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Sie befinden sich hier: Home / Allgemeine Soziologie / Rock, Hose, Minirock: Kleidung als geschlechtlicher Marker

Rock, Hose, Minirock: Kleidung als geschlechtlicher Marker

27. Mai 2026 von Christian Wickert

Hinweis zur Artikelserie:
Dieser Beitrag ist Teil 3 der Artikelserie „Mode, Körper und DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist.“.
Im Mittelpunkt steht eine soziologisch-analytische Perspektive auf Mode als Medium sozialer Ordnung, Zugehörigkeit und Ungleichheit.

Warum gilt die Hose als „männlich“ und der Rock als „weiblich“ – und weshalb werden Abweichungen davon so häufig moralisch bewertet? Kleidung gehört zu den wirkmächtigsten Alltagsmedien geschlechtlicher Ordnung: Noch bevor gesprochen oder gehandelt wird, erzeugen Schnitt, Länge, Körperbetonung und Farben Erwartungen darüber, welches Geschlecht „gemeint“ ist und welches Auftreten als angemessen gilt. Mode ist damit nicht bloß Ausdruck individuellen Geschmacks, sondern eine soziale Praxis, über die Geschlecht sichtbar gemacht, stabilisiert und sanktioniert wird.

Eine zentrale theoretische Folie bietet Judith Butler. In Das Unbehagen der Geschlechter argumentiert Butler, dass Geschlecht nicht als inneres Wesen vorausgesetzt werden sollte, sondern in wiederholten Praktiken hergestellt wird. Kleidung ist in diesem Sinne nicht nur Symbol, sondern Teil jener Routinen, durch die Geschlecht im Alltag „gemacht“ wird – ein Gedanke, der später auch im Konzept des „Doing GenderGender bezeichnet das soziale Geschlecht und umfasst die kulturellen, sozialen und psychologischen Zuschreibungen, die mit Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden sind.“ aufgegriffen wurde. Wer sich geschlechtlich erwartungskonform kleidet, bestätigt eine Ordnung; wer davon abweicht, macht ihre Künstlichkeit sichtbar – und wird gerade deshalb häufig moralisch markiert (Butler 1991).

Historische Genese geschlechtlicher Kleidungsnormen

Die heute verbreitete Zuordnung „Hose = männlich“ und „Rock = weiblich“ wirkt selbstverständlich, ist historisch jedoch weder universell noch naturgegeben. In vielen vormodernen Kontexten trugen Männer wie Frauen lange Gewänder, Tuniken oder kleidähnliche Formen; eine strikte geschlechtliche Kodierung bestimmter Kleidungsstücke setzte sich erst im Zuge moderner Gesellschaftsentwicklungen durch.

Mit Industrialisierung, Militarisierung und bürgerlicher Geschlechterordnung gewann die Hose eine besondere symbolische Aufladung: Sie stand für Mobilität, funktionale Zweckmäßigkeit, Erwerbsarbeit und die Präsenz in der ÖffentlichkeitÖffentlichkeit bezeichnet den sozialen Raum, in dem gesellschaftliche Themen sichtbar, verhandelt und bewertet werden.. Der Rock wurde stärker mit Häuslichkeit, Repräsentation, Körperlichkeit und Moral verknüpft. So stabilisierte Kleidung eine binäre Ordnung, in der Männlichkeit mit Rationalität und Handlungsmacht, Weiblichkeit mit Anständigkeit und sexueller Regulierung verbunden wurde.

Die Pointe ist soziologisch eindeutig: Kleidungsnormen sind keine bloßen Modekonventionen, sondern Ausdruck historisch gewachsener MachtMacht bezeichnet die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten anderer zu beeinflussen – auch gegen deren Willen.- und Rollenverteilungen. Sie erscheinen „natürlich“, weil sie früh erlernt und dauerhaft verinnerlicht werden – ein klassischer Effekt von Sozialisation.

Kulturvergleich: Wo Männer selbstverständlich „Kleider“ tragen

Katholische Prister in traditionellen liturgischen Gewändern während der Priesterweihe in Schwyz
Katholische Priester in traditionellen liturgischen Gewändern während der Priesterweihe in Schwyz

Matthias Ulrich.The original uploader was Matteo3000 at German Wikipedia., CC BY-SA 2.0 DE, via Wikimedia Commons

Dass Röcke oder lange Gewänder als „weiblich“ gelten, ist kein anthropologisches GesetzEin Gesetz ist eine allgemeinverbindliche, staatlich festgelegte Norm zur Regelung des sozialen Zusammenlebens.. In unterschiedlichen kulturellen Kontexten tragen Männer bis heute kleidähnliche Kleidung, ohne dass dies als geschlechtliche Grenzüberschreitung gerahmt wird. In heißen Klimazonen sind lange, luftige Gewänder funktional und alltagspraktisch; in religiösen Kontexten – etwa der katholischen Liturgie – gehören lange Gewänder zur institutionalisierten Männlichkeitsdarstellung. Auch der Schottenrock zeigt, dass ein „Rock“ nicht zwangsläufig weiblich konnotiert sein muss, sondern je nach Kontext als männlich, traditionell oder ritualisiert gelesen wird.

Solche Beispiele entnaturalisieren westliche Alltagsannahmen: Nicht das Kleidungsstück an sich ist „männlich“ oder „weiblich“, sondern die kulturelle Deutung, die sich historisch herausgebildet hat. Gerade weil diese Deutungen variieren, lässt sich Geschlechtlichkeit von Kleidung als sozialer Code begreifen – nicht als biologische Notwendigkeit.

Coco Chanel und die 1920er Jahre: Mode im Kontext des moralischen Aufbruchs

Die modische Neuordnung weiblicher Kleidung zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich kaum losgelöst von den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1920er Jahre verstehen. Die „Roaring Twenties“ waren geprägt von Veränderungen sozialer und sexueller NormenVerhaltensregeln und Erwartungen, die innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe als verbindlich gelten.: traditionelle Moralvorstellungen gerieten unter Druck, weibliche Lebensentwürfe wurden pluraler, und neue Formen von Körperlichkeit, Mobilität und Öffentlichkeit gewannen an Bedeutung. Mode war dabei nicht bloßer Spiegel, sondern ein Medium dieser Aushandlungen.

Coco Chanel, 1928
Coco Chanel, 1928

In diesem Kontext kommt Coco Chanel besondere soziologische Relevanz zu. Ihre Entwürfe – der Verzicht auf Korsett, die Verwendung schlichter Materialien sowie klare, weniger ornamentale Schnitte – ermöglichten eine neue Form weiblicher Körperpraxis. Weiblichkeit wurde weniger über repräsentative Überformung und permanente Körperinszenierung definiert, sondern über Beweglichkeit, KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. und funktionale Eleganz.

Chanel steht damit nicht für die Auflösung geschlechtlicher Ordnung, sondern für deren Transformation. Ihr Stil etablierte eine neue Normalität weiblicher Kleidung, die im Kontext eines breiteren kulturellen Wandels anschlussfähig wurde. Der modische Aufbruch eröffnete neue Spielräume weiblicher Selbstinszenierung, die jedoch rasch selbst normativ wurden: Auch hier entstand keine grenzenlose Freiheit, sondern eine neue, sozial akzeptierte Form weiblicher Angemessenheit – ein Muster, das spätere Debatten um „professionelles Auftreten“ fortsetzt.

Der Hosenanzug: Anpassung, Emanzipation oder Ambivalenz?

Christine Lagarde (links), Angela Merkel (mittig) und Hendrik Wüst (rechts) bei der Verleihung des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen an Angela Merkel
Christine Lagarde (links), Angela Merkel (mittig) und Hendrik Wüst (rechts) bei der Verleihung des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen an Angela Merkel
© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Verleihung des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen an Angela Merkel-2253, CC BY-SA 4.0

Der Hosenanzug markiert einen wichtigen Knotenpunkt dieser Entwicklung. Als Frauen begannen, Hosen im öffentlichen Raum zu tragen, wurde dies lange als Normverletzung oder Provokation gerahmt. In Politik, Management und Verwaltung entwickelte sich der Hosenanzug später jedoch zu einem etablierten Code von Professionalität: Er signalisiert Sachlichkeit, Kontrolliertheit und die Fähigkeit, in männlich geprägten Feldern „mitzuspielen“.

Besonders sichtbar wird diese Ambivalenz am Beispiel prominenter Frauen in männerdominierten Machtfeldern: Margaret Thatcher, Angela Merkel oder Christine Lagarde stehen für Karrieren in institutionellen Kontexten, deren Symbolik historisch männlich geprägt ist. Auffällig ist dabei die Ähnlichkeit ästhetischer Strategien: reduzierte Schnitte, gedeckte Farben, der Verzicht auf starke Körperbetonung. Das erzeugt Seriosität und AutoritätAutorität bezeichnet anerkannte, legitime Macht, die auf Zustimmung und Vertrauen basiert. – und minimiert zugleich Angriffsflächen, die sich aus sexualisierenden Blickregimen ergeben.

Offen bleibt dabei eine zentrale Frage: Haben sich diese Frauen aufgrund ihres Auftretens durchgesetzt – oder haben sie ihren Stil an die Erwartungen der jeweiligen Position angepasst? Soziologisch spricht vieles für Letzteres. Der Hosenanzug fungiert weniger als Ausdruck individueller Freiheit denn als ästhetische Anpassungsleistung an ein institutionell vorgegebenes Bild von Professionalität. Geschlecht wird hier nicht aufgehoben, sondern neutralisiert: Weiblichkeit soll in der Öffentlichkeit nicht verschwinden, aber möglichst wenig „stören“.

Exkurs: Rosa, Pink und die Frage von Nature oder Nurture

Die Zuordnung bestimmter Farben zu Geschlechtern gilt heute als selbstverständlich: Rosa oder Pink werden weiblich gelesen, Blau männlich. Historisch ist diese Zuordnung jedoch erstaunlich jung und keineswegs stabil. Noch im 19. Jahrhundert galt Rosa – als „kleines Rot“ – häufig als kräftige, männliche Farbe, während Blau in manchen Kontexten mit Sanftheit und Weiblichkeit assoziiert wurde.

Dass viele Kinder früh geschlechtstypische Farbpräferenzen entwickeln, wird im Alltag oft als Hinweis auf biologische Dispositionen gedeutet. Soziologisch plausibler ist jedoch eine Erklärung über frühe, implizite SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität.: Geschlechternormen wirken nicht nur über explizite Vorbilder, sondern über Produktdesign, Medien, Sprache und alltägliche Erwartungshaltungen. Präferenzen entstehen damit weder rein naturgegeben noch ausschließlich durch bewusste Erziehung, sondern durch früh stabilisierte kulturelle Routinen.

Die Farbwahl von Kindern verweist somit weniger auf „Natur“ als auf die tiefe Verankerung geschlechtlicher Ordnung im Alltag.

Minirock, sexuelle Revolution und moralische Umdeutung

Freshman college girls, 1973 in Memphis, Tennessee
Junge Studentinnen auf einem US-amerikanischen College-Campus, 1973

Ed Uthman from Houston, TX, USA, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Kaum ein Kleidungsstück steht so deutlich für den sozialen und kulturellen Umbruch der Nachkriegszeit wie der Minirock. Seine Popularisierung in den 1960er Jahren fällt nicht zufällig mit tiefgreifenden Veränderungen sexueller und geschlechtlicher Normen zusammen: der Frauenbewegung, der Etablierung moderner Verhütungsmittel, der Idee freier Liebe sowie einer zunehmenden Infragestellung traditioneller Moralvorstellungen. Der Minirock – ebenso wie der Bikini – symbolisierte ein neues weibliches Selbstbewusstsein, das Körperlichkeit nicht länger ausschließlich über Anständigkeit und Zurückhaltung definierte.

In diesem historischen Kontext war der Minirock zunächst Ausdruck von Autonomie, Beweglichkeit und Sichtbarkeit. Weibliche Sexualität wurde nicht länger nur als Objekt männlicher Bewertung verstanden, sondern zunehmend als Teil individueller Selbstbestimmung. Mode fungierte hier als Medium gesellschaftlicher Liberalisierung: Der weibliche Körper wurde nicht versteckt, sondern bewusst gezeigt – nicht primär, um zu gefallen, sondern um Verfügungsmacht über den eigenen Körper zu markieren.

Gerade diese emanzipatorische Aufladung machte den Minirock jedoch früh zum Gegenstand moralischer Auseinandersetzungen. Die Sichtbarkeit weiblicher Körperlichkeit provozierte Gegenreaktionen, in denen Kleidung nicht mehr als Ausdruck von Freiheit, sondern als moralisches RisikoRisiko bezeichnet die Möglichkeit negativer Konsequenzen zukünftigen Handelns unter Bedingungen von Unsicherheit. gedeutet wurde. Besonders deutlich zeigt sich dies in öffentlichen Diskursen über sexualisierte Gewalt: Hier wird weibliche Kleidung immer wieder als Erklärungsmuster herangezogen – zu kurz, zu eng, zu provokant. Der Fokus verschiebt sich damit vom Täterhandeln hin zur Bewertung des Erscheinungsbildes des Opfers.

Soziologisch handelt es sich dabei um ein klassisches Muster sekundärer ViktimisierungDer Prozess der Opferwerdung durch eine Straftat oder ein anderes schädigendes Ereignis.. Gewalt wird nicht primär als Normbruch des Täters behandelt, sondern als Anlass, das Verhalten des Opfers moralisch zu prüfen. Kleidung fungiert als Indikator vermeintlicher „Mitverantwortung“ und stabilisiert Geschlechternormen, die weibliche Körper als regulierungsbedürftig rahmen. In der Viktimologie werden solche Mechanismen als soziale Reaktionsweisen analysiert, die Opfer zusätzlich belasten und das Tatgeschehen symbolisch umdeuten.

Die soziologische Pointe liegt gerade in dieser Ambivalenz: Der Minirock ist zugleich Symbol weiblicher Emanzipation und Projektionsfläche moralischer Kontrolle. Er macht sichtbar, dass sexuelle Liberalisierung nicht automatisch zu normativer Entlastung führt, sondern häufig neue Formen der ZuschreibungEin sozialer Prozess, bei dem bestimmten Personen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften oder Merkmale zugeschrieben werden – oft unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten. und Regulierung hervorbringt. Mode erscheint hier als umkämpftes Terrain, auf dem Autonomie, Moral und Geschlechterordnung fortlaufend neu ausgehandelt werden.

Moralische Grenzziehungen: Geschlechtliche Angemessenheit im Alltag

Riccardo Simonetti beim Deutschen Fernsehpreis 2023
Riccardo Simonetti Superbass, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Geschlechtliche Kleidungsnormen sind stets moralisch aufgeladen. Sie definieren nicht nur, was als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gilt, sondern auch, was als anständig, seriös oder respektabel wahrgenommen wird. Besonders deutlich wird dies an asymmetrischen Sanktionen: Männer, die weiblich konnotierte Kleidung tragen, riskieren häufiger Abwertung, Lächerlichmachung oder StigmatisierungZuschreibung und gesellschaftliche Fixierung negativer Merkmale an Einzelpersonen oder Gruppen, die zu sozialer Abwertung und Ausschluss führen.; Frauen, die sich männlich kleiden, erfahren eher eine ambivalente Mischung aus Anerkennung und Irritation.

Kleidung wirkt damit als alltägliches Disziplinierungsinstrument. Sie stellt Geschlecht nicht nur dar, sondern produziert es fortlaufend als soziale Erwartungsstruktur. Das passt zu einer klassischen Einsicht der Geschlechtersoziologie: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“ (de Beauvoir 1951). Mode ist eine der alltäglichsten Praktiken dieses „Gemachtwerdens“ – gerade weil sie so selbstverständlich erscheint.

Aktuelle Formen geschlechtlicher Irritation zeigen, dass Grenzüberschreitungen heute häufig selektiv und kontrolliert erfolgen. So tragen männliche Prominente oder Influencer zunehmend Nagellack – teils bewusst nur an einem einzelnen Finger –, um Distanz zu traditionellen Männlichkeitsnormen zu signalisieren. Diese Praxis verweist auf eine symbolische Öffnung geschlechtlicher Codes, ohne die binäre Ordnung grundsätzlich infrage zu stellen.

Bemerkenswert ist dabei, was nicht überschritten wird: Trotz wachsender Sichtbarkeit solcher Gesten bleiben stark weiblich konnotierte Kleidungsstücke wie Röcke oder Kleider im öffentlichen Alltag männlicher Akteure weiterhin selten. Dies verweist auf die asymmetrische StrukturStruktur bezeichnet das relativ stabile Gefüge von Beziehungen, Regeln und Positionen, das soziale Prozesse, Handlungen und Bedeutungen ordnet. geschlechtlicher Normen. Während punktuelle Abweichungen toleriert oder sogar ästhetisch aufgewertet werden, bleibt eine umfassende Feminisierung männlicher Erscheinung hochgradig sanktionsanfällig. Gerade prominente Akteure verfügen dabei über symbolische Ressourcen, die solche Grenzüberschreitungen sozial absichern und zugleich medial verwertbar machen.

Geschlechtliche Grenzverschiebungen erscheinen damit weniger als Auflösung bestehender Ordnung denn als deren kontrollierte Erweiterung. Abweichung wird möglich, solange sie stilisiert, reversibel und sozial abgesichert bleibt – eine Logik, die erneut zeigt, wie eng Mode, Macht und Geschlecht miteinander verflochten sind.

Exkurs: Crossdressing, Devianz und die Asymmetrie geschlechtlicher Grenzverletzungen

Cover des Kinderbuches "Raffi und sein pinkes Tutu" von Ricardo Simonetti
Cover des Kinderbuches „Raffi und sein pinkes Tutu“ von Ricardo Simonetti

Crossdressing – das Tragen von Kleidung, die kulturell einem anderen Geschlecht zugeordnet wird – eignet sich in besonderer Weise, um die soziale Wirkmacht geschlechtlicher Kleidungsnormen sichtbar zu machen. Es handelt sich dabei weniger um eine individuelle Stilentscheidung als um eine Praxis, die etablierte Grenzziehungen irritiert und deshalb häufig moralisch aufgeladen wird.

Historisch war Crossdressing keineswegs durchgehend tabuisiert. In den urbanen Milieus der 1920er Jahre – etwa in Varietés, Cabarets oder subkulturellen Szenen der Großstädte – gehörten geschlechtliche Rollenspiele zeitweise zur kulturellen ModerneGesellschaftsform, die sich durch Industrialisierung, Urbanisierung, Rationalisierung und Individualisierung auszeichnet.. Entscheidend war jedoch der Kontext: Crossdressing blieb akzeptabel, solange es als Bühne, Spiel oder Ausnahme gerahmt war. Die alltägliche Überschreitung geschlechtlicher Kleidungsnormen blieb auch in dieser Phase mit erheblichen sozialen Sanktionen verbunden.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde diese begrenzte kulturelle Offenheit abrupt beendet. Crossdressing, queere Subkulturen und entsprechende Lokale gerieten ins Visier staatlicher Repression, wurden kriminalisiert, überwacht und zerschlagen. Was zuvor als ästhetische Grenzpraxis oder subkulturelles Spiel existieren konnte, wurde nun als moralische und politische Bedrohung definiert. Die Verfolgung geschlechtlicher Abweichung zeigt exemplarisch, wie schnell modische und körperliche Praktiken unter autoritären Bedingungen von kultureller Toleranz in strafwürdige Devianz umschlagen können.

Soziologisch besonders aufschlussreich ist die asymmetrische Bewertung solcher Grenzverletzungen. Frauen, die männlich konnotierte Kleidung tragen, werden zwar irritierend, aber häufig als funktional, pragmatisch oder sogar emanzipiert gelesen. Männer hingegen, die weiblich konnotierte Kleidung tragen, sehen sich deutlich häufiger mit Lächerlichmachung, Stigmatisierung oder moralischer Abwertung konfrontiert. Diese Asymmetrie verweist auf eine hierarchische Geschlechterordnung: Der symbolische „Aufstieg“ in Richtung MännlichkeitMännlichkeit bezeichnet kulturell und sozial geformte Vorstellungen davon, was als „männlich“ gilt. ist eher tolerierbar als die Bewegung in Richtung Weiblichkeit.

Crossdressing macht damit sichtbar, dass Devianz im Kontext von Mode nicht primär im Regelbruch selbst liegt, sondern in der Infragestellung symbolischer Hierarchien. Kleidung wird hier zum Prüfstein sozialer Ordnung: Sie zeigt, welche Grenzüberschreitungen als spielerisch, welche als bedrohlich und welche als moralisch inakzeptabel gelten. Gerade darin liegt die analytische Stärke dieses Beispiels – es verdeutlicht, wie eng Mode, Geschlecht und soziale Sanktionierung miteinander verflochten sind.

Fazit: Kleidung als moralische Geschlechterpraxis

Rock, Hose und Minirock sind nicht bloß Stilfragen, sondern soziale Marker, über die Geschlecht, MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt. und Angemessenheit im Alltag organisiert werden. Der Beitrag hat gezeigt, dass geschlechtliche Kleidungsnormen historisch gewachsen, kulturell variabel und sozial durchgesetzt sind. Sie eröffnen Spielräume – aber diese Spielräume sind ungleich verteilt und häufig an moralische Erwartungen gebunden.

Kleidung ist damit ein feines, aber wirkmächtiges Instrument sozialer Ordnung: Sie strukturiert Wahrnehmung, erzeugt Zuschreibungen und stabilisiert Grenzziehungen, die im Alltag selten als „Regeln“ erkannt werden. Gerade deshalb eignet sich Mode besonders gut, um zu zeigen, wie Geschlecht als soziale Praxis funktioniert – und warum Abweichung nicht nur irritiert, sondern häufig moralisch sanktioniert wird.

Literatur

  • Beauvoir, Simone de (1951): Das andere Geschlecht. Reinbek: Rowohlt. (Orig. 1949)
  • Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. (Orig. 1990)
  • Douglas, Mary (1985): Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu. Berlin: Dietrich Reimer. (Orig. 1966)
  • Goffman, Erving (2009): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper. (Orig. 1959)
  • Simmel, Georg (1905): Philosophie der Mode. Berlin: Pan.

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Kategorie: Allgemeine Soziologie Schlagworte: Crossdressing, Devianz, Doing Gender, Gender Studies, Geschlecht, Geschlechterrollen, Geschlechtersoziologie, Judith Butler, Kleidung, Mode, Mode und Gesellschaft, Moral, Sozialisation, Stigmatisierung, Viktimologie

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Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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