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Sekundäre Viktimisierung

Kurzdefinition

Sekundäre Viktimisierung bezeichnet zusätzliche Belastungen und Schädigungen, die Opfer einer Straftat durch unangemessene Reaktionen ihres sozialen Umfelds, der Medien oder staatlicher Institutionen erfahren.

Ausführliche Erklärung

Sekundäre Viktimisierung bezeichnet zusätzliche Belastungen oder Schädigungen, die Opfer einer Straftat nicht durch die eigentliche Tat, sondern durch die Reaktionen ihres sozialen Umfelds, staatlicher Institutionen oder der Öffentlichkeit erfahren. Sie entsteht beispielsweise dann, wenn Betroffenen nicht geglaubt wird, ihnen eine Mitschuld zugeschrieben wird oder sie im Strafverfahren unnötigen Belastungen ausgesetzt sind.

Im Unterschied zur primären Viktimisierung, die unmittelbar aus der Straftat selbst resultiert, entsteht sekundäre Viktimisierung erst im weiteren Verlauf der Verarbeitung des Geschehens. Sie kann durch Polizei, Justiz, medizinisches Personal, Medien, Angehörige oder andere Bezugspersonen verursacht werden. Abwertende Kommentare, wiederholte belastende Vernehmungen oder eine sensationsorientierte Berichterstattung können die psychischen Folgen einer Straftat erheblich verstärken.

Besondere Bedeutung besitzt das Konzept bei Sexualdelikten, häuslicher Gewalt und Kindesmisshandlung. Opfer verzichten aus Angst vor negativen Reaktionen nicht selten auf eine Anzeige oder ziehen sich im Verlauf des Strafverfahrens zurück. Die Vermeidung sekundärer Viktimisierung gehört daher zu den zentralen Zielen eines opferorientierten Strafverfahrens und moderner Opferschutzkonzepte.

Aus viktimologischer Sicht beeinflusst sekundäre Viktimisierung nicht nur das individuelle Wohlbefinden der Betroffenen, sondern auch ihr Vertrauen in Polizei, Justiz und andere staatliche Institutionen. Ein respektvoller, sensibler und professioneller Umgang mit Opfern gilt deshalb als wesentliche Voraussetzung für wirksamen Opferschutz und eine erfolgreiche Strafverfolgung.

Der Begriff steht in engem Zusammenhang mit Viktimisierung, Victim Blaming, Stigma, Labelling und Opferschutz.

Theoriebezug

Das Konzept der sekundären Viktimisierung gehört zu den zentralen Themen der Viktimologie. Es verdeutlicht, dass die Folgen einer Straftat wesentlich durch gesellschaftliche Reaktionen beeinflusst werden können. Gleichzeitig bestehen enge Bezüge zum Labelling, zu Stigmatisierungsprozessen sowie zu opferorientierten Ansätzen der Strafrechtspflege.

Verwandte Begriffe

Häusliche Gewalt Labelling (Etikettierung) Opfer (Viktimologie) Polizeilicher Opferschutz Sexuelle Gewalt Stigma Stigmatisierung Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Victim Blaming Viktimisierung

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Die folgenden Filme, Serien und Dokumentationen greifen zentrale Aspekte dieses Begriffs auf und veranschaulichen sie anhand konkreter Beispiele. Sie eignen sich als anschauliche Ergänzung zu den wissenschaftlichen Erläuterungen.
Leerer Vernehmungsraum mit gegenüberstehenden Stühlen als Symbol für Zeugenaussagen, Viktimisierung und Ermittlungsarbeit in der Serie Unbelievable.

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Prof. Dr. Christian Wickert

Prof. Dr. Christian Wickert
Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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