Was erklären herrschaftskritische und gesellschaftskritische Kriminalitätstheorien?
Herrschaftskritische und gesellschaftskritische Kriminalitätstheorien verstehen Kriminalität nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als Ergebnis sozialer Machtverhältnisse und gesellschaftlicher Konflikte. In der kriminologischen Literatur werden diese Ansätze meist unter dem Begriff Konflikttheorien zusammengefasst und bilden eine zentrale Perspektive innerhalb der Kriminalitätstheorien.
Zentrale theoretische Fundierungen dieser Perspektive finden sich in klassischen Schlüsselwerken wie Taylor, Walton & Young – The New Criminology (1973) und Richard Quinney – Class, State and Crime (1977), die Kriminalität als Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Klassenverhältnisse analysieren.
Ausgangspunkt herrschafts- und gesellschaftskritischer Theorien ist die Annahme, dass es keinen „natürlichen“ gesellschaftlichen Konsens über grundlegende Normen und Werte gibt. Normen sind vielmehr Ausdruck sozialer Machtverhältnisse: Sie spiegeln die Interessen dominanter Gruppen wider. Kriminalität entsteht demnach im Spannungsfeld ungleicher Ressourcenverteilung und konkurrierender gesellschaftlicher Interessen.
Ob marxistische Kriminalitätstheorie, Radikaler Labeling-Ansatz oder sozialkonstruktivistische Ansätze – allen gemeinsam ist die Kritik daran, dass bestehende Machtstrukturen die Definition und Durchsetzung von Recht bestimmen. Diese Theorien machen deutlich, wie eng soziale Ungleichheit, Kriminalisierung und gesellschaftliche Kontrolle miteinander verknüpft sind.
Diese Perspektive findet sich auch in Arbeiten zur sozialen Kontrolle wieder, etwa bei Stanley Cohen – Visions of Social Control, die zeigen, wie moderne Gesellschaften Devianz zunehmend subtil regulieren.
Diese Perspektive wird insbesondere in kritischen Analysen des Strafsystems weiterentwickelt, etwa bei Richard Quinney – Class, State and Crime oder Loïc Wacquant – Bestrafen der Armen, die die enge Verbindung von sozialer Ungleichheit und staatlicher Kontrolle herausarbeiten.
In Abgrenzung zu ätiologischen Erklärungsansätzen für Kriminalität sehen die herrschaftskritischen Theorien die Ursachen nicht bei den einzelnen Menschen und ihrem Verhalten, sondern als Konsequenz einer ungleichen Ressourcenverteilung.
Konflikttheorien entstanden im Zuge der Kritik, dass die Kriminologie zu stark auf die Frage fokussiert sei, warum Menschen Gesetze brechen, anstatt die Gründe zu hinterfragen, warum bestimmte Handlungen als illegal definiert sind.
Konflikttheorien betonen eine pluralistische Perspektive: Gesellschaft wird als Zusammenschluss heterogener Gruppen verstanden, die über unterschiedlich ausgeprägte Machtressourcen verfügen und in Konkurrenz zueinander stehen.
Kriminalität ist kein objektives Merkmal einer Handlung, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Definitions- und Machtprozesse.
Die Entwicklung dieser Theorien ist eng mit gesellschaftlichen Umbrüchen und politischen Konflikten verbunden.
Kontext
Bereits die 1938 von Merton publizierte Anomietheorie geht davon aus, Kriminalität sei die Folge des ungleichen gesellschaftlichen Zugangs zu Ressourcen. Jedoch rückt Merton die amerikanische Mittelschicht in den Mittelpunkt seiner theoretischen Überlegungen. Die Ziele und verfügbaren Ressourcen der (weißen) Mittelschicht werden zum Reflexionspunkt für abweichendes Verhalten – wodurch Kriminalität vor allem als Problem der Unterschicht erscheint.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass die hier abgebildeten herrschafts- und gesellschaftkritischen Theorien in den 1960-70 Jahre formuliert wurden bzw. eine große Popularität erlebten.
Diese theoretische Neuorientierung wurde maßgeblich durch Werke wie The New Criminology geprägt, die Kriminalität explizit als politisches und gesellschaftliches Phänomen begreifen.
In den USA aber auch in Europa traten zu dieser Zeit soziale Bewegungen in Erscheinungen, die vorherrschende Machtverhältnisse hinterfragten und gleiche Rechte für bislang marginalisierte gesellschaftliche Gruppen einforderten. Parallel zu diesen gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen wandte sich die amerikanische Kriminologie von den Überlegungen zur Anomie- und Straintheorien, die die wissenschaftliche Debatte Jahrzehnte lang dominiert hatte ab. Kriminalität wurde erstmals als Folge sozialer Konflikte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren aufgefasst.
Kriminalität und soziale Ungleichheit (Marxistische Perspektiven)
Marxistische Kriminalitätstheorien begreifen kriminelle Handlungen als Ergebnis des ungleich verteilten Zugangs zu Kapital. Kriminalität ist hiernach sowohl Instrument der Macht- und Mittellosen gegen die Mächtigen als auch Instrument der Mächtigen zur Bewahrung ihrer Position.
Edwin M. Lemert beschreibt das Konzept der sekundären Devianz, wonach die Benennung der Abweichung einen Prozess in Gang setzt, in dessen Verlauf der Abweichler etikettiert und ein Teufelskreis in Gang gesetzt wird. Das gesellschaftliche Etikett „deviant“ wird in das Selbstbild des Abweichlers übernommen, der sein Verhalten zukünftig diesem Selbstbild anpasst.
Labeling und soziale Konstruktion von Kriminalität
Anknüpfend an diese Überlegungen beschreibt Howard S. Becker den Prozess der Kriminalisierung von Drogengebrauchern. Die gesellschaftlich mächtigen „Moralunternehmer“ kreieren ein gesellschaftliches Problem, das es ihnen erlaubt, „Außenseiter“ (Outsiders) zu benennen, die kontrolliert und sanktioniert werden müssen; währenddessen wird ihre eigene gesellschaftliche Position untermauert und gestärkt.
Die Labeling-Theorien erfahren eine weitere Ausformulierung und inhaltliche Zuspitzung. Der Radikale Labeling-Ansatz rückt die selektive gesellschaftliche Reaktion auf eine Tat in den Fokus: Kriminalität ist ausschließlich das Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses.
Die Sozialkonstruktivistische Kriminalitätstheorie von Scheerer und Hess versucht schließlich, eine herrschaftskritische Kriminalitätstheorie in ein allgemeines soziologisches Handlungsmodell zu integrieren. Die makrosoziologische Betrachtung der Ursachen von Kriminalität (in Tradition der Labelingtheorien) werden mit mikrosoziologischen Handlungsmodellen verknüpft.
Geschlecht, Macht und Kriminalität
Feministische Ansätze erweitern konflikttheoretische Perspektiven, indem sie geschlechtsspezifische Machtverhältnisse in den Mittelpunkt stellen. Arbeiten wie Frances Heidensohn – Women and Crime (1985) und Pat Carlen – Women, Crime and Poverty (1988) zeigen, dass sowohl Kriminalität als auch ihre gesellschaftliche Kontrolle stark durch patriarchale Strukturen geprägt sind.
Neuere Perspektiven wie die Queer Criminology erweitern diese Analyse um Fragen von Sexualität, Identität und sozialer Marginalisierung.
Überblick: Zentrale konflikttheoretische Ansätze
Die folgende Übersicht zeigt zentrale konflikttheoretische Perspektiven der Kriminologie und ihre unterschiedlichen Zugänge zur Erklärung von Kriminalität.
| Ansatz | Vertreter | Kernaussage | Fokus | Kritik |
|---|---|---|---|---|
| Marxistische Kriminalitätstheorie | Marx, Quinney, Chambliss | Kriminalität ist Ausdruck ökonomischer Ungleichheit und Klassenkonflikte. | Makro (Kapitalismus, Struktur) | ökonomischer Reduktionismus |
| Konflikttheorien (klassisch) | Turk, Chambliss | Recht und Kriminalität sind Ergebnis von Machtkämpfen zwischen gesellschaftlichen Gruppen. | Makro (Macht, Staat) | teilweise zu allgemein |
| Labeling Approach | Becker, Lemert | Kriminalität entsteht durch gesellschaftliche Zuschreibungsprozesse. | Mikro/Meso (Interaktion) | Ursachen der Ersttat werden vernachlässigt |
| Radikaler Labeling-Ansatz | Sack | Kriminalität ist ausschließlich Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibung. | Makro (Selektion, Macht) | empirisch schwer haltbar |
| Sozialkonstruktivistische Ansätze | Hess, Scheerer | Kriminalität ist ein soziales Konstrukt im Zusammenspiel von Struktur und Handlung. | Mikro + Makro | hohe theoretische Komplexität |
| Feministische Kriminalitätstheorien | Adler, Simon, Heidensohn, Smart | Kriminalität und Kontrolle sind geschlechtsspezifisch geprägt; patriarchale Strukturen beeinflussen sowohl Delinquenz als auch Strafverfolgung. | Mikro + Makro (Geschlecht, Macht) | heterogenes Feld; teils widersprüchliche Ansätze |
| Power-Control-Theory (Hagan) | Hagan | Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Kriminalität resultieren aus ungleichen Macht- und Kontrollstrukturen innerhalb der Familie. | Meso (Familie, Sozialisation) | empirische Befunde uneinheitlich |
Die unterschiedlichen Ansätze zeigen, dass Kriminalität aus konflikttheoretischer Perspektive nicht als objektive Eigenschaft von Handlungen verstanden wird, sondern als Ergebnis sozialer Machtverhältnisse und gesellschaftlicher Definitionsprozesse.
Anwendungsbezug: Welche Formen von Kriminalität erklären herrschafts- und gesellschaftskritische Theorien?
Herrschafts- und gesellschaftskritische Kriminalitätstheorien eignen sich insbesondere zur Analyse von Kriminalitätsformen, bei denen soziale Ungleichheiten, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Zuschreibungsprozesse eine zentrale Rolle spielen.
- Kriminalität der Mächtigen (White-Collar Crime): etwa Wirtschaftskriminalität oder politische Verfehlungen, die häufig weniger sichtbar sind oder milder sanktioniert werden
- Kriminalisierung marginalisierter Gruppen: z. B. im Zusammenhang mit Armut, Migration oder Drogenkonsum, bei denen gesellschaftliche Zuschreibungen eine zentrale Rolle spielen
- Abweichendes Verhalten als Zuschreibungsprozess: insbesondere bei Delikten, bei denen erst gesellschaftliche Reaktionen (Labeling) Kriminalität konstituieren
- Politisch oder normativ umkämpfte Kriminalität: etwa Protestformen, zivilen Ungehorsam oder moralisch ambivalente Delikte
Weniger geeignet sind konflikttheoretische Ansätze zur Erklärung von Kriminalität, die primär durch individuelle Entscheidungsprozesse, situative Gelegenheiten oder biologische Dispositionen erklärt werden, wie sie in rationalen, lerntheoretischen oder biologischen Ansätzen im Vordergrund stehen.