeinheit durch die Androhung und Vollstreckung von Strafen von kriminellen Handlungen abzuhalten., da andere Gesellschaftsmitglieder, welche die Beschämung eines Täters erleben, von diesem Erlebnis abgeschreckt würden, selbst straffällig zu werden.
- Sowohl die spezial- als auch generalpräventive Wirkung einer Beschämung habe die stärkste Wirkung bei sozial integrierten Gesellschaftsmitgliedern.
- Eine stigmatisierende Form der Bestrafung schwäche hingegen die soziale Kontrolle und stärke den Zusammenhalt der stigmatisierten Straffälligen.
- Shame sei ein sozialer Prozess, der die Schädlichkeit bestimmter Handlungen verdeutlicht. Die Wirkung einer Beschämung sei hierbei effektiver als solche, die von abschreckenden Strafen ausgeht.
- Reintegrative Shaming habe einen größeren positiven Effekt als eine stigmatisierende Beschämung. Die Buße des Täters und die Vergebung der Gemeinschaft würden das StrafrechtDas Strafrecht umfasst die Gesamtheit der Gesetze, die bestimmen, welche Handlungen strafbar sind und welche Sanktionen dafür vorgesehen sind. bestärken durch die Symbolkraft einer gemeindeweiten Bewusstseinsbildung.
- Scham sei eine partizipative Form der sozialen Kontrolle bei der die Bürger – im Gegensatz zu einer formalen Sanktionierung – am Geschehen beteiligt seien und sowohl zu Instrumente als auch zu Zielen sozialer Kontrolle würden.
- Der kulturelle Prozess der Bildung von Scham und Reue führe zu Gewissensbissen. Dieses schlechte Gewissen stelle die effektivste StrafeStrafe ist eine soziale Reaktion auf normabweichendes Verhalten, bei der ein als negativ bewertetes Übel zugefügt wird – entweder informell durch soziale Gruppen oder formal durch staatliche Institutionen. für die Begehung von Straftaten dar.
- Schamgefühle hätten eine doppelte Funktion: sie seien sowohl der soziale Prozess, der das Gewissen stärkt, als auch die wichtigste Stütze, die genutzt werden muss, wenn das Gewissen nicht zur Konformität beiträgt. Auch die Angst vor einer formalen Sanktionierung sei eine Hemmschwelle, jedoch nicht so effektiv.
- Eine wichtige Funktion kommt dem Klatsch und Tratsch über Täter und ihre Taten zu. Klatsch und Tratsch fördere die Bildung eines Gewissens und einer MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt. auch außerhalb der sozialen Kreise, in denen sich die Täter bewegen.
- Eine weitere wichtige Funktion nimmt die öffentliche Beschämung ein, die – wenn Kinder und Heranwachsende dem Einflussbereich von FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden. und Schule entrinnen – die private Beschämung ablöst. Es obläge daher den Gerichten, bei Straftaten, die vorrangig von Erwachsenen begangen werden (wie z.B. Umweltdelikte) für eine öffentliche Beschämung der Täter zu sorgen.
- Eine öffentliche Beschämung verallgemeinere vertraute Prinzipien in unbekannte oder neue Zusammenhänge und integriere neue Kategorien von Fehlverhalten in bestehende moralische Konzepte. Public Shaming könne so beispielsweise den Verlust eines Menschenlebens in ein Kriegsverbrechen oder Massaker „verwandeln“.
- Kulturen mit starker Betonung auf eine reintegrative Beschämung schafften einen reibungsloseren Übergang zwischen Sozialisationspraktiken in der Familie und SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität. in der Gesellschaft im Allgemeinen. Innerhalb der Familie verlagere sich die soziale Kontrolle mit zunehmendem Alter des Kindes von der externen zur internen Kontrolle. In straforientierten Kulturen sei dieser Prozess ins Gegenteil verkehrt. Die interne Kontrolle sei jedoch die effektivere Form der Kriminalitätskontrolle – weshalb Familien auch die effektiveren Kontrollagenten seien als Polizeikräfte.
- Eine Beschämung die übermäßig konfrontativ ist, erschwere die gesellschaftliche Wiedereingliederung der Beschämten. Auch ohne Ziele einer direkten Beschämung zu werden, sei es Gesellschaftsmitgliedern bewusst, wenn Sie Gegenstand von Klatsch und Tratsch werden. Hier bedürfe es besonderer Gesten der Akzeptanz um eine Wiedereingliederung zu befördern.
- Die Wirksamkeit von Schamgefühlen würde oft dadurch erhöht, dass eine Beschämung nicht nur gegen den einzelnen Täter, sondern auch gegen seine Familie oder – in Fällen von Wirtschaftskriminalität – gegen das Unternehmen gerichtet sei. Das Individuum sei innerhalb dieser kollektiven Bezüge sowohl der Beschämung durch die Gesellschaft, als auch einer stärkeren informellen Kontrolle durch die Familie/ das Unternehmen ausgesetzt. Eine ablehnende und trotzige Haltung des Individuums gegenüber seinen Kritikern und damit eine stärkere Übernahme der Rolle des Devianten verschlimmere auch die Folgen der Beschämung für die Familie bzw. das Unternehmen, weshalb diese/s das Individuum in der Akzeptanz der ihm teilwerdenden Beschämung bestärken würden.
Zusammenfassend versteht Braithwaite Beschämung damit als eine Form sozialer Kontrolle, die besonders dann wirksam ist, wenn sie in soziale Beziehungen eingebettet bleibt und mit der Möglichkeit der Reintegration verbunden wird.
In einem komplexen Schaubild fasst Braithwaite die Wirkungsweise von Reintegrative Shaming wie auch StigmatisierungZuschreibung und gesellschaftliche Fixierung negativer Merkmale an Einzelpersonen oder Gruppen, die zu sozialer Abwertung und Ausschluss führen. zusammen (zum Vergrößern Bild anklicken). Hier wird der hybride Charakter der Theorie deutlich, die sich bei anderen KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. bedient. In der linken, oberen Ecke findet sich der Bezug zu Kontrolltheorien. Rechts daneben wird der Bezug zu Theorien der sozialen Desorganisation verdeutlicht. In der rechten, unteren Bildhälfte skizziert Braithwaite die Folgen einer Kriminalisierung aus der Perspektive von Labelling-Theorien (mit Verweis auf Anomie- und SubkulturtheorienSubkulturtheorien sind soziologische und kriminologische Ansätze, die abweichendes Verhalten und Kriminalität als Ausdruck spezifischer Werte, Normen und Lebensstile innerhalb sozialer Gruppen interpretieren, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen.). In der linken, unteren Bildhälfte legt Braithwaite im Gegensatz dazu die Folgen (oder eben: folgenlosen Konsequenzen) einer reintegrierenden Beschämung dar.

Kriminalpolitische Implikationen
Kriminalpolitisch folgt aus Braithwaites Theorie, dass Sanktionen nur dann präventiv wirken, wenn sie die Tat missbilligen, ohne den Täter dauerhaft aus der Gemeinschaft auszuschließen.
Braithwaites Theorie richtet sich gegen kriminalpolitische Ansätze, die Strafe primär als Vergeltung verstehen. Solche Positionen werden häufig unter dem Begriff just deserts zusammengefasst. Nach dieser Perspektive soll die Strafe in erster Linie dem begangenen Unrecht entsprechen – gemessen am Schaden der Tat und an der Schuld des Täters.
Seit den 1970er Jahren gewann dieses Paradigma insbesondere in den USA an Einfluss. Rehabilitative Ziele, also die Wiedereingliederung von Straftätern in die Gesellschaft, traten zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen wurden standardisierte Strafrichtlinien entwickelt, die den Ermessensspielraum von Richtern einschränkten (sog. „sentencing commissions“) (vgl. hierzu: Sebba, 2014).
Die Reintegrative Shaming Theory stellt eine deutliche Kritik an dieser Entwicklung dar. Braithwaite plädiert für Formen der Konfliktbearbeitung, die auf Wiedergutmachung, Kommunikation und Reintegration setzen. In diesem Zusammenhang entwickelte er das Konzept der Restorative Justice, das Täter, Opfer und Gemeinschaft stärker in die Lösung sozialer Konflikte einbezieht.
Literatur
- Braithwaite, John (1989). Crime, Shame and Reintegration. Cambridge u.a.: Cambridge University Press. [Volltext]
- Sebba, Leslie (2014). Penal Paradigms: Past and Present. In: G. Bruinsma & D. Weisburd (Hrsg.) Encyclopedia of Criminology and Criminal Justice. New York: Springer Reference, S. 3481-3490.
Weiterführende Informationen
- Christie, Nils (1977). Conflicts as Property. British Journal of Criminology 17 (1), 1-15.
Video/ Podcast
Eine Zusammenstellung der verschiedenen Theorien auf die sich Restorative JusticeRestorative Justice (wiedergutmachende Gerechtigkeit) ist ein Ansatz im Strafrecht, der darauf abzielt, die durch eine Straftat entstandenen Schäden durch Dialog und Wiedergutmachung zwischen Täter, Opfer und Gemeinschaft zu beheben. beruft, findet sich hier: http://www.unafei.or.jp/english/pdf/RS_No63/No63_10VE_Braithwaite2.pdf



