Die Polizei ist keine homogene OrganisationOrganisationen sind zielgerichtete soziale Gebilde mit formalen Strukturen, Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungsprozessen.. Gleichwohl war sie historisch über lange Zeit durch ein vergleichsweise einheitliches Rollenverständnis geprägt: männlich, hierarchisch, körperlich robust, loyal gegenüber der Organisation und distanziert gegenüber dem polizeilichen Gegenüber. Mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen geriet dieses Selbstbild zunehmend unter Druck.
Fragen nach Geschlecht, Herkunft und sexueller IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt. betreffen dabei nicht nur Personalpolitik, sondern den Kern polizeilicher Organisationskultur. Der Umgang mit Heterogenität fungiert als Indikator dafür, wie offen oder defensiv eine Polizei gegenüber gesellschaftlichem Wandel ist.
Frauen in der Polizei

Die Integration von Frauen in die Polizei ist kein Phänomen der Gegenwart, sondern reicht historisch bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Als erste Polizeiassistentin Deutschlands gilt Henriette Arendt (1874–1922), die von 1903 bis 1908 bei der Polizei in Stuttgart tätig war. Arendt war ausgebildete Krankenschwester und verkörperte damit bereits früh jene geschlechtsspezifische ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten., die weibliche Polizeiarbeit über Jahrzehnte prägen sollte.
Frauen wurden zunächst nicht als vollwertige Polizeibeamtinnen wahrgenommen, sondern vor allem für sozialarbeiterische, fürsorgliche oder moralisch-erzieherische Aufgaben eingesetzt. Ihnen wurde der Umgang mit Frauen, Kindern, Prostituierten oder „sittlich gefährdeten Personen“ übertragen, während ihnen operative, körperlich konnotierte Polizeiarbeit weitgehend verwehrt blieb.
Diese frühe Arbeitsteilung verweist auf tief verankerte Geschlechterbilder innerhalb der Polizei. „Echte“ Polizeiarbeit wurde mit körperlicher Durchsetzungsfähigkeit, Gewaltbereitschaft und Autorität assoziiert – Eigenschaften, die im Rahmen einer männlich dominierten Cop CultureCop Culture beschreibt die spezifische Subkultur innerhalb der Polizei, die sich durch ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, Misstrauen gegenüber Außenstehenden und einen Hang zu Autorität und Kontrolle auszeichnet. als inhärent männlich galten. Weibliche Polizeiarbeit erschien demgegenüber als Ergänzung, nicht als gleichwertiger Bestandteil polizeilicher Professionalität.
Diese lange Zeit marginale Stellung von Frauen innerhalb der PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) ist der Frauenanteil bei der Polizei von Bund und Ländern zwischen 2000 und 2019 von 20,0 % auf 29,3 % gestiegen. Damit stellt weibliches Personal heute knapp ein Drittel der Beschäftigten in der Polizei.
Der Anstieg ist dabei nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Gleichstellungsprozesse, sondern auch Ergebnis eines erheblichen Personalaufbaus. Insbesondere die Zahl der Polizeianwärterinnen und -anwärter hat sich seit 2010 mehr als verdoppelt. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass Frauen weiterhin ungleich verteilt sind: Während sie bei Neueinstellungen stark vertreten sind, bleiben sie in Führungs- und spezialisierten Einsatzfunktionen unterrepräsentiert.
Die statistische Annäherung an Geschlechterparität darf daher nicht vorschnell als kulturelle Gleichstellung interpretiert werden. Vielmehr verdeutlichen die Zahlen, dass formale IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden. schneller voranschreitet als der Wandel informeller Rollenerwartungen und polizeilicher Cop Culture.
Erst im Zuge gesellschaftlicher Gleichstellungsprozesse und organisatorischer Reformen wurden Frauen schrittweise in alle Laufbahnen und Einsatzbereiche integriert. Dennoch zeigen zahlreiche Studien, dass informelle Rollenerwartungen, Zweifel an körperlicher Leistungsfähigkeit und geschlechtsspezifische Zuschreibungen bis heute fortwirken – insbesondere in Einsatz- und Führungspositionen.
Die Geschichte von Frauen in der Polizei verdeutlicht exemplarisch, dass formale Gleichstellung nicht automatisch kulturelle Gleichstellung bedeutet. Der Umgang mit Polizistinnen ist daher ein Gradmesser für die Wandlungsfähigkeit polizeilicher Organisationskultur insgesamt.
Migrant:innen in der Polizei
Die Öffnung der Polizei für Bewerberinnen und Bewerber mit Migrationsgeschichte gilt seit den 1990er-Jahren als wichtiger Schritt zur gesellschaftlichen Repräsentation staatlicher Institutionen. Empirische Studien zeigen jedoch übereinstimmend, dass formale Zugangsöffnung nicht automatisch zu gleichwertiger organisationaler Zugehörigkeit führt.
Untersuchungen von Rafael Behr und Daniela Hunold verdeutlichen, dass Polizeibedienstete mit Migrationsgeschichte innerhalb der Organisation häufig mit subtilen Formen der Abwertung und Fremdmarkierung konfrontiert sind. Diese äußern sich weniger in offenem RassismusRassismus bezeichnet die Diskriminierung, Abwertung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund zugeschriebener „rassischer“ oder ethnischer Merkmale. als in ironischen, vermeintlich harmlosen Kommentaren oder ethnisierenden Zuschreibungen, die Zugehörigkeit situativ infrage stellen.
Solche Alltagspraktiken markieren symbolisch eine Grenze zwischen „normaler“ Polizeiidentität und vermeintlicher Abweichung. Für die Betroffenen entsteht dabei ein strukturelles Dilemma: Widerspruch kann als mangelnde Kollegialität interpretiert werden, Schweigen stabilisiert die bestehende Ordnung. Anerkennung bleibt damit prekär und an Anpassung gebunden.
Zugleich zeigen die Studien, dass migrantische Polizeibedienstete häufig funktional instrumentalisiert werden. Sprachkenntnisse oder zugeschriebene kulturelle Kompetenzen führen dazu, dass sie in bestimmten Einsatzlagen gezielt als Vermittler oder „Brücken“ eingesetzt werden – nicht als gleichwertige Kolleg:innen, sondern als ethnisierte Ressource.
Diese Praxis birgt die Gefahr, migrantische Polizeibeamtinnen und -beamte zu Feigenblättern organisationaler Diversität zu machen. Anstatt strukturelle Kompetenzen innerhalb der Polizei insgesamt zu stärken, wird Verantwortung individualisiert und ethnisiert. Gleichwertige Anerkennung bleibt damit an situative Nützlichkeit geknüpft.
Daniela Hunold beschreibt diese Konstellation als Diskrepanz zwischen politischer Programmatik interkultureller Öffnung und realer Organisationswirklichkeit. Migrantische Polizeibedienstete werden zwar ausdrücklich gewünscht, ihre Zugehörigkeit bleibt jedoch häufig leistungs-, rollen- und erwartungsabhängig.
Die Forschung macht deutlich: Eine demokratische Polizei benötigt migrantische Bedienstete nicht als ethnische Ressource, sondern als selbstverständlichen Teil der Organisation. Erst wenn Herkunft im polizeilichen Alltag weder Sonderstatus noch Sonderlast bedeutet, kann von tatsächlicher organisationaler Integration gesprochen werden.
Homosexualität in der Polizei
Homosexuelle Polizist:innen waren lange Zeit in besonderer Weise von Unsichtbarkeit geprägt. In einer Organisationskultur, die körperliche Durchsetzungsfähigkeit, Härte und eine spezifische Form hegemonialer Männlichkeit betont, galt offene HomosexualitätHomosexualität bezeichnet die sexuelle Orientierung, bei der Menschen romantische oder sexuelle Beziehungen zu Personen des gleichen Geschlechts empfinden oder eingehen. als potenzielles Risiko für Akzeptanz und Autorität.
Dabei richtet sich Irritation innerhalb der Polizei weniger gegen sexuelle Orientierung an sich als gegen deren Sichtbarkeit und Performanz. Nicht jede Form von Homosexualität stößt gleichermaßen auf Ablehnung. Problematisch erscheint insbesondere eine offen gelebte, nach außen sichtbar gemachte Homosexualität, die als Abweichung von polizeilichen Männlichkeitsnormen gelesen wird – etwa wenn sie mit Weiblichkeit, Emotionalität oder Verletzlichkeit assoziiert wird.
Empirische Befunde aus der Polizeiforschung zeigen, dass Akzeptanz häufig an Anpassung gebunden bleibt. Homosexuelle Polizeibedienstete berichten von impliziten Erwartungen, ihre sexuelle Identität im beruflichen Kontext unsichtbar zu halten. Strategien der Verdeckung dienen dabei weniger dem Selbstschutz vor formaler DiskriminierungDiskriminierung beschreibt die Benachteiligung oder Herabsetzung von Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sozialem Status. als der Vermeidung informeller Sanktionen innerhalb der Kollegenschaft (vgl. Behr 2006; Colvin 2012; Goffman 1963).
Diese Dynamik erklärt auch, warum lesbische Polizeibeamtinnen, die in Auftreten und HabitusDer Habitus bezeichnet ein System von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, das Menschen im Laufe ihres Lebens – insbesondere durch ihre soziale Herkunft – verinnerlichen und das ihr Verhalten prägt. als „maskulin“ gelesen werden, mitunter weniger Irritation auslösen als homosexuelle Männer, deren Erscheinung von dominanten Männlichkeitsbildern abweicht. Umgekehrt werden auch heterosexuelle Polizistinnen, deren äußeres Erscheinungsbild stark feminisiert ist, nicht selten als Störung polizeilicher Normalität wahrgenommen. Entscheidend ist somit nicht sexuelle Orientierung, sondern Passung zur kulturellen Leitfigur polizeilicher Einsatzfähigkeit.
Erst mit gesellschaftlichen Liberalisierungsprozessen und organisationsinternen Sensibilisierungsmaßnahmen veränderte sich diese Situation schrittweise. Die Gründung von Interessenvertretungen wie dem Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter (VelsPol) verweist auf einen institutionellen Wandel, zugleich aber auch auf fortbestehenden Bedarf an geschützten Räumen.
Auch hier zeigt sich: Akzeptanz ist weniger eine Frage formaler Gleichstellung als der Transformation polizeilicher Normalitäts- und Männlichkeitsvorstellungen. Solange Anerkennung an Unsichtbarkeit gebunden bleibt, bleibt Zugehörigkeit prekär.
Heterogenität, Cop Culture und organisationaler Wandel
Der Umgang mit Vielfalt stellt die Polizei vor eine zentrale Herausforderung. Heterogenität widerspricht nicht polizeilicher Professionalität, wohl aber tradierten Selbstbildern. Cop Culture wirkt dabei ambivalent: Sie stiftet Zusammenhalt und Orientierung, kann jedoch zugleich Ausschlussmechanismen stabilisieren.
Eine bürgerorientierte Polizei ist darauf angewiesen, gesellschaftliche Vielfalt nicht nur abzubilden, sondern auszuhalten. Dies erfordert mehr als Diversitätsprogramme. Entscheidend ist, ob informelle NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten., Rollenerwartungen und Machtstrukturen reflektiert und verändert werden.
Der Umgang mit Frauen, migrantischen Beamt:innen und homosexuellen Polizist:innen zeigt exemplarisch, dass Organisationswandel nicht allein durch rechtliche Gleichstellung, sondern durch kulturelle Transformation erfolgt.
Ist die Polizei ein Spiegelbild der GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind.?
Die Polizei wird in öffentlichen Debatten häufig als „Spiegelbild der Gesellschaft“ beschrieben. Diese Vorstellung ist jedoch empirisch nicht haltbar. Polizeiorganisationen bilden gesellschaftliche Strukturen nicht einfach ab, sondern rekrutieren selektiv und folgen eigenen organisationsspezifischen Logiken.
Verglichen mit der Gesamtbevölkerung ist die Polizei in mehrfacher Hinsicht deutlich homogener: Sie ist überwiegend männlich, mehrheitlich weiß, verfügt im Durchschnitt über ein höheres formales Bildungsniveau und weist eine spezifische soziale Zusammensetzung auf. Auch körperliche Anforderungen, Laufbahnsysteme und Sicherheitsüberprüfungen wirken als Filter, die bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch ausschließen oder unterrepräsentieren.
Hinzu kommt, dass Polizeiarbeit besondere Rollenerwartungen und professionelle Anforderungen mit sich bringt. Loyalität gegenüber der Organisation, Belastbarkeit, Durchsetzungsfähigkeit und die Bereitschaft zur Ausübung staatlicher Zwangsgewalt sind keine gesellschaftlichen Durchschnittsmerkmale, sondern organisationsspezifische Selektionskriterien.
Die Polizei ist daher kein Spiegel der Gesellschaft, sondern eine funktional spezialisierte Organisation innerhalb der Gesellschaft. Ihr demokratischer Anspruch besteht nicht darin, gesellschaftliche Vielfalt proportional abzubilden, sondern darin, rechtmäßig, diskriminierungsfrei und professionell zu handeln – unabhängig von der sozialen Zusammensetzung ihres Personals.
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt der Umgang mit Heterogenität besondere Bedeutung: Vielfalt kann polizeiliche Professionalität erweitern, sie ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit struktureller Reflexion, Ausbildung und KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird..
Zusammenfassung
Heterogenität ist kein Randthema polizeilicher Organisation, sondern berührt ihr Selbstverständnis im Kern. Die Frage, wer als „richtige“ Polizistin oder „richtiger“ Polizist gilt, entscheidet darüber, wie offen oder defensiv die Polizei auf gesellschaftlichen Wandel reagiert.
Die Analyse macht deutlich: Eine demokratische Polizei zeichnet sich nicht durch Homogenität aus, sondern durch die Fähigkeit, Differenz professionell zu integrieren – auch dort, wo sie bestehende Routinen und Selbstbilder irritiert.
Literatur und weiterführende Informationen
- Behr, R. (2006). Polizei und Gewalt. Polizeikultur, Männlichkeit und Konfliktbearbeitung. Wiesbaden: VS Verlag.
- Behr, R. (2017). Cop Culture – Polizei vs. Polizistenkultur. In: SozTheo.de.
- Colvin, R. (2012). Gay and Lesbian Cops: Diversity and Effective Policing. Boulder: Lynne Rienner.
- Goffman, E. (1963). Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. Englewood Cliffs: Prentice-Hall.
- Hunold, D. (2008). Migranten in der Polizei: Zwischen politischer Programmatik und Organisationswirklichkeit. Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft.
- Hunold, D.; Klimke, D.; Behr, R.; Lautmann, R. (2010). Fremde als Ordnungshüter? Die Polizei in der Zuwanderungsgesellschaft Deutschland. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
- Statistisches Bundesamt (Destatis) (2020):
Frauenanteil bei der Polizei deutlich gestiegen. Pressemitteilung Nr. 057 vom 1. September 2020.
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/09/PD20_N057_742.html



