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Sie befinden sich hier: Home / Medien, Kultur & Kriminalität / CSI, Kriminaltechnik und die Sehnsucht nach Gewissheit

CSI, Kriminaltechnik und die Sehnsucht nach Gewissheit

7. Juni 2026 von Christian Wickert

Wenn Kriminaltechniker in Fernsehserien innerhalb weniger Stunden DNA-Spuren auswerten, Fingerabdrücke identifizieren und Täter zweifelsfrei überführen, entsteht leicht der Eindruck, moderne KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. lasse sich vor allem durch wissenschaftliche Verfahren aufklären. Kaum eine Fernsehserie hat dieses Bild so stark geprägt wie CSI: Crime Scene Investigation. Seit ihrem Start im Jahr 2000 erreichte die Serie weltweit Millionen Zuschauer und machte kriminaltechnische Laborarbeit zu einem zentralen Bestandteil populärer Kriminalitätsdarstellungen.

Die große Popularität der Serie führte bereits wenige Jahre später zu einer wissenschaftlichen Debatte über den sogenannten CSI-Effekt. Gemeint ist die Annahme, dass Fernsehzuschauer durch Krimiserien überhöhte Erwartungen an die Möglichkeiten moderner Kriminaltechnik entwickeln und diese Erwartungen anschließend auf reale Strafverfahren übertragen. Die Diskussion reicht jedoch weit über die Frage hinaus, ob Fernsehserien Geschworene beeinflussen. Sie berührt grundlegende Fragen nach Wahrheit, Wissenschaft, KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. und dem gesellschaftlichen Vertrauen in technische Verfahren.

CSI – Crime Scene Investigation

CSI: Crime Scene Investigation (2000–2015) gehört zu den erfolgreichsten Krimiserien der Fernsehgeschichte. Die Serie begleitet ein Team von Kriminaltechnikern in Las Vegas bei der Aufklärung von Straftaten mithilfe moderner forensischer Verfahren wie DNA-Analysen, DaktyloskopieDie Daktyloskopie ist ein Verfahren der kriminalistischen Spurensicherung, das Fingerabdrücke zur Identifizierung von Personen nutzt. und digitaler Spurenauswertung.

Charakteristisch sind die aufwendig inszenierten Laboranalysen, die sogenannten CSI-Shots, bei denen die Kamera scheinbar durch den menschlichen Körper oder Tatspuren hindurchfährt, sowie eine markante Farbgestaltung mit warmen Gelb- und Orangetönen für Außenaufnahmen und kühlen Blau- und Grüntönen für Labor- und Innenraumszenen.

Bildcollage mit vier Szenen aus der Fernsehserie CSI: Crime Scene Investigation. Zu sehen sind Kriminaltechniker, Computerarbeitsplätze und blau ausgeleuchtete Laborräume.
Typische Bildsprache von CSI: Kriminalität erscheint als technisches Problem, das durch wissenschaftliche Analyse gelöst werden kann. Menschen treten gegenüber Laboren, Datenbanken und kriminaltechnischen Verfahren in den Hintergrund.

Der Erfolg der Serie führte zu einer ganzen Franchise mit mehreren Ablegern:

  • CSI: Crime Scene Investigation (2000–2015)
  • CSI: Miami (2002–2012)
  • CSI: New York (2004–2013)
  • CSI: Cyber (2015–2016)
  • CSI: Vegas (2021–2024)

Insgesamt entstanden über 800 Episoden. Die Reihe prägte weltweit die öffentliche Vorstellung von Kriminaltechnik und wissenschaftlicher Verbrechensaufklärung wie kaum ein anderes Fernsehformat.

Anders als klassische Detektivgeschichten stellen die CSI-Serien nicht den Ermittler, sondern die Spur in den Mittelpunkt. Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wer hat die Tat beobachtet?“, sondern: „Welche wissenschaftlichen Beweise lassen sich am Tatort sichern?“ Genau diese Verschiebung von Zeugenaussagen zu technischen Beweismitteln bildet den Ausgangspunkt der Debatte um den sogenannten CSI-Effekt.

Mehr als Kriminaltechnik: Die kulturelle Welt von CSI

Der Erfolg von CSI beruht nicht allein auf kriminaltechnischen Ermittlungen. Die Serie entwickelte eine eigene Bildsprache und Erzählwelt, die sich deutlich von früheren Polizei- und Krimiserien unterscheidet. Im Mittelpunkt stehen außergewöhnliche VerbrechenEin Verbrechen ist eine besonders schwerwiegende Form rechtswidrigen Handelns, die im Strafrecht mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr bedroht ist – zugleich ist es ein sozial und historisch wandelbares Konstrukt., spektakuläre Tatorte und gesellschaftliche Grenzbereiche, die den Zuschauern fremd und faszinierend zugleich erscheinen.

Anders als die alltägliche Kriminalität, die den Großteil polizeilicher Arbeit ausmacht, konzentriert sich CSI fast ausschließlich auf Kapitalverbrechen. Mord, SerienmordSerienmord bezeichnet die wiederholte vorsätzliche Tötung von mindestens drei Personen durch denselben Täter in getrennten Handlungseinheiten mit zeitlichem Abstand., Sexualdelikte, Entführungen oder besonders bizarre Todesfälle bilden den Kern der Handlung. Die Serie folgt damit einer Logik, die auch aus der Nachrichtenforschung bekannt ist: Je ungewöhnlicher, emotionaler und dramatischer ein Ereignis erscheint, desto größer ist seine mediale Aufmerksamkeit.

Viele Episoden greifen zudem Themen auf, die an urbane Legenden, gesellschaftliche Ängste oder kulturelle Tabus anknüpfen. Satanismus, Kannibalismus, Organhandel, Fetischismus, Voodoo oder geheime Subkulturen bilden regelmäßig den Hintergrund einzelner Fälle. Die Spannung entsteht dabei häufig weniger durch die Frage, wer die Tat begangen hat, sondern vielmehr durch die Entdeckung einer verborgenen sozialen Welt hinter dem Verbrechen.

Charakteristisch ist auch die Darstellung der Ermittler. Während ältere Krimiserien häufig Verhöre, Informanten oder die Intuition erfahrener Polizisten in den Mittelpunkt stellten, erscheint die Polizei in CSI vor allem als wissenschaftliche InstitutionInstitutionen sind dauerhaft verfestigte soziale Regelwerke und Organisationen, die gesellschaftlich relevantes Handeln strukturieren, stabilisieren und legitimieren.. Wahrheit entsteht nicht durch Geständnisse oder Zeugenaussagen, sondern durch Labore, Datenbanken und kriminaltechnische Analysen.

Bemerkenswert ist schließlich, was in der Serie kaum vorkommt. Soziale Ursachen von Kriminalität spielen meist eine untergeordnete RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist.. Armut, soziale Ungleichheit, Bildungsbenachteiligung oder gesellschaftliche Ausgrenzung werden selten thematisiert.

Die Täter erscheinen dabei häufig weniger als soziale Akteure mit einer Biografie als vielmehr als Träger eines kriminalistischen Rätsels. Ihre Lebensgeschichte, sozialen Beziehungen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen treten hinter die Frage zurück, welche Spur sie hinterlassen haben. Das Interesse richtet sich auf die Tat und ihre Rekonstruktion, nicht auf die sozialen Ursachen des Handelns.

Aus Sicht der Medienkriminologie ist CSI daher weit mehr als eine Fernsehserie über Spurensicherung. Die Serie vermittelt bestimmte Vorstellungen darüber, was Kriminalität ist, wie Wahrheit festgestellt wird und welche Rolle Wissenschaft, PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten. und Technik in modernen Gesellschaften spielen.

Historisch betrachtet markiert CSI zudem einen Wandel innerhalb des Krimigenres selbst. Während klassische Detektivgeschichten von Sherlock Holmes bis Columbo die Beobachtungsgabe, Erfahrung und Intuition des Ermittlers betonten, verlagert CSI die AutoritätAutorität bezeichnet anerkannte, legitime Macht, die auf Zustimmung und Vertrauen basiert. auf technische Verfahren. Nicht der geniale Ermittler löst den Fall, sondern das Labor. Die Wahrheit liegt nicht im Kopf des Detektivs, sondern in den Spuren am Tatort.

Was ist der CSI-Effekt?

Unter dem Begriff CSI-Effekt werden unterschiedliche Phänomene zusammengefasst. Am bekanntesten ist die Vermutung, dass Zuschauer von Krimiserien erwarten, in nahezu jedem Strafverfahren müssten kriminaltechnische Beweise wie DNA-Spuren, Fingerabdrücke oder Videoanalysen vorgelegt werden. Fehlen solche Beweise, könne dies die Bereitschaft verringern, einen Angeklagten für schuldig zu halten.

Die Diskussion entstand vor allem in den USA, wo Geschworene über Schuld oder Unschuld von Angeklagten entscheiden. Staatsanwälte berichteten zunehmend, Juroren würden detaillierte kriminaltechnische Beweise erwarten, selbst wenn diese für die Aufklärung eines Falles nicht erforderlich seien. Strafverteidiger wiederum nutzten das Fehlen entsprechender Beweise teilweise gezielt zur Erzeugung von Zweifeln.

CSI-Effekt bezeichnet die Annahme, dass Krimiserien wie CSI: Crime Scene Investigation die öffentliche Wahrnehmung kriminaltechnischer Möglichkeiten beeinflussen und dadurch Erwartungen an Polizei, Kriminaltechnik und Strafjustiz verändern.

Beeinflusst CSI tatsächlich das Urteilsverhalten?

Die empirische Forschung kommt zu einem differenzierteren Ergebnis als die öffentliche Debatte. Eine häufig zitierte Untersuchung von Kim, Barak und Shelton (2009) analysierte die Einstellungen von über 1.000 potenziellen Geschworenen in den USA. Die Studie fand keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von CSI und einer grundsätzlich geringeren Verurteilungsbereitschaft. Regelmäßige Zuschauer erwarteten jedoch häufiger wissenschaftliche Beweise in Strafverfahren. Diese Erwartung verringerte ihre Bereitschaft, Angeklagte allein aufgrund von Indizienbeweisen zu verurteilen. Bei direkten Beweisen wie Augenzeugenaussagen zeigte sich dieser Effekt hingegen nicht.

Der klassische CSI-Effekt erscheint damit weniger als einfache Manipulation durch Fernsehserien, sondern eher als Veränderung gesellschaftlicher Erwartungen darüber, wie Wahrheit festgestellt werden sollte. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Zuschauer Krimiserien glauben, sondern warum wissenschaftliche Beweise häufig als überzeugender erscheinen als menschliche Aussagen.

Die Kriminaltechnik als moderne Wahrheitsmaschine

Die kulturelle Bedeutung von CSI liegt weniger in einzelnen Ermittlungsverfahren als in der Art und Weise, wie die Serie Wahrheit inszeniert. Im Zentrum steht das kriminaltechnische Labor. Dort werden Blutspuren analysiert, DNA-Proben ausgewertet, Datenbanken abgefragt und digitale Bilder rekonstruiert. Die Täterüberführung erfolgt nicht durch Zeugenaussagen, Geständnisse oder moralische Bewertungen, sondern durch wissenschaftliche Verfahren.

Die Serie vermittelt dabei eine bemerkenswerte Vorstellung von Wahrheit: Wissenschaftliche Befunde erscheinen objektiv, eindeutig und nahezu unfehlbar. Die soziale Komplexität von Kriminalität tritt in den Hintergrund. Persönliche Biografien, soziale Ursachen oder gesellschaftliche Konflikte spielen meist nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist die Spur.

Bemerkenswert ist dabei, dass kriminaltechnische Verfahren in CSI nahezu fehlerfrei erscheinen. Kontaminierte Proben, Laborfehler oder widersprüchliche Gutachten kommen nur selten vor. Die Unsicherheiten realer forensischer Arbeit bleiben weitgehend unsichtbar. Dadurch entsteht der Eindruck, wissenschaftliche Verfahren könnten objektive und eindeutige Wahrheiten liefern, obwohl auch sie menschlichen Fehlern und Interpretationen unterliegen.

In einer vielzitierten Szene (CSI, Staffel 4, Episode 23 „Bloodlines“) erklärt der Ermittler Gil Grissom:

“The evidence is wrong.”
“No, it isn’t. You can be wrong, I can be wrong. The evidence is just the evidence.”

Diese Aussage bringt das Wahrheitsverständnis der Serie auf den Punkt: Menschen können irren, Spuren nicht.

Wissenschaft als Moralinstanz

Aus medienkriminologischer Perspektive ist besonders interessant, dass CSI die Rolle klassischer moralischer Instanzen verändert. In älteren Kriminalgeschichten wurden Schuld und Unschuld häufig durch Richter, Zeugen oder Ermittler festgestellt. In CSI übernimmt diese Funktion zunehmend das Labor.

Die Serie präsentiert Wissenschaft nicht lediglich als Hilfsmittel der Ermittlungsarbeit, sondern als Instanz der Wahrheitsproduktion. Schuld erscheint nicht mehr als Ergebnis menschlicher Interpretation, sondern als technisch messbare Eigenschaft. Die Frage lautet nicht mehr „Gut oder Böse?“, sondern „Erwiesen oder nicht erwiesen?“. Wissenschaft wird damit selbst zu einer Form moralischer Autorität.

Der Soziologe Max Weber beschrieb die Moderne als Prozess zunehmender Rationalisierung. Viele gesellschaftliche Entscheidungen werden nicht mehr durch Tradition oder ReligionSystem von Glaubensvorstellungen, Symbolen und Praktiken, das auf das Transzendente verweist und individuelle wie kollektive Sinngebung ermöglicht. legitimiert, sondern durch wissenschaftliches Wissen und technische Expertise. CSI kann als populärkultureller Ausdruck dieser Entwicklung verstanden werden.

Die Faszination der Gewissheit

Warum erfreuen sich Formate wie CSI einer solchen Beliebtheit? Eine mögliche Antwort liegt in ihrem Umgang mit Unsicherheit. Reale Kriminalfälle sind häufig widersprüchlich, komplex und nicht eindeutig aufklärbar. Zeugenaussagen können fehlerhaft sein, Spuren fehlen oder mehrere Deutungen zulassen.

CSI bietet dagegen eine Welt, in der Unsicherheit reduziert wird. Die richtigen Datenbanken existieren bereits. Die entscheidende Spur wird gefunden. Die Analyse gelingt. Der Täter wird identifiziert. Wissenschaft erscheint als Instrument, das Komplexität beherrschbar macht und Zweifel beseitigt.

Gerade in modernen Gesellschaften, die von Risiken, Unsicherheiten und widersprüchlichen Informationen geprägt sind, besitzt diese Vorstellung eine erhebliche kulturelle Attraktivität. Die Popularität kriminaltechnischer Formate könnte daher weniger über die Wirkung von Fernsehen aussagen als über ein gesellschaftliches Bedürfnis nach SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren. und Gewissheit.

Vier Formen des CSI-Effekts

In der Forschung und öffentlichen Diskussion lassen sich verschiedene Varianten des CSI-Effekts unterscheiden. Sie betreffen nicht nur Geschworene, sondern auch Staatsanwälte, Strafverteidiger, Forensiker und potenzielle Täter.

FormBeschreibung
Jury-EffektGeschworene erwarten kriminaltechnische Beweise und zweifeln stärker an Fällen, in denen solche Beweise fehlen.
Prosecutor's EffectStaatsanwälte versuchen, erwartete Zweifel durch zusätzliche forensische Beweise oder ausführlichere Erklärungen zu vermeiden.
Defense Attorney EffectStrafverteidiger nutzen das Fehlen kriminaltechnischer Beweise, um Zweifel an der Anklage zu erzeugen.
Offender EffectPotenzielle Täter könnten durch Krimiserien Kenntnisse über Spurenvermeidung und kriminaltechnische Ermittlungen erwerben.

Gerade die letzte Variante ist empirisch schwer nachzuweisen, aber kulturell bedeutsam. Sie zeigt, dass der CSI-Effekt nicht nur als Medienwirkung auf Zuschauer verstanden werden sollte, sondern als Teil eines umfassenderen kulturellen Wissens über Kriminaltechnik, Spuren und polizeiliche Aufklärung.

Vom CSI-Effekt zur algorithmischen Gesellschaft

Die Debatte über den CSI-Effekt ist heute aktueller denn je. Zwar stehen nicht mehr ausschließlich DNA-Analysen oder Fingerabdrücke im Mittelpunkt, doch die grundlegende Frage bleibt dieselbe: Wie stark vertrauen wir technischen Verfahren bei der Feststellung von Wahrheit?

Predictive Policing, Gesichtserkennung, Big-Data-Analysen oder KI-gestützte Risikobewertungen beruhen ebenfalls auf der Vorstellung, komplexe soziale Probleme könnten durch technische Verfahren objektiv erkannt und gelöst werden. Die kulturelle Logik ähnelt dabei jener von CSI: Daten erscheinen zuverlässiger als Menschen, Algorithmen objektiver als subjektive Einschätzungen.

Die Medienkriminologie interessiert sich deshalb nicht nur für die Darstellung von Kriminalität, sondern auch für die kulturellen Vorstellungen von Wissen, Wahrheit und Kontrolle, die durch Medien vermittelt werden.

CSI-Effekt in Deutschland: Andere Justiz, ähnliche Erwartungen

Die Debatte um den CSI-Effekt entstand vor dem Hintergrund des amerikanischen Geschworenensystems. In Deutschland entscheiden jedoch keine Laienjurys über Schuld oder Unschuld. Richter und Schöffen sind an andere Verfahrensregeln gebunden, sodass die klassische Frage, ob Fernsehserien Geschworene beeinflussen, hier deutlich weniger relevant erscheint.

Dennoch zeigen sich auch in Deutschland kulturelle Wirkungen kriminaltechnischer Fernsehformate. So berichten Hochschulen seit Jahren von einem steigenden Interesse an Studiengängen und Berufsfeldern rund um Rechtsmedizin, Forensik und Kriminaltechnik (vgl. z.B. Keuneke et al., 2010). Nicht wenige Studierende geben an, durch Serien wie CSI, Bones oder Navy CIS erstmals auf diese Berufsfelder aufmerksam geworden zu sein.

Darüber hinaus beeinflussen solche Formate gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wie Kriminalität aufgeklärt wird. Viele Menschen überschätzen die Geschwindigkeit, Genauigkeit und Verfügbarkeit kriminaltechnischer Verfahren. DNA-Analysen erscheinen als nahezu unfehlbare Beweismittel, obwohl ihre Auswertung in der Realität häufig zeitaufwendig, kostspielig und mit Unsicherheiten verbunden ist.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Täterperspektive. Medien vermitteln nicht nur Wissen über Strafverfolgung, sondern auch über kriminaltechnische Methoden. In Internetforen, Drogenszenen oder populärkulturellen Kontexten finden sich immer wieder Hinweise auf Täter, die versuchen, Erkenntnisse aus Krimiserien für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. So werden etwa Handschuhe getragen, um Fingerabdrücke zu vermeiden, Blutspuren mit Reinigungsmitteln beseitigt oder Versandwege gewählt, die eine Identifizierung erschweren sollen.

Ob solche Maßnahmen tatsächlich erfolgreich sind, steht auf einem anderen Blatt. Viele Täter überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten ebenso stark wie die Möglichkeiten der Kriminaltechnik. Aus kriminologischer Sicht ist jedoch weniger entscheidend, ob Krimiserien Kriminalität erleichtern. Interessanter ist die Beobachtung, dass populäre Medien Vorstellungen darüber vermitteln, wie Ermittlungen funktionieren und welche Fehler Täter vermeiden sollten.

Der CSI-Effekt lässt sich deshalb auch als Teil eines breiteren kulturellen Wissens über Kriminalität verstehen. Serien prägen nicht nur Erwartungen von Zuschauern oder potenziellen Geschworenen, sondern beeinflussen gesellschaftliche Vorstellungen von Tätern, Ermittlern, Beweisen und der Funktionsweise moderner Strafverfolgung.

Fazit

Der CSI-Effekt beschreibt weit mehr als den möglichen Einfluss einer Fernsehserie auf Geschworene. Er verweist auf ein grundlegendes Merkmal moderner Gesellschaften: das wachsende Vertrauen in wissenschaftliche und technische Verfahren zur Feststellung von Wahrheit.

Krimiserien wie CSI präsentieren Kriminaltechnik als nahezu unfehlbares Instrument der Wahrheitsfindung. Ob diese Darstellung realistisch ist, bleibt umstritten. Unbestritten ist jedoch ihre kulturelle Wirkung: Sie prägt Vorstellungen darüber, wie Kriminalität aufgeklärt werden sollte, wem wir vertrauen und wie Gewissheit in einer komplexen Welt hergestellt werden kann.

Literatur

  • Bliemeister, K., & Wickert, C. (2015). Moralvorstellungen im Fernsehkrimi am Beispiel von CSI: Crime Scene Investigation. In: Hans-Edwin Friedrich & Claus-Michael Ort (Hrsg.): Recht und Moral. Zur gesellschaftlichen Selbstverständigung über ‚Verbrechen‘ vom 17. bis zum 21. Jahrhundert (S. 507-527). Berlin: Duncker & Humblot.
  • Byers, M., & Johnson, V. M. (Hrsg.). (2009). The CSI effect: Television, crime, and governance. Lexington Books.
  • Cavender, G., & Deutsch, S. K. (2007). CSI and moral authority: The police and science. Crime, Media, Culture: An International Journal, 3(1), 67–81. https://doi.org/10.1177/1741659007074449
  • Deutsch, S. K., & Cavender, G. (2008). CSI and its effects: Media, juries, and the burden of proof. New York: Continuum.
  • Keuneke, S., Graß, H., & Ritz-Timme, S. (2010). „CSI-Effekt“ in der deutschen Rechtsmedizin: Einflüsse des Fernsehens auf die berufliche Orientierung Jugendlicher. Rechtsmedizin, 20(5), 400–406. https://doi.org/10.1007/s00194-010-0668-2
  • Kim, Y. S., Barak, G., & Shelton, D. E. (2009). Examining the “CSI-effect” in the cases of circumstantial evidence and eyewitness testimony: Multivariate and path analyses. Journal of Criminal Justice, 37(5), 452–460. https://doi.org/10.1016/j.jcrimjus.2009.07.005

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Kategorie: Medien, Kultur & Kriminalität Schlagworte: CSI, CSI-Effekt, Cultural Criminology, Fernsehen, Forensik, Kriminalitätsdarstellung, Kriminaltechnik, Krimiserien, Medien und Kriminalität, Medienkriminologie, Medienwirkung, Polizei, Populärkultur, Predictive Policing, Rechtsmedizin, soziale Kontrolle, Strafjustiz, Wahrheit, Wissenschaft

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