Die Situational Action Theory (SAT) des schwedischen Kriminologen Per-Olof H. Wikström erklärt kriminelles Verhalten als Ergebnis eines Entscheidungsprozesses in konkreten sozialen Situationen. KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. entsteht demnach, wenn Personen mit einer bestimmten kriminellen Neigung in Situationen geraten, in denen Regelverletzungen als mögliche Handlungsoption wahrgenommen werden.
Im Zentrum der Theorie steht der sogenannte Perception–Choice-Prozess: Menschen nehmen in einer bestimmten Situation verschiedene Handlungsmöglichkeiten wahr und entscheiden sich anschließend – unter Berücksichtigung ihrer moralischen Überzeugungen und situativer Einflüsse – für eine bestimmte Handlung. Kriminalität ist somit weder ausschließlich durch individuelle Eigenschaften noch allein durch soziale Umstände erklärbar, sondern durch das Zusammentreffen von Person und Situation.
Merkzettel
Situational Action Theory – Wikström
Hauptvertreter: Per-Olof H. Wikström
Erstveröffentlichung: 2004 (The Social Origins of Pathways in Crime – PADS+ Studie)
Land: Schweden / Großbritannien
Idee/Annahme: Kriminalität entsteht durch das Zusammenspiel individueller krimineller Neigungen und situativer Gelegenheiten. In einem Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozess (Perception–Choice-Prozess) entscheiden Menschen, ob sie moralische Regeln brechen oder einhalten.
Knüpft an:
Rational-Choice-Theorie,
Routine Activity Approach,
Situational Crime Prevention,
soziologische Handlungstheorien (Coleman, Esser)
Die Situational Action Theory nach Wikström
Die Situational Action Theory versteht Kriminalität als Ergebnis eines Handlungsprozesses in einer konkreten Situation. Entscheidend ist das Zusammenspiel zweier Faktoren:
- Kriminelle Neigung (crime propensity): individuelle Eigenschaften wie Moralvorstellungen und SelbstkontrolleSelbstkontrolle bezeichnet die Fähigkeit, Impulse zu steuern und kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zu kontrollieren..
- Kriminogene Situation (criminogenic exposure): Situationen, in denen Regelverletzungen möglich erscheinen und nur geringe soziale KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. vorhanden ist.
Kriminalität entsteht laut Wikström dann, wenn eine Person mit entsprechender Neigung auf eine Situation trifft, in der eine Regelverletzung als realistische Handlungsoption erscheint.
Der Perception–Choice-Prozess
Der Entscheidungsmechanismus der Theorie wird als Perception–Choice-Prozess beschrieben:
- Eine Person nimmt in einer Situation verschiedene Handlungsmöglichkeiten wahr.
- Diese Möglichkeiten werden anhand der eigenen moralischen Überzeugungen bewertet.
- Die Person entscheidet sich für eine Handlung – entweder für regelkonformes Verhalten oder für eine Regelverletzung.
Kriminalität wird somit als Ergebnis einer situativen Handlungsauswahl verstanden. Moralische Regeln und soziale Kontrolle spielen dabei eine zentrale RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist..
Anwendungsbeispiel: Vandalismus im öffentlichen Raum
Ein Jugendlicher bewegt sich nachts mit Freunden durch ein Wohnviertel. In einer schlecht beleuchteten Straße ohne soziale Kontrolle entdecken sie ein geparktes Auto. In dieser Situation erscheint das Beschädigen des Autos als mögliche Handlung. Ob es tatsächlich zu einer Sachbeschädigung kommt, hängt laut Situational Action Theory von zwei Faktoren ab:
- der individuellen moralischen Einstellung des Jugendlichen gegenüber Regelverletzungen
- der situativen Umgebung (z. B. fehlende soziale Kontrolle oder Gruppendruck)
Kriminalität entsteht also nicht allein aus individuellen Eigenschaften oder sozialen Umständen, sondern aus dem Zusammentreffen von Person und Situation.
Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug
Die Situational Action Theory gilt als einer der einflussreichsten neueren Ansätze der KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren.. Sie verbindet entwicklungs- und sozialisationstheoretische Perspektiven mit situativen Handlungstheorien und versucht damit, strukturelle Einflüsse, individuelle Eigenschaften und konkrete Handlungssituationen in einem gemeinsamen Erklärungsmodell zu integrieren.
Besonders innovativ ist der Fokus auf moralische Wahrnehmungsprozesse in konkreten Handlungssituationen. Während viele klassische Handlungstheorien davon ausgehen, dass Menschen kriminelles Verhalten durch eine bewusste Kosten-Nutzen-Abwägung wählen, betont Wikström, dass Handlungen zunächst moralisch bewertet werden. Kriminalität entsteht daher vor allem dann, wenn eine Regelverletzung in der jeweiligen Situation als moralisch akzeptable Handlungsoption wahrgenommen wird.
Damit grenzt sich die Theorie deutlich von der Rational-Choice-Theorie ab. Diese geht davon aus, dass Täter rational zwischen Nutzen und Kosten einer Handlung abwägen. In Wikströms Modell steht dagegen nicht die Nutzenkalkulation, sondern die moralische Wahrnehmung der Handlung im Mittelpunkt. Menschen begehen Straftaten demnach nicht primär, weil sie rational vorteilhaft erscheinen, sondern weil sie in der jeweiligen Situation nicht als moralisch problematisch wahrgenommen werden oder moralische Hemmungen abgeschwächt sind.
Auch zum Routine Activity Approach bestehen wichtige Unterschiede. Dieser Ansatz erklärt Kriminalität vor allem über das Zusammentreffen von drei situativen Elementen: einem motivierten Täter, einem geeigneten Ziel und fehlender sozialer Kontrolle. Die Situational Action Theory erweitert diese Perspektive, indem sie fragt, warum eine Person überhaupt bereit ist, eine Gelegenheit zur Regelverletzung wahrzunehmen. Entscheidend ist also nicht allein die Gelegenheit, sondern die moralische Disposition der handelnden Person.
Die Situational Action Theory verbindet damit zwei Perspektiven der Kriminologie: Einerseits berücksichtigt sie situative Gelegenheitsstrukturen, andererseits betont sie die Bedeutung moralischer SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität. und individueller Dispositionen. Kriminalität wird folglich als Ergebnis des Zusammentreffens von Person und Situation verstanden.
Kritiker bemängeln allerdings, dass zentrale Elemente der Theorie – insbesondere moralische Wahrnehmungsprozesse – empirisch nur schwer messbar sind. Zudem wird diskutiert, ob der postulierte Perception–Choice-Prozess tatsächlich in allen Handlungssituationen bewusst abläuft oder teilweise eher implizit und routinisiert erfolgt.
Vergleich: Situational Action Theory, Rational ChoiceRational Choice ist ein theoretischer Ansatz, der menschliches Verhalten als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Kalküle versteht. und Routine Activity Approach
Die Situational Action Theory steht in enger Beziehung zu anderen situativen Handlungstheorien der Kriminologie. Die folgende Übersicht zeigt zentrale Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei einflussreichen Ansätze.
| Theorie | Hauptvertreter | Zentrale Annahme | Erklärung von Kriminalität | Rolle der Situation |
|---|---|---|---|---|
| Situational Action Theory | Per-Olof H. Wikström | Kriminalität entsteht durch das Zusammenspiel individueller moralischer Dispositionen und situativer Kontexte. | Handlungen werden in einem Perception–Choice-Prozess moralisch bewertet. Straftaten entstehen, wenn Regelverletzungen in einer Situation als akzeptable Handlungsoption erscheinen. | Die Situation beeinflusst, ob eine Handlung als moralisch problematisch wahrgenommen wird. |
| Rational Choice Theory | Derek Cornish, Ronald Clarke | Täter handeln rational und wählen jene Handlungen, die ihnen den größten Nutzen versprechen. | Kriminalität entsteht durch eine Kosten-Nutzen-Abwägung zwischen erwarteten Gewinnen und möglichen Sanktionen. | Situationen beeinflussen vor allem die wahrgenommenen Kosten und Risiken einer Straftat. |
| Routine Activity Approach | Lawrence Cohen, Marcus Felson | Kriminalität entsteht, wenn drei Elemente zusammentreffen: motivierter Täter, geeignetes Ziel und fehlende Kontrolle. | Der Ansatz erklärt Kriminalität primär durch Gelegenheitsstrukturen im Alltag. | Die Situation bestimmt, ob eine Tat überhaupt möglich wird. |
Kriminalpolitische Implikationen
Aus der Perspektive der Situational Action Theory ergeben sich wichtige kriminalpolitische Konsequenzen. Da Kriminalität stark von situativen Gelegenheiten abhängt, spielen Maßnahmen der Situational Crime PreventionSituational Crime Prevention (Situative Kriminalprävention) bezeichnet eine kriminalpräventive Strategie, die durch Veränderung der situativen Bedingungen die Gelegenheiten zur Begehung von Straftaten reduzieren soll. eine zentrale Rolle. Dazu gehören beispielsweise:
- bessere Beleuchtung öffentlicher Räume
- Videoüberwachung oder erhöhte soziale Kontrolle
- Gestaltung sicherer öffentlicher Räume
- Reduzierung kriminogener Gelegenheiten
Darüber hinaus betont Wikström die Bedeutung moralischer Sozialisation. Langfristige PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen. setzt daher auch bei der Entwicklung moralischer Normen und Selbstkontrolle an.
Für seine Arbeiten zur Situational Action Theory erhielt Per-Olof H. Wikström im Jahr 2016 den Stockholm Prize in Criminology, eine der wichtigsten internationalen Auszeichnungen im Bereich der Kriminologie. In der Laudatio wurde insbesondere seine empirische Forschung hervorgehoben, die zeigt, wie soziale Umwelten und Peerbeziehungen das kriminelle Verhalten junger Menschen beeinflussen. Wikströms Theorie erklärt Kriminalität als Ergebnis einer moralischen Entscheidung in einer konkreten Situation, die aus dem Zusammenspiel individueller moralischer Überzeugungen und situativer Bedingungen entsteht.
“Crime is the result of a moral choice in a specific situation, rather than just a consequence of social structures or personality traits.”
Die Auszeichnung würdigte insbesondere die langjährige empirische Forschung im Rahmen der Peterborough Adolescent and Young Adult Development Study (PADS+), in der über mehr als ein Jahrzehnt hinweg das Verhalten von Jugendlichen in ihrem sozialen Alltag untersucht wurde.
Literatur
- Wikström, P.-O. H. (2006). Individuals, settings, and acts of crime: Situational mechanisms and the explanation of crime. In P.-O. H. Wikström & R. J. Sampson (Hrsg.), The explanation of crime: Context, mechanisms and development (S. 61–107). Cambridge: Cambridge University Press.
- Wikström, P.-O. H., Oberwittler, D., Treiber, K., & Hardie, B. (2012). Breaking rules: The social and situational dynamics of young people’s urban crime. Oxford: Oxford University Press.



