Women and Crime (1985) der britischen Soziologin Frances Heidensohn gilt als Gründungstext der modernen feministischen Kriminologie. Als eine der ersten Wissenschaftlerinnen auf diesem Gebiet analysierte Heidensohn systematisch, warum Frauen in der Kriminologie lange Zeit ignoriert, falsch dargestellt oder ausschließlich als Opfer beschrieben wurden – und warum bestehende KriminalitätstheorienWissenschaftliche Ansätze, die versuchen, Ursachen und Bedingungen für kriminelles Verhalten zu erklären. die Lebensrealitäten von Frauen nicht angemessen berücksichtigen. Heute zählt das Werk zu den Schlüsseltexten einer geschlechtersensiblen Perspektive auf Devianz, Kontrolle und Strafjustiz.
Merkzettel
Frances Heidensohn – Women and Crime
Autorin: Frances Heidensohn
Erstveröffentlichung: 1985
Land: Vereinigtes Königreich
Schlüsselthemen: feministische KriminologieKriminologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft über Ursachen, Erscheinungsformen und gesellschaftliche Reaktionen auf normabweichendes Verhalten. Sie untersucht insbesondere Prozesse sozialer Kontrolle, rechtliche Rahmenbedingungen sowie individuelle und strukturelle Einflussfaktoren., Geschlecht, soziale Kontrolle, Doppelmoral, Patriarchat
Methode: theoretische Kritik, Sekundäranalyse, feministische Perspektive
Inhalt: Heidensohn kritisiert die männliche Dominanz in der Kriminologie und zeigt auf, wie soziale Kontrolle, KriminalisierungDer Prozess, durch den bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen durch gesetzliche Bestimmungen als kriminell definiert und strafrechtlich verfolgt werden. und Devianz geschlechtsspezifisch geprägt sind. Sie fordert, Gender als zentrale Analysekategorie in die kriminologische Forschung zu integrieren.
Verwandte Theorien: intersektionale Kriminologie, Queer Criminology, Cultural Criminology
Hintergrund und Kontext
Women and Crime erschien zu einer Zeit, in der feministische Theorien zunehmend Sichtbarkeit in der akademischen Welt gewannen. Heidensohn reagierte auf die doppelte Abwesenheit von Frauen in der Kriminologie: Einerseits wurden Frauen als aktive Subjekte kaum thematisiert, andererseits erschienen sie – wenn überhaupt – in pathologisierenden Darstellungen (z. B. bei Lombroso/Ferrero oder Otto Pollak). Ihre Analyse versteht sich zugleich als direkte Kritik an der sogenannten „malestream criminology“, einer männlich zentrierten Sichtweise, die männliches Verhalten als Norm setzte.
Forschungsansatz und Methode
Heidensohn verfolgt einen theoretisch fundierten und interdisziplinären Zugang. Sie analysiert klassische kriminologische Texte, soziologische Theorien und offizielle Statistiken aus geschlechterkritischer Perspektive. Ihre Methode ist dabei sowohl dekonstruktiv – indem sie blinde Flecken und verzerrte Annahmen aufzeigt – als auch konstruktiv: Sie plädiert für eine systematische IntegrationIntegration bezeichnet den Prozess der Eingliederung von Personen oder Gruppen in eine bestehende Gesellschaft, bei dem sowohl Anpassung als auch Teilhabe angestrebt werden. von Geschlecht in die Analyse devianten Verhaltens und sozialer Kontrollmechanismen.
Zentrale Argumente
Heidensohn beobachtet, dass Frauen in der kriminologischen Theorie jahrzehntelang marginalisiert wurden. Weder klassische noch moderne Modelle konnten erklären, warum Frauen weniger Straftaten begehen oder wie geschlechtsspezifische SozialisationSozialisation bezeichnet den Prozess, durch den Individuen die Werte, Normen, Verhaltensmuster und sozialen Rollen ihrer Gesellschaft erlernen und internalisieren. Dieser Prozess ermöglicht die Integration in soziale Gemeinschaften und die Entwicklung einer eigenen sozialen Identität. und Kontrolle zur Disziplinierung weiblichen Verhaltens beitragen.
Ihre zentrale These lautet: Soziale KontrolleMechanismen, mit denen Gesellschaften und Gruppen konformes Verhalten fördern und abweichendes Verhalten sanktionieren. ist geschlechtsspezifisch. Während männliche Devianz häufig als Ausdruck von Autonomie, Risikobereitschaft oder SubkulturEine Subkultur bezeichnet eine Gruppe innerhalb einer Gesellschaft, die sich durch abweichende Werte, Normen, Verhaltensweisen oder symbolische Ausdrucksformen von der Mehrheitskultur unterscheidet. gedeutet wird, wird weibliche Abweichung moralisiert – als persönliches Versagen, psychische Schwäche oder sexuelle Entgleisung. Heidensohn führt den Begriff einer „doppelten MoralSystem von Werten, Normen und Überzeugungen, das angibt, was als gut oder richtig gilt.“ ein, wonach Frauen nicht nur juristisch, sondern auch sozial und kulturell strenger sanktioniert werden.
Zudem kritisiert sie, dass klassische Kriminalitätstheorien – etwa Anomie- oder SubkulturtheorienSubkulturtheorien sind soziologische und kriminologische Ansätze, die abweichendes Verhalten und Kriminalität als Ausdruck spezifischer Werte, Normen und Lebensstile innerhalb sozialer Gruppen interpretieren, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen. – auf männlichen Lebenserfahrungen beruhen und Geschlecht als strukturelle Kategorie ausblenden. Heidensohn fordert daher einen theoretischen Paradigmenwechsel, der Gender als zentrales Analysetool etabliert und sich an den Alltagsrealitäten von Frauen orientiert – etwa in FamilieFamilie bezeichnet eine soziale Institution, in der Verwandtschafts-, Sorge- und Intimitätsbeziehungen organisiert sind und zentrale Prozesse der Sozialisation stattfinden., Beruf oder Sozialisation.
Rezeption und Wirkung
Women and Crime wurde rasch zu einem Standardwerk der feministischen Kriminologie. Es beeinflusste nachfolgende Autorinnen wie Pat Carlen, Carol Smart oder Linda C. Daly ebenso wie spätere Entwicklungen der Queer Criminology (z. B. Buist & Lenning, 2015). Heidensohns Werk bildete die theoretische Grundlage für eine geschlechtersensible Kriminologie, die Fragen von Macht, Normativität, IdentitätIdentität bezeichnet das Selbstverständnis von Individuen in Bezug auf sich selbst und ihre soziale Umwelt. und Kontrolle in den Mittelpunkt rückt.
Seitdem hat sich die feministische Kriminologie weiter ausdifferenziert – etwa durch intersektionale Ansätze, die Geschlecht mit RassismusRassismus bezeichnet die Diskriminierung, Abwertung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund zugeschriebener „rassischer“ oder ethnischer Merkmale., Klasse oder Sexualität verbinden (z. B. Michelle Alexander, Angela Y. Davis), oder durch Theorien der MännlichkeitMännlichkeit bezeichnet kulturell und sozial geformte Vorstellungen davon, was als „männlich“ gilt. wie James Messerschmidts Konzept der structured action. Dennoch bleibt Heidensohns Kritik an der GenderGender bezeichnet das soziale Geschlecht und umfasst die kulturellen, sozialen und psychologischen Zuschreibungen, die mit Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden sind. Blindness der DisziplinDisziplin bezeichnet ein System der Verhaltensregulierung durch Überwachung, Kontrolle und körperliche bzw. geistige Dressur. ein zentraler Bezugspunkt.
Feministische Kriminologie
Die feministische Kriminologie entstand aus der Kritik an einer männlich dominierten Kriminalitätsforschung. Sie thematisiert nicht nur das abweichende Verhalten von Frauen, sondern auch deren strukturelle Benachteiligung in Sozialisation, Strafverfolgung und KriminalpolitikStrategien und Maßnahmen staatlicher Institutionen zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und zur Reaktion auf regelwidriges Verhalten.. Wichtige Themen sind geschlechtsspezifische soziale Kontrolle, der Einfluss patriarchaler Normen und die Sichtbarmachung von Gewalt gegen Frauen. Seit den 1990er Jahren werden zunehmend intersektionale und queer-feministische Ansätze integriert.
Fazit
Women and Crime von Frances Heidensohn markiert einen Wendepunkt in der Kriminologie: Das Werk stellt die Erfahrungen von Frauen ins Zentrum, hinterfragt traditionelle Geschlechterrollen und kritisiert die männlich zentrierten Grundlagen der Disziplin. Es ebnete den Weg für vielfältige Weiterentwicklungen – von empirischen Studien zur weiblichen Devianz bis hin zu intersektionalen Analysen des Strafsystems. Als erstes umfassendes Grundlagenwerk der feministischen Kriminologie bleibt es ein unverzichtbarer Bezugspunkt für das Verständnis von Geschlecht, Macht und KontrolleKontrolle bezeichnet soziale Mechanismen, mit denen Verhalten überwacht, reguliert und an geltende Normen angepasst wird. in der Kriminalitätsforschung.
Literatur
- Heidensohn, Frances (1985): Women and Crime. London: Macmillan.
- Carlen, Pat (1988): Women, Crime and Poverty. Milton Keynes: Open University Press.
- Buist, Carrie L. / Lenning, Emily (2015): Queer Criminology. New York: Routledge.
- Davis, Angela Y. (2003): Are Prisons Obsolete? New York: Seven Stories Press.
- Messerschmidt, James W. (1993): Crime as Structured Action. Thousand Oaks: Sage.
- Alexander, Michelle (2010): The New Jim Crow. New York: The New Press.


