Freaks (1932)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: Freaks
- Deutscher Titel: Freaks - Missgestaltete
- Erscheinungsjahr: 1932
- Land: USA
- Regie / Creator / Showrunner: Tod Browning
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 64 (90) Minuten
- Schwerpunkte: Jugend, Devianz und Subkultur, Kriminalitätstheorien im Film
Kriminologische Relevanz
Freaks gehört zu den bedeutendsten Filmen über soziale Zuschreibung, Stigmatisierung und Ausgrenzung. Anders als klassische Kriminalfilme steht hier nicht die Straftat selbst im Mittelpunkt, sondern die gesellschaftliche Konstruktion von Devianz. Die körperlich auffälligen Zirkusartisten werden unabhängig von ihrem Verhalten als „Freaks“ etikettiert und aus der gesellschaftlichen Normalität ausgeschlossen.
Aus kriminologischer Sicht eignet sich der Film daher hervorragend zur Veranschaulichung des Labeling-Ansatzes. Er zeigt, dass Abweichung nicht allein aus Eigenschaften einer Person entsteht, sondern wesentlich durch soziale Reaktionen, Vorurteile und Machtverhältnisse hervorgebracht wird. Die Grenze zwischen „normal“ und „abweichend“ erscheint als gesellschaftliches Konstrukt.
Darüber hinaus thematisiert Freaks Prozesse des Othering, der Stigmatisierung und der kollektiven Identitätsbildung. Der Film macht deutlich, wie gesellschaftliche Ausgrenzung Solidarität innerhalb marginalisierter Gruppen fördern und gleichzeitig Konflikte zwischen Mehrheitsgesellschaft und Außenseitern verschärfen kann. Gerade deshalb gilt Freaks heute als bemerkenswert modernes Werk, das viele spätere Überlegungen des Symbolischen Interaktionismus und der sozialkonstruktivistischen Kriminologie vorwegnimmt.
Rezeptionsgeschichte als Beispiel für Labeling und Othering
Bemerkenswert ist, dass sich die zentrale Botschaft des Films auch in seiner eigenen Rezeptionsgeschichte widerspiegelt. Regisseur Tod Browning, der selbst mehrere Jahre in einem Wanderzirkus gearbeitet hatte, wollte mit Freaks Verständnis für Menschen wecken, die von der Gesellschaft als „anders“ wahrgenommen werden. Stattdessen reagierte ein großer Teil des Publikums mit Ablehnung und Abscheu. Zahlreiche Zuschauer verließen die Vorstellungen, Testvorführungen führten zu umfangreichen Kürzungen und einzelne Szenen wurden nachträglich verändert, weil sie als zu verstörend galten.
Der Film wurde in mehreren US-Bundesstaaten und Städten verboten; in Großbritannien durfte er über Jahrzehnte nicht öffentlich gezeigt werden. Für MGM entwickelte sich Freaks zu einem wirtschaftlichen Misserfolg, und Tod Brownings Karriere erholte sich von diesem Rückschlag nie wieder.
Aus kriminologischer Perspektive besitzt diese Rezeptionsgeschichte eine besondere Ironie: Der Film kritisiert gesellschaftliche Prozesse des Othering, der Stigmatisierung und der sozialen Zuschreibung – und wurde unmittelbar nach seinem Erscheinen selbst zum Gegenstand genau solcher Mechanismen. Nicht nur die Figuren im Film wurden als „Freaks“ etikettiert, sondern auch der Film selbst wurde von Teilen der Öffentlichkeit als moralisch verwerflich und gesellschaftlich unerwünscht gebrandmarkt. Gerade dadurch illustriert Freaks den Labeling-Ansatz in einer Weise, die weit über seine Handlung hinausgeht.
Erst Jahrzehnte später setzte eine grundlegende Neubewertung ein. 1994 wurde der Film in das National Film Registry der Library of Congress aufgenommen und gilt heute als Meilenstein der Filmgeschichte sowie als früher Beitrag zur Auseinandersetzung mit Ausgrenzung, Behinderung und gesellschaftlicher Normalität.
Kriminologische Einordnung
Kriminalitätstheorien
Labelling-Ansatz (Überblick)
Outsiders (Becker)
Labelling – primäre und sekundäre Devianz (Lemert)