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Sie befinden sich hier: Home / Kriminalitätstheorien / Soziale Desorganisation / Soziale Desorganisation (Shaw & McKay)

Soziale Desorganisation (Shaw & McKay)

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Die Theorie der sozialen Desorganisation ist auch bekannt unter den Namen Social Ecology, Ökologischer Ansatz, Kriminalökologie, Area Approach, kulturelle Transmission.

Soziale Raumtheorien gehen davon aus, dass KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. nicht zufällig über den städtischen Raum verteilt ist. In bestimmten Stadtgebieten treten dauerhaft höhere Kriminalitätsraten auf als in anderen. Die Theorie der sozialen Desorganisation erklärt dieses Muster mit strukturellen Merkmalen des Wohnumfelds, etwa Armut, hohe Bevölkerungsfluktuation oder ethnische Heterogenität.

Solche Bedingungen erschweren stabile soziale Beziehungen innerhalb einer Nachbarschaft und schwächen damit informelle soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird.. In der Folge können sich abweichende Normen und Verhaltensweisen leichter etablieren und über soziale Lernprozesse an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.

Kernaussage der Theorie der sozialen Desorganisation

Kriminalität entsteht nicht allein durch individuelle Entscheidungen, sondern auch durch strukturelle Bedingungen eines Stadtviertels. Wenn Armut, Bevölkerungsfluktuation und soziale Fragmentierung stabile Nachbarschaftsbeziehungen erschweren, schwächt dies informelle soziale Kontrolle. Unter solchen Bedingungen können sich delinquente Traditionen und abweichende NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. leichter entwickeln und über Generationen hinweg weitergegeben werden.

Inhaltsverzeichnis

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  • Merkzettel
    • Social Disorganization Theory
  • Theorie der sozialen Desorganisation nach Clifford Shaw und Henry McKay
    • Kulturelle Transmission
  • Kritische Würdigung & Aktualitätsbezug
    • Ökologischer Fehlschluss
    • Weiterentwicklung: Collective Efficacy
  • Kriminalpolitische Implikation
  • Literatur
    • Primärliteratur
    • Sekundärliteratur
    • Podcast

Merkzettel

Social Disorganization Theory

Hauptvertreter:
Clifford R. Shaw,
Henry D. McKay

Erstveröffentlichung: 1942

Land: USA (Chicago)

Idee/ Annahme: Die Theorie geht davon aus, dass bestimmte Merkmale von Stadtvierteln – etwa hohe Fluktuation, Armut, ethnische Heterogenität und fehlende soziale Kontrolle – zur Auflösung gemeinsamer Normen und Werte führen. Diese „soziale Desorganisation“ begünstigt die Entstehung von DelinquenzDelinquenz beschreibt die Neigung, strafbare Handlungen zu begehen., insbesondere unter Jugendlichen. Kriminalität ist hier kein individuelles, sondern ein räumlich und sozial bedingtes Phänomen.

Abgrenzung zu:
Im Unterschied zu individualistischen Theorien (z. B. Self-Control-Theorie) oder rationalen Ansätzen (z. B. Rational Choice Theory) erklärt der Desorganisationsansatz Kriminalität durch strukturelle, milieuspezifische Bedingungen. Zugleich unterscheidet sich die Theorie von klassischen SubkulturtheorienSubkulturtheorien sind soziologische und kriminologische Ansätze, die abweichendes Verhalten und Kriminalität als Ausdruck spezifischer Werte, Normen und Lebensstile innerhalb sozialer Gruppen interpretieren, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen., da sie weniger die Normen selbst als deren Auflösung in den Vordergrund stellt.

Verwandte Theorien:
Anomietheorie (Merton),
Subkulturtheorie (Cohen),
Code of the Street (Anderson),
Broken Windows Ansatz

Historischer Kontext: Die Chicago School

Die Theorie der sozialen Desorganisation entstand im Umfeld der sogenannten Chicago School der Soziologie. Forschende wie Robert E. Park, Ernest W. Burgess und Louis Wirth untersuchten seit den 1920er Jahren die sozialen Strukturen moderner Großstädte. Chicago galt ihnen als „soziales Labor“, in dem sich Migration, UrbanisierungUrbanisierung bezeichnet den Prozess der Verstädterung sowie die Ausbreitung urbaner Lebensformen. und soziale Ungleichheit besonders deutlich beobachten ließen.

Vor diesem Hintergrund entwickelte Clifford R. Shaw gemeinsam mit Henry D. McKay die Idee, Kriminalität nicht primär als individuelles Problem zu verstehen, sondern als räumlich konzentriertes Phänomen bestimmter Stadtgebiete. Ihr Ansatz gehört damit zu den frühen empirischen Versuchen, Kriminalität systematisch mit städtischen Sozialstrukturen in Verbindung zu bringen.

Theorie der sozialen Desorganisation nach Clifford Shaw und Henry McKay

Die Theorie der sozialen Desorganisation wurde 1929 durch Clifford Shaw entwickelt und 1942 in Zusammenarbeit mit seinem Assistent Henry McKay veröffentlicht.
Shaw untersuchte 1929 im Rahmen seiner Studie „Juvenile Delinquency and Urban Areas“ in Chicago die Wohnorte von 60.000 männlichen Jugendlichen, die von der Stadt, der PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. oder den Gerichten als Schulschwänzer („school truants“) oder Gesetzesbrecher („offenders“) registriert worden waren. Die Gebiete, in denen eine große Zahl der zu untersuchenden jungen Männer lebte, nannte er „delinquency areas“.

Shaw führte einen weiteren Begriff, den der „natural areas“ – sozial entstandene Stadtgebiete mit relativ stabilen sozialen und ökonomischen Funktionen. Hierbei bezog sich Shaw auf die Arbeit des kanadischen Soziologen Ernest Burgees. Dieser hatte gemeinsam mit mit seinem Kollegen Robert Ezra Park 1925 einen sozialökologischen Ansatz innerhalb der StadtsoziologieStadtsoziologie ist ein Teilgebiet der Soziologie, das sich mit der sozialen Struktur, den Lebensbedingungen, Konflikten und Entwicklungsprozessen urbaner Räume beschäftigt. Sie analysiert, wie Städte als soziale Räume organisiert sind, welche sozialen Interaktionen dort stattfinden und wie urbane Lebensweisen die Gesellschaft beeinflussen. geprägt. Am Beispiel der Stadt Chicago entwickelten Burgees und Park ein konzentrisches Zonenmodell, das die Stadt in 5 Zonen einteilt.

Theorie der sozialen Desorganisation – konzentrisches Zonenmodell
konzentrisches Zonenmodell (Shaw & McKay nach: Burgess & Park)
  • Zone 1 stellt das Stadtzentrum mit der Innenstadt dar. Hier finden sich vor allem die Geschäftsviertel und am Rand dieser ersten Zone sind die Industriegebiete angesiedelt.
  • Zone 2 wird von den Autoren als Übergangsgebiet zwischen Geschäfts-/ Industrieviertel und Wohngebieten bezeichnet.
  • In Zone 3 sind die Wohngebiete der Arbeiterinnen und Arbeiter zu finden.
  • In Zone 4 sind die Wohngebiete des Bürgertums zu finden.
  • In Zone 5 ist die Vorstadt zu finden. Hier liegt der Wohnort der Pendler, die zwischen ihrem Wohnort am Rande der Stadt und ihrem Arbeitsort in der Stadt pendeln.

Shaw und McKay stellten in Ihrer Untersuchung fest, dass die Kriminalität der untersuchten delinquenten Jugendlichen über die Stadt nicht gleichverteilt ist, sondern sich in einzelnen Gebieten konzentriert. Hierbei fallen die besonders stark kriminalitätsbelasteten ‚delinquency areas‘ weitgehend mit den von Burgees und Park ausgemachten ‚natural areas‘ zusammen. Die höchste Kriminalitätsbelastung fanden die Forscher in der Übergangszone 2. Nach außen nahm die Kriminalitätsbelastung ab.

In den 1930er Jahren weiteten Shaw und McKay ihre Untersuchungen auf vier weitere nordamerikanische Städte aus und untersuchten dort die Wohnorte von jugendlichen Tatverdächtigen und Delinquenten im Alter von 16 bis 18 Jahren. Sie fanden ihr Studienergebnis aus Chicago auch hier bestätigt. In jeder dieser Städte gab es Gebiete mit besonders hohen Kriminalitätsraten. Diese ‚delinquency areas‘ charakterisierten sie folgendermaßen:

  1. höhere Delinquenz- und Schulschwänzerraten,
  2. z.T. hohe Säuglingssterblichkeit,
  3. hohe Anzahl an Tuberkuloseerkrankten,
  4. Überbevölkerung,
  5. hohe Anzahl an Familien, die von staatlicher Unterstützung leben,
  6. mangelnde Angebote zur Freizeitgestaltung,
  7. hohe Bevölkerungsmobilität.

Kulturelle Transmission

Shaw und McKay kamen zu dem Ergebnis, dass die hohen Kriminalitätsraten unabhängig von der ethnischen Zusammensetzung der Bewohner zu betrachten sind. Die kriminalitätsbelasteten Gebiete wurden über Jahrzehnte mehrheitlich von unterschiedlichen ethnischen (Einwanderer-)Gruppen bewohnt (Deutsche, Iren, Polen, Russen und schließlich Schwarze aus dem Süden der USA). Trotz der Bevölkerungsfluktuation blieb die Kriminalität in den untersuchten Räumen jedoch relativ konstant. Die Gebiete, in die die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner zogen, verzeichneten keinen Anstieg der Kriminalität. Dies ließ die Autoren vermuten, dass der Raum selbst Kriminalität produziert. Daraus könnte geschlossen werden, dass in diesen Gebieten über Jahrzehnte hinweg bestimmte Faktoren bestehen, die die Jugendlichen immer wieder mit Kriminalität „infizieren“.

Hinter diesem als kulturelle Transmission bezeichneten Effekt verbirgt sich die Vorstellung, dass abweichende normative Einstellungen und delinquente Traditionen von Jugendgruppen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Deviante Verhaltensweisen werden von älteren Gangmitgliedern an Kinder- und Jugendgruppen weitergegeben und überdauern so die Zeit der Anwesenheit konkreter Personen.

Diese Idee der kulturellen Transmission devianter Normen wurde später von verschiedenen Lerntheorien der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. aufgegriffen, insbesondere von Edwin H. Sutherlands Theorie des differentiellen Lernens.

Ein zweiter Erklärungsansatz ist die Annahme einer räumlichen Anziehungskraft. Kriminalitätsbelastete Gebiete befanden sich dort, wo die Stadtviertel am stärksten heruntergekommen waren und aufgrund der niedrigen Mieten vor allem von ArmutArmut beschreibt den Mangel an materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen, die notwendig sind, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. betroffene Menschen anzogen. In diesen Wohngebieten kam es unter dem Druck sozial desintegrierender Kräfte zu einer Auflösung sozialer Bindungen. Diese Auflösung der informellen sozialen Kontrolle führt zu einem Anstieg der Kriminalität.

Schema der Theorie der sozialen Desorganisation nach Shaw und McKay: Strukturelle Faktoren wie Armut, Bevölkerungsfluktuation und ethnische Heterogenität führen zu sozialer Desorganisation, schwächen soziale Kontrolle und begünstigen Delinquenz sowie delinquente Traditionen.
Schematische Darstellung der Theorie der sozialen Desorganisation nach Clifford R. Shaw und Henry D. McKay.

Kritische Würdigung & Aktualitätsbezug

Hauptkritikpunkt an der Theorie der sozialen Desorganisation als Erklärung für abweichendes Verhalten und Kriminalität ist, dass die Verantwortung für individuelles Handeln vom Individuum auf die GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. verlagert wird.

Zudem wurden methodische Schwächen an der Studie bemängelt. Da sich die Autoren auf offiziell registrierte Delikte stützen, kann gemutmaßt werden, dass hier Straftäter aus der Mittelschicht unter- und Menschen mit niedrigem Einkommen und Angehörige ethnischer Minderheitengruppen überrepräsentiert sind.

Hieran anknüpfend ließe sich die grundsätzliche Kritik formulieren, dass die Theorie der sozialen Desorganisation die Kriminalität der Mittelschicht nicht erklären kann, da diese nicht unter Bedingungen der sozialen Desorganisation lebt.

Schließlich wurde Shaw und McKay vorgeworfen, die von ihnen vorgeschlagene Erklärung von Kriminalität sei tautologisch, da soziale Desintegration als Ursache von Kriminalität, Kriminalität aber auch als Indikator für soziale Desorganisation angesehen werde.

Neuere kriminalgeographische Forschung unterstützt weitestgehend die Thesen von Shaw und McKay. Die methodologischen Schwächen werden in aktuellen Forschungsansätzen umgangen, indem v.a. auf Zahlen selbstberichteter Delinquenz zurückgegriffen wird. Barkan (2023: 135) nennt als Ergebnis moderner Forschungsarbeiten folgende Belastungsfaktoren für Kriminalität und ViktimisierungDer Prozess der Opferwerdung durch eine Straftat oder ein anderes schädigendes Ereignis.:

  1. geringe Beteiligung an gemeinnützigen Organisationen;
  2. wenige Freundschaftsnetzwerke;
  3. Versagen der GemeinschaftEine Gemeinschaft ist eine Form des sozialen Zusammenlebens, die sich durch enge persönliche Bindungen, emotionale Nähe und ein starkes Wir-Gefühl auszeichnet. Der Begriff wurde maßgeblich durch Ferdinand Tönnies geprägt, der ihn als Gegensatz zur Gesellschaft verstand., keine ausreichende Beaufsichtigung von Jugendlichen und Fehlen anderer informeller sozialer Kontrollmechanismen; und
  4. hohe Wohnmobilität, Bevölkerungsdichte, Alleinerziehende, baufällige Wohnungen und Armut

Ökologischer Fehlschluss

Ein häufig genannter Kritikpunkt betrifft den sogenannten ökologischen Fehlschluss. Aus der Beobachtung, dass bestimmte Stadtgebiete hohe Kriminalitätsraten aufweisen, kann nicht automatisch geschlossen werden, dass alle dort lebenden Personen besonders kriminalitätsanfällig sind. Individuelle Lebensverläufe, soziale Bindungen oder persönliche Ressourcen können erheblich variieren. Kritiker warnen daher davor, räumliche Kriminalitätsmuster vorschnell auf individuelle Eigenschaften der Bewohner zu übertragen.

Weiterentwicklung: Collective Efficacy

Neuere Forschung knüpft an den Ansatz der sozialen Desorganisation an, entwickelt ihn jedoch weiter. Besonders einflussreich ist das Konzept der „collective efficacy“, das von Robert J. Sampson entwickelt wurde. Es beschreibt die Fähigkeit einer Nachbarschaft, gemeinsame Normen aufrechtzuerhalten und informelle soziale Kontrolle auszuüben.

Sampson argumentiert, dass nicht allein strukturelle Merkmale wie Armut oder Bevölkerungsfluktuation entscheidend sind, sondern die Frage, ob Bewohner bereit sind, gemeinsam auf Regelverletzungen zu reagieren – etwa indem sie Jugendliche ermahnen oder sich in lokale Gemeinschaftsorganisationen einbringen. Nach dieser Perspektive entsteht Kriminalität weniger durch „Desorganisation“ im engeren Sinne als durch ein geringes Maß kollektiver Handlungsfähigkeit innerhalb einer Nachbarschaft.

Kriminalpolitische Implikation

Um soziale Desorganisation anzugehen, schlagen Befürworter der Theorie Maßnahmen vor, die die soziale IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden. fördern, die Bildung verbessern und die wirtschaftlichen Bedingungen stabilisieren. Durch die Stärkung sozialer Bindungen und Kontrollmechanismen soll die Anfälligkeit für kriminelles Verhalten verringert werden.

Viele Programme der kommunalen KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren. knüpfen an diese Überlegungen an, indem sie versuchen, lokale Netzwerke, Nachbarschaftsinitiativen und informelle Kontrollstrukturen zu stärken.

Die Beobachtungen zur sozialen Desorganisation durch Shaw & McKay dienen als Ausgangspunkt für kommunale Regionalanalysen. Die Erkenntnis, dass Kriminalität von einem Raum ausgehen kann, ist zudem Anknüpfungspunkt für Programme zur städtebaulichen Kriminalprävention.

Die Annahme der kulturellen Transmission devianter Normen und WerteGrundlegende Vorstellungen darüber, was in einer Gesellschaft wünschenswert, gut oder erstrebenswert ist.  ist in ähnlicher Form auch in verschiedenen kriminologischen Lerntheorien zu finden.  Der Zusammenhang zwischen Kriminalität und einer schwachen informellen Kontrolle ist ebenfalls in den Kontrolltheorien zu finden. Desweiteren lässt sich eine Verbindungslinie zwischen der postulierten Weitergabe kultureller Werten und der Theorie des differentiellen Lernens ziehen.

Aber auch die Broken Windows Theorie und die hieraus abgeleitete Null-Toleranz-Strategie (Zero Tolerance PolicingNulltoleranzstrategie beschreibt ein polizeiliches Konzept, das auf die kompromisslose Ahndung auch geringfügiger Delikte abzielt, um das Sicherheitsgefühl zu stärken und schwerere Kriminalität zu verhindern.) weisen Parallelen zur Theorie der sozialen Desorganisation auf. Schließlich finden sich zahlreiche Parallelen hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes, aber auch der Erklärungsansätze für deviantes Verhalten bei Andersons Arbeit zum Code of the Street.

Literatur

Primärliteratur

  • Shaw, C.R., McKKay, H.D. (1969): Juvenile Delinquency and Urban Areas: A Study of Delinquency in Relation to Differential Characteristics of Local Communities in American Cities.

Sekundärliteratur

  • Vito, G./Maahs, J./Holmes, R. (2007): Criminology. Theory, Research, and Policy, S. 146-154.
  • Schwind, H.-D. (2008):Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. S. 140-143.
  • Lamnek, S. (2007): Theorien abweichenden Verhaltens I „klassische Ansätze“. S. 98, 311.
  • McLaughlin, E., Muncie, J. ( 2006): The Sage Dictionary of Criminology. Sage Publications, London: S.39

Podcast

KrimShort #5 – Die Theorie der Sozialen Desorganisation. Machen Räume kriminell? (2023, 16. Juli)

Dieses Mal geht es um die Theorie der Sozialen Desorganisation von Shaw und McKay. Sie ist eine bedeutende kriminologische Theorie, die sich mit den Ursachen von Kriminalität in städtischen Gemeinschaften auseinandersetzt. Sie besagt, dass soziale Desorganisation und der Verfall einer Nachbarschaft einen Einfluss auf die Entstehung von Kriminalität haben. Faktoren wie Armut, ethnische Fragmentierung, Arbeitslosigkeit und mangelnde soziale Kontrolle tragen zur Schwächung der sozialen Bindungen und Netzwerke in einer Gemeinschaft bei. Dies erhöhe das RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit. für kriminelles Verhalten, vor allem bei Jugendlichen. Die Theorie basiert auf empirischer Forschung in Chicago, weist jedoch auch einige Kritikpunkte auf, wie die Vernachlässigung individueller Faktoren und die begrenzte Übertragbarkeit auf verschiedene Kontexte. Diese Theorie bietet wichtige Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen sozialer Desorganisation und Kriminalität und hat Auswirkungen auf die Kriminalprävention und -bekämpfung.


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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Chicago School, Collective Efficacy, Delinquenzräume, Informelle Soziale Kontrolle, Jugenddelinquenz, kollektive Wirksamkeit, Kriminalgeographie, Kriminalökologie, kulturelle Transmission, Raumtheorien der Kriminologie, Shaw und McKay, Social Disorganization Theory, Social Ecology, städtische Kriminalität, Theorie der sozialen Desorganisation, urbane Kriminalität

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