Die Geschichte der Polizei ist keine lineare Erfolgsgeschichte zunehmender RechtsstaatlichkeitRechtsstaatlichkeit bezeichnet das Prinzip, dass staatliches Handeln an Recht und Gesetz gebunden ist und die Grundrechte der Bürger schützt., sondern ein von Brüchen, Kontinuitäten und gesellschaftlichen Umdeutungen geprägter Prozess. Polizei entsteht, wandelt sich und legitimiert sich stets im Spannungsfeld von politischer Herrschaft, sozialer Ordnung und gesellschaftlichen Erwartungen. Eine historisch informierte Betrachtung polizeilicher Institutionen ermöglicht es daher, gegenwärtige Strukturen, Konflikte und Reformdebatten besser zu verstehen.
Begriffliche und historische Ursprünge der Polizei
Der Begriff „Polizei“ geht auf das griechische politeia zurück und bezeichnete ursprünglich die Ordnung und Verfassung der GemeinschaftEine Gemeinschaft ist eine Form des sozialen Zusammenlebens, die sich durch enge persönliche Bindungen, emotionale Nähe und ein starkes Wir-Gefühl auszeichnet. Der Begriff wurde maßgeblich durch Ferdinand Tönnies geprägt, der ihn als Gegensatz zur Gesellschaft verstand.. Über das lateinische politia fand der Begriff im 15. Jahrhundert Eingang in den deutschen Sprachraum. Dabei stand „Polizei“ lange nicht für eine spezialisierte Sicherheitsbehörde, sondern für umfassende Ordnungsvorstellungen des Gemeinwesens.
Die sogenannte „Gute Policey“ der frühen Neuzeit umfasste nahezu alle Bereiche gesellschaftlicher Regulierung – von Markt- und Preisordnungen über Moralvorschriften bis hin zur Armenfürsorge. Polizei war damit weniger Strafverfolgungsinstanz als Instrument umfassender Sozial- und Ordnungspolitik.
Polizei, GewaltmonopolGewaltmonopol bezeichnet das exklusive Recht des modernen Staates, innerhalb eines Hoheitsgebiets physische Gewalt legitim anzuwenden oder zu legitimieren. und gesellschaftliche Ordnung
Die Existenz von Polizei ist eng mit dem staatlichen Gewaltmonopol verknüpft. In modernen Gesellschaften wird die legitime Anwendung physischer Gewalt nicht dem Individuum, sondern einer spezialisierten InstitutionInstitutionen sind dauerhaft verfestigte soziale Regelwerke und Organisationen, die gesellschaftlich relevantes Handeln strukturieren, stabilisieren und legitimieren. übertragen. Diese Bündelung von Gewalt soll private Selbstjustiz, Blutrache und eskalierende Gewaltspiralen verhindern und berechenbare soziale Ordnung ermöglichen.
Historisch betrachtet ist Polizei jedoch keine anthropologische Konstante. In vormodernen Gesellschaften wurde Ordnung vielfach durch Selbsthilfe, Sippenhaftung oder feudale Herrschaft gesichert. Blutrache, Ehrenkonflikte und private Gewalt waren funktionale – wenn auch hochriskante – Formen sozialer Konfliktregulierung. Erst mit wachsender Bevölkerungsdichte, UrbanisierungUrbanisierung bezeichnet den Prozess der Verstädterung sowie die Ausbreitung urbaner Lebensformen. und der Herausbildung liberaler Gesellschaftsordnungen entstand der Bedarf nach einer zentralen, dauerhaft verfügbaren Gewaltinstanz.
Das erstarkende Bürgertum spielte hierbei eine zentrale RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist.: Handel, Eigentum und Mobilität erforderten verlässliche Regeln und eine institutionalisierte Durchsetzung von Recht. Polizei wurde damit zu einer Voraussetzung moderner Freiheit – nicht zu ihrem Gegenpol. Freiheit ohne kollektive Sicherheitsgarantien bleibt historisch die Ausnahme.
Gleichzeitig ist Polizei stets ambivalent. Kritische Strömungen wie der Anarchismus stellen das staatliche Gewaltmonopol grundsätzlich infrage und plädieren für herrschaftsfreie Formen sozialer Selbstregulierung. Auch moderne Bewegungen wie „Defund the Police“ problematisieren nicht primär Ordnung an sich, sondern die Ausweitung polizeilicher Zuständigkeiten, strukturelle GewaltGewalt bezeichnet die absichtliche Anwendung körperlicher oder psychischer Kraft zur Schädigung von Personen oder Dingen. und fehlende soziale Alternativen.
Die polizeigeschichtliche Perspektive macht deutlich: Die Frage ist nicht, ob Gesellschaften Ordnung benötigen, sondern wie sie diese organisieren, legitimieren und begrenzen. Polizei ist daher weniger Lösung als dauerhaftes Spannungsverhältnis zwischen SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren., Freiheit und Macht.
Vertiefend dazu siehe auch den Beitrag Polizei und Gewalt.
Vormoderne und frühmoderne Ordnungssysteme
Im Mittelalter existierte kein einheitliches Polizeiwesen. Vielmehr waren polizeiliche Aufgaben auf unterschiedliche Akteure verteilt: Stadtwachen, Zunftmeister, Marktaufseher oder Landvögte übernahmen jeweils begrenzte Kontroll- und Ordnungsfunktionen. Diese Fragmentierung spiegelte die kleinstaatliche StrukturStruktur bezeichnet das relativ stabile Gefüge von Beziehungen, Regeln und Positionen, das soziale Prozesse, Handlungen und Bedeutungen ordnet. des deutschen Raums wider – ein Strukturmerkmal, das bis heute im föderalen Polizeisystem nachwirkt.
Erst mit zunehmender Verstädterung und staatlicher Zentralisierung entwickelten sich dauerhafte Ordnungsapparate. Dennoch blieb Polizei lange eng mit obrigkeitsstaatlicher HerrschaftHerrschaft ist die institutionalisierte Form der Machtausübung über Menschen oder Gruppen., Disziplinierung und sozialer Kontrolle verbunden.
Die Entstehung der modernen Polizei
Im 18. und 19. Jahrhundert veränderte sich das polizeiliche Aufgabenverständnis grundlegend. Mit der Herausbildung moderner Nationalstaaten wurde Polizei zunehmend auf die Gewährleistung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit begrenzt. Gleichwohl blieben wohlfahrtsstaatliche Aufgaben – etwa Armenfürsorge oder Gesundheitskontrolle – noch lange Teil polizeilicher Praxis.
In Preußen und anderen deutschen Staaten entstanden staatliche Polizeiapparate, Gendarmeriekorps und Polizeipräsidien. Gleichzeitig blieb das Nebeneinander unterschiedlicher Zuständigkeiten (staatlich, kommunal, militärisch) prägend. Polizei entwickelte sich damit nicht als einheitliche Institution, sondern als historisch gewachsene Vielzahl von „Polizeien“.
Polizei, politische Systeme und gesellschaftlicher Wandel
Die Polizei ist keine statische Organisation. Ihr Selbstverständnis, ihre Aufgaben und ihre Legitimation verändern sich mit den politischen Systemen, in denen sie agiert. Besonders deutlich wird dies im Übergang von der Weimarer RepublikDie Weimarer Republik bezeichnet die erste demokratische Staatsform in Deutschland, die von 1918 bis 1933 bestand. zum Nationalsozialismus, in dem formale Kontinuitäten der Organisation mit tiefgreifenden normativen Brüchen einhergingen.
Auch nach 1945 zeigte sich, dass institutioneller Neubeginn und personelle wie kulturelle Kontinuitäten nebeneinander bestehen können. Die Entwicklung der Polizei in der Bundesrepublik ist daher ebenso von Demokratisierungsprozessen geprägt wie von fortwirkenden Deutungsmustern autoritärer Ordnungsvorstellungen.
Polizeigeschichte als Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart
Eine historisch informierte Polizeiforschung ermöglicht es, gegenwärtige Debatten über Polizeigewalt, PolizeikulturPolizeikultur bezeichnet die informellen Normen, Werte, Verhaltensweisen und Überzeugungen, die innerhalb der Polizei als Organisation gelebt und weitergegeben werden. Diese Kultur beeinflusst das Handeln der Polizeibeamten, ihre Einstellungen gegenüber Bürgern sowie die Wahrnehmung von Gefahr und Kriminalität., Diversität, Protestkontrolle oder sicherheitspolitische Ausweitungen einzuordnen. Viele Konfliktlinien der Gegenwart – etwa das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit – sind ohne ihre historischen Wurzeln kaum zu verstehen.
Die nachfolgenden Beiträge dieses Themenbereichs greifen zentrale Entwicklungsphasen der Polizeigeschichte auf und analysieren sie mit Blick auf Kontinuitäten und Brüche polizeilicher OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen., Arbeit und Selbstverständnisse.
Weiterführende Informationen
- Baumann, I.; Reinke, H.; Stephan, A.; Wagner, P. (2011). Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik. [Sonderband der Reihe Polizei + Forschung, herausgegeben vom Bundeskriminalamt, Kriminalistisches Institut]. Köln: Luchterhand. Online verfügbar unter: https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/PolizeiUndForschung/Sonderband2011SchattenDerVergangenheit.html
- Bundeskriminalamt (Hrsg.) (2011). Der Nationalsozialismus und die Geschichte des BKA. Spurensuche in eigener Sache. Köln: Luchterhand. Online verfügbar unter: https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/PolizeiUndForschung/Sonderband2011DerNationalsozialismusUndDieGeschichteDesBKA.html
- Deutschen Hochschule der Polizei (Hrsg.) unter Mitarbeit von Florian Dierl / Mariana Hausleitner / Martin Hölzl / Andreas Mix (2011). Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat [Ausstellungskatalog]. Dresden: Sandstein Kommunikation.
- Evans, Richard J. (1996). Polizei, Politik und Gesellschaft in Deutschland 1700-1933. Geschichte und Gesellschaft 22, S. 609-628.
- Harnischmacher, R. & Semerak, A. (1986). Deutsche Polizeigeschichte – Eine allgemeine Einführung in die Grundlagen. Stuttgart: Kohlhammer.
- Kaiser, W.; Köhler, T.; Gryglewski (2012). „Nicht durch formale Schranken gehemmt“. Die deutsche Polizei im Nationalsozialismus. [Material für Unterricht und außerschulische politische Bildung]. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
- Lange, H.-J. (Hrsg.) (2003). Die Polizei der Gesellschaft. Zur Soziologie der Inneren Sicherheit. Wiesbaden: Springer.
- Leßmann-Faust, P. (Hrsg.) (2008). Polizei und Politische Bildung. Wiesbaden: Springer VS.
- Mecking, S. (Hrsg.) (2020). Polizei und Protest in der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Springer VS.
- Reiner, R. (2010). The Politics of Policing (4. Auflage). Oxford u.a.: Oxford University Press.

