Der Routine Activity Approach erklärt KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. als Ergebnis bestimmter situativer Konstellationen. Nach diesem Ansatz entsteht eine Straftat dann, wenn drei Elemente gleichzeitig zusammentreffen: ein motivierter Täter, ein geeignetes Tatobjekt und das Fehlen eines wirksamen Schutzes.
Der Routine Activity Approach gehört damit zu den situativen KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären.. Im Zentrum steht nicht die Persönlichkeit des Täters, sondern die Frage, unter welchen alltäglichen Bedingungen Straftaten überhaupt möglich werden.
Merkzettel
Routine Activity Approach
Hauptvertreter:
Lawrence E. Cohen,
Marcus Felson,
Ronald V. Clarke
Erstveröffentlichung: 1979
Land: USA
Idee/ Annahme: Der Routine Activity Approach erklärt Kriminalität nicht über Tätermerkmale, sondern über alltägliche Situationen. Drei Elemente müssen zusammenkommen: ein motivierter Täter, ein geeignetes Tatobjekt und das Fehlen eines effektiven Schutzes. Änderungen im Lebensstil und in den Routinen der Bevölkerung beeinflussen die Häufigkeit solcher Konstellationen. Kriminalität wird damit als situatives Ereignis verstanden – und nicht als Ausdruck sozialer Desintegration.
Abgrenzung zu:
Im Unterschied zu sozialstrukturellen oder lerntheoretischen Modellen verzichtet der Routine Activity Approach auf eine Analyse der Täterbiografie oder SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität.. Stattdessen knüpft er an die Rational Choice Theory an, indem er das situative Umfeld als entscheidend für die Tatentscheidung betrachtet. Abzugrenzen ist er auch von kontrolltheoretischen Modellen, da der Fokus weniger auf der PräventionVorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Straftaten oder sozialen Problemen. durch Sozialbindung als durch Risikomanagement liegt.
Verwandte Theorien:
Rational Choice Theory,
Deterrence Theories,
Situational Crime Prevention
Der Routine Activity Approach nach Lawrence Cohen und Marcus Felson
Nach Cohen und Felson sind Kriminalitätsraten eng mit den sich wandelnden Lebensgewohnheiten und Routinen der Bevölkerung verbunden. Veränderungen im Alltag – etwa Arbeitszeiten, Mobilität oder Freizeitgestaltung – beeinflussen demnach direkt, wie häufig die für eine Straftat notwendigen situativen Konstellationen entstehen.
Kontext: Gesellschaftlicher Wandel und neue situative Kriminalitätstheorien
Die Rational ChoiceRational Choice ist ein theoretischer Ansatz, der menschliches Verhalten als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Kalküle versteht. Theory entstand in der Kriminologie vor allem in den 1970er und 1980er Jahren – einer Zeit, in der viele westliche Gesellschaften einen deutlichen Anstieg der registrierten Kriminalität erlebten. In den USA, Großbritannien und anderen Industrienationen nahmen insbesondere Eigentumsdelikte wie Diebstahl, Einbruch und Raub stark zu.
Kriminologen suchten nach neuen Erklärungen für diese Entwicklung. Während frühere Ansätze Kriminalität vor allem mit sozialen Problemen wie ArmutArmut beschreibt den Mangel an materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen, die notwendig sind, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben., Desintegration oder sozialer Ungleichheit erklärten, rückten nun stärker situative Faktoren und individuelle Entscheidungsprozesse in den Fokus.
Mehrere gesellschaftliche Veränderungen spielten dabei eine RolleEine soziale Rolle bezeichnet das Bündel normativer Erwartungen, das an das Verhalten einer Person in einer bestimmten sozialen Position geknüpft ist.:
- Wachsende Konsumgesellschaft: In modernen Wohlstandsgesellschaften existieren immer mehr leicht transportierbare und wertvolle Konsumgüter – etwa Autos, Unterhaltungselektronik oder später Smartphones.
- Veränderte Alltagsroutinen: Durch steigende Erwerbstätigkeit von Frauen und veränderte Lebensstile waren Wohnungen häufiger unbeaufsichtigt. Gleichzeitig hielten sich mehr Menschen außerhalb des Hauses auf.
- Neue Tatgelegenheiten: Die Kombination aus wertvollen Gütern, geringerer sozialer KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. und veränderten Alltagsroutinen erhöhte die Gelegenheiten für Eigentumsdelikte.
Vor diesem Hintergrund begannen Kriminologen zu fragen, warum Menschen bestimmte Gelegenheiten nutzen und andere nicht. Die Rational Choice Theory knüpft hier an und versteht kriminelles Verhalten als Ergebnis eines – zumindest teilweise – rationalen Entscheidungsprozesses, bei dem potenzielle Täter erwartete Vorteile und Risiken gegeneinander abwägen.
Der Ansatz steht damit in enger Verbindung zu situativen Kriminalitätstheorien wie dem Routine Activity Approach und der Situational Crime PreventionSituational Crime Prevention (Situative Kriminalprävention) bezeichnet eine kriminalpräventive Strategie, die durch Veränderung der situativen Bedingungen die Gelegenheiten zur Begehung von Straftaten reduzieren soll..
Die drei Elemente des Routine Activity Approach
Je nach Zeit und Ort variieren drei für Cohen und Felson entscheidende Faktoren, die für das Eintreten oder Ausbleiben krimineller Verhaltensweisen verantwortlich sind (s. Schaubild).
Nach Lawrence E. Cohen und Marcus Felson entsteht Kriminalität, wenn drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind:
- Motivierter Täter (motivated offender)
Der Ansatz setzt voraus, dass grundsätzlich Personen existieren, die bereit sind, Straftaten zu begehen. Die Ursachen dieser Motivation stehen jedoch nicht im Mittelpunkt der Theorie. - Geeignetes Tatobjekt (suitable target)
Damit eine Straftat stattfinden kann, muss ein geeignetes Tatobjekt vorhanden sein – etwa ein potenzielles Opfer oder ein attraktiver Gegenstand. Ob ein Objekt geeignet ist, hängt u.a. von seinem Wert, seiner Sichtbarkeit, seiner Zugänglichkeit und seiner Transportierbarkeit ab. - Fehlende Aufsicht oder Schutz (absence of capable guardians)
Straftaten werden wahrscheinlicher, wenn kein wirksamer Schutz vorhanden ist. Dieser kann sowohl formell (PolizeiDie Polizei ist eine staatliche Institution zur Gefahrenabwehr, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Verfolgung von Straftaten., Sicherheitspersonal) als auch informell sein, etwa durch Nachbarn, Passanten oder technische Schutzmaßnahmen wie Alarmanlagen oder Videoüberwachung.
Zusammenfassend beschreibt der Routine Activity Approach also Kriminalität als situatives Ereignis, welches weniger von Persönlichkeit und Sozialisation des Täters als vielmehr von der konkreten Situation abhängt, in der sich Täter und Tatobjekt begegnen.
Kritische Würdigung / Aktualitätsbezug
Der Routine Activity Approach ist zunächst als theoretische Grundlage für das erstmals nicht mehr rein täterorientierte Konzept der Situational Crime Prevention zu würdigen.
Deren Erfolge bezüglich Kriminalitätsverringerung sind in einer Vielzahl von Studien belegt worden. Jedoch hat die situative Kriminalitätsprävention mit dem Vorwurf der Deliktsverlagerung zu kämpfen, nach dem Kriminalität nicht sinkt, sondern lediglich auf zeitlicher, räumlicher, methodischer u.a. Dimension verlagert wird. Kritiker mahnen zudem an, dass durch die Konzentration auf situative Faktoren die eigentlichen Ursachen, die Kriminalität zugrunde liegen, unangetastet bleiben.
Der Routine Activity Approach wird häufig gemeinsam mit rationalen Handlungstheorien diskutiert. Kritiker bemängeln jedoch, dass auch dieser Ansatz emotionale, soziale oder biografische Faktoren weitgehend ausblendet und sich vor allem auf situative Tatgelegenheiten konzentriert.
Kritiker weisen zudem darauf hin, dass eine starke Konzentration auf situative Prävention mit einer Ausweitung von Überwachungsmaßnahmen verbunden sein kann. Dadurch verschiebt sich der kriminalpolitische Fokus von sozialen Ursachen von Kriminalität hin zu Strategien des Risikomanagements und der Kontrolle öffentlicher Räume.
Kriminalpolitische Implikationen
Kriminalpolitische Folge aus dem Rational Choice, aus den Deterrence Theories, vor allem aber aus dem Routine Activity Approach ist die so genannte Situational Crime Prevention.
Diese Form der Kriminalpolitik versucht nicht, durch ResozialisierungResozialisierung bezeichnet die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Straftäter:innen. Ziel ist es, nach einer Straftat durch pädagogische, therapeutische und soziale Maßnahmen ein Leben ohne weitere Straftaten zu ermöglichen., Abschreckung oder Segregation des Täters zukünftige Kriminalität zu verhindern, sondern setzt ausschließlich auf eine Reduktion der kontextuellen und situativen Möglichkeiten für Kriminalität. Die kriminalpolitische Aufgabe besteht demnach darin, die Lebensumwelt so zu verändern, dass sich die Zahl der Tatgelegenheiten verringert.
In der ursprünglichen Konzeption der Situational Crime Prevention unterscheidet Ronald Clarke zwischen drei Techniken der situationalen KriminalpräventionKriminalprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Straftaten zu verhindern oder deren Folgen zu reduzieren., die sich unmittelbar auf die drei Elemente des Routine Activity Ansatzes beziehen:
- Erhöhung des Tataufwandes für den Täter, zum Beispiel durch die Kontrolle von Tatwerkzeugen oder die Ab- und Umlenkung des Täters weg vom Tatobjekt,
- Erhöhung des Risikos für den Täter, vor allem durch verschiedene Formen der ÜberwachungÜberwachung beschreibt die systematische Sammlung, Beobachtung und Analyse von Informationen über Personen, Gruppen oder Institutionen, meist durch staatliche oder private Akteure.,
- Reduzierung des Nutzens aus der Tat für den Täter, zum Beispiel durch Beseitigung der Tatobjekte oder durch Minderung des Anreizes, die Tat zu begehen.
In einer späteren Erweiterung erweitern Clarke und Eck (2005) den Ansatz auf 25 Techniken der situativen Kriminalprävention. Neben den benannten theoretischen Fundierungen ist hier v.a. der Bezug zu Sykes‘ und Matzas Techniken der Neutralisierung auffällig (siehe 5. Spalte der Tabelle: Remove Excuses).
25 Techniken der situativen Kriminalprävention
Die folgenden 25 Techniken der situativen Kriminalprävention wurden von Ronald Clarke und John Eck systematisiert. Sie zeigen, auf welche Weise Tatgelegenheiten reduziert oder Straftaten weniger attraktiv gemacht werden können.
Eine ausführliche Erläuterung sowie eine deutschsprachige Darstellung mit Beispielen findet sich im Beitrag zur Situational Crime Prevention.
| Increase the effort | Increase the risks | Reduce the rewards | Reduce provocations | Remove excuses |
|---|---|---|---|---|
1. Target harden
| 6. Extend guardianship
| 11. Conceal targets
| 16. Reduce frustrations and stress
| 21. Set rules
|
2. Control access to facilities
| 7. Assist natural surveillance
| 12. Remove targets
| 17. Avoid disputes
| 22. Post instructions
|
3. Screen exits
| 8. Reduce anonymity
| 13. Identify property
| Reduce temptation and arousal
| 23. Alert conscience
|
4. Deflect offenders
| 9. Use place managers
| 14. Disrupt markets
| 19. Neutralize peer pressure
| 24. Assist compliance
|
5. Control tools/weapons
| 10. Strengthen formal surveillance
| 15. Deny benefits
| 20. Discourage imitation
| 25. Control drugs and alcohol
|
(Clarke, 2005, S. 46f.)
Erwähnenswert bleibt noch die Forderung von Clarke, das Justizsystem nur im äußersten Falle zu benutzen. Im Vordergrund sollten natürliche Strategien zur situationalen Kriminalprävention stehen, sodass es für die Menschen in den einzelnen Situationen als bequem und sinnvoll erscheint, sich legal zu verhalten. Als Beispiel wäre hier eine angemessene Parkplatzpolitik mit dem Ziel, Falschparken zu verhindern, zu nennen.
Literatur
- Clarke, R. V. (2005). Seven misconceptions of situational crime prevention. In: Tiiley, N. (Hrsg.). Handbook of Crime Prevention and Community Safety (S. 39-70). London: Routledge. Online verfügbar unter: https://www.routledgehandbooks.com/doi/10.4324/9781843926146.ch3
- Clarke, R. V. & Eck, J. E. (2005). Crime analysis for problem solvers: In 60 small steps. Washington DC: Office of Community Oriented Policing.
- Clarke, R. V. (1995). Situational crime prevention. In: Michael Tonry (Hrsg.). Building a safer society: strategic approaches to crime prevention. Chicago: University of Chicago Press.
- Clarke, R. V. (1993). Routine activity and rational choice. New Brunswick, NJ: Transaction Publishers.
- Cohen, L. E.; Felson, M. (1979). Social change and crime rate trends: a routine activity approach. In: American Sociological Review, Vol.44, Nr.4, S.588-608.




