Sebastian Scheerer

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Sebastian Scheerer (*1950) zählt zu den einflussreichsten deutschen Kriminologen. Seine Arbeiten haben die Entwicklung der Kritischen Kriminologie, der konstruktivistischen Kriminalitätstheorie und der kriminalpolitischen Debatten seit den 1980er-Jahren maßgeblich geprägt.

Er studierte Rechts- und Erziehungswissenschaften in Köln, Genf und Münster und wurde an der Universität Bremen zum Dr. jur. promoviert. Nach seiner Habilitation in Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt wurde er 1988 Professor für Kriminologie an der Universität Hamburg, wo er – als Nachfolger von Fritz Sack – das Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie leitete und später das Institut für Kriminologische Sozialforschung prägte.

Gemeinsam mit Henner Hess entwickelte Scheerer eine sozialkonstruktivistische Theorie der Kriminalität, die Zuschreibungsprozesse, die Interaktion zwischen Polizei, Justiz, Medien und Politik sowie die gesellschaftlichen Bedingungen sozialer Kontrolle in den Mittelpunkt stellt. Der Ansatz markierte eine deutliche Abkehr von ätiologischen Erklärungsmodellen und führte zu einer intensiven Theorie- und Grundlagenkontroverse innerhalb der deutschsprachigen Kritischen Kriminologie.

Ein zweites zentrales Arbeitsfeld Scheerers ist die Terrorismusforschung, zu der er seit den 1980er-Jahren grundlegende Beiträge geliefert hat. Sein analytischer Terrorismusbegriff umfasst sowohl staatliche als auch nicht-staatliche Gewaltakteure und betont den kommunikativen Charakter politischer Gewalt. Sein Werk Die Zukunft des Terrorismus gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Beiträge zum Thema.

Kriminalpolitisch tritt Scheerer seit Jahrzehnten als Vertreter abolitionistischer Positionen auf. Er kritisiert das Strafrecht als selektives und sozial schädliches Instrument und spricht sich für eine poststrafrechtliche Gesellschaft aus. Seine Positionen zur Drogenpolitik – unter anderem im Rahmen des Schildower Kreises und als Sprecher von LEAP Deutschland – gehören zu den einflussreichsten kritischen Stimmen des deutschsprachigen Diskurses.

Seine Arbeiten beeinflussen bis heute kriminalpolitische Debatten über Drogenregulierung, Massengewalt, staatliche Kontrolle und Alternativen zum modernen Strafrecht.

Schlüsselwerke

  • Kriminalsoziologie. Eine Einführung in Theorien und Themen (mit Dietmar K. Pfeiffer, 1979)
  • Die Genese der Betäubungsmittelgesetze (1982)
  • Angriff auf das Herz des Staates (mit Hess, Moerings, Paas, Steinert, 1988)
  • Sucht (1995)
  • Was ist Kriminalität? Skizze einer konstruktivistischen Kriminalitätstheorie (mit Henner Hess, 1997)
  • Die Zukunft des Terrorismus. Drei Szenarien (2002)
  • Theorie der Kriminalität (mit Henner Hess, 2004)
  • Die Sinnprovinz der Kriminalität (Hrsg., mit Hess & Schmidt-Semisch, 2014)
  • Against Penitentiaries (mit Johannes Feest, 2018)