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Sie befinden sich hier: Home / Kriminalitätstheorien / Biologische Kriminalitätstheorien / Mehrfaktorenansatz nach Sheldon Glueck & Eleanor Turoff Glueck

Mehrfaktorenansatz nach Sheldon Glueck & Eleanor Turoff Glueck

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2026 | Veröffentlicht: 2. Juni 2018 von Christian Wickert

Inhaltsverzeichnis

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  • Was ist ein Mehrfaktorenansatz?
  • Merkzettel
    • Mehrfaktorenansatz nach Glueck & Glueck
  • Der Mehrfaktorenansatz nach Sheldon und Eleanor Glueck
    • Kritische Würdigung/Aktualität
  • Anwendungsbezug: Wie erklärt der Mehrfaktorenansatz persistente Delinquenz?
    • Fallbeispiel
    • Interpretation mit dem Mehrfaktorenansatz
    • Grenzen der Erklärung
  • Kriminalpolitische Implikationen
  • Literatur

Was ist ein Mehrfaktorenansatz?

Um die einseitigen Erklärungsversuche einzelner KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. zu überwinden und der Komplexität kriminellen Verhaltens besser gerecht zu werden, entwickelten sich sogenannte Mehrfaktorenansätze.

Diese gehen davon aus, dass KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. nicht durch einen einzelnen Faktor verursacht wird, sondern durch das Zusammenwirken mehrerer biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse. Je mehr belastende Faktoren zusammenkommen, desto höher ist demnach die Wahrscheinlichkeit delinquenten Verhaltens.

Die Ursachen von Kriminalität werden damit aus einer pluralistischen Perspektive betrachtet: Ein bestimmtes Ereignis entsteht durch eine spezifische Kombination mehrerer Umstände.

Es existieren zahlreiche Studien, die auf dem Hintergrund des multifaktoriellen Ansatzes entstanden sind. Bereits 1925 versuchte der britische Psychologe Cyril Burt, kriminelles Verhalten mit einer Vielzahl unterschiedlicher Einflussfaktoren zu erklären und identifizierte rund 170 mögliche Ursachen. Zu den bekanntesten Forschern in diesem FeldEin Feld ist ein relativ autonomer sozialer Raum mit eigenen Regeln, Akteuren und Machtverhältnissen, in dem soziale Positionen und Kämpfe ausgetragen werden. zählen Sheldon Glueck und Eleanor Turoff Glueck, die zwischen 1939 und 1948 durch Längsschnittstudien Prognosefaktoren aufstellten. Das Ehepaar erhielt unter anderem für seine Arbeiten zur Kriminalitätsprognose 1964 die Beccaria-Medaille.

Merkzettel

Mehrfaktorenansatz nach Glueck & Glueck

Hauptvertreter: Sheldon und Eleanor Glueck

Erstveröffentlichung: 1950

Land: USA

Idee/ Annahme: Sheldon und Eleanor Glueck führten eine umfangreiche Längsschnittstudie mit 500 jugendlichen Straftätern und 500 nicht delinquenten Jugendlichen durch, um Prognosefaktoren für spätere Kriminalität zu identifizieren.

Grundlage für: Age Graded Theory/ Turning Points (Sampson & Laub)

Der Mehrfaktorenansatz nach Sheldon und Eleanor Glueck

Der Mehrfaktorenansatz geht davon aus, dass kriminelles Verhalten nicht durch eine einzelne Ursache erklärt werden kann, sondern durch das Zusammenwirken mehrerer biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren entsteht.

Sheldon und Eleanor Glueck führten eine qualitativ sowie quantitativ ausgerichtete Längsschnittstudie mit 1000 männlichen Probanden, davon 500 Insassen von Jugendstrafvollzugsanstalten und 500 unauffälligen, nicht vorbestraften Jungen im Alter von 11 bis 17 Jahren durch. Die GruppeEine Gruppe ist eine soziale Einheit von mindestens zwei bzw. drei Personen, die durch gemeinsame Interaktionen, Ziele oder Zugehörigkeitsgefühle verbunden sind. der Delinquenten sowie die Kontrollgruppe wurden auf zahlreiche Faktoren hin untersucht. Besonders wichtig waren dabei familiäre Einflussfaktoren, etwa:

  1. Beaufsichtigung durch die Mutter
  2. Strenge des Erziehungsstils
  3. Stärke des Zusammenhalts der FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden..

Ziel war es, anhand dieser Daten Aussagen über das zukünftige Sozialverhalten von Kindern/Jugendlichen treffen zu können. Die Gluecks gingen davon aus, dass sich das Risiko delinquenten Verhaltens aus der Kombination mehrerer belastender Umweltfaktoren ergibt. Die Addition bestimmter Faktoren soll besonders hohe KorrelationEin statistischer Zusammenhang zwischen zwei oder mehreren Variablen. aufzeigen. So lassen u.a. brüchige Familienkonstellationen, andauernde Streitigkeiten zwischen Eltern und Kindern oder den Elternteilen, die Abhängigkeit von Fürsorgeleistungen und staatlichen Mitteln und der Mangel an elterlicher Zuwendung auf ein späteres kriminelles Verhalten der Kinder schließen. Auf dieser Grundlage entwickelten sie eine Prognosetafel, mit der sich anhand bestimmter Familienmerkmale das Risiko späterer Delinquenz abschätzen lassen sollte.

Das Ehepaar Glueck zählt zu den Klassikern der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren., da ihre Untersuchungen zu den ersten groß angelegten Längsschnittstudien zur Entwicklung von Delinquenz gehören.

Kritische Würdigung/Aktualität

Ein zentraler Kritikpunkt an den Prognosetafeln besteht darin, dass sie vor allem bei Extremgruppen – etwa bei starken Rückfalltätern oder besonders angepassten Jugendlichen – zuverlässige Vorhersagen ermöglichen. Hierbei würde es sich um Personengruppen handeln, die ohnehin auch ohne Prognosetafel erkannt werden könnten. Zudem zeigte sich, dass das Kriminalitätsrisiko durch die Prognosetafeln häufig überschätzt wurde.
Kritiker bemängeln außerdem, dass der Mehrfaktorenansatz zwar zahlreiche Ursachen aufzählt, jedoch keine klare theoretische Erklärung dafür liefert, wie diese Faktoren zusammenwirken.

Aus den obigen Ausführungen wird deutlich, dass die Untersuchungen des Ehepaares Glueck keine rein biologisch-deterministische Erklärung für delinquentes Verhalten liefern. In ihrem multifaktoriellen Modell spielen neben biologischen Faktoren insbesondere soziale Einflüsse, etwa familiäre Strukturen und Erziehungsbedingungen, eine wichtige RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist..

Die Einordnung des Mehrfaktorenansatzes unter die biologischen Kriminalitätstheorien erscheint dennoch gerechtfertigt. Zum einen knüpfen die Untersuchungen der Gluecks teilweise an biologisch orientierte Persönlichkeitsmerkmale und Dispositionen an, zum anderen folgen sie einem ätiologischen Forschungsprogramm, das Kriminalität als Ergebnis individueller Defizite und Risikofaktoren versteht.

In diesem Sinne betrachtet ihr Ansatz Kriminalität als eine Art soziale Pathologie, deren Ursachen durch empirische Untersuchungen identifiziert werden sollen. Die Panelstudien der Gluecks zielten daher darauf ab, anhand bestimmter Risikoindikatoren frühzeitig kriminelle Karrieren zu erkennen und entsprechende Präventions- bzw. Interventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Der Mehrfaktorenansatz bildet damit eine wichtige Übergangsphase zwischen biologischen Kriminalitätstheorien und späteren entwicklungs- und lebenslauftheoretischen Ansätzen.

Die Untersuchungen des Ehepaares Glueck dienten als Grundlage für die Forschungsarbeiten zur Age-Graded Theory of Informal Social Control (Sampson & Laub, 1993). Für ihre Arbeit zu kriminologischen Entwicklungsverläufen schrieben die beiden US-Forscher die Panel-Untersuchungen des Ehepaares Glueck fort und untersuchten, welche einschneidenden Lebensereignisse für den Abbruch oder auch die Fortführung krimineller Lebensläufe verantwortlich sind.

Anwendungsbezug: Wie erklärt der Mehrfaktorenansatz persistente Delinquenz?

Besonders geeignet für:
Chronische MehrfachtäterPersonen, die wiederholt Straftaten begehen und dadurch in der Kriminalstatistik mehrfach in Erscheinung treten., Jugenddelinquenz und kriminelle Karrieren, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln.

Fallbeispiel

D. fällt bereits in der Grundschule durch aggressives Verhalten auf. Seine schulischen Leistungen sind schlecht, die familiären Verhältnisse konfliktreich. Während seiner Jugend begeht er wiederholt Diebstähle, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen. Auch im Erwachsenenalter wird er mehrfach straffällig.

Interpretation mit dem Mehrfaktorenansatz

Nach Sheldon und Eleanor Glueck lässt sich Kriminalität nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Vielmehr entsteht delinquentes Verhalten durch das Zusammenwirken zahlreicher biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Im vorliegenden Fall könnten familiäre Konflikte, mangelnde schulische IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden., ungünstige Persönlichkeitsmerkmale und problematische Peer-Gruppen gemeinsam zur Entwicklung einer kriminellen Karriere beigetragen haben.

Der Mehrfaktorenansatz geht davon aus, dass das RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit. kriminellen Verhaltens steigt, wenn mehrere belastende Faktoren gleichzeitig auftreten. Nicht ein einzelner Risikofaktor ist entscheidend, sondern deren Kumulation.

Grenzen der Erklärung

Der Mehrfaktorenansatz berücksichtigt die Komplexität kriminellen Verhaltens und vermeidet monokausale Erklärungen. Gleichzeitig bleibt jedoch häufig unklar, welche Faktoren besonders wichtig sind und wie sie genau zusammenwirken. Die Theorie beschreibt Risikofaktoren oft besser, als dass sie die zugrunde liegenden sozialen Prozesse erklärt.

Darüber hinaus erklärt der Ansatz nur begrenzt, weshalb bestimmte Belastungen bei manchen Menschen zu Kriminalität führen, bei anderen jedoch nicht. Spätere Ansätze wie die Two-Path-Theory von Moffitt, die Kontrolltheorien oder die General Strain Theory versuchen, die Entstehung krimineller Karrieren genauer zu erklären.

Kriminalpolitische Implikationen

Der Mehrfaktorenansatz der Gluecks legt nahe, dass KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren. vor allem dort ansetzen sollte, wo mehrere Risikofaktoren kumulieren – insbesondere im familiären Umfeld, in der Erziehung und in der sozialen Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Präventionsmaßnahmen zielen daher darauf ab, belastende Lebensbedingungen frühzeitig zu erkennen und zu reduzieren.

Darüber hinaus begründeten die Untersuchungen des Ehepaares Glueck eine Tradition der kriminalwissenschaftlichen Prognoseforschung. Ihre Prognosetafeln stellten einen frühen Versuch dar, anhand empirisch identifizierter Risikofaktoren Aussagen über zukünftiges delinquenten Verhalten zu treffen.

Auch in der heutigen KriminalpolitikStrategien und Maßnahmen staatlicher Institutionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und zur Reaktion auf regelwidriges Verhalten. spielen solche Risiko- und Prognoseinstrumente weiterhin eine Rolle. Moderne Verfahren der Prognosebeurteilung – etwa strukturierte Risikoeinschätzungen im Strafvollzug oder in der Bewährungshilfe – knüpfen methodisch an die Idee an, mehrere Risikofaktoren systematisch zu erfassen und zu gewichten.

Ein prominentes Beispiel im deutschsprachigen Raum ist die MIVEA (Methodik zur Einschätzung des Rückfallrisikos bei Gewalt- und Sexualstraftätern), die im StrafvollzugRechtlich geregelte Inhaftierung und Resozialisierung von Straftätern zur Strafvollstreckung und Vorbereitung auf ein straffreies Leben in Freiheit. zur strukturierten Risikobeurteilung eingesetzt wird.

In der kriminologischen Theoriebildung wurden die Panelstudien der Gluecks später von Sampson und Laub aufgegriffen und weitergeführt. Ihre Arbeiten zur Age-Graded Theory of Informal Social Control untersuchen, welche sozialen Bindungen und Lebensereignisse („Turning PointsTurning Points sind biografische Wendepunkte, die den Verlauf kriminellen Handelns nachhaltig verändern können.“) kriminelle Karrieren stabilisieren oder beenden können.

Literatur

  • Glueck, S. & Glueck, E. (1950). Unraveling juvenile delinquency. New York: Commonwealth Fund.
  • Glueck, S. & Glueck, E. (1963): Jugendliche Rechtsbrecher: Wege zur Vorbeugung. Stuttgart: Enke Ferdinand Verlag.

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Kategorie: Kriminalitätstheorien Tags: Age Graded Theory, ätiologisches Paradigma, Eleanor Glueck, juvenile delinquency, Kriminalitätsprognose, Kriminalitätstheorien, Mehrfaktorenansatz, multifaktorielle Kriminalitätstheorien, Panelstudien Kriminologie, Prognosetafeln, Risikofaktoren Kriminalität, Sampson und Laub, Sheldon Glueck

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