Texas Chain Saw Massacre (1974)
Film- / Serienprofil
- Originaltitel: Texas Chain Saw Massacre
- Deutscher Titel: Blutgericht in Texas
- Erscheinungsjahr: 1974
- Land: USA
- Regie / Creator / Showrunner: Tobe Hooper
- Medium: Spielfilm
- Laufzeit / Umfang: 83 Minuten
- Schwerpunkte: Serienmord und Gewalt
Kriminologische Relevanz
The Texas Chain Saw Massacre gilt als Meilenstein des Horrorfilms und wird häufig auf seine drastische Gewaltdarstellung reduziert. Tatsächlich eröffnet der Film jedoch eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Perspektiven auf Ausgrenzung, gesellschaftlichen Wandel und die Konstruktion von Normalität und Devianz. Die Familie um Leatherface erscheint nicht als übernatürliches Monster, sondern als radikal von der Gesellschaft isolierte soziale Gemeinschaft mit eigenen Normen, Rollen und Überlebensstrategien.
Aus kriminologischer Sicht eignet sich der Film insbesondere zur kritischen Auseinandersetzung mit biologischen Kriminalitätstheorien. Leatherface verkörpert auf den ersten Blick den archetypischen „geborenen Verbrecher“ – körperlich auffällig, sprachlich eingeschränkt und scheinbar monströs. Der Film lädt jedoch dazu ein, genau diese Wahrnehmung zu hinterfragen. Gewalt erscheint nicht als Folge biologischer Eigenschaften, sondern als Ergebnis sozialer Isolation, familiärer Sozialisation und eines vollständig entgrenzten Normsystems.
Darüber hinaus lässt sich The Texas Chain Saw Massacre als Fallstudie über Othering und soziale Ausgrenzung lesen. Die Familie lebt außerhalb gesellschaftlicher Institutionen und entwickelt eine eigene moralische Ordnung, in der Gewalt und Kannibalismus als alltägliche Praxis erscheinen. Der Film macht damit deutlich, wie soziale Gruppen eigene Wirklichkeiten konstruieren können, wenn gemeinsame gesellschaftliche Normen und soziale Kontrolle vollständig verloren gehen.
Auch aus soziologischer Perspektive eröffnet der Film interessante Interpretationsmöglichkeiten. Die Familie um Leatherface bildet eine eng integrierte Gemeinschaft im Sinne Ferdinand Tönnies‘. Gemeinsame Traditionen, feste Rollen und uneingeschränkte Loyalität sorgen für einen starken inneren Zusammenhalt. Gerade diese enge soziale Integration macht jedoch deutlich, dass Gemeinschaft kein Synonym für Humanität oder moralischen Fortschritt ist. Vielmehr entwickelt die Familie eine von der übrigen Gesellschaft vollständig entkoppelte Werteordnung, in der Gewalt und Kannibalismus als selbstverständlich gelten. The Texas Chain Saw Massacre verdeutlicht damit eindrucksvoll, dass sozialer Zusammenhalt ebenso destruktive wie integrative Wirkungen entfalten kann.
Schließlich verweist der Film auf tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche der 1970er Jahre. Das Ende traditioneller Erwerbsformen, wirtschaftlicher Strukturwandel und die Auflösung vertrauter sozialer Ordnungen bilden den historischen Hintergrund der Handlung. The Texas Chain Saw Massacre erzählt damit nicht nur von individuellem Horror, sondern auch von den Ängsten einer Gesellschaft im Wandel.
Bildquelle: Kristof Zerbe, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons
Kriminologische Einordnung
Kriminalitätstheorien
Biologische Kriminalitätstheorien
Labelling-Ansatz (Überblick)
Soziale Desorganisation
Subkulturtheorie (Cohen)
Cultural Criminology
Schlüsselwerke
Erving Goffman – Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (1963)
Norbert Elias – Über den Prozeß der Zivilisation (1939)
Émile Durkheim – Über soziale Arbeitsteilung: Studie über die Organisation höherer Gesellschaften (1893)