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Sie befinden sich hier: Home / Kriminalitätstheorien / Konflikttheorien der Kriminologie (herrschafts- und gesellschaftskritische Ansätze) / Marxistische Kriminalitätstheorien

Marxistische Kriminalitätstheorien

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2026 | Veröffentlicht: 3. Juni 2018 von Christian Wickert

Inhaltsverzeichnis

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  • Marxistische Kriminalitätstheorien
    • Marxistische Kriminalitätstheorien
    • Weiterentwicklung in der kritischen Kriminologie
    • Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug
  • Anwendungsbezug: Wie interpretieren marxistische Kriminalitätstheorien Kriminalität?
    • Fallbeispiel
    • Interpretation mit marxistischen Kriminalitätstheorien
    • Grenzen der Erklärung
  • Film-/Serien-Beispiel
    • The Big Short (2015)
  • Kriminalpolitische Implikationen

Marxistische Kriminalitätstheorien

Die marxistischen KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. basieren auf zentralen Annahmen des Marxismus, gehen jedoch nicht immer unmittelbar auf den Gesellschaftstheoretiker Karl Marx selbst zurück. Vielmehr wurden seine gesellschaftstheoretischen Überlegungen im 20. Jahrhundert von Vertreter:innen der kritischen und neomarxistischen KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. weiterentwickelt.

Ausgangspunkt ist die marxistische Analyse kapitalistischer Gesellschaften als Klassengesellschaften. Marx unterscheidet dabei zwischen der besitzenden Klasse der Bourgeoisie, die über Produktionsmittel und KapitalKapital bezeichnet in der Soziologie und Ökonomie Ressourcen, die zur Erzielung von Einkommen, Macht oder sozialem Einfluss genutzt werden können. Je nach theoretischem Zugang unterscheidet man verschiedene Kapitalformen. verfügt, und dem Proletariat, das seine Arbeitskraft verkaufen muss. Diese strukturelle Ungleichheit prägt nach marxistischer Auffassung nicht nur wirtschaftliche Beziehungen, sondern auch Politik, RechtRecht bezeichnet ein formalisiertes System verbindlicher Normen, das gesellschaftliches Handeln regelt, Konflikte entscheidet und durch staatliche Institutionen durchsetzbar ist. und staatliche Institutionen.

Ein zentraler Bezugspunkt dieser Perspektive ist die Analyse der kapitalistischen GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. im Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Die marxistische Kriminologie überträgt diese Analyse auf das StrafrechtDas Strafrecht umfasst die Gesamtheit der Gesetze, die bestimmen, welche Handlungen strafbar sind und welche Sanktionen dafür vorgesehen sind. und die Kriminalitätskontrolle.

Aus marxistischer Sicht stehen insbesondere vier Themenfelder im Mittelpunkt der Analyse:

  1. Ideologische Stabilisierung des Systems: Durch SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität., Medien und Bildungssysteme werden Wertvorstellungen vermittelt, die das bestehende Gesellschaftssystem legitimieren.
  2. Klassencharakter von Gesetzen: Gesetze spiegeln die Interessen der herrschenden Klasse wider und dienen der Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse.
  3. Selektive Strafverfolgung: Die Strafjustiz trifft unterschiedliche soziale Gruppen nicht in gleichem Maße. Angehörige unterer sozialer Klassen geraten häufiger in den Fokus staatlicher KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird..
  4. Kriminogener Charakter des KapitalismusÖkonomisches und gesellschaftliches System, in dem Produktionsmittel in Privatbesitz sind und der Markt die Verteilung der Ressourcen regelt.: Wirtschaftliche Ungleichheit, Konkurrenzdruck und soziale MarginalisierungMarginalisierung bezeichnet Prozesse sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung bestimmter Gruppen. erzeugen strukturelle Bedingungen, die Kriminalität begünstigen können.

Marxistische Kriminalitätstheorien

Karl Marx, 1875
Karl Marx
Quelle: John Jabez Edwin Mayall, Public domain, via Wikimedia Commons

Hauptvertreter: Karl Marx (gesellschaftstheoretische Grundlage), Richard Quinney, William J. Chambliss

Erstveröffentlichung: 19. Jahrhundert (Marx), kriminalitätstheoretische Ausarbeitung ab den 1960er Jahren

Land: Deutschland (Marx), USA (Weiterentwicklung)

Idee / Annahme: Marxistische Kriminalitätstheorien verstehen KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. als Ausdruck sozialer Ungleichheit und struktureller Machtverhältnisse. Recht und Strafrecht dienen der Sicherung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse und spiegeln die Interessen der herrschenden Klasse wider.

Steht im Widerspruch zu: Klassische Schule (individuelle Verantwortung), aber auch zu rein individualistischen Kriminalitätstheorien.

Weiterentwicklung in der kritischen Kriminologie

Die kriminalitätstheoretische Weiterentwicklung marxistischer Ansätze erfolgte vor allem im Rahmen der radikalen bzw. kritischen Kriminologie der 1960er und 1970er Jahre.

Besonders einflussreich war William Chambliss, der 1976 eine konflikttheoretische Perspektive auf Recht und Strafrecht formulierte. Nach Chambliss ist KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden. Teil politischer und ökonomischer Machtkämpfe innerhalb moderner Gesellschaften. Gesetze entstehen demnach nicht neutral, sondern spiegeln Interessen sozial mächtiger Gruppen wider.

Auch Richard Quinney entwickelte marxistische Ansätze weiter. In seinem Werk Class, State and Crime argumentiert er, dass Strafrechtssysteme dazu beitragen, bestehende Klassenverhältnisse zu stabilisieren. Kriminalität wird dabei teilweise als Überlebensstrategie sozial benachteiligter Gruppen interpretiert.

Eine ausführliche Darstellung dieser Perspektive findet sich in Quinney’s Werk Class, State and Crime, einem Schlüsseltext der radikalen Kriminologie.

Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug

Radikale und marxistische Kriminalitätstheorien wurden aus verschiedenen Gründen kritisiert.

Zum einen wird argumentiert, dass ihre Beobachtung von Kriminalität als ubiquitäres Phänomen bereits bei Émile Durkheim formuliert wurde.

Zum anderen wird kritisiert, dass sich viele radikale Ansätze – ähnlich wie der Labeling-Ansatz – stärker auf die Entstehung von NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. und Kriminalisierung konzentrieren als auf die Ursachen von Normverletzungen.

Darüber hinaus wird den marxistischen Ansätzen teilweise vorgeworfen, ein romantisiertes Bild des Kriminellen als Rebellen gegen gesellschaftliche Unterdrückung zu zeichnen und dadurch bestimmte Formen von Kriminalität zu relativieren.

Anwendungsbezug: Wie interpretieren marxistische Kriminalitätstheorien Kriminalität?

Besonders geeignet für:
WirtschaftskriminalitätWirtschaftskriminalität umfasst Straftaten, die im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Tätigkeiten, Unternehmen oder Finanzmärkten begangen werden und häufig auf finanziellen Gewinn abzielen., Eigentumsdelikte, soziale Ungleichheit, Prozesse der Kriminalisierung sowie die Analyse von MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen.- und Klassenverhältnissen im Strafrecht.

Fallbeispiel

Während ein arbeitsloser Jugendlicher wegen wiederholter Ladendiebstähle zu einer FreiheitsstrafeDie Freiheitsstrafe ist eine strafrechtliche Sanktion, bei der eine verurteilte Person für eine bestimmte oder unbestimmte Zeit in einer Justizvollzugsanstalt inhaftiert wird. verurteilt wird, verursacht ein Großunternehmen durch illegale Geschäftspraktiken Millionenschäden. Obwohl die wirtschaftlichen Folgen erheblich sind, bleiben die strafrechtlichen Konsequenzen für die Verantwortlichen vergleichsweise gering. In der öffentlichen Debatte steht vor allem die Straßenkriminalität im Mittelpunkt.

Interpretation mit marxistischen Kriminalitätstheorien

Marxistische Kriminalitätstheorien betrachten Kriminalität nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Klassenverhältnisse. Aus dieser Perspektive entsteht Kriminalität in sozialen Systemen, die von ökonomischer Ungleichheit, Ausbeutung und Interessenkonflikten geprägt sind.

Im vorliegenden Beispiel würde die Aufmerksamkeit auf die unterschiedliche gesellschaftliche und strafrechtliche Bewertung verschiedener Delikte gelenkt. Während Eigentumsdelikte sozial benachteiligter Personen häufig intensiv verfolgt werden, geraten Formen der White-Collar Crime oder wirtschaftlich verursachte Schäden oftmals weniger stark in den Fokus. Kriminalität erscheint damit nicht nur als Rechtsbruch, sondern auch als Ergebnis gesellschaftlicher Machtverhältnisse und selektiver Kontrollprozesse.

Grenzen der Erklärung

Marxistische Kriminalitätstheorien liefern wichtige Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit, Macht und Kriminalisierung. Besonders überzeugend sind sie bei der Analyse von Wirtschaftskriminalität, Klassenkonflikten und der gesellschaftlichen Definition von Kriminalität.

Weniger geeignet sind sie zur Erklärung konkreter Tatentscheidungen einzelner Personen. Die Frage, warum ein bestimmter Mensch in einer bestimmten Situation eine Straftat begeht, bleibt häufig offen. Zudem treten viele Formen von Kriminalität auch in Gesellschaften auf, die nicht ausschließlich durch Klassenkonflikte erklärt werden können. Ansätze wie die General Strain Theory, Lerntheorien oder Kontrolltheorien bieten hierfür ergänzende Erklärungen.

Film- und Serienkanon

Film-/Serien-Beispiel


The Big Short – Filmbeispiel zur marxistischen Kriminalitätstheorie


The Big Short (2015)

Der Film zeigt, wie Banken, Ratingagenturen und Finanzakteure durch spekulative Geschäfte die weltweite Finanzkrise mitverursachen, ohne strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. The Big Short verdeutlicht damit die marxistische Annahme, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse entscheidend beeinflussen, welche Formen von Kriminalität verfolgt werden – und welche weitgehend folgenlos bleiben.


Zum Filmeintrag →


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Kriminalpolitische Implikationen

Aus marxistischer Perspektive ist KriminalpolitikStrategien und Maßnahmen staatlicher Institutionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und zur Reaktion auf regelwidriges Verhalten. untrennbar mit Fragen sozialer Ungleichheit verbunden. Kriminalität wird nicht primär als individuelles Fehlverhalten verstanden, sondern als Ausdruck struktureller gesellschaftlicher Bedingungen.

Daraus ergeben sich mehrere kriminalpolitische Konsequenzen:

  • Bekämpfung sozialer Ungleichheit: Eine zentrale Forderung besteht darin, die strukturellen Ursachen von Kriminalität – insbesondere Armut, soziale Ausgrenzung und ungleiche Lebensbedingungen – zu reduzieren (vgl. soziale Ungleichheit).
  • Stärkere Kontrolle wirtschaftlicher Macht: Marxistische Ansätze betonen, dass Formen der Wirtschaftskriminalität und Machtmissbrauchs häufig weniger streng verfolgt werden als klassische Eigentumsdelikte der unteren Klassen. Beispiele hierfür sind etwa Finanzskandale oder internationale Steuervermeidungspraktiken (vgl. White Collar Crime).
  • Kritik selektiver Strafverfolgung: Kriminalpolitik müsse stärker berücksichtigen, dass staatliche Kontrollinstanzen soziale Ungleichheiten reproduzieren können.

Aktuelle Debatten über wachsende Vermögenskonzentration und wirtschaftliche Macht bestätigen teilweise die marxistische Analyse sozialer Ungleichheit. Berichte internationaler Organisationen wie Oxfam zeigen, dass sich Vermögen weltweit zunehmend auf eine kleine wirtschaftliche Elite konzentriert, während große Teile der Weltbevölkerung weiterhin unter prekären Lebensbedingungen leben.

Aus marxistischer Sicht stellt diese Entwicklung nicht nur ein soziales Problem dar, sondern kann auch kriminalpolitische Folgen haben, etwa durch steigende soziale Spannungen oder durch eine zunehmende politische Einflussnahme wirtschaftlicher Eliten auf Gesetzgebung und Strafrechtspolitik.

Ein anschauliches Beispiel für die Anwendung marxistischer Kriminalitätstheorien auf aktuelle politische Entwicklungen findet sich in einem Beitrag auf SozTheo, der die zweite Präsidentschaft von Donald Trump aus der Perspektive der kritischen Kriminologie analysiert. Der Artikel diskutiert, inwiefern sich zentrale Annahmen marxistischer Kriminalitätstheorien – etwa der Klassencharakter von Gesetzen, selektive Strafverfolgung oder die ideologische Stabilisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse – an aktuellen politischen Ereignissen illustrieren lassen (Donald Trump als Lehrbuchbeispiel marxistischer Kriminalitätstheorien).


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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Herrschaft, Ideologie, Kapitalismus, Karl Marx, Klassenkampf, Konflikttheorie, Kritische Kriminologie, Marxismus, Marxistische Kriminalitätstheorien, Normgenese, Richard Quinney, soziale Ungleichheit, William Chambliss

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