Marxistische Kriminalitätstheorien
Die marxistischen KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. basieren auf zentralen Annahmen des Marxismus, gehen jedoch nicht immer unmittelbar auf den Gesellschaftstheoretiker Karl Marx selbst zurück. Vielmehr wurden seine gesellschaftstheoretischen Überlegungen im 20. Jahrhundert von Vertreter:innen der kritischen und neomarxistischen KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren. weiterentwickelt.
Ausgangspunkt ist die marxistische Analyse kapitalistischer Gesellschaften als Klassengesellschaften. Marx unterscheidet dabei zwischen der besitzenden Klasse der Bourgeoisie, die über Produktionsmittel und KapitalKapital bezeichnet in der Soziologie und Ökonomie Ressourcen, die zur Erzielung von Einkommen, Macht oder sozialem Einfluss genutzt werden können. Je nach theoretischem Zugang unterscheidet man verschiedene Kapitalformen. verfügt, und dem Proletariat, das seine Arbeitskraft verkaufen muss. Diese strukturelle Ungleichheit prägt nach marxistischer Auffassung nicht nur wirtschaftliche Beziehungen, sondern auch Politik, RechtRecht bezeichnet ein formalisiertes System verbindlicher Normen, das gesellschaftliches Handeln regelt, Konflikte entscheidet und durch staatliche Institutionen durchsetzbar ist. und staatliche Institutionen.
Ein zentraler Bezugspunkt dieser Perspektive ist die Analyse der kapitalistischen GesellschaftEine Gesellschaft ist ein strukturiertes Gefüge von Menschen, die innerhalb eines geografischen Raumes unter gemeinsamen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben und durch institutionalisierte soziale Beziehungen miteinander verbunden sind. im Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Die marxistische Kriminologie überträgt diese Analyse auf das StrafrechtDas Strafrecht umfasst die Gesamtheit der Gesetze, die bestimmen, welche Handlungen strafbar sind und welche Sanktionen dafür vorgesehen sind. und die Kriminalitätskontrolle.
Aus marxistischer Sicht stehen insbesondere vier Themenfelder im Mittelpunkt der Analyse:
- Ideologische Stabilisierung des Systems: Durch SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität., Medien und Bildungssysteme werden Wertvorstellungen vermittelt, die das bestehende Gesellschaftssystem legitimieren.
- Klassencharakter von Gesetzen: Gesetze spiegeln die Interessen der herrschenden Klasse wider und dienen der Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse.
- Selektive Strafverfolgung: Die Strafjustiz trifft unterschiedliche soziale Gruppen nicht in gleichem Maße. Angehörige unterer sozialer Klassen geraten häufiger in den Fokus staatlicher KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird..
- Kriminogener Charakter des KapitalismusÖkonomisches und gesellschaftliches System, in dem Produktionsmittel in Privatbesitz sind und der Markt die Verteilung der Ressourcen regelt.: Wirtschaftliche Ungleichheit, Konkurrenzdruck und soziale MarginalisierungMarginalisierung bezeichnet Prozesse sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung bestimmter Gruppen. erzeugen strukturelle Bedingungen, die Kriminalität begünstigen können.
Marxistische Kriminalitätstheorien

Hauptvertreter: Karl Marx (gesellschaftstheoretische Grundlage), Richard Quinney, William J. Chambliss
Erstveröffentlichung: 19. Jahrhundert (Marx), kriminalitätstheoretische Ausarbeitung ab den 1960er Jahren
Land: Deutschland (Marx), USA (Weiterentwicklung)
Idee / Annahme: Marxistische Kriminalitätstheorien verstehen KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. als Ausdruck sozialer Ungleichheit und struktureller Machtverhältnisse. Recht und Strafrecht dienen der Sicherung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse und spiegeln die Interessen der herrschenden Klasse wider.
Steht im Widerspruch zu: Klassische Schule (individuelle Verantwortung), aber auch zu rein individualistischen Kriminalitätstheorien.
Weiterentwicklung in der kritischen Kriminologie
Die kriminalitätstheoretische Weiterentwicklung marxistischer Ansätze erfolgte vor allem im Rahmen der radikalen bzw. kritischen Kriminologie der 1960er und 1970er Jahre.
Besonders einflussreich war William Chambliss, der 1976 eine konflikttheoretische Perspektive auf Recht und Strafrecht formulierte. Nach Chambliss ist KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden. Teil politischer und ökonomischer Machtkämpfe innerhalb moderner Gesellschaften. Gesetze entstehen demnach nicht neutral, sondern spiegeln Interessen sozial mächtiger Gruppen wider.
Auch Richard Quinney entwickelte marxistische Ansätze weiter. In seinem Werk Class, State and Crime argumentiert er, dass Strafrechtssysteme dazu beitragen, bestehende Klassenverhältnisse zu stabilisieren. Kriminalität wird dabei teilweise als Überlebensstrategie sozial benachteiligter Gruppen interpretiert.
Eine ausführliche Darstellung dieser Perspektive findet sich in Quinney’s Werk Class, State and Crime, einem Schlüsseltext der radikalen Kriminologie.
Kritische Würdigung und Aktualitätsbezug
Radikale und marxistische Kriminalitätstheorien wurden aus verschiedenen Gründen kritisiert.
Zum einen wird argumentiert, dass ihre Beobachtung von Kriminalität als ubiquitäres Phänomen bereits bei Émile Durkheim formuliert wurde.
Zum anderen wird kritisiert, dass sich viele radikale Ansätze – ähnlich wie der Labeling-Ansatz – stärker auf die Entstehung von NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten. und Kriminalisierung konzentrieren als auf die Ursachen von Normverletzungen.
Darüber hinaus wird den marxistischen Ansätzen teilweise vorgeworfen, ein romantisiertes Bild des Kriminellen als Rebellen gegen gesellschaftliche Unterdrückung zu zeichnen und dadurch bestimmte Formen von Kriminalität zu relativieren.
Kriminalpolitische Implikationen
Aus marxistischer Perspektive ist KriminalpolitikStrategien und Maßnahmen staatlicher Institutionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und zur Reaktion auf regelwidriges Verhalten. untrennbar mit Fragen sozialer Ungleichheit verbunden. Kriminalität wird nicht primär als individuelles Fehlverhalten verstanden, sondern als Ausdruck struktureller gesellschaftlicher Bedingungen.
Daraus ergeben sich mehrere kriminalpolitische Konsequenzen:
- Bekämpfung sozialer Ungleichheit: Eine zentrale Forderung besteht darin, die strukturellen Ursachen von Kriminalität – insbesondere ArmutArmut beschreibt den Mangel an materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen, die notwendig sind, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben., soziale Ausgrenzung und ungleiche Lebensbedingungen – zu reduzieren (vgl. soziale Ungleichheit).
- Stärkere Kontrolle wirtschaftlicher MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen.: Marxistische Ansätze betonen, dass Formen der Wirtschaftskriminalität und Machtmissbrauchs häufig weniger streng verfolgt werden als klassische Eigentumsdelikte der unteren Klassen. Beispiele hierfür sind etwa Finanzskandale oder internationale Steuervermeidungspraktiken (vgl. White Collar Crime).
- Kritik selektiver Strafverfolgung: Kriminalpolitik müsse stärker berücksichtigen, dass staatliche Kontrollinstanzen soziale Ungleichheiten reproduzieren können.
Aktuelle Debatten über wachsende Vermögenskonzentration und wirtschaftliche Macht bestätigen teilweise die marxistische Analyse sozialer Ungleichheit. Berichte internationaler Organisationen wie Oxfam zeigen, dass sich Vermögen weltweit zunehmend auf eine kleine wirtschaftliche Elite konzentriert, während große Teile der Weltbevölkerung weiterhin unter prekären Lebensbedingungen leben.
Aus marxistischer Sicht stellt diese Entwicklung nicht nur ein soziales Problem dar, sondern kann auch kriminalpolitische Folgen haben, etwa durch steigende soziale Spannungen oder durch eine zunehmende politische Einflussnahme wirtschaftlicher Eliten auf Gesetzgebung und Strafrechtspolitik.
Ein anschauliches Beispiel für die Anwendung marxistischer Kriminalitätstheorien auf aktuelle politische Entwicklungen findet sich in einem Beitrag auf SozTheo, der die zweite Präsidentschaft von Donald Trump aus der Perspektive der kritischen Kriminologie analysiert. Der Artikel diskutiert, inwiefern sich zentrale Annahmen marxistischer Kriminalitätstheorien – etwa der Klassencharakter von Gesetzen, selektive Strafverfolgung oder die ideologische Stabilisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse – an aktuellen politischen Ereignissen illustrieren lassen (Donald Trump als Lehrbuchbeispiel marxistischer Kriminalitätstheorien).



