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Schöngerechnete Kriminalität? Die „PKS-Ausland“ und das Problem statistischer Auslagerung

9. Mai 2026 von Christian Wickert

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)Jährlich veröffentlichte Statistik zur polizeilich bekannt gewordenen Kriminalität in Deutschland. gilt in Deutschland als das zentrale Lagebild der Kriminalität. Jahr für Jahr werden ihre Zahlen von Innenministerien vorgestellt, in Nachrichtensendungen diskutiert und in politischen Debatten aufgegriffen. Besonders im Fokus stehen dabei meist nur wenige Kennzahlen: Steigt oder sinkt die Kriminalität? Wie hoch ist die AufklärungsquoteDie Aufklärungsquote gibt den Anteil der polizeilich registrierten Straftaten an, bei denen ein Tatverdächtiger ermittelt wurde.? Und wie hoch ist der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger?

Wesentlich seltener diskutiert wird dagegen die Frage, wie diese Zahlen überhaupt zustande kommen. Denn Kriminalstatistiken sind keine neutralen Abbilder gesellschaftlicher Realität. Tatsächlich handelt es sich um Statistiken mit erheblichen methodischen Einschränkungen und Interpretationsproblemen, wie bereits ein früherer Kommentar zur PKS 2023 auf SozTheo gezeigt hat.

Genau an diesem Punkt setzt ein aktueller Beitrag von Stefan Kersting, Felix Bode und Julia Erdmann in der Zeitschrift KriminalistikWissenschaft der Aufklärung und Verhinderung von Straftaten mittels technischer, naturwissenschaftlicher und psychologischer Methoden. an. Die Autoren werfen die Frage auf, ob die seit 2020 praktizierte Erfassung zahlreicher Betrugsdelikte in der sogenannten „PKS-Ausland“ dazu beiträgt, dass KriminalitätKriminalität bezeichnet gesellschaftlich normierte Handlungen, die gegen das Strafgesetz verstoßen. statistisch kleiner und die Aufklärungsquote größer erscheint, als sie tatsächlich ist.

Die „PKS-Ausland“ – eine statistische Nebenwelt?

Seit dem Jahr 2020 werden bestimmte Straftaten mit mutmaßlichem Auslandsbezug gesondert in der „PKS-Ausland“ erfasst. Betroffen sind insbesondere Betrugsdelikte im digitalen Raum – etwa Fake-Shops, Phishing, Love Scamming oder andere Formen internetbasierter Täuschungskriminalität.

Die Grundidee erscheint zunächst nachvollziehbar: Wenn Täter im Ausland agieren, sollen diese Fälle gesondert dargestellt werden. Problematisch wird diese Praxis jedoch dort, wo der eigentliche Schaden in Deutschland entsteht. Genau das ist bei vielen modernen Betrugsdelikten der Fall:

  • Die Opfer sitzen in Deutschland.
  • Die Vermögensverfügung erfolgt in Deutschland.
  • Der finanzielle Schaden entsteht in Deutschland.
  • Die Ermittlungsarbeit wird durch deutsche Polizeibehörden geleistet.

Nach § 9 StGB kann Deutschland damit durchaus als Tatort gelten. Dennoch werden zahlreiche dieser Delikte statistisch als „Auslandstaten“ geführt und aus der regulären PKS ausgelagert.

Der Fall verdeutlicht exemplarisch, dass die statistische Erfassung von Kriminalität niemals ein rein technischer Vorgang ist. Welche Delikte erfasst, zusammengeführt oder ausgelagert werden, beeinflusst unmittelbar das öffentliche Bild von Kriminalität.

Die Folgen für die Kriminalitätsstatistik

Die Auswirkungen dieser statistischen Auslagerung sind erheblich. Offiziell weist die PKS für das Jahr 2024 rund 5,84 Millionen Straftaten aus. Rechnet man jedoch die Fälle der „PKS-Ausland“ hinzu, steigt die Zahl auf rund 6,48 Millionen Straftaten an.

Damit würde das Jahr 2024 kriminalstatistisch plötzlich nicht mehr wie ein relativ stabiles Jahr erscheinen, sondern wie eines der kriminalitätsstärksten Jahre seit zwei Jahrzehnten.

Noch deutlicher wird der Effekt bei der Aufklärungsquote:

  • Offizielle Gesamtaufklärungsquote 2024: 58,0 %
  • Unter Einbeziehung der „PKS-Ausland“: 52,8 %

Besonders drastisch fällt die Veränderung im Bereich des Betrugs aus:

  • Offizielle Aufklärungsquote Betrug 2024: 51,9 %
  • Unter Einbeziehung der „PKS-Ausland“: 30,3 %

Damit würde die Aufklärungsquote bei Betrugsdelikten einen historischen Tiefstand erreichen.

Die „Bad Bank“ der PKS?

Die Autoren des Beitrags sprechen provokant von einer „Bad Bank“ der PKS. Gemeint ist damit eine statistische Auslagerung problematischer Deliktsbereiche, durch die das zentrale LagebildStatistische und analytische Zusammenstellung der Kriminalitätsentwicklung in einem bestimmten Bereich, erstellt von der Polizei oder anderen Sicherheitsbehörden. günstiger erscheint.

Diese Formulierung mag polemisch wirken – die dahinterstehende Argumentation ist jedoch bemerkenswert plausibel.

Denn die ausgelagerten Delikte verschwinden nicht aus der gesellschaftlichen Realität. Sie verschwinden lediglich aus jener Statistik, die jedes Jahr öffentlich als zentrales Bild der Kriminalitätslage präsentiert wird.

Gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung ist das brisant. Betrugsdelikte gehören längst zu den wichtigsten Alltagsphänomenen moderner Kriminalität. Gleichzeitig sind sie schwer aufklärbar, oft transnational organisiert und für Polizeibehörden äußerst ressourcenintensiv.

Die statistische Auslagerung dieser Delikte erzeugt deshalb ein kriminalpolitisch günstigeres Bild:

  • Die sichtbare Kriminalitätsbelastung sinkt.
  • Die sichtbare Aufklärungsquote steigt.
  • Die tatsächliche Arbeitsbelastung der Kriminalpolizei bleibt unsichtbar.

Für die Statistik wandert der Betrug ins Ausland – für die Opfer und Ermittler bleibt er in Deutschland.

Dass statistische Darstellungen gesellschaftliche Wahrnehmungen erheblich beeinflussen können, zeigt sich dabei nicht nur bei der Erfassung von Delikten, sondern auch bei deren visueller Aufbereitung. Bereits kleinere Veränderungen von Skalierung, Darstellung oder Kategorisierung können die öffentliche Wahrnehmung kriminalstatistischer Entwicklungen massiv verändern, wie ein früherer Beitrag auf SozTheo zur suggestiven Kraft statistischer Darstellungen gezeigt hat.

Besonders problematisch: Der Tatort ist häufig unbekannt

Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Befund des Beitrags: In lediglich 7,9 % der als „Auslandstat“ erfassten Betrugsfälle konnte überhaupt ein konkreter Tatortstaat identifiziert werden.

In über 92 % der Fälle blieb der tatsächliche Tatort unbekannt.

Damit verliert die Kategorie „Auslandstat“ einen erheblichen Teil ihrer scheinbaren Eindeutigkeit. Denn wenn der konkrete Tatort gar nicht bekannt ist, handelt es sich nicht mehr um eine objektive Tatsache, sondern um eine statistische Zuordnungsentscheidung mit erheblichen Auswirkungen auf die PKS.

Die statistische Auslagerung von Betrugsdelikten wirkt daher nicht neutral. Sie erzeugt ein kriminalpolitisch günstigeres Bild der Sicherheitslage und stabilisiert Aufklärungsquoten auf einem höheren Niveau. Es erscheint wenig plausibel anzunehmen, dass diese Effekte innerhalb der Sicherheitsbehörden unbemerkt geblieben sind.

Kriminalstatistiken sind keine neutralen Zahlen

Die Debatte um die „PKS-Ausland“ verweist auf ein grundlegendes Problem moderner Sicherheitsgesellschaften: Kriminalität wird nicht nur bekämpft, sondern auch statistisch produziert, kategorisiert und kommuniziert.

Die PKS erscheint in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als objektives Abbild gesellschaftlicher Realität. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein hochgradig interpretationsabhängiges Produkt organisatorischer und politischer Entscheidungen.

Kriminalität wird nicht nur entdeckt und gemessen, sondern auch gesellschaftlich konstruiert – eine Perspektive, die sich unter anderem im Konstruktivismus sowie in Ansätzen der Kritischen Kriminologie findet.

Welche Delikte sichtbar werden und welche ausgelagert bleiben, beeinflusst unmittelbar:

  • die öffentliche Wahrnehmung von SicherheitSicherheit bezeichnet den gesellschaftlich hergestellten Zustand der Abwesenheit oder Beherrschbarkeit von Gefahren.,
  • die Bewertung staatlicher Handlungsfähigkeit,
  • politische Debatten über Kriminalität,
  • und nicht zuletzt das Vertrauen in staatliche Institutionen.

Besonders relevant wird dies in einem politischen Klima, in dem Fragen der Inneren Sicherheit zunehmend emotionalisiert und parteipolitisch aufgeladen werden. Kriminalstatistiken sind dann nicht mehr nur Verwaltungsdaten, sondern politische Kommunikationsinstrumente.

Darauf hat insbesondere David Garland in seinem Werk The Culture of Control hingewiesen: Kriminalität und Sicherheit werden zunehmend Teil symbolischer Politik und öffentlicher Inszenierung staatlicher Handlungsfähigkeit.

Auch die Debatte um die „PKS-Ausland“ verweist letztlich auf klassische Fragen der sozialen Kontrolle: Wer definiert Kriminalität? Welche Formen von DevianzVerhalten, das in einer Gesellschaft als unangemessen, abweichend oder regelverletzend gilt – unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant ist. werden sichtbar gemacht – und welche verschwinden aus dem öffentlichen Blick?

Fazit: Mehr Transparenz statt statistischer Auslagerung

Die Autoren des Beitrags fordern daher, Delikte mit Erfolgsort in Deutschland künftig regulär in die Gesamt-PKS zu integrieren – ergänzt um die Information, dass der Handlungsort der Täter mutmaßlich im Ausland lag.

Diese Forderung erscheint nachvollziehbar. Denn für die Opfer macht es keinen Unterschied, ob der Täter in Köln, Bukarest oder Lagos sitzt. Der Schaden entsteht in Deutschland – ebenso wie der Ermittlungsaufwand.

Die Debatte um die „PKS-Ausland“ zeigt deshalb vor allem eines: Kriminalstatistiken sind niemals bloß neutrale Zahlen. Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Definitions- und Machtprozesse. Gerade deshalb sollten ihre Entstehungsbedingungen kritisch hinterfragt werden.

Literatur

  • Bundeskriminalamt (2025): Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 einschließlich PKS-Ausland. Online verfügbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2024/PKSTabellen/pksTabellen_node.html
  • Kersting, Stefan / Bode, Felix / Erdmann, Julia (2026): Betrugserfassung in der Polizeilichen Kriminalstatistik. Die „PKS-Ausland“ als Bad Bank?, in: Kriminalistik, Heft 05/2026, S. 267–271.

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Kategorie: Kriminologie, News Schlagworte: Aufklärungsquote, Betrug, Betrugsdelikte, Cybercrime, Digitalisierung, Dunkelfeld, Hellfeld, Innere Sicherheit, Kriminalstatistik, Kriminologie, PKS, Polizei, Polizeiliche Kriminalstatistik, Sicherheitsforschung, Statistik

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Soziologe & Kriminologe an der HSPV NRW. Betreiber von SozTheo.de und SozTheo.com. Verfasser dieses Beitrags.

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