Der Mensch handelt nicht im luftleeren Raum. Er spricht, grüßt, weicht aus, widerspricht, hört zu – und tut all dies in Bezug auf andere. Nicht jede Handlung, die wir ausführen, ist in diesem Sinne sozial. Erst wenn unser Verhalten am Verhalten anderer orientiert ist, spricht die Soziologie von sozialem Handeln.
Der Begriff gehört zu den zentralen Grundkonzepten der Soziologie. Eine grundlegende Einführung in zentrale Fragestellungen und Begriffe des Fachs bietet der Beitrag Was ist Soziologie?. Eng verknüpft ist soziales Handeln zudem mit Konzepten wie Normen, Werten, sozialen Rollen und sozialer Kontrolle, die das Handeln strukturieren und orientieren.
Was ist soziales Handeln?
Definition
Soziales Handeln […] soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten SinnBedeutung, Orientierung oder Zweck, den Menschen Handlungen, Erfahrungen oder der Welt zuschreiben. nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.
Max Weber
Diese Definition stammt von Max Weber und bildet den Ausgangspunkt der interpretativen Soziologie. Sie macht deutlich, dass der subjektiv gemeinte Sinn einer Handlung entscheidend ist – nicht ihre Wirkung, Absicht oder moralische Bewertung. Soziales Handeln liegt dann vor, wenn ich in meinem Tun die Reaktion anderer mitdenke.
Ein klassisches Beispiel: Wer auf der Straße jemanden grüßt, handelt sozial. Wer sich im Schlaf dreht, nicht. Auch das Aufstellen eines Verkehrszeichens, das Anheben der Stimme beim Sprechen oder das Zeigen eines Ausweises – all das sind Formen sozialen Handelns, weil sie auf andere bezogen sind und deren Verhalten beeinflussen sollen.
Abgrenzung: Verhalten vs. Handeln
Die Soziologie unterscheidet zwischen:
- Verhalten: Jede beobachtbare Aktivität eines Menschen – z. B. Reflexe oder Routinen – ohne zwingend gemeinten Sinn.
- Handeln: Verhalten mit subjektivem Sinn und bewusster Orientierung.
- Soziales Handeln: Handeln, das sich am Verhalten anderer orientiert – etwa im Rahmen von Interaktionen oder sozialen Beziehungen.
Relevanz in der Polizeipraxis
In der Polizeiarbeit ist soziales Handeln allgegenwärtig. Jede Maßnahme, jeder Kontakt, jede Entscheidung erfolgt im Kontext sozialer Erwartungen, Reaktionen und Deutungsmuster. Polizist:innen handeln nicht isoliert, sondern in der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. und für die Gesellschaft.
„Polizeiliches Handeln ist immer auch Handeln in der Gesellschaft und für die Gesellschaft.“
Frevel, 2002, S. 5
Ob beim Bürgerkontakt, bei der GefahrenabwehrMaßnahmen zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, die von der Polizei und Ordnungsbehörden durchgeführt werden. oder im Rahmen von Kontrollen – die Polizei steht stets im sozialen Austausch. Sprache, Auftreten, Körpersprache und Reaktionen sind dabei zentrale Elemente sozialen Handelns und eng mit Fragen von Legitimation und Vertrauen verbunden.
„Der Polizeibeamtin begegnen jeden Tag viele unterschiedliche Menschen. Sie lebt mit ihnen, sie handelt mit ihnen und diese in mannigfaltiger Art und Weise. Jegliches polizeiliches Handeln ist damit soziales Handeln.“
Mauri, 2015, S. 90
Polizeiliches Handeln ist deshalb nicht nur rechtlich zu beurteilen, sondern auch sozial zu verstehen. Ein Gespräch, das deeskaliert oder Vertrauen schafft, ist ebenso wirksam wie eine Maßnahme nach GesetzEin Gesetz ist eine allgemeinverbindliche, staatlich festgelegte Norm zur Regelung des sozialen Zusammenlebens.. Die Fähigkeit, soziales Handeln zu reflektieren, ist daher ein zentraler Bestandteil professioneller Praxis.
Handlungstypen nach Max Weber
In seinem Werk Wirtschaft und Gesellschaft unterscheidet Max Weber vier Idealtypen sozialen Handelns:
- Zweckrationales Handeln: zielgerichtet und kalkulierend (z. B. Anzeige, KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird.)
- Wertrationales Handeln: orientiert an Überzeugungen (z. B. Pflichtbewusstsein)
- Affektuelles Handeln: emotional geleitet (z. B. Wut, Mitgefühl)
- Traditionales Handeln: routinemäßig (z. B. Grußformen, Dienstabläufe)
Diese Idealtypen überschneiden sich in der Realität häufig, bieten aber ein analytisches Instrument zur Einordnung sozialen Handelns. Eine vertiefende Darstellung findet sich im Beitrag zu Webers Schlüsselwerk Wirtschaft und Gesellschaft sowie im Kontext der Rollentheorie bei Dahrendorf.
Fazit: Soziales Handeln sichtbar machen
Soziales Handeln ist keine abstrakte Theorie, sondern Teil jeder InteraktionInteraktion bezeichnet wechselseitige soziale Handlungen, bei denen sich Akteur:innen fortlaufend aufeinander beziehen und ihr Handeln an den erwarteten Reaktionen der anderen ausrichten.. Es zeigt sich im Alltag, im Beruf und in Institutionen – überall dort, wo Menschen ihr Verhalten aneinander ausrichten. Für die Soziologie bildet es die Basiseinheit der Analyse.
Für die Polizei ist soziales Handeln gelebter Alltag – in KommunikationKommunikation bezeichnet den Austausch von Informationen, Bedeutungen und Symbolen zwischen Akteuren., Konflikt und Kooperation. Eine grundlegende Einführung in die Struktur sozialer Ordnung und zentrale Begriffe bietet der Beitrag Was ist Soziologie?.
Literatur und weiterführende Informationen
- Frevel, B. (2002). Vorwort. In: B. Frevel et al. (Hrsg.). Soziologie. Studienbuch für die Polizei.
- Mauri, M. (2015). Einführung in die Soziologie für die Polizei.
- Weber, M. (1922). Wirtschaft und Gesellschaft. [Zum Beitrag]
- Schäfers, B. (2011). Grundbegriffe der Soziologie.



